«Menschlichkeit und Solidarität haben gelitten»

In seinem neusten Roman «Elefant» verknüpft Martin Suter globale Wissenschaftskriminalität mit dem Milieu der Obdachlosen. Ein ­Gespräch über Nutzen und Schaden der Gentechnik, die Zwietracht der Rechten und gute Geschichten.

«Wenn man die Welt realistisch beschreibt, wird es sofort kritisch»: Martin Suter (68).

«Wenn man die Welt realistisch beschreibt, wird es sofort kritisch»: Martin Suter (68). Bild: Mario Heller

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Herr Suter, liegt Ihnen Ihre Tochter in den Ohren, Sie sollten ihr einen rosa leuchtenden Elefanten nach Hause bringen?
Martin Suter: (lacht) Ich sage ihr, sie müsse mein neues Buch lesen. Dann wüsste sie, warum ich das nicht tue.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen rosa Elefanten ins Zen­trum Ihres Romans zu stellen?
Vor zehn Jahren war ich bei einem Alzheimerkongress. Ein Forscher sagte mir, es sei kein grösseres Problem, einen kleinen, rosaroten Elefanten gentechnisch herzustellen. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Der Charmefaktor dieses Tiers hat also auch Sie gepackt.
Ja, es hat mich auch bezaubert.

Wie nah an der Realität ist der leuchtende Elefant heute?
Farbig leuchtende Tiere werden gentechnisch hergestellt. Es gab sogar einen Nobelpreis für die Forschung über «Glowing ani­mals». In der Forschung nutzt man die Technik, um zu sehen, welche Zellen man behandelt hat. Es sind Markierungsstoffe.

Dann ist auch der Weg zu Tieren im Spielzeugformat nicht mehr weit.
Die Chinesen züchten Zwergschweine als Versuchstiere. Weil sie klein und herzig sind, ist man auf die Idee gekommen, diese Zwergschweine als Haustiere zu verkaufen. Ich habe auch Bilder von grün leuchtenden Schweinen gesehen. Wenn man alles zusammenbringen würde, könnte man zumindest eine winzige, grün leuchtende Sau machen.

Das Parlament verhandelt derzeit das Gentechmoratorium, das den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen untersagt. Ist es Absicht, dass Sie das Thema jetzt aufgreifen?
Nein, ich time ein Buch nicht und überlege mir auch nicht, was ich für ein Thema aufgreifen könnte. Ich versuche, Geschichten zu erzählen. Das rosarote Elefäntlein hat mich immer als Geschichte interessiert. Ich habe mir vorgestellt, wie ein Alkoholiker oder ein sehr verkaterter Mensch reagieren würde, wenn er plötzlich vor so einem Elefäntlein steht.

Das sprichwörtliche «seeing pink elefants».
Im angelsächsischen Raum redet man von «pink elefants», bei uns von weissen Mäusen. Ich bin aber auch nicht vom Sprichwort ­ausgegangen. Ich habe mir eine Situation vorgestellt, in der eine solche Begegnung stattfinden könnte.

Seit dem Moratorium von 2005 wurde es in der Öffentlichkeit eher still um Gentechnik.
In der Wissenschaft ist die Gentechnik ein sehr grosses Thema. Sie wird auch im grossen Stil betrieben, vor allem in China und in den USA. Aber Sie wissen ja, wie es mit den Themen ist. Als man die leuchtenden Tiere machen konnte, sah man das jedoch schon in den Medien. Aber klar, die Gentechnikindustrie arbeitet lieber diskret.

Missbrauch gibt es sicher auch.
Es ist eine Tatsache: Was man machen kann, macht man. So wie man sagen kann, dass passiert, was passieren kann. Das sehen Sie bei der Kernenergie. Der GAU und der Super-GAU sind beide schon vorgekommen. Und man findet ja nicht eine Technik ­heraus, um sie dann nicht anzuwenden. Es gibt keine Vorschrift, über die man sich nicht hinwegsetzt auf der Welt.

Eine Schreckensvision sind Datenbanken, die angelegt werden dazu, gezielt biochemische Waffen zu entwickeln.
Ich wüsste nicht, dass so etwas gemacht wird. Aber es wäre möglich. China hat das Ziel, Datenbanken von allen Einwohnern anzulegen, also das komplette Erbgut von allen zu erfassen. Und es gibt Fabriken, die Gencodes entschlüsseln. Sehr oft werden vom Westen Proben nach China geschickt, weil dort der genetische Code schneller und billiger entschlüsselt werden kann.

