Peter Bonati warnt vor Wildwuchs der Lehrpläne

Die Anforderungen an den Gymnasien sind höchst ungleich. Das belegt Erziehungswissenschaftler Peter Bonati mit seinem erstmaligen Vergleich aller Schweizer Gymnasiallehrpläne. Für ihn ist so auch der gerechte Zugang zur Universität beeinträchtigt.

Einst der Tempel einer klassichen und einheitlichen Bildung. Heute herrscht unter Schweizer Gymnasien (hier das Kirchenfeldgymnasium in Bern) ein Wirrwar schwer vergleichbarer Lehrpläne.

Einst der Tempel einer klassichen und einheitlichen Bildung. Heute herrscht unter Schweizer Gymnasien (hier das Kirchenfeldgymnasium in Bern) ein Wirrwar schwer vergleichbarer Lehrpläne. Bild: Raphael Moser

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Der Erziehungswissenschaftler Peter Bonati (75) wohnt ausgerechnet auf Burgdorfs Bildungshügel. In der Nähe seines Hauses befinden sich das lokale Gymnasium und die Fachhochschule mit dem alten Hauptbau des Technikums. Für Bonati ist allerdings klar: In der Schweizer Bildungslandschaft verläuft der Weg vom Gymnasium an eine weiterführende Hochschule komplizierter und weniger direkt als vor seiner Haustür. «Die Gleichwertigkeit der Maturaausweise und damit ein vergleichbarer Zugang zur Universität sind heute nicht mehr gewährleistet», erklärt Bonati in seinem Wohnzimmer.

Lehrplan-Wirrwar

Der 2002 emeritierte Leiter der Gymnasiallehrerausbildung an der Universität Bern hat für sein eben publiziertes Buch die Lehrpläne von 144 der 149 Schweizer Gymnasien verglichen. Sein Fazit: Die Maturaanforderungen der Schweizer Gymnasien und damit die Vorbereitung auf ein Studium sind in hohem Masse ungleich. Mit seiner Untersuchung sticht Bonati in ein Wespennest. Denn er verlangt vergleichbare Lehrpläne sowie eine Begabtenförderung. In der föderalistischen Bildungslandschaft und in der harmoniebedürftigen Schweizer Bildungsdiskussion sind das schon Reizwörter.

Zu reden gibt derzeit der neue Volksschullehrplan, der sogenannte Lehrplan 21. Weil darin laut Kritikern abstrakte Kompetenzen ohne klare Inhalte formuliert werden. Über die Lehrpläne der Gymnasien aber existiert bis jetzt weder eine Untersuchung noch eine Debatte. Es gibt höchstens die Klage von Universitäten wie der ETH, die Maturandinnen und Maturanden seien ungenügend für das Studium gerüstet. Inwiefern der Lehrplanwildwuchs an den Gymnasien dabei eine Rolle spielt, wird nun durch Bonatis Buch erstmals erhellt.

Zuerst untersucht er, wer in den Kantonen die «Lehrplanmacht» innehat. Zwölf Kantone, vor allem in der Romandie (siehe Karte), haben einen kantonalen Lehrplan und in den meisten Fällen keine individuellen Schullehrpläne der einzelnen Gymnasien. Zu ihnen gehört der Kanton Bern, dessen Lehrplan für Bonati im Vergleich «gut abschneidet».

Die Gymer-Lehrplantypen der Kantone

Neun Kantone – vor allem der Nordost- und der Zentralschweiz – kennen wie der Kanton Zürich nur autonome Schullehrpläne. Bonati hält dieses Modell für die «wohl wichtigste Ursache ungleicher Leistungsanforderungen». Fünf Kantone haben autonome Schulpläne, die sich aber noch an einen übergeordneten Rahmenlehrplan halten müssen.

Vage Ziele statt Inhalte

In einem zweiten Durchgang ­eruiert Bonati, ob in den Lehrplänen Fachinhalte oder Lernziele Vorrang haben. Das Ergebnis: 13 Kantone (GE, NE, FR, BE, LU, ZH, ZG, SZ, UR, GL, SG, GR, TI) haben mehrheitlich ein Lernzielprimat, nur drei Kantone (AG, BS, SO) und ein paar Einzelgymnasien in anderen Kantonen dagegen ein Inhaltsprimat. Die restlichen zehn Kantone haben ein anderes Modell.

Bonati will nicht das eine Modell gegen das andere Modell ausspielen. Für problematisch hält er, wenn bloss Lernziele formuliert werden, die nicht durch verbindliche Fachinhalte konkretisiert werden. Oder umgekehrt: wenn losgelöste Inhalte nicht mit Lernzielen verbunden sind.

