Wie ein Berner Staranwalt die Schweiz veränderte

Die Juden in der Schweizer konnten im Kampf um ihre Gleichstellung lange auf einen herausragenden Fürsprecher zählen: den Berner Staranwalt Georges Brunschvig (1908–1973). Sein Leben wird in einer Bio­grafie nacherzählt.

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Frau Einhaus, Sie haben ein Buch über den 1973 verstorbenen jüdisch-schweizerischen Anwalt Georges Brunschvig geschrieben. Muss man Jüdin sein, um seine Biografie zu verfassen?
Hannah Einhaus: Nein. Ich warte auf nicht jüdische Autoren und Autorinnen, die sich mit jüdischen Themen beschäftigen wollen. Meist fühlen sich Nichtjuden davon aber nicht angesprochen. Dabei ist die Stellung der Juden in der Schweiz nicht nur eine jüdische, sondern eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit.

Sind Sie als jüdische Autorin befangen, wenn Sie über eine jüdische Figur schreiben?
Ja und nein. Ich beschreibe Georges Brunschvig in der Tat nicht objektiv kühl, sondern aus einer gewissen Perspektive. Ich zeige, wie er in der Schweiz als ­Jude wahrgenommen wurde.

Wer war Georges Brunschvig überhaupt?
Ein jüdischer Demokrat, ein Berner Anwalt und ein Schweizer Patriot. Brunschvig kämpfte ein Leben lang gegen Diskriminierung und dafür, dass die Juden in der Schweiz als gleichwertige Minderheit respektiert werden. Er leitete diese Forderung aus seinem Verständnis von Dialog und Demokratie ab. Seine Ausstrahlung, seine Kommunikationsfähigkeit, sein Redetalent und sein Beziehungsnetz ermöglichten es ihm, seine Anliegen wirkungsvoll vorzubringen.

War er so etwas wie der Sprecher der Schweizer Juden?
Von 1946 bis zu seinem Tod 1973 war er in der Tat Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), des jüdischen Dachverbands. In der offiziellen jüdischen Gemeinschaft wurde er als Führungsperson ­respektiert. Ich habe in der Kondolenzpost nach seinem Tod gelesen: «Wir haben die Krone unseres Haupts verloren.»

Brunschvig machte ab 1933 an international beachteten Prozessen als Verteidiger von Juden und von Israel Furore. War er ein Staranwalt ?
Das Image des Staranwalts erhielt er bei seinem Prozess gegen die «Protokolle der Weisen von Zion», ein antisemitisches Machwerk von 1900 über eine angebliche jüdische Weltverschwörung. Auch die Nationalsozialisten beriefen sich später darauf. Sie ­müssen sich das vorstellen: Der gerade mal 27-jährige Anwalt Brunschvig führte von 1933 bis 1935 im Berner Amthaus einen Prozess gegen diese weltweit verbreitete Hetzschrift. Die internationale Presse war vor Ort und berichtete unter der Affiche «Juden gegen Nationalsozialisten auf Schweizer Boden». Der Bundesrat fürchtete, der Prozess könnte Nazideutschland verärgern.

Wieso war der Prozess in Bern?
Frontisten verteilten die «Protokolle» auch im Berner Casino. Wegen der Meinungs- und Redefreiheit standen die Chancen schlecht, dagegen vorzugehen. Der Kanton Bern hatte aber ein Verbot von Schundliteratur. Ei­gentlich war es gegen Pornografie gerichtet, aber Brunschvig setzte auf diese Karte.

Später hat er in politisch heissen Prozessen Israels Interessen vertreten. Wurde er für solche Auftritte angefeindet?
Ja, er erhielt anonyme Briefe und Morddrohungen. Nach einem Auftritt im Schweizer Fernsehen 1973 hatte er fortan einen Revolver dabei.

Ist Ihr Buch eine Hommage, die die Erinnerung an Brunschvig wachhalten will, oder eine kritische Biografie?
Ich will zeigen, dass Brunschvigs Leben ein Spiegel für die Stellung der Juden in der Schweiz ist. Für ihn selber gab es als Anwalt und Offizier nie einen Widerspruch zwischen schweizerischer und jüdischer Identität. Lange wurde das in der Schweiz aber sehr wohl als Widerspruch empfunden.