Gencodes von Menschen?
Das ist gang und gäbe, auch im Westen. Nicht nur bei Kriminalfällen, auch in der Medizin.

Wo liegen für Sie die Grenzen dessen, was man mit Gentechnik machen sollte?
Wenn sie angewendet wird, um Krankheiten zu verhindern oder zu heilen, kann man schlecht etwas dagegen haben. Also wenn der Zweck ein hehrer ist, heiligt er, glaube ich, schon das Mittel. Aber wenn der Zweck ein frivoler ist, wie eben ein Spielzeug herzustellen oder Designmenschen, ist diese Technik sicher zweifelhaft.

Die Grenze liegt beim Tier?
Schon auch beim Menschen. Man wird bald Organe im Labor herstellen können. Das würde dann das ganze Organspendethema obsolet machen. Es ist eine gru­selige Vorstellung, aber die Organtransplantation ist ja auch etwas gruselig. Und doch war ich auch schon froh, hat die Wissenschaft nicht im neunten Jahrhundert aufgehört zu forschen.

Das sind wir alle. Aber ich meinte, ob für Sie die Grenze da liegt, dass man keine Tiere verändert.
Auch dort ist es schwierig. Fraglich wird es schon dabei, gentechnisch Zellen immun gegen beispielsweise Krebszellen zu machen. Man muss das sicher sehr gut regulieren. Und gleichzeitig kann man es noch so gut regulieren, es wird dann doch gemacht.

Im Buch wird unethisches Handeln mit unethischem Handeln bekämpft. Sind Sie grundsätzlich skeptisch gegenüber staatlicher Regulierung?
Das ist die Geschichte. Sonst ­gehöre ich nicht zu denen, die ­sagen, man solle das Gesetz in die eigenen Hände nehmen. Also ­ruhig zur Polizei, wenn eingebrochen worden ist.

Kann man mit Respekt gegenüber dem Tier dem technisch Machbaren Grenzen setzen?
Es hat mit der Würde des Wesens zu tun. Aber es gibt verschiedene Perspektiven. Die rein kom­merzielle, die von denen, die ein Tier herzig finden und wollen, dass ihm nichts passiert, dann gibt es auch diejenigen, die es als etwas Heiliges verehren. Mich haben die verschiedenen Blickwinkel interessiert.

Im Buch schlagen Sie einen grossen Bogen von globaler Wissenschaftskriminalität zu Randständigen. Was hat sie ­daran interessiert?
Es geht um ein gigantisches ­Geschäft. Und es sind Leute, die überhaupt nichts haben und ganz unten leben müssen, die das ­verhindern können.

Kennen Sie Obdachlose in ­Zürich?
Für meinen Roman «Lila, Lila» habe ich mich schon einmal mit dieser Szene befasst. Aber sonst kenne ich sie so, wie wir sie alle kennen. Ich kaufe immer die Strassenmagazine. Und ich bin an eine Führung gegangen, die der Verein Surprise in dieser ­Szene macht. Mit denen, die die Führung gemacht haben, habe ich heute noch Kontakt.

Hatten Sie keine Berührungsängste?
Nein. Eher sie. Sie haben mir gesagt, ich solle nicht im Anzug zu der Führung kommen. (lacht)

Im Buch gibt es eine Figur, die einem Obdachlosen anders begegnen kann, als er in frischen Kleidern steckt. Kennen Sie das?
Der Verein Surprise hat einmal eine Kampagne gemacht, bei der sie Strassenverkäufer in Anzüge kleideten. Ich glaube schon, dass wir sehr auf Äusserlichkeiten achten. Das ist tief verankert.

Gibt es etwas, das Sie in der ­Szene überrascht hat?
Überrascht hat mich das dichte Netz, das diese Leute in der Stadt Zürich haben. Der Staat könnte mehr machen, aber sehr viele private oder kirchliche Organisationen sind sehr effizient.

Die Randständigen haben also ein recht strukturiertes Leben?
Es könnte zumindest so sein. Nur leben diese Leute nicht sehr strukturiert. Aber sie müssen nicht hungern. Und eine minimale Grundversorgung ist gewährleistet.

