«Ich glaube, wir müssen eine fachliche Diskussion führen»

Seit einem Vierteljahrhundert schaut Monica Kissling alias Madame Etoile für die SRF-3-Hörer in die Sterne. Am Montag geht ihre letzte Sendung über den Äther. Höchste Zeit für ein ausführliches Gespräch.

Monica Kissling: «Der Schweizer Astrologenbund hat die Kriterien für seriöse Astrologie in einem Ethikkodex
definiert. Daran halte ich mich.»

Monica Kissling: «Der Schweizer Astrologenbund hat die Kriterien für seriöse Astrologie in einem Ethikkodex definiert. Daran halte ich mich.» Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press

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Frau Kissling, Sie müssen sich seit 25 Jahren für Ihren Beruf rechtfertigen. Das muss anstrengend sein.
Monica Kissling: In meinem Beruf bin ich ständig herausgefordert, das stimmt. Astrologie ist ein Thema, das polarisiert. Ich rechtfertige mich aber nicht. Es gibt Leute, die sich für das interessieren, was ich tue. Und dann gibt es Leute, die alles anzweifeln. Mit ihnen gebe ich mich nicht ab. Ich habe keine missionarische Ader. Jeder kann von der Astrologie halten, was er will.

Und trotzdem wollen alle mit Ihnen über die Seriosität Ihrer Arbeit diskutieren.
Der Schweizer Astrologenbund hat die Kriterien für seriöse Astrologie in einem Ethikkodex definiert. Daran halte ich mich und stehe als Vizepräsidentin auch ­öffentlich dafür ein. Astrologie ist keine Glaubensfrage, sondern eine der ältesten Wissenschaften überhaupt. Anhand der Sterne lassen sich Aussagen über die Persönlichkeit eines Menschen machen und über zeitliche Vor­aussetzungen. Die Sterne können aber nicht zeigen, wie etwas herauskommt. Das liegt in unserer persönlichen Verantwortung. Ich vergleiche die Sternenkarte gern mit einer Landkarte. Sie bietet Orientierung, sagt einem aber nicht, welchen Weg man wählen soll.

Wie viele Kritiker konnten Sie im Laufe der Jahre davon überzeugen, beim Finden ihrer Wege auf die Sterne zu achten?
Keine Ahnung. Leute, die denken, Astrologie sei Humbug, kann man nicht vom Gegenteil überzeugen. Die wollen es so sehen, wie sie es sehen, und sind nicht an einem Dialog interessiert.

Was ist das Schlimmste, das Sie sich von diesen Leuten anhören mussten?
«Scharlatan» ist schon recht schlimm, finde ich. Das wäre ein Grund für eine Klage wegen übler Nachrede, weil der Begriff suggeriert, dass man Leute übers Ohr hauen will. Es gibt fanatische Gegner der Astrologie, die sich daran stören, wenn man als Astrologin öffentlich auftritt und das erst noch auf einem durch ­Gebührengelder finanzierten Sender. Es gab sogar mal eine Petition von Astrologiegegnern, die meine Absetzung forderte.

«Scharlatan» wäre ein Grund für eine Klage wegen übler Nachrede, weil der Begriff suggeriert, dass man Leute übers Ohr hauen will.»

Es muss Sie stolz machen, dass Sie trotzdem 25 Jahre lang auf einem öffentlich-rechtlichen Sender eine Astrologiesendung machen durften.
Ich gebe zu, dass das stimmt. SRF ist als Plattform sehr attraktiv.

Wie hat sich Ihre Arbeit für das Radio seit 1991 verändert?
Massiv. Als ich anfing, brach gerade der Golfkrieg aus. Ich äusserte mich damals auch zu politischen Fragen. Das darf ich längst nicht mehr. Es gibt heute viel striktere Leitplanken.

Ihre Show ist seichter geworden.
Es gab Einschränkungen, ja. Für mich ist das aber okay. Die Beiträge wurden auch immer kürzer. Früher dauerte eine Wortsendung sechs Minuten oder länger, heute heisst es, mehr als zweieinhalb Minuten könne man dem Hörer nicht zumuten. In ein solches Format kann man keine Politik packen. Ich betrachte meine Sendung als eine Mischung aus Information und Unterhaltung. Ich habe aber andere Möglichkeiten, etwa auf Telezüri, wo ich alle drei Monate im «Astro-Talk» zu Gast bin. Dort ist Raum für politische Fragen. Vor ein paar Wochen habe ich in dieser Sendung den Brexit vorausgesagt.

