Wann taut dieses tiefgekühlte Jahr endlich auf?

Hintergrund-Redaktor Stefan von Bergen über den Januarblues.

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Der Januar, das ist jener endlose Monat, der manchmal bis in den April dauert. Dann, wenn es über Monate kalt, kahl und grau bleibt. In diesem Stil legt das eben angebrochene Jahr einen ruppigen Kaltstart hin. Es wirkt bis jetzt, als wäre es festgefroren, komme nicht in Fahrt und wisse nicht, wohin. Die Tage sind wie aus dem Gefrierfach, eine Hochnebeldecke verbaut im Mittelland jede Aussicht auf Besserung.

Der Winter war schon immer ein Symbol, in dem klimatische, private und politische Ungunst zusammenkommen. Der Komponist Franz Schubert taufte seinen Liederzyklus über die existenzielle Verlorenheit eines Wanderers im autoritär regierten Europa 1827 «Winterreise». Grüne Propheten nannten die ökologische Katastrophe, vor der sie in den 1980er-Jahren warnten, einen «epochalen Winter». Der Arabische Frühling von 2010 hat sich in Syrien, Libyen oder Ägypten in einen arabischen Winter verwandelt. Und die ruhende, aber immer noch explosive und unbewältigte Lage in der Ukraine, in Korea oder den Palästinensergebieten gilt als «frozen conflict» – als eingefrorener Konflikt.

Nach diesem Muster leiden wir in diesem Januar nicht bloss an einer allfälligen Grippe und an der unwirtlichen Kälte, sondern an einem allgemeinen Januarblues. Anders als in den Vorjahren wurde auf den Glückwunschkarten von Freunden und Bekannten zum Jahreswechsel das Private mit der Weltlage verbunden. Etwa in der Formel: Wir wünschen dir trotz unruhiger Zeiten viel Erfolg. Die Tischgespräche des noch kurzen Jahres drehten sich zuerst um fehlenden Schnee, dann um den Machtantritt Donald Trumps, der mit seinem «America first»-Isolationismus die Welt schreckt.

Auch die näheren Aussichten sind nicht viel besser. Die EU ist seit dem Brexit in einer Krise wie nie zuvor. In Frankreich und anderswo könnten die Populisten an die Macht kommen. Sie nutzen das nach wie vor ungelöste Flüchtlingsproblem. Präsident Erdogan baut die Türkei zur Diktatur um. Sogar die Schweiz hat Bauchschmerzen, weil sie die Migrationsfrage und ihr Verhältnis zur EU klären muss.Das traditionell im Januar stattfindende WEF in Davos litt dieses Jahr an einem Globalisierungskater und glich einem Gipfeltreffen der Ratlosigkeit.

Wenigstens ist der Januar bloss eine erste Momentaufnahme des Jahres. Ihm wohnt noch der Reiz des offenen Anfangs inne. Wenn schon im Januar die Aussichten düster sind, dürfte es immerhin ein Potenzial für positive Überraschungen geben. 2017 wird nicht plötzlich gut, aber vielleicht anders, als wir jetzt fürchten. Der Frühling kommt bestimmt. Aber mit der Wärme kommen wohl auch Unwetter und Stürme. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.01.2017, 07:38 Uhr

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