Wenn sogar Geschichtsschreiber ins Gefecht ziehen

Bis zum letzten Moment vor der Weihefeier vom Sonntag beim einstigen Schlachtfeld erscheinen Bücher über Marignano. Eines sticht heraus: das saftig erzählte Werk von Markus Somm.

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Die Haltung eines Buchautors zu Marignano erkennt man sogleich an seiner Tonlage. Distanziert und mit kühler Genauigkeit beschreibt der Berner Geschichtsprofessor André Holenstein in der «NZZ am Sonntag» vom letzten Wochenende oder in seinem Buch «Mitten in Europa» die Schlacht als Episode, die nichts ändert an der fortschreitenden wirtschaftlichen Verflechtung der Schweiz mit Europa.

Markus Somm aber, Historiker und Chefredaktor der «Basler Zeitung», springt in seinem neuen Buch «Marignano – die Geschichte einer Niederlage» mitten rein ins Geschehen und veranschaulicht es mit glühender Leidenschaft. Das tönt dann so: «Die französische Reiterei schnetzelte alles nieder, was sich ihr entgegenwarf: Es muss gerochen und gespritzt haben wie in einem Schlachthaus, und auf beiden Seiten schwangen Metzger ihre Hellebarden, Schwerter, Spiesse und Äxte. Pferde wurden abgestochen, die Reiter am Boden abgeschlachtet.»

Somms Erzählweise mutet bisweilen an wie ein überdrehtes «Reenactment» mit den Mitteln der Sprache – das heute populäre Nachspielen eines Ereignisses in historischen Kostümen.

Buchstau vor dem Jubiläum

Die Buchproduktion zu Marignano läuft bis zum letztmöglichen Moment vor dem morgigen Jahrestag auf Hochtouren. Der Hier+Jetzt-Verlag in Baden, im Jubiläumsjahr historischer Branchenleader, hat eben «Geld, Krieg und Macht» auf den Markt geworfen. Es ist die Dissertation des Berner Historikers Philippe Rogger über das lukrative Schweizer Söldnerwesen in den Mailänderkriegen, über die Geldströme, die es ins Land und in die Taschen reicher Familien spülte, und über den Zorn und Protest im Volk.

Das Thema ist brisant, aber Roggers Werk dürfte durch seinen wissenschaftlichen, eher trockenen Zugang nicht so viel Aufmerksamkeit erregen wie Markus Somm. Dessen eben in die Buchläden ausgeliefertes Marignano-Buch aus dem Berner Stämpfli-Verlag ist ein kühn geschriebener Husarenstreich, aber auch ein konservatives Politmanifest.

Wandel zum Schweizer

Der umstrittene rechtsbürgerlicher Journalist Somm, Biograf von Christoph Blocher und General Henri Guisan, lässt sich im Deutungsstreit um Marignano und die Schweizer Geschichte klar dem nationalkonservativen SVP-Lager zuordnen. Sein Marignano-Buch aber ist offen, vieldeutig, spannend. Es vermeidet die platte Aufladung der Schlacht zum heroischen Mythos. In den vorderen Kapiteln jedenfalls.

Präzis beschreibt Somm vorab die Quellenlage zu Marignano: Während die Chronisten aus dem siegreichen Frankreich die Schlacht wie Dichter wohlgesetzt schildern, erinnerten die Augenzeugenberichte von Schweizer Soldaten eher an journalistische Reporterberichte. Somm macht so klar, dass es nicht die eine und richtige Sicht der Schlacht gibt.

Dann ordnet er das Gefecht in eine ganze Epoche des Übergangs ein. Sein Buch sei «die Beschreibung eines Kampfes, der das Land zu dem machte, was es war und wurde». Ist das nicht doch die SVP-These von Marignano als Gründungsdatum der Schweizer Souveränität und Neutralität? Somm bleibt differenzierter und beschreibt einen langfristigen Wandel, in dessen Verlauf die Menschen südlich des Rheins sich nicht mehr wie Deutsche, sondern als eigenes Volk fühlen. «Turning Swiss» – Schweizer werden – nennt das 1985 der US-Historiker Thomas Brady, den Somm gern zitiert.

Grössenwahnsinniger Traum

Farbig, anschaulich, faszinierend erweckt Somm dann die um 1500 schon 100000 Einwohner zählende Stadt Mailand zum Leben. Wie die im Juli zu Ende gegangene Marignano-Ausstellung im Landesmuseum Zürich zeigt Somm Oberitalien und seine reichen Städte als Sehnsuchtsregion, die eroberungswillige Grossmächte anlockt. Die Periode, in der auch die Eidgenossen im Machtpoker um Oberitalien mitmischten, ist für Somm dann wie ein Fiebertraum, ein «flüchtiges Rendezvous mit der Weltgeschichte».

Die Schweizer Soldaten, die damals in die Po-Ebene einfallen, charakterisiert er als «Barbaren der Alpen». Drastisch schildert er, wie das Geld aus dem Söldnerwesen das Land verdirbt, seine Politiker käuflich macht, nach dem Schock über die 15000 Toten von Marignano aber auch Rebellionen auslöst. Mit dem späteren Reformator Huldrich Zwingli, der das Söldnerwesen geisselt, und dem papsttreuen Walliser Kardinal Matthäus Schiner, der die Eidgenossen zur Schlacht aufstachelt, lässt Somm zwei Kontrahenten auftreten.