Es gibt durchaus Leute, die einen mehr oder weniger bewussten Entscheid getroffen haben, so zu leben.
Dass man in einer Krise oder in einer Ballung von Krisen den Bettel hinschmeisst, ist glaube ich ­etwas Typisches. Schwierig ist es, dann nicht mit dem Leben vom Clochard zu liebäugeln. Oder zu sagen: «Jetzt, wo die Beziehung in die Brüche gegangen ist, kann ich leben, wie ich will, und muss nicht mehr einen Haufen Geld verdienen.» Solche Leute habe ich kennen gelernt.

Leute, die dieses Leben roman­tisieren?
Oder auch solche, die es provozieren – wie ein Kind, das Streit mit den Eltern hat und sagt: «Jetzt laufe ich davon und dann sehen wir, wie traurig sie sind.» Ich glaube der Schritt in diese Welt ist meistens das Resultat von widerlichen Umständen und einem ei­genen Entschluss. Und der Schritt heraus ist dann schwierig oder fast unmöglich. Aber es ist auch nicht das Thema des Buches. Es muss vorkommen, weil in dieser Szene die Begegnung stattfindet.

Was ist das Thema des Buches?
Ich schreibe eigentlich nicht Bücher mit Themen, ich suche keine Themen. Aber meine Geschichten finden dann immer selber ein Thema. Jedes Buch sucht sich sein eigenes Thema.

Sie haben gesagt, das Schreiben helfe Ihnen, strukturiert über etwas nachzudenken. Worüber haben Sie bei diesem Buch am meisten nachgedacht?
Das meinte ich eher technisch. Mir geht es so: Wenn ich einfach dasitze und mir etwas ausdenke, wird es schnell einmal chaotisch. Meine inneren Monologe schreibe ich gerne als Dialoge mit einer fiktiven Person oder mit mir selber auf. Ich schreibe dann richtig: Wie geht es weiter? Können sie das machen oder das? Nein, das wäre falsch, eher das. Aber es ist nicht so, dass ich über die Welt nachdenke und es, um es besser tun zu können, schriftlich mache.

Sie sehen sich nicht als politischen Autor. Trotzdem fällt auf, dass ihr neues Buch Werte vertritt.
Das tun glaube ich alle meine Bücher ein Stück weit. Das letzte sicher, das vorletzte . . . (überlegt) Ich bin zwar kein politischer Autor, aber ich bin ein politischer Mensch. Ich habe meine ganz ­festen Ansichten. Aber meine Bücher sind nicht Mittel, um eine Erkenntnis in die Welt zu tragen. Ich sehe mich als Geschichtenerzähler, der eine Geschichte ­erzählt, die auf der ersten Seite anfängt und auf der letzten Seite aufhört. Und wenn sie darüber ­hinauswirkt, dann habe ich auch nichts dagegen. Aber es ist nicht der Sinn.

Worum geht es Ihnen?
Ich lege Wert darauf, dass die ­Geschichten in einer wirklichen Welt spielen. Wenn der Grund realistisch aufbereitet ist, kann man viel glaubwürdiger anfangen zu fantasieren. Dann sind auch die Fantasien glaubwürdig. Und wenn man die Welt realistisch ­beschreibt, wird es sofort kritisch. Oder vielleicht auch politisch. Einfach durch das realistische Beschreiben der Welt.

Der Roman hat aber auch etwas Märchenhaftes – auch wegen der Werte.
Weil Märchen immer sehr moralisch sind? (überlegt) Da haben Sie schon recht. Es geht natürlich um ethische Fragen. Sie werden manchmal auch diskutiert von den Protagonisten. Das ist unvermeidlich. Ich will es so sagen: Es ist nicht mein Ziel, aber ich gehe dem auch nicht aus dem Weg. Die Werte kommen vor, sie werden in dem Buch auch von verschiedener Seite mit unterschiedlichen Standpunkten diskutiert.

Und die Geschichte hat ein Ende.
Ja, und es ist auch klar, welche Protagonisten mir sympathisch sind und welche nicht.

Kann man mit Geschichten ­Mitgefühl schulen?
Das glaube ich nicht, nein. Aber ich finde auch, dass Schulen nicht die Aufgabe eines Schriftstellers ist. Ich will unterhalten. Und zwar, weil für mich unterhalten auch etwas Ehrwürdiges ist, etwas, das man respektieren muss. Die grössten Schriftsteller haben mich wunderbar unterhalten.

Andererseits kommen Werte wie Menschlichkeit heute sehr unter Beschuss.
Es gibt ja auch den entsetzlichen Ausdruck «Gutmensch» . . .