In den 1930er-Jahren?
Nicht nur damals. In den 1930er- und 1940er-Jahren galten Juden für viele nicht als richtige Schweizer. Nach dem Krieg wuchs die Begeisterung für den jungen Staat Israel und übertrug sich auch auf die Schweizer Juden. Ab den 1970er-Jahren fiel aber auch die wachsende Kritik am Staat Israel auf die Schweizer Juden zurück.

Entdeckten Sie bei Ihrer Recherche auch be­fremdliche Seiten Brunschvigs?
Ich entdeckte seine enorme Vielseitigkeit. Wie er seinen Schweizer Patriotismus oder seine Offizierslaufbahn betonte, wirkt heute pathetisch. Ich erkläre es mir aus der damaligen Zeit. Sonderlich fand ich auch, wie er enge Beziehungen mit Bundesräten und Spitzenbeamten pflegte. Er besuchte sie im Büro und brachte dort in Vier­augengesprächen seine Anliegen vor, statt etwa auf der Strasse zu demonstrieren. Aber so waren damals die Gepflogenheiten.

In Ihrem Buch geht es oft um Anti­semitismus. Können Sie als Jüdin präzis sagen, wo er beginnt?
Antisemitismus ist eine pauschale, negative Haltung gegen das Kollektiv der Juden. Solch ne­gative Bilder gibt es von vielen Gruppen. Aber dasjenige von den Juden ist historisch besonders belastet.

Der Antisemitismusvorwurf wird heute bisweilen schnell ausgesprochen. Muss dafür nicht eine gewisse Grenze überschritten sein?
Mein Buch beginnt 1916 auf einem Berner Pausenplatz. Die Schüler sollen sich in zwei Reihen aufstellen. Ein Klassenkamerad sagt zu Brunschvig: Georges, ich gehe nicht neben dir, du bis ein Jude. In dieser Szene ist die Grenze zum Antisemitismus überschritten. Trotz der offiziellen Gleichstellung der Juden 1866 gab es in der Schweiz noch lange einen mehr oder weniger latenten Antijudaismus, den auch die Kirche mittrug.

Gibt es ein bis heute spürbares Verdienst Brunschvigs?
Seine grösste juristische Leistung ist, dass er nach dem Berner ­«Protokolle»-Prozess die Diskussion über ein Antirassismusgesetz lancierte.

Das wurde doch vom Schweizer Stimmvolk erst 1995 bejaht.
Brunschvig schrieb schon 1937 seine Dissertation über die Kollektivehrverletzung. Noch vor den grossen Naziverbrechen ging er der Frage nach, ob Angehörige einer Bevölkerungsgruppe Klage einreichen könnten, wenn sie sich in ihrer Ehre als Mitglied ihres Kollektivs verletzt fühlen.

Warum dauerte das dann noch so lange, bis das Antirassismusgesetz beschlossen wurde?
Das müssen Sie das Schweizervolk fragen. Sicher war Brun­schvig auf dem Weg zu diesem Gesetz eine treibende Kraft.

Das Gesetz ist eine Lieblingszielscheibe der SVP. Sie findet, es schränke die Meinungsfreiheit ein. Was hätte Brunschvig er­widert? Als Demokrat muss er ja die Meinungsfreiheit hochhalten.
Er kannte die Problematik. Schon in den 1930er-Jahren war die Meinungsfreiheit der Haupteinwand gegen die Klagemöglichkeit eines Kollektivs. Für Brunschvig muss man der Meinungsfreiheit dann eine Grenze setzen, wenn jemand wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe so degradiert und diffamiert wird, dass es ihm schadet.

Haben die Muslime heute in der Schweiz die Juden als angefeindete Minderheit abgelöst?
Brunschvig hat die Juden als ­Seismograf des schweizerischen Demokratieverständnisses bezeichnet. Das kann man heute gut auf die Muslime übertragen. Pauschalisierendes Denken trifft heute eher sie. Von den über 400 000 Muslimen in der Schweiz sind 50 bis 100 als Terroristen registriert. Und doch gibt es einen Pauschalverdacht gegen Muslime. Und ein kollektives Unbehagen, das sich im Minarettverbot äussert.

Haben die Juden in der Schweiz – auch dank Brunschvig – keine vergleichbaren Probleme mehr?
Es gibt weiterhin antisemitische Drohungen. Weniger in den politisch korrekten Medien, aber auf Social Media. Zudem ist die Sicherheit jüdischer Einrichtungen ein Problem geblieben. Anders als im Ausland wurden sie in der Schweiz zum Glück bis jetzt nicht physisch angegriffen.