Monica Kissling: «Der Schweizer Astrologenbund hat die Kriterien für seriöse Astrologie in einem Ethikkodex definiert. Daran halte ich mich.» Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press

Haben Sie sich gefreut, als Sie recht bekamen?
Ich war gespalten. Ich hätte lieber keinen Brexit gehabt, aber dass ich recht hatte, war eine Bestätigung für meine Arbeit. Letztlich ist es aber so, dass niemand die Zukunft kennt, auch ich nicht. Das Studium der Zyklen erlaubt es, Hypothesen aufzustellen. Auch andere Experten stellen aufgrund ihrer fachspezifischen Daten Prognosen. Politologen etwa, oder das Seco. Prognosen sind Hypothesen. Manchmal sind sie falsch.

Ihre sind oft richtig.
Ja. Ich beobachte seit 30 Jahren das Weltgeschehen und überprüfe jede Woche, welche einschneidenden Ereignisse es gegeben hat und unter welchen Konstellationen sie stattgefunden haben. Ich weiss mittlerweile genau, wann zum Beispiel Firmenfusionen klappen oder wann das Risiko für Unfälle hoch ist. Die lange Erfahrung hilft beim Erstellen von Prognosen.

Und was war Ihr grösster Fehlschuss?
Die gab es auch, immer wieder. Bei Wahlen zum Beispiel. Ich ­habe 2010 gesagt, dass Johann Schneider-Ammann nicht in den Bundesrat gewählt wird. Ich fand, dass seine Konstellationen einfach zu schwach sind für einen Bundesrat. Das war immerhin nicht ganz falsch, weil man ihn zu Beginn im Amt kaum wahrgenommen hat.

Sie sagen, es gebe für alle Ereignisse gute und schlechte Konstellationen am Himmel. Wenn dem so wäre, könnte man jedes Mal den Sternen die Schuld geben, wenn etwas im Leben nicht klappt. Eine billige Ausrede.
(überlegt lange) Ich glaube, jetzt müssen wir eine fachliche Diskussion führen.

Bitteschön.
In der Astrologie gehen wir ganz kurz gesagt nicht davon aus, dass die Sterne etwas Gutes oder Schlechtes mit uns machen. Die Sterne zeigen die Voraussetzungen. Entscheiden, ob ich etwas tue oder nicht, muss ich immer selber.

«In der Astrologie gehen wir nicht davon aus, dass die Sterne etwas Gutes oder Schlechtes mit uns machen.»

Was tun Sie denn, wenn Sie einen wichtigen Termin haben und sehen, dass die Konstellationen dafür schlecht sind?
Echt einschneidende Ereignisse wie eine Operation oder ein Immobilienkauf würde ich nach Möglichkeit verschieben. Wenn ein Kunde von mir zum Beispiel heiraten möchte und es am Hochzeitstag einen rückläufigen Merkur gibt, lauern Missverständnisse und organisatorische Pannen. Dinge, die man an einer Hochzeit nicht möchte. Terminselektion ist ein sehr wichtiges Gebiet meiner Tätigkeit. Ich suche zum Beispiel für Menschen, die eine grössere Operation vor sich haben, einen guten Termin. Und ich habe bisher ausschliesslich positive Rückmeldungen.

Wie viel kostet eine solche ­Terminfindung?
Einen Operationstermin bestimme ich für etwa 300 bis 500 Franken. Ich verrechne immer nach Aufwand.

Man hört, SRF habe Ihre ­Sendung abgesetzt, weil Sie zu teuer sind.
Das stimmt nicht.

Wie viel haben Sie pro Sendung kassiert?
Das möchte ich nicht sagen. Aber ich war definitiv nicht so teuer, dass die Einstellung meiner Sendung ein relevanter Punkt im Sparprogramm von SRF sein könnte.

Die Absetzung hat Sie gewurmt.
Nein. Ja. Jein. Für mich war es immer eine Option, aufzuhören, nach 10 Jahren, nach 15, nach 20, ehrlich. Ich habe aber immer so viel positives Feedback erhalten, dass ich fand, ich mache weiter. Aber ­irgendwann ist es wirklich Zeit, aufzuhören. Ich nehme den Entscheid von SRF nicht persönlich. Es ist ja nicht so, dass ich ersetzt werde. Astrologie ist einfach kein Programmpunkt bei SRF mehr.

Nach einem Vierteljahrhundert ist auf SRF 3 Schluss mit der Sendung von Monica Kissling. Quelle: Flurin Bertschinger/Ex-Press

Zwei Tage, bevor SRF die Absetzung Ihrer Sendung kommunizierte, sagten Sie in ebendieser, in dieser Woche müssten wir Farbe bekennen. Und, wörtlich: «Um den heissen Brei herum­reden geht nicht, Probleme beschönigen oder Informationen zurückhalten ebenso wenig.»
Ehrlich?

Ja.
Das ist lustig, aber ein Zufall. Ich konnte nicht aussuchen, wann die Absetzung kommuniziert wird. Das hat SRF entschieden.