Das ist ziemlich typisiert, nicht immer faktentreu, aber es liest sich gut. Während die Historikerzunft trocken über abstrakte Narrative debattiert, ist Somm wirklich am Erzählen. Saftig, unzimperlich, mit lebendig geschildertem Personal.

Kunstgriff der Dramatisierung

Mit zunehmender Lektüre aber erkennt man hinter Somms Dramaturgie die Absicht und ist verstimmt. Er erklärt die Mailänderkriege zu einem grössenwahnsinnigen Irrweg und einer Phase der Verrohung. So weit kann man folgen. Dann aber erklärt er die Niederlage von Marignano raffiniert zum Moment der Reinigung, der die Schweiz kuriert und zurückführt auf den Pfad der Zurückhaltung.

Das wirkt, als ob die Mailänderkriege einem nachträglichen Neutralitätsdrehbuch entsprungen wären. Die Geschichte hält sich aber nicht an Drehbücher. Und die Eidgenossen waren 1520 nicht mehr dieselben wie 1450. Sie verdienten nach 1520 noch viel mehr am Söldnerwesen als vorher. Ihre Politiker blieben bestechlich und wurden dank dem forcierten Handel mit jungen Männern reicher denn je. Und die Schweizer Söldner verbreiteten auf Europas Schlachtfeldern auch unter fremden Fahnen weiterhin Angst und Schrecken.

Somms Schlusswort

Im Schlusskapitel referiert Markus Somm über die diesjährige Debatte um die Schweizer Geschichte und die Neutralität. Er zitiert kritische Historiker wie Thomas Maissen zwar, wischt ihre Argumente aber vom Tisch. «Die grösste Niederlage, die die Schweiz je erlitten hatte, rettete das Land», ist Somms Fazit zu Marignano. Er versteht es schliesslich doch als Ausgangspunkt der Neutralität, jedenfalls als Vorform der Neutralität.

Dafür braucht Somm allerdings einen Kunstgriff: Frankreich, mit dem die Schweiz nach der Niederlage in Marignano einen weitreichenden Pakt abschliesst und von dessen Protektion sie abhängt, sei bloss ein «Sponsor» gewesen, der die Schweizer Unabhängigkeit nicht angetastet habe. Die Europäische Union aber, switcht Somm übergangslos in die Gegenwart, würde die schweizerische Souveränität beenden. Man fragt sich, ob das auch Holland oder Österreich nach ihrem EU-Beitritt so empfunden haben.

Somm erteilt sich am Ende selbstbewusst und selbstgerecht ein konservatives Schlusswort über die Deutung der Schweizer Geschichte im Jubiläumsjahr. Ein Schlusswort aber gibt es in der Geschichte nie. Sie bleibt immer mehrdeutig.

Bücher: Markus Somm: «Marignano – Die Geschichte einer Niederlage», Stämpfli-Verlag, Bern, 343 S., 44 Fr.; Philippe Rogger: «Geld, Krieg und Macht», Hier+Jetzt-Verlag, 350 S.; Bruno Meier: «Von Morgarten bis Marignano», Hier+Jetzt, 220 S. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2015, 13:25 Uhr

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Sommaruga auf dem Schlachtfeld, Somm bei der Auns

Eigentlich ist der Bundesrat bei der Teilnahme an nationalen Weihefeiern heutzutage zurückhaltend. Und die Bedeutung der Schlacht von Marignano 1515 ist umstritten. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga von der SP aber lässt sich nicht davon abschrecken, dass die konservative Stiftung Pro Marignano die morgige Gedenkfeier organisiert. Am weihevollen Anlass im Mailänder Vorort San Giuliano Milanese unweit des einstigen Schlachtfeldes tritt die Bundesrätin als Rednerin auf.
Auch Markus Somm, Chefredaktor der «Basler Zeitung» und Autor eines Marignano-Buchs, scheut sich nicht, am morgigen Gedenktag Flagge zu zeigen. Er tritt am Forum der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) in Zug als Redner auf. Thema des Forums: «Welche Perspektiven 500 Jahre nach Marignano? Was die Schweizer Neutralität der Welt zu bieten hat.»
Am 13. und 14.September 1515 fuhren die vorher meist siegreichen Eidgenossen südlich von Mailand im Dorf Marignano (heute: Melegnano) gegen Frankreichs Heer eine kapitale Niederlage ein. Für einige Jahre hatten die über den Gotthard südwärts vorstossenden Schweizer das reiche Mailand und Teile Oberitaliens beherrscht. Aber 1515 erreichten 30000 Soldaten unter Frankreichs jungem König Franz I. mit schweren Kanonen die Stadt. Berner, Solothurner und Freiburger zogen ab nach Frankreichs Zusicherung von einer Million Kronen. Die Schweizer Führungsleute waren zerstritten, die Soldaten undiszipliniert. Die Innerschweizer zogen dann doch ins Gefecht. Am zweiten Schlachttag richteten die Franzosen mit ihrer Artillerie in den zahlenmässig unterlegenen Schweizer Schlachthaufen ein Blutbad an. 15'000 tote Schweizer blieben auf dem Schlachtfeld liegen, die überlebenden Schweizer zogen eher chaotisch ab. Der Rückzug wurde im 19.Jahrhundert von Historikern heroisiert.svb

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