Wieso fordert der jüdische Dachverband SIG dennoch öffentliche Unterstützung beim Schutz jüdischer Einrichtungen?
Diese Forderung liegt schon länger auf dem Tisch. Im Ausland ist diese Unterstützung üblich. Gleichzeitig mit der Redaktion von «Charlie Hebdo» attackierten die Terroristen in Paris auch einen jüdischen Laden. Seither haben die Schweizer Juden den Schutz ihrer Einrichtungen verstärkt, und der Bundesrat hat das Thema auf seine Agenda gesetzt.

Sie erwähnten antisemitische Äusserungen auf Social Media. Was ist der Auslöser dafür?
Während des Gaza-Kriegs 2014 beispielsweise wurden auch Juden in der Schweiz für das Vor­gehen Israels beschimpft. Schon zu Brunschvigs Zeit diente Kritik am Staat Israel oft als Tarnung antisemitischer Äusserungen.

Wird die Kritik an Israel manchmal nicht allzu schnell als Anti­semitismus vom Tisch gewischt?
Jüdische Organisationen behaupten nicht, dass Israel-Kritik per se antisemitisch ist. Es geht um die Art und Weise, wie diese Kritik ausgesprochen wird. Man kann genau hinhören, ob es um die Sache, also Israels Politik geht. Oder ob en passant jüdische Personen und die Gemeinschaft der Juden blossgestellt wird.

Sind Juden in Sachen Israel automatisch Partei?
Sind Katholiken in Sachen Vatikan automatisch Partei? Nein. Aber wir Juden nehmen sensibler wahr, wenn mit ungleichen Ellen gemessen wird. Bevor der Syrien-Krieg begann, waren selbst einzelne Palästinenser, die von Israels Armee getötet worden waren, eine Nahost-Schlagzeile wert. Die Opfer der Repression und des Terrors in vielen Ländern des Nahen Ostens aber werden höchstens kurz vermeldet. Ich will damit nicht ­Israels Politik schönreden, aber die ungleiche Wahrnehmung der Medien aufzeigen.

Der Bundesrat hat in einem Bericht eben die These des NZZ-Buchautors Marcel Gyr ver­worfen, wonach die Schweiz nach palästinensischen Terror­attacken einen Geheimdeal mit der PLO abgeschlossen hat. Diese heisse Terrorzeit kommt auch in Ihrem Buch vor. Was halten Sie von Gyrs umstrittener These?
Marcel Gyr hat sich in Dokumente vertieft und zieht Schlussfolgerungen, die nachvollziehbar sind. Er weist insbesondere auf eine zentrale Ungereimtheit hin: 1970 hielten Palästinenser nach mehreren Flugzeugentführungen unter anderem Schweizer Geiseln in der jordanischen Wüste fest. Der Bundesrat hat darauf die drei inhaftierten palästinensischen Attentäter, die 1969 auf dem Flughafen Zürich-Kloten ein israelisches Flugzeug attackierten, ziehen lassen. Marcel Gyr hat nun aufgedeckt, dass das erst in einem Moment geschah, als die Schweizer Geiseln schon freigekommen waren. Da stellt sich sich schon die Frage, warum sich der Bundesrat so unter Druck setzen liess.

Wird die Debatte um Gyrs These von einer proisraelischen und einer propalästinensischen Lobby dirigiert?
Ich halte Marcel Gyr für klug genug, sich nicht von einer proisraelischen Lobby einspannen zu lassen. Und obwohl Gyrs linke Kritiker nicht ganz frei sind von Denkschablonen, sind wohl auch sie kaum von einer Gegenlobby angegangen worden.

Christoph Blocher hat in dieser Zeitung den Kampf der Medien gegen die Durchsetzungs­initiative der SVP mit den Methoden der National­sozialisten gegen die Juden verglichen. Was halten Sie von diesem Vergleich?
Der Vergleich ist völlig schräg. Die SVP ist kein Opfer, sondern die mächtigste Partei im Land. Es ist absurd, den Abstimmungskampf in einer direkten Demokratie mit der Nazidiktatur zu vergleichen. Das ist eine unerträgliche Verharmlosung des Naziregimes. Ich halte solche Äusserungen für höchst gefährlich, da die junge Generation den Holocaust bestenfalls noch aus den Schulbüchern kennt und solche Vergleiche also vielleicht nicht mehr richtig einordnen kann.