Bonati zeigt zudem auf, dass für die Fächergruppe der Mathematik und der Naturwissenschaften in 89 Prozent aller Schweizer Gymnasiallehrpläne «ausreichend konkrete Fachinhalte» formuliert werden. Bei den Geistes- und Sozialwissenschaften beträgt dieser Anteil 73 Prozent, bei den Sprachen nur noch 38 Prozent. Bei Sprachfächern und im Literaturunterricht beobachtet Bonati am meisten abstrakte Leerformeln. Da ist etwa die Rede von einer «Einordnung in literaturgeschichtliche und gesellschaftliche Zusammenhänge», ohne dass konkrete Grundbegriffe, Epochen oder literarische Werke genannt werden.

Ein guter Lehrplan formuliert für Bonati auf transparente Weise Anforderungen, die sich so vergleichen lassen, dass unter den Gymnasien Chancengleichheit herrscht. «Gerade in den Sprachfächern aber sind die Lehrpläne oft vage und unverbindlich», moniert er.

«Insel der Seligen»

Kann Bonati Kantone oder Gymnasien nennen, die legerer sind als andere und für die Matura weniger hohe Leistungen verlangen? «Nein, das kann ich nicht», sagt Bonati. Das sei eine Frage der Qualität des Unterrichts, und die ergebe sich aus der konkreten Arbeit der Lehrerin oder des Lehrers mit der Schulklasse. Grundlage dafür sei aber ein guter Lehrplan.

Ein Fazit kann Bonati dennoch ziehen: «Das Gymnasium hat seine ursprüngliche Position eingebüsst und keine neue gewonnen.» Er sieht die Mittelschule als eine «Insel der Seligen», als eine zwar gehobene Allgemeinbildungsstätte, die aber ihre klare Ausrichtung verloren hat. In der Tat hat die gymnasiale Matur in den letzten zwanzig Jahren Konkurrenz erhalten von der Berufsmatura oder der Fachmatura, die an Fachmittelschulen erworben werden kann.

Bonati appelliert deshalb an die Gymnasien, dass sie sich wieder dezidierter «reprofilieren mit einer anspruchsvollen Allgemeinbildung und durch eine Ausrichtung auf eine Begabtenförderung mit dem Ziel eines Universitätsstudiums».

Fordert Bonati einen nationalen Einheitslehrplan auf der Gymnasialstufe? «Nein, ich stelle weder die Tradition der kanto­nalen Bildungshoheit noch die Autonomie der einzelnen Gymnasien infrage», erwidert er. Er schlägt einen Ausgleich zwischen Homogenität und Autonomie vor, damit die Anforderungen national vergleichbar sind. Das will er mit einer «mittleren Regulierungsdichte» erreichen: «In den Lehrplänen könnten verbindliche inhaltliche Säulen definiert werden, die aber der einzelnen Schule viel Gestaltungsspielraum lassen.»

Obsoleter Bildungskanon?

Ist Bonati ein Konservativer, der im 21. Jahrhundert zum guten alten Stoffkanon vorgeschriebener Lerninhalte zurückkehren will? Er sei sich solche Kritik gewohnt, sagt Bonati, lächelt und holt nun etwas aus: «Die ersten Gymnasiallehrpläne waren vorzugsweise Stoffpläne. Spätestens seit dem Didaktikboom der 1970er-Jahre dominieren nun Lernziele und Kompetenzen.» Er verhehlt nicht, dass das Pendel in seinen Augen wieder ein wenig auf die Inhaltsseite zurückschwingen sollte.

Kompetenzen gegen Inhalte – diesen starren Gegensatz in der Debatte über den Lehrplan 21 hält er aber für unfruchtbar. Er plädiert vielmehr für ein Zusammenspiel von Inhalten und Lernzielen, von fachlichen und überfachlichen Kompetenzen. In der pluralistischen Gesellschaft der Gegenwart könne man sich nicht mehr auf einen normierten Kanon starrer Bildungsinhalte einigen, sagt die pädagogische Fortschrittsfraktion.

Bonati aber findet: «Wir müssen uns einer Kanondiskussion stellen.» Gerade in der Unübersichtlichkeit des Internets und in der Flut der Fake-News zählten Orientierung, Einordnung, Gewichtung.

Zerstückeltes Wissen

Müssen wir im Zeitalter der Instant-Wissensbeschaffung auf Wikipedia überhaupt noch Begriffe und Inhalte pauken? Bonati räumt ein, dass sich die Wissensaneignung verändert habe. Er staunt, wie locker und situativ Kinder und Jugendliche heute lernen. Er spricht von «Schmetterlingspädagogik»: «Sie schweben von einer Blüte zur anderen.»

