Der Wolf: Ein Opportunist im Scheinwerferlicht

Geliebt und gehasst, furchteinflössend und faszinierend: Kein Tier polarisiert wie der Wolf. Das Alpine Museum in Bern widmet ihm jetzt eine Ausstellung. Die optimale Vorbereitung darauf? Eine kleine Wolfskunde in zehn Akten.

Seltene Nähe zum Menschen: Im Oktober 2016 läuft Fernmeldespezialist Patrick Meier in der Nähe von Russikon ZH ein Wolf über den Weg.

Seltene Nähe zum Menschen: Im Oktober 2016 läuft Fernmeldespezialist Patrick Meier in der Nähe von Russikon ZH ein Wolf über den Weg. Bild: zvg/Patrick Meier

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1. Wölfe sind Opportunisten.
Um Energie zu sparen und Verletzungen vorzubeugen, bevorzugen Wölfe einfache Beutetiere – vor allem, wenn sie alleine unterwegs sind. Schafe und Ziegen sind einfache Beutetiere. In Wolfsgebieten müssen sie vor Angriffen geschützt werden, zum Beispiel mit Strom führenden Zäunen oder Schutzhunden.

2. Wölfe fressen viel.
Ein erwachsenes Tier braucht je nach Jahreszeit, Temperatur und Gelände zwischen 2 und 4 Kilo Fleisch pro Tag. Auf dem Speiseplan stehen Schalenwild (Rehe, Hirsche, Gämsen), aber auch Wildschweine, Murmeltiere, Hasen und andere kleine Säugetiere. Im Herbst fressen Wölfe manchmal auch Früchte.

3. Wölfe gehen Menschen aus dem Weg.
In den letzten 50 Jahren gab es in Europa neun tödliche Angriffe von Wölfen auf Menschen. Fünf der involvierten Tiere litten unter Tollwut. Seit der Wolf vor 22 Jahren in die Schweiz zurückgekehrt ist, gab es hierzulande keine Attacken auf Menschen.

4. Wölfe sind misstrauisch.
Sie meiden nicht einschätzbare Situationen und zeigen sich selten. Tiere, die nahe der Zivilisation leben, reagieren beim Anblick eines Menschen vorsichtig, aber nicht panisch. Sie bleiben in der Regel kurz stehen, beobachten und ziehen sich dann gelassen zurück.

5. Wölfe kommen herum.
Die Tiere haben einen Aktionsradius von bis zu 75 Kilometern pro Tag. Vor allem abwandernde Jungwölfe können in kurzer Zeit sehr weite Distanzen zurücklegen.

6. Wölfe fühlen sich in der Schweiz zu Hause.
Ende des 19. Jahrhunderts galt der Wolf in der Schweiz als ausgerottet. Zwischen 1908 und 1990 tauchten vereinzelt Wölfe auf, ihre Herkunft konnte jedoch nie genau nachgewiesen werden. Seit 1995 wandert der Wolf wieder von Italien und Frankreich her ein.

2012 siedelte sich ein erstes Rudel im bünd­nerischen Calandagebiet an, 2015 wurde eines im Tessin nachgewiesen, 2016 eines im Wallis. Aktuell gehen die Behörden davon aus, dass um die 40 Wölfe in der Schweiz leben. Ein Paar treibt sich in der Region Bern-Freiburg rum. Es ist möglich, dass es diesen Frühling erstmals Welpen aufzieht.

7. Wölfe heulen niemals den Mond an.
Sie heulen, um sich über weite Distanzen zu verständigen. Zum Beispiel, wenn sie sich zur Jagd versammeln, wenn sie ihr Rudel vor fremden Wölfen schützen wollen – oder wenn sie beim anderen Geschlecht Eindruck schinden wollen.

8. Wölfe sind topfit.
Wölfe können bis zu 60 km/h schnell sprinten. Ein anderes Tier riechen sie auf bis zu 270 Meter gegen den Wind. Ihr Blickwinkel beträgt mit 250 Grad 70 Grad mehr als jener des Menschen. Und ihre Ohren sind so gut, dass sie Artgenossen hören können, die bis zu 10 Kilometer entfernt sind.

Das wachsende Rudel von Bern: Seit 2013 bekam das Wolfspaar im Tierpark Dählhölzli viermal Nachwuchs. Bild: zvg/Tierpark Bern

9. Wölfe haben eine grosse Fangemeinde, aber auch viele Gegner.
Bauern und Schafzüchter in Wolfsgebieten verfluchen ihn, weil er sich an ihren Nutztieren vergehen kann, ja. Der Wolf hat aber auch viele Freunde. Ex-Fussballnati-Goalie Diego Benaglio zum Beispiel spielt bei den «Wölfen», wie der VfL Wolfsburg in Deutschland genannt wird.

Er lässt sich für den deutschen Naturschutzbund so zitieren: «Bei der Rückkehr der Wölfe geht es um den Erhalt einer Art – also nicht nur um 90 Minuten, sondern um den dauerhaften bestand der Wölfe in Deutschlands Artenschutzliga.»

In der Schweiz hat sich der Verein CH-Wolf auf die Fahne geschrieben, Vorurteile über den Wolf abzubauen. Präsidentin Christina Steiner und ihr Team organisieren Vorträge, Ausstellungen und unterhalten eine umfangreiche Website. Steiner hat selbst vier Wolfswelpen von Hand aufgezogen. Die 53-Jährige sagt: «Aufklärungsarbeit ist das A und O. Die Menschen müssen lernen, dass der Wolf alles ist, aber bestimmt nicht die blutrünstige Bestie, die sie aus Märchen und Filmen kennen.»

10. Wölfe brauchen die Wildnis nicht.
Wölfe sind sehr anpassungsfähig. Sie meiden den Menschen, aber nicht die menschlichen Infrastrukturen. Sie lassen sich da nieder, wo sie genügend Nahrung, Wasser und Rückzugsmöglichkeiten finden und der Mensch sie leben lässt. Gebäude, Bauten und Maschinen nehmen sie als Hindernis, aber nicht als Gefahr wahr. Darum kann es gut passieren, dass ein Wolf zu unbelebten Zeiten durch menschliche Siedlungen streift. Sein Misstrauen gegenüber dem Menschen hat er deswegen nicht verloren.

Quellen:Verein CH-Wolf, Naturschutzbund Deutschland, Pro Natura, Bundesamt für Umwelt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.05.2017, 14:32 Uhr

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