Bergell

Wenn es im magischen Tal allzu still wird

BergellSchön und denkmalgeschützt sind die Dörfer im Südbündner Tal an der Grenze zu Italien. Kein Wunder, erhält das Bergell am 22. August den Wakkerpreis 2015. Das Tal kämpft mit den Nöten der Peripherie: mit wirtschaftlicher Stagnation und aussterbenden Dorfkernen.

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Sechs Stunden dauert die Fahrt von Bern ins ferne Bergell an der Grenze zu Italien. Ans Mittelmeer geht es weniger lange. Ab Chur wird die Strecke kurvenreich, das Verkehrsmittel immer langsamer. Vom Oberengadin schraubt sich ein Postauto über die Haarnadelkurven des Malojapasses hinunter. In einen schönen Abgrund.

Am anderen Ende der Schweiz

Unten landet man in einer Gegenwelt zum zersiedelten Mittelland, die etwas langsamer tickt. Gegen Süden gehen die Tannenwälder in lichte Kastanienhaine über. Die paar kleinen Dörfer mit dunklem O im Namen – Promontogno, Soglio, Bondo, Vicosoprano – liegen wie Versteinerungen auf dem Boden des tief eingeschnittenen Tals. Ihre Dächer sind mit grauen Granitplatten gedeckt.

Im Labyrinth der engen Gässchen öffnen sich Dorfplätze mit den Palazzi traditionsreicher Familien wie derer von Salis. Steinmauern stecken Gärten ab. In die Wiesen sind alte Ställe hingewürfelt. Den Schweizer Heimatschutz beeindruckt die «gelungene Symbiose von Siedlung und Landschaft» derart, dass er der Talgemeinde am 22.August den renommierten Wakkerpreis 2015 verleiht.

«Das?sind Geisterdörfer»

Die Auszeichnung freut die Bergeller. Aber nicht alle gleich. «Wofür bekommen wir den Preis überhaupt?», fragt Alt-Sekundarlehrer Gian Andrea?Walther in der Osteria an Bondos Dorfplatz. Die alten Dorfkerne, die der Heimatschutz lobe, seien «in Wahrheit Geisterdörfer, in denen im Winter nur noch wenige Menschen wohnen», sagt er. Hinter schönen Fassaden klaffe Leere, fügt er scharfzüngig an.

«Bekommen wir dafür einen Preis, dass hier wenig los ist?», fragt er. Und erinnert daran, dass auch das mit Ferienwohnungen verbaute Maloja im Oberengadin zum Bergell gehöre. Hört man ihm zu, könnte man meinen, das Bergell erhalte einen Trostpreis für die Nöte der alpinen Peripherie: die Entleerung der Dorfkerne, die spärliche Zuwanderung, die wirtschaftliche Stagnation.

«Wir verleihen keinen Preis für eine heile Welt, die gibt es nirgendwo», entgegnet Adrian Schmid, Geschäftsleiter des Heimatschutzes. Der Wakkerpreis sei ein Lob und eine Ermutigung für eine Gemeinde, die nicht nur ihre Identität und ihre Siedlungen bewahre, sondern daraus auch Neues erarbeite.

Zu einer Gemeinde gehörten auch Kehrseiten und Nutzungskonflikte wie in Maloja mit seinen zahlreichen Zweitwohnungen. «Wir können die Herausforderungen des Bergells nicht lösen, aber wir können sie mit dem Preis ansprechen», sagt Adrian Schmid.

Zuletzt seien mit Lausanne-West, Köniz bei Bern und Aarau urbane Boomzonen ausgezeichnet worden, nun lege man den Fokus auf eine Randregion. Der Wakkerpreis 2015 zeigt: Wenn es im Mittelland einen Dichtestress gibt, dann gibt es auch einen Stress mit der Entleerung alpiner Täler.

Die Preisvergabe an das ferne Bergell, von dem viele gar nicht wissen, wo es liegt, versteht Schmid als Signal an die ganze Schweiz: Seht her, was es in diesem vielgestaltigen Land alles gibt und wie die Leute dort mit ihren Problemen umgehen.