Hätte Georges Brunschvig auch in der heutigen Schweiz noch Aufklärungsarbeit zu leisten?
Absolut. Schon 1938 warnte er vor dem schnellen Vergessen und davor, dass sich Menschen bald wieder von Lügenschriften wie den «Zion-Protokollen» betören und verführen lassen. Der Rechtsrutsch bei den letzten Wahlen ist für mich ein Zeichen, dass man in der Schweiz Fremde vermehrt willkürlich definiert und wieder ausschliesst.


zeitpunkt@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.05.2016, 14:41 Uhr

GEORGES BRUNSCHVIG (1908–1973) und SEINE BIOGRAFIN

Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt und Schweizer Patriot


Er war ein Staranwalt seiner Zeit und der wichtigste Kopf der Schweizer Juden. Georges Brunschvigs aufregendes Leben wird nun von der Berner Journalistin Hannah Einhaus in Buchform wiederentdeckt.


Hannah Einhaus war auf der Suche nach einer jüdischen Zeitzeugin, die über die Kriegszeit in der Schweiz berichten kann. Die Jüdische Gemeinde Bern verwies sie an die damals 88-jährige Odette Brunschvig. Für die Berner Historikerin und Journalistin Einhaus (54), die 2005 Redaktorin dieser Zeitung war, sollte es eine wegweisende Begegnung werden.

Beim ersten Treffen mit der vitalen alten Dame realisierte Einhaus, dass es die Witwe des jüdisch-bernischen Anwalts Georges Brunschvig (1908–1973) ist. Vage wusste Einhaus etwas von Brunschvigs international beachtetem Berner Prozess von 1935 gegen die Verbreitung der antisemitischen «Protokolle der Weisen von Zion».

Mittlerweile hat Hannah Einhaus das Buch «Für Recht und Würde» über Brunschvigs aufregendes Leben geschrieben. An der Buchvernissage vom nächsten Mittwoch erwartet Einhaus auch dessen Witwe, die mittlerweile 99-jährig ist. Dort werden auch Repräsentanten des Dachverbands der Schweizer Juden sowie Stadtpräsident Alexander Tschäppät reden.
Brunschvig war mit Vater Reynold Tschäppät, dem früheren Stadtpräsidenten, befreundet. An der Universität Bern studierte Brunschvig Jus, er verkehrte in liberalen Kreisen, war Offizier der Schweizer Armee – und gehörte als Jude in der Schweiz doch nicht richtig dazu. Der Anwalt machte es sich zur Lebensaufgabe, für die Gleichstellung der Juden in der Schweiz zu kämpfen.
Spätestens als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes galt Brun­schvig ab 1946 als wichtigster jüdischer Ansprechpartner des Bundesrats. Mit einer Reihe von Bundesräten wie den Bernern Friedrich Traugott Wahlen und Rudolf Gnägi war er persönlich bekannt.

In seiner Berner Anwaltspraxis beschäftigte sich Brunschvig unter anderem mit Scheidungsfällen. Mit seinem Prozess gegen die «Zion-Protokolle» aber empfahl er sich für höhere Aufgaben. Wie schon 1933 verärgerte Brunschvig erneut die Nationalsozialisten, als er den Juden David Frankfurter verteidigte, der 1936 in Davos ein tödliches Attentat auf Wilhelm Gustloff verübte, den Schweizer Nazigauleiter. Brunschvig erreichte Frankfurters Begnadigung. Als Rechtsvertreter der israelischen Botschaft deckte er in einem Spionagefall 1963 Ägyptens nukleare Aufrüstungspläne auf.

Weltweit beachtet wurde seine Rolle 1969 im Prozess nach dem Attentat von vier palästinensischen Terroristen auf ein israelisches Flugzeug auf dem Flughafen Zürich-Kloten. Brunschvig verteidigte den israelischen Sicherheitsmann Mordechai Rachamim, der einen der Attentäter tödlich getroffen hatte.

Rachamim wurde freigesprochen und geniesst in Israel noch heute den Status eines Helden. Hannah Einhaus hat Rachamim dort getroffen und sich von ihm beschreiben lassen, was für ein brillanter Redner Georges Brunschvig war.svb

Das Buch: Hannah Einhaus: «Für Recht und Würde – Georges Brunschvig, jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot», Chronos, 38 Fr.
Die Buchvernissage: Mittwoch, 18.?5., 18.30 Uhr, Kornhausforum, Bern

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