Im Kräutergarten Eden

Bei Familie Studer in Attiswil ist mehr als ein Kraut gewachsen: Ihr Hof ist eine der bedeutendsten Kräuterproduktionsstätten der Schweiz. Es ist eine Welt, in der alles schön aussieht und gut riecht.

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Ungefähr so, denkt man, sieht womöglich das Paradies aus. Oder zumindest eine Welt, in der alles schön aussieht und gut riecht. Ringelblumen leuchten orange, nebenan steht der Fenchel in Blüte. Man geht ein paar Schritte, und der Duft von frischer Minze strömt in die Nase; so intensiv, dass es einem fast die Tränen in die Augen treibt, und das ist nicht unangenehm.

Auf einem Feld wächst Edelweiss. Etwas weiter hinten sitzt ein Arbeiter auf dem Kräutermäher und erntet lila Malven. Am Horizont, und das ist buchstäblich der Gipfel dieser schönen kleinen Welt, thront das Balmfluhköpfli, der Hausberg der Gegend.

Diese Welt liegt in Attiswil, auf dem Alpfelenhof, einer der bedeutendsten und ältesten professionellen Kräuterproduktionsstätten der Schweiz. Das Westschweizer Fachblatt «Terre & Nature» hat Chef Lukas Studer unlängst als «Roi suisse de la production bio de plantes aromatiques» betitelt, als Schweizer König der biologischen Kräuter­bauern.

«Das Kräutern muss man haben, in den Genen oder im Blut oder sonst wo.»Kräuterbauer Lukas Studer

In siebter Generation bewirtschaftet der 43-Jährige mit Frau Daniela (41) und den Söhnen Tom (10) und Andrin (7) den Hof hoch über der 1500-Einwohner-Gemeinde am Jurasüdfuss, auf der Berner Seite der Kantonsgrenze zu Solothurn. Als König würde er sich selber nie bezeichnen, sagt Lukas Studer sehr deutlich. Kräuterbauer sei er, fertig.

Die Eltern waren Pioniere

Studer, Ohrring, kariertes Hemd, breites Lachen, führt wort- und gestenreich über seinen Betrieb. Er erzählt von der neuen Jät­maschine, die er gemeinsam mit Mitarbeitern ausgetüftelt hat; von der dreidimensionalen Schneidmaschine, die Kräuter in höchstens 14 Millimeter grosse Stückchen stanzt, weil das für die pyramidenförmigen Teebeutel nötig ist.

Studer zeigt hier etwas, «diese Maschine ist cool», er erklärt dort etwas, «der Spitzwegerich ist top gegen Husten», und die Stunden vergehen, und es wird einfach nicht langweilig.

Das «Kräutern», finden alle Studers, müsse man haben, in den Genen oder im Blut oder sonst wo. Lukas Studers Eltern, zuvor Vieh- und Milchbauern, begannen Ende der 1970er-Jahre als eine von drei Bauernfamilien in der Schweiz mit der professionellen Kräuterproduktion. Bald belieferten sie Kunden im In- und Ausland.

Als Daniela und Lukas Studer den Hof 2003 übernahmen, entwickelten sie das Geschäft weiter. «Swiss Tea» entstand, ihre Teemarke, sechs Mischungen sind inzwischen gar bei Coop erhältlich. Ständig arbeitet die Familie an neuen Produkten, gerade ist eine spezielle Tee­linie in Planung, selbstverständlich ist alles noch geheim, die Konkurrenz schläft nicht.

Zu den bedeutendsten Kunden Studers zählen der Simmentaler Gewürz-, Tee- Bouillon- und Siruphersteller Swiss Alpine Herbs – und Ricola. Die Firma verarbeitet die Kräuter aus Attiswil zu den weltbekannten Hustenbonbons und -tees. Es sei gut möglich, sagt Studer, dass man beim Lutschen eines Ricola-Bonbons Zitronenmelisse von seinem Hof im Mund habe.

Die Mitarbeiter sind treu

Es sei einfach so, sagt Studer und lacht sein breites Lachen, er und seine Familie würden tatsächlich in einer schönen kleinen Welt leben. Aber es sei auch eine Welt voll harter Arbeit. Auf 16 Hektaren, was ungefähr der Fläche von 23 Fussballfeldern entspricht, bauen Studers mehr als 30 Kräutersorten nach Biorichtlinien an. Rund 40 Tonnen werden jährlich geerntet, vor Ort getrocknet und weiterverarbeitet.

«Es ist gut möglich, dass man beim  Lutschen eines Ricola-Bonbons Zitronenmelisse von unserem Hof im Mund hat.»Kräuterbauer Lukas Studer

Zur Hauptsaison beschäftigt der Alpfelenhof ein Dutzend Angestellte, vor allem Erntehelfer aus Rumänien. Der grösste Teil von ihnen arbeitet seit vielen Jahren im Betrieb. Im Eingangsbereich der Trocknerei hängen gerahmte Fotografien an den Wänden. Es sind Bilder von den Häusern, die die rumänischen Mitarbeiter in ihrer Heimat dank des in Attiswil verdienten Geldes bauen konnten.

Ebendiese Arbeiter wuchten jetzt die Malvenernte auf die Trocknungsanlage. Im Lager, gleich nebenan, warten Dutzende 40 Kilo schwere Ballen auf ­ihre Abholung; Pfefferminze, Zitronenmelisse, Schafgarbe. Es riecht so intensiv, dass einem die Tränen kommen, diesmal wirklich. Und auch das ist nicht unangenehm.

Lukas Studer öffnet einen Sack mit getrockneten Ringelblumen, verreibt eine Blüte zwischen den Fingern. Er überlegt einen Moment lang. Nein, sagt er dann, es gebe kein Kraut, das ihm im Laufe der Jahre verleidet sei. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.08.2017, 14:55 Uhr

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