Glück und Not der Peripherie

Das Bergell erhält den Wakkerpreis für etwas, das sein Glück und sein Unglück zugleich ist: seine Beschaulichkeit. Oben im Engadin sieht man, was der Druck des Geldes anrichtet. Das Tal unterhalb des Malojapasses aber ist von wenig verdorbener Schönheit. In der kurzen Sommersaison finden Gäste hier Ruhe. Im Winterhalbjahr aber sind sie weg.

Dann liegen einige der Dörfer während dreier Monate im Schatten, und fast alles steht still. Die paar Gasthöfe und Läden müssen ihre Rendite in einer halbierten Saison erwirtschaften. Das Tal könnte mehr Betriebsamkeit brauchen. Die könnte aber gerade zerstören, was das Bergell ausmacht. Es ist ein Dilemma.

Eine Regisseurin dieses Balanceakts ist Gemeindepräsidentin Anna Giacometti. Sie ist verwandt mit der Künstlerdynastie, die den Namen des Bergells in die Welt hinausträgt. Von ihrem Büro im Gemeindehaus Promontogno aus erblickt man Granitgipfel.

Aber auch die Grossbaustelle einer Hochwasserverbauung. Eine lange Betonmauer soll nicht sehr stilvolle Einfamilienhäuser schützen, die in den 1950er-Jahren viel zu nah an den Bach gebaut wurden.

Was hat ihre Gemeinde vom Preis? 20'000 Franken, von denen gut die Hälfte für den Druck des Prospekts über die Baukultur des Tals weggehe, sagt Anna Giacometti mit einem Lachen. Weiss sie, wofür ihre Talgemeinde den Wakkerpreis genau bekommt?

Bestimmt nicht für die Betonmauer. «Wir haben es vermutlich weniger schlecht gemacht als andere», sagt sie. Was denn? «Durch die Fusion der alten Talgemeinden haben wir 2010 die wichtigste Hausaufgabe gemacht, wir sind näher zusammengerückt und denken gesamtheitlicher.»

Kritikern, die die winterliche Schattenseite des Tals und unschöne Neubauten hervorheben, hält Anna Giacometti die Beharrlichkeit der Bergeller entgegen. Schon lange pflege man das architektonische Erbe. Fast alle Bergeller Dorfkerne figurieren heute im «Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz». Für Bauprojekte in einem Dorfkern ziehe man einen Bauberater bei.

2010 habe man mit der Bevölkerung über die Zukunft des Tals nachgedacht und Entwicklungsstrategien formuliert. Darin stehen schöne Sätze über die Revitalisierung der Dorfkerne, über das qualitative Wachstum von Bevölkerung, Wirtschaft, Siedlung und Tourismus. Diese Absichtserklärungen haben den Heimatschutz überzeugt.

Anhaltende Stagnation

Im Bergell mögen Glück und Unglück nahe beieinander sein. «Aber das Glück überwiegt», sagt Anna Giacometti. Wenn sie ihr Tal mit Zahlen porträtiert, tönt das allerdings nicht sehr erfreulich: Die Bevölkerung stagniert seit Jahren bei rund 1500 Menschen.

Immerhin würden es nicht laufend weniger wie im Bündner Münster- oder im Calancatal, hält Giacometti entgegen. Pro Jahr kamen jüngst im Bergell etwa zwölf Kinder zur Welt. In den 1950er- und 1960er-Jahren, als das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) im Tal den Albigna-Stausee und Kraftwerksanlagen in Betrieb nahm, waren es noch über dreissig.

Seit der Ankunft der Kraftwerksbauer hat es im Tal keinen grösseren Wirtschaftsimpuls mehr gegeben. Die Gemeinde ist heute mit der Schule, dem kleinen Talspital und dem Altersheim die grösste Arbeitgeberin im Tal. Es gibt im Bergell weder eine Coop- noch eine Migros-Filiale. Der Service public zieht sich stetig zurück, bloss zwei von einst sieben Poststellen haben überlebt.

