Wieso Fussball anstrengender ist als Eishockey

Zwei Spiele innert weniger als 48 Stunden: Pep Guardiola schimpft über den Spielplan, und ein Sportarzt erklärt, weshalb Fussballer mehr Regenerationszeit brauchen.

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Pep Guardiola war sauer. Dabei hatte der Katalane Grund zur Freude, schliesslich gewann Manchester City das erste Spiel des Jahres gegen Watford 3:1. Aber er nörgelte, vor allem in Richtung des englischen Fussballverbandes. Denn knapp 48 Stunden zuvor hatte sein Team gegen Crystal Palace gespielt, am 26. Dezember stand der traditionelle Spieltag des Boxing Days an.

«Quantität geht hier vor Qualität»

«Jeder sah, wie viele Spieler sich in den letzten Wochen verletzten», sagte Guardiola – sein Aussenverteidiger Kyle Walker beendete die Partie mit einer muskulären Verletzung. «Die Verantwortlichen müssen reflektieren. Man kann nicht am 31. Dezember spielen und 48 Stunden später gleich wieder. Die Spieler werden zerstört.» Er wisse, dass die Show weitergehen müsse, so Guardiola, aber dieser Zustand sei nicht normal: «In England werden die Spieler nicht geschützt. Quantität geht hier vor Qualität.»

Auch Alan Pardew, Trainer von West Bromwich, kritisierte den in den letzten Jahren überstrapazierten Kalender, insbesondere über die Feiertage: «Es ist grässlich. Wir kennen alle den Druck, dem die TV-Stationen unterliegen. Aber die Liga sollte stärker sein und sagen, dass Spiele alle zwei Tage nicht in Ordnung sind.» Ein Fan von West Ham schickte der Liga sogar eine offizielle Anfrage, dass die Partie der Hammers gegen West Bromwich wegen der kurzen Regenerationszeit des Gegners verschoben wird.

Neu ist die Diskussion über die vielen Spiele in England nicht, weshalb Guardiola damit konfrontiert wurde, dass in anderen Sportarten noch häufiger angetreten wird. «Fussball ist nicht Basketball oder Tennis. Es braucht mehr Regenerationszeit» , entgegnete er.

Diese Aussage unterstützt Dr. med. Philippe Tscholl, Oberarzt des Swiss Olympic Medical Centre Cressy Santé am Unispital Genf: «Ein Basketballspieler läuft knapp 4 Kilometer, ein Tennisspieler 2 Kilometer und Fussballer 10 bis 14 Kilometer.» Ein Fussballspieler befindet sich in über der Hälfte des Weges im High-Intensity-Bereich, Tennisspieler deutlich weniger. «Basketballer oder Eishockeyspieler haben viel kürzere Einsätze und können sich dazwischen besser erholen», ergänzt Tscholl. Ein Topspieler im Eishockey komme selten auf mehr als 25 Minuten Einsatzzeit, Fussballer hingegen stehen mehr als 90 Minuten auf dem Platz, bei rund 60 Minuten effektiver Spielzeit.

72 Stunden für komplette Erholung

Deshalb sagt der Teamarzt der Schweizer U-18-Eishockeynationalmannschaft, dass der Fussball vom Körper mehr Regenerationszeit verlangt als Basketball, Eishockey oder Tennis. Während im Eishockey Spiele im Rhythmus von drei Tagen normal sind, sei im Fussball bei zwei Wochenend-Partien und noch einem Match unter der Woche die physiologische Grenze erreicht: «Tests ergaben, dass ein Spieler 72 Stunden braucht, um seine Explosivität komplett zu erneuern.» Als Ursache gelten vor allem, dass Sprünge, abruptes Abbremsen und explosive Richtungswechsel auf dem Rasen mehr Schläge auf den Bewegungsapparat wirken.

Bei Reisen, beispielsweise nach Auswärtsspielen, dauert die Regeneration allerdings noch länger – bei (kleineren) Verletzungen reicht diese Zeit sowieso nicht. Auch aus diesem Grund sagte Jürgen Klopp vor einem Jahr, als er nach seinem Fokus im Training befragt wurde: «Welche Trainings? Wir regenerieren nur.» Das Problem sei aber auch im Eishockey bekannt: Gemäss einer Genfer Studie steigt die Verletzungsrate bei einem Spiel am Samstag und dann zu Hause am Sonntag signifikant.

Signale des Körpers müssen ernst genommen werden

Bei einem derart vollbepackten Spielplan sei es noch wichtiger, dass Spieler, Trainer und Medizinabteilung als Team zusammenarbeiteten: «Die Signale des Körpers müssen ernst genommen werden. Macht der Muskel zu, muss der Spieler sofort raus.» Hinzu kommt der mentale Stress, alle paar Tage auf höchstem Level performen zu müssen. So sollte das Kader idealerweise genug gross sein, um Spieler bei körperlicher und mentaler Müdigkeit pausieren zu lassen.

Insbesondere in einem WM-Jahr liegt die Anzahl von mehr als 50 Partien, die Topspieler absolvieren müssen, an der oberen Grenze, findet Tscholl, der auch für den Schweizerischen Fussballverband (SFV) arbeitet. Denn gemäss einer Uefa-Studie erbringen Fussballer, die in den 10 Wochen vor der WM im Schnitt mehr als 1 Spiel pro Woche absolvierten, schlechtere Leistungen, als diejenigen, die weniger Partien bestritten – und verletzen sich häufiger: «Alle wollen eine spektakuläre Weltmeisterschaft sehen, dafür ist dieser Kalender jedoch kontraproduktiv.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.01.2018, 17:50 Uhr

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