Betrachten Sie sich als ­Gutmenschen?
. . . das finde ich einen der zynischsten Begriffe in den letzten zwanzig Jahren. Er wird ja immer abschätzig verwendet. Angefangen hat es mit der Spaltung der Schweiz, mit dem Grundkonsens, der vor allem von der SVP kaputtgemacht wurde. Heute ist es fast ein salonfähiger Begriff geworden: Gutmenschen.

Aber die Werte, die dahinter­stehen, das sind schon solche, für die man einstehen kann.
Ja, klar. Menschlichkeit und Solidarität haben sehr gelitten und tun es weiterhin. Das hat auch damit angefangen, dass in der Wirtschaft der Erfolg eines Unternehmens am Wert der Aktien gemessen wurde. Es ging nicht mehr ­darum, dass möglichst viele Leute einen Job haben und dass man möglichst tolle Dienstleistungen und möglichst tolle Produkte hervorbringt und davon ausgehen konnte, man würde dann auch genug daran verdienen.

Sie waren ja früher in der SP.
Ich habe auch bei Kampagnen ­geholfen. Aber als ich nach Guatemala gezogen bin, wurde ich Auslandschweizer.

Das sind Sie jetzt nicht mehr, seit 2014 wohnen Sie ja wieder vor allem in der Schweiz.
Aber jetzt würde ich nicht mehr in die SP zurück. Ich habe durchaus Sympathien für gewisse Anliegen der Liberalen und bin nicht wie früher ein in der Wolle gefärbter Linker. Wo ich links gleichsetzen kann mit einer anderen Art, die Sachen zu sehen oder Probleme anzuschauen, kann ich mich damit identifizieren. Aber man muss auch sagen, dass heute links eine sehr konservative Art sein kann, Probleme anzuschauen. Deshalb sage ich, ich bin anti-rechts – gegen alles, das so kalt und Zwietracht säend ist. Jetzt haben Sie mich aber zu Sachen verlockt, die ich sonst nicht thematisiere in einem Literaturinterview. (lacht) Wenn ich gefragt werde, sage ich schon, wo ich stehe. Aber es ist nicht mein Thema. Mein Thema sind Geschichten.

Sind Sie zukunftspessimistisch?
Müsste ich eigentlich sein. Aber ich habe einen Grundoptimismus, bei dem ich nicht weiss, woher er kommt. Vielleicht ist es ­etwas Genetisches und zum Glück hat man die Gene nicht ­manipuliert. Irgendetwas bringt mich dazu, dass ich jeden Morgen für meine Familie fast zu fröhlich aufstehe und optimistisch in die Zukunft schaue – mit oder ohne Grund.

«Elefant»: Martin Suter, Diogenes, 352 Seiten. Erscheint am 18. Januar. Lesung: 22. Februar, Kaufleuten, Zürich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.01.2017, 11:44 Uhr

Martin Suter im Gespräch

Die Zeit ist vorgerückt, der vereinbarte Termin schon vorbei, doch Martin Suter kommt nicht. Dann ruft er an, entschuldigt sich. Er war automatisch zu seinem Verlag gefahren, das Treffen jedoch war in einem Hotel in der Zürcher Altstadt vereinbart. Mit einer Viertelstunde Verspätung kommt der Autor doch noch zur Tür herein. Er ist eine zurückhaltende Erscheinung, spricht sehr leise, aber angenehm langsam, lächelt oft verschmitzt und antwortet zuvorkommend. So ist es für ihn auch keine Frage, sich eine Viertelstunde länger als vereinbart löchern zu lassen. Selbst wenn er lieber über Bücher und Literatur als über seine Weltanschauungen spricht.
Martin Suter ist 1948 geboren. Der erfolgreichste Schweizer Autor arbeitete als Werbetexter, machte sich mit seiner Kolumne «Business Class» einen Namen und publizierte 1997 seinen ersten Roman «Small World». Lange lebte er zwischen Guatemala und Ibiza, seit 2014 ist er zurück in Zürich. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat eine 10-jährige Adoptivtochter.

«Elefant» ist Suters zehnter Roman. Er selbst sieht ihn als eine Art Hommage an das ­Science-Fiction-Genre – auch wenn die imaginierte Zukunft nicht fern liegt. Ins Zentrum des Buches stellt er einen genmanipulierten Minielefanten. Um das rosa leuchtende Tier hat er eine raffiniert geplottete Abenteuergeschichte gebaut, und er verknüpft darin globale Wissenschaftskriminalität mit dem Milieu von Obdachlosen.

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