«Es geht uns trotzdem gut», sagt Anna Giacometti. Dank den Wasserzinsen des EWZ sind die Gemeindefinanzen gesund. Und es gibt 700 Jobs im Tal. Viele Bergeller pendeln für die Arbeit ins Engadin. Die Hälfte der Jobs im Tal wird – in Baufirmen, Schreinereien oder der Gastronomie – von Grenzgängern aus Italien erledigt.

Die Initiative gegen Masseneinwanderung haben die Bergeller mit 337 Ja gegen 293 Nein weniger deutlich angenommen als das Tessin. 2010 gewährten sie ihren ausländischen Mitbewohnern gar das kommunale Stimmrecht.

Politische Fronten verlaufen im Tal nicht so scharf, weil man sich kennt. Seit die Bündnerin Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat gewählt wurde, gibt es auch im Bergell SVP- und BDP-Anhänger. Eine Linke existiert nicht. Von der einstigen Lista Indipendente sind einige, so Gemeindepräsidentin Giacometti, der FDP beigetreten.

Viel zu viele Zweitwohnungen

Der Wakkerpreis tat dem Tal gut, als seine Vergabe im Januar angekündigt wurde. Umso mehr als am gleichen Tag die Nationalbank die Eurountergrenze aufhob. «Der Preis hat so den Preisschock im Tal gelindert», erzählt Anna Giacometti. Das drängendste Problem aber vermag der Preis nicht zu entschärfen.

Fast 50 Prozent der Bergeller Gebäude sind Zweitwohnungen. Massiv mehr als die noch erlaubten 20 Prozent. «Viele Wohnungen sind wegen der Abwanderung Einheimischer zu Ferien- und Wochenendwohnungen geworden. Erst mit der Initiative erhielten sie einen Namen», sagt Giacometti.

Die Gemeindepräsidentin erklärt den Cocktail von Nachteilen, der die Ortskerne zum Verstummen bringt: Die leeren Häuser bleiben in Familienbesitz. Sie sind auch deshalb nicht auf dem Markt, weil das Renovieren und Anpassen an neue Bedürfnisse und Energiestandards teurer ist als ein Neubau. Und junge Familien wollen kein enges Haus mit steilen Treppen, sondern Raum, Licht, einen Garten.

Die Zweitwohnungsinitiative verschärft die Lage in den Dorfkernen noch. Denn im ganzen Bergell gilt derzeit ein Baustopp für Ferienwohnungen. Nach dem ersten Schock sehe man doch noch eine Chance, sagt Anna Giacometti. Das nun bereinigte Bundesgesetz erlaube in «ortsbildprägenden oder geschützten Bauten» innerhalb der Bauzone neue Wohnungen ohne Nutzungsbeschränkungen.

Ställe beleben oder ersetzen?

Ein raffiniertes Beispiel hat die Wakker-Jury besonders überzeugt: Im Dorf Stampa hat der Berner Architekt André Born einen alten Stall so umgenutzt, dass man ihm das von aussen gar nicht ansieht. In die alte Mauer- und Holzstruktur hat Born wie in eine Schachtel drei Kuben für heutiges Wohnen hineingestellt, ohne den alten Geist des Hauses auszutreiben. Man tritt durch eine alte Stalltür ein, moderne Fenster sind hinter alten, drehbaren Holzbohlen verborgen.

Born hat schon mehrere alte Bergeller Gebäude subtil erneuert, immer im Teamwork mit einheimischen Handwerkern. Nicht immer subtil sind allerdings die Neubauten ausserhalb der Dorfkerne. «Durch den Wakkerpreis sind die Behörden im Tal gefordert, sich nicht nur bei alten, sondern auch bei neuen Bauten für innovative Lösungen einzusetzen», findet Born.

Alte Ställe umzubauen, hat für Armando Ruinelli etwas Museales. Der Bergeller Architekt mit kahlem Schädel empfängt zum Gespräch im modernen Anbau seines Hauses mitten in Soglio. Das Vorzeigedorf auf einer Sonnenterrasse erreicht man über die Serpentinen einer steilen Strasse.