Und doch bleibt Bonati skeptisch, wie gefestigt und nachhaltig so angeeignetes Wissen wirklich sei. In seinen Augen bleiben strukturelle Grundlagen der Grammatik, klare Begriffe oder ein historisches Gerüst unabdingbar dafür, das auf Schmetterlingsflügen eingesammelte Wissen einordnen und anwenden zu können.

Schulbücher statt Lehrplänen?

Überschätzt Bonati am Ende die Wirkungskraft von Lehrplänen? «Man kann natürlich fordern: Weg mit den Lehrplänen! Aber was wäre dann die Alternative? Sollen etwa Schulbücher die Inhalte vorgeben?», fragt er. Und verweist darauf, dass Unternehmen der Nahrungsmittel- oder Informatikbranche mit gesponserten Schullehrmitteln ihre wirtschaftlichen Interessen im Schulalltag platzieren wollen. Für Bonati ist deshalb klar: «Das Steuerungsinstrument des Lehrplans ist unabdingbar, und es muss in der Hoheit der Öffentlichkeit, des Staates bleiben.»

18 Kantone haben von 2006 bis 2015 ihre Gymnasiallehrpläne revidiert, weiss Bonati. Die Zeit der Lehrpläne ist offenbar noch nicht vorbei. In Leserbriefen in der NZZ hat man Bonati als Lehrplangleichschalter kritisiert. Gleichzeitig wird er nun von den kantonalen Mittelschulämtern, der Erziehungsdirektorenkonferenz und der Schweizerischen Maturitätskommission als Referent eingeladen. Peter Bonati hat mit seinem Buch offenbar einen wunden Punkt getroffen.

Das Buch. Peter Bonati: «Das Gymnasium im Spiegel seiner Lehrpläne», hep-Verlag, 248 Seiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.10.2017, 16:40 Uhr

Erziehungs-wissenschaftler Peter Bonati. (Bild: zvg)

Matura-Lehrpläne

Haben Gymnasien mit vagen, unverbindlichen Lehrplänen weniger erfolgreiche Maturanden und Maturandinnen? Diese Vermutung liesse sich erst durch eine Messung der Schülerleistungen belegen. Solche Untersuchungen sind aber rar. Nicht zuletzt deshalb, weil die Gym­nasien die Aussagekraft vergleichender Ratings anzweifeln und als Gleichmacherei betrachten.

So jedenfalls reagierten die Gymnasialrektoren auf die 2009 publizierte Untersuchung «Maturanoten und Studienerfolg» der ETH Zürich. Sie verglich bei 5261 ihrer Absolventen und Absolventinnen im Zeitraum 2004 bis 2007 den Notenschnitt bei der ETH-Basisprüfung ein Jahr nach Studienbeginn mit dem Maturanotenschnitt. Dabei zeigte sich: Maturanden mit den Schwerpunktfächern Physik/Mathematik sowie Latein/Griechisch schlossen die Basisprüfung am besten ab.

Die ETH erstellte ein Rating von 61 Schweizer Gymnasien. Es wurde angeführt von der Kantonsschule Rychenberg in Winterthur und dem Gymnasium Liestal. Unter den Top Ten waren Gymnasien der Kantone Zürich, Baselland, Aargau, Luzern und Thurgau. Die Gymnasien Kirchenfeld und Neufeld in Bern sowie das Gymnasium Thun belegten die Ränge 11, 12 und 15.

Den erfolgreichsten ETH- Zulieferschulen kann aber nicht nur eines der drei Lehrplanmodelle zugeordnet werden, wie sie Erziehungswissenschaftler Peter Bonati in seinem Buch definiert. Aus ETH-Perspektive sind sowohl Gymnasien mit kantonaler Regelung wie auch solche mit Lehrplanautonomie erfolgreich.

2013 fragte auch die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung nach den Maturaleistungen, als sie die Gründe von Studienabbrüchen erforschte. Ihre Erkenntnisse: Wer gute Maturaleistungen in Mathematik und der Erstsprache hat, bricht das Studium seltener ab. Und: Die Kantone mit einer hohen gymnasialen Maturaquote von 23 bis 30 Prozent (BS, GE, TI, VD, NE, FR) verzeichnen nicht automatisch mehr Studienabschlüsse. Strengere Kantone mit tieferer Maturaquote schneiden bei den Pisa-Tests gar besser ab.

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