Sie hält selbst asiatische Touristengruppen nicht davon ab, hinaufzupilgern. Kein Wunder, denn Soglio gibt mit seinen Steinhäusern, Holzställen und Von-Salis-Palazzi eine Kulisse für eine Heidi-Verfilmung ab. Ruinelli ist froh, dass der Wakkerpreis an das ganze Tal geht – und nicht dem idyllischen Soglio zugesprochen wurde, als es noch eine eigene Gemeinde war.

«Der Wakkerpreis macht erst Sinn, wenn man ihn als Aufforderung versteht, über die Zukunft nachzudenken», findet Ruinelli und macht einen überraschenden Vorschlag. Wie wäre es, die engen Dorfkerne, in denen die Häuser oft nur ein, zwei Meter Abstand voneinander wahren, zu «entdichten», indem man zerfallende Ställe durch Gärten oder gestaltete Hinterhöfe ersetzt?

Er könnte sich vorstellen, eine Alpenraum-Sommerakademie im Dorf zu organisieren, der Soglios «Entdichtung» als Projekt vorgelegt würde. Mit dem Ziel, Platz für neues Leben in den Dorfkernen zu schaffen. Allerdings rührt Ruinelli an ein Tabu, die Ställe in den geschützten Ortskernen sind unantastbar.

Kleine, aber feine Projekte

Machen sich Ruinelli und Gian Walther Sorgen um ihr Tal? Jedenfalls dann, wenn es sich nicht weiterentwickle und seine Kräfte nicht bündle, sagt Ruinelli. Gian Walther erzählt in der Osteria von Bondo die Geschichte des Basler Cyba-Laboranten Walter Hunkeler, der 1979 in einem Labor in seinem Haus in Soglio eine Rheumasalbe aus Ziegenbutteröl entwickelte.

Es war der Beginn der Soglio-Kosmetik und -Gesundheitsprodukte, die heute im Tal, wo jeder Arbeitsplatz zählt, sieben Leute beschäftigen. «Solche Nischenbetriebe brauchen wir mehr», fordert Ruinelli.

Gian Walther wünscht sich, dass der Wakkerpreis auch einen Aufschwung in den Bergeller Köpfen auslöse: «Das Tal schliesst sich zu sehr ab, es muss sich stärker als Teil eines europäischen Grossraums zwischen Mailand und St.Moritz fühlen.»

Streit um Centro Giacometti

Über den Weg der Entwicklung scheiden sich im Bergell die Geister. Das zeigt der geplante Centro Giacometti in Stampa für die dort einst heimische Künstlerdynastie. Er galt als vielversprechendes Zukunftsprojekt. Als dieses sich unter der Hand von Kulturmanagementspezialisten zum 18-Millionen-Projekt auswuchs, stiess es im Tal auf Widerspruch.

Der Centro rührt an das erwähnte Dilemma. Für die einen soll er eine dringend nötige Kraftzufuhr auslösen und Besucher anlocken. Für Skeptiker aber, zu denen Walther und Ruinelli gehören, sprengt der Centro die Dimensionen des Tals.

Der umtriebige Initiator Marco Giacometti, der Bruder der Gemeindepräsidentin, räumt ein, dass es noch kein definiertes Gebäude und keinen Eröffnungstermin gebe. Auch die Finanzierung ist ungeklärt. Man plane aber weiter und lobbyiere dafür, die Kulturveranstalter im Tal doch noch hinter der Idee zu einen. Im Mai 2016 – im Jahr mit dem 50. Todestag des weltberühmten Plastikers Alberto Giacometti – soll immerhin eine App des Centro mit ersten Inhalten und Wandervorschlägen aufgeschaltet werden.

Anna Giacometti überlässt die grossen Theorien anderen und moderiert die Normalität. Ja, das Bergell habe drängende Probleme, räumt sie zum Abschied ein. Aber Drängendes belebe. Und das Bergell habe einen grossen Vorteil: «Ein Durchgangstal kann gar nicht aussterben.» Dank dem Wakkerpreis werden zweifellos ein paar Leute mehr anhalten.

stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

Infos zur Wakkerpreis-Feier am 22. August im Bergell: www.heimatschutz.ch/wakkerpreis. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.07.2015, 11:01 Uhr

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