Madame Etoile auf SRF 3 ist Geschichte. Was haben Sie jetzt vor?
Seit 30 Jahren sage ich, dass ich weniger arbeiten möchte. Dass ich jetzt einen Redaktionsschluss pro Woche weniger habe, gibt ein bisschen Freiraum. Langweilig wird mir aber sicher nicht. Es gibt neue Projekte, ausserdem mache ich laufend Beratungen, halte ­Referate, und arbeite für diverse Unternehmen.

Sie beraten mächtige Leute, heisst es.
Mächtige Leute? Das klingt gut! Es sind viele Menschen in wich­tigen Positionen. Zu mir kommen hauptsächlich Geschäftsleute, viel Kader, mit ihnen mache ich Standortbestimmungen, eruiere, ob es sinnvoll ist, eine Firma zu übernehmen, solche Dinge. Und es gibt auch Politiker, die meinen Rat suchen.

«Zu mir kommen hauptsächlich Geschäftsleute, viel Kader. Und es gibt auch Politiker, die meinen Rat suchen.»

Wer zum Beispiel?
Vor allem SVP-Mitglieder. Man würde ja eher vermuten, dass Politiker aus der alternativen Ecke zu mir kommen, aber das Gegenteil ist der Fall. Die überwältigende Mehrheit ist in der SVP und in der FDP.

Verraten Sie einen Namen!
Nein, nein, nein. Das gehört auch zum Ethikkodex des Schweizer Astrologenbundes: Diskretion. Wir stehen unter Schweigepflicht!

Und wie ist das beim Honorar? Verrechnen Sie lohnabhängig?
Das habe ich mir noch gar nicht überlegt. Ich verrechne immer nach Aufwand. Es gibt zwei Tarife: einen für Unternehmen, einen für Privatpersonen.

Apropos privat: Fragen Sie Ihre Freunde eigentlich bei jedem Grillfest, wie die Sterne für dieses oder jenes stehen?
Nein, um Himmels willen, zum Glück nicht. Das wäre dann, wie wenn ein Arzt im zarten Alter von 59 Jahren an jeder Hundsver­lochete angesprochen wird: «Du, ich habe da was am Unterarm, kannst du da mal schauen?» Das müsste ich nicht haben. Schauen Sie, ich mache diesen Job seit über 30 Jahren, jeden Tag. Irgendwann möchte ich auch frei haben. Aber natürlich habe ich gute Freunde, die mich mal fragen, ob ich irgendetwas nachschauen kann. Sie wollen mich dann aber auch dafür bezahlen.

Schauen Sie, ich mache diesen Job seit über 30 Jahren, jeden Tag. Irgendwann möchte ich auch frei haben. 

Über Ihr Privatleben ist so gut wie nichts bekannt.
Das darf so bleiben.

Sie sind geschieden, haben eine 23-jährige Tochter.
Das stimmt. Und was möchten Sie jetzt darüber wissen?

Ob an Ihrem Hochzeitstag die Sterne schlecht standen.
Das weiss ich nicht mehr. Das ist so lange her, fast 30 Jahre. Die Scheidung war vor der Familiengründung und vor der Geburt meiner Tochter.

Wie war die Schulzeit für Ihre Tochter? War sie für alle einfach die Tochter von Madame Etoile?
Das nicht gerade, aber sie wurde halt doch immer wieder mal auf mich angesprochen. Das hat sie manchmal genervt.

Dann wird sie nicht in Ihre Fussstapfen treten?
Nein, nein. Sie ist Pflegefachfrau.

Wie ist das Verhältnis unter prominenten Astrologen? Gehen Sie manchmal mit Elizabeth Teissier einen trinken?
Nein, nein, nein. Ich habe einmal mit Frau Teissier an einem Kongress referiert. 12 oder sogar 16 Jahre ist das schon her. Seither haben wir uns nicht mehr gesehen.

Für 2016 haben Sie eine Periode der Unsicherheit prognostiziert; die Auflösung von Grenzen, von Sicherheit, Struktur und Vertrauen. Bis jetzt liegen Sie richtig.
Das war nicht schwierig. Wir befinden uns in der kritischen Phase des Saturn-Neptun-Zyklus, der 1989 begonnen hat, mit dem Fall der Berliner Mauer. Dieser Zyklus stand immer in Kontext mit der Auflösung von Grenzen, auch mit Migration. Dass es so krass wird für Europa, war allerdings nicht absehbar.

Madame Etoile sagt Fabian Sommer, er habe diesen ­ für Skorpione typischen, durchdringenden Blick. Quelle: Flurin Bertschinger/Ex-Press

Ist Entspannung in Sicht?
Ja. Die kritischsten Jahre des ­laufenden Zyklus sind 2015 und 2016.

Das Gröbste ist also bald vorbei.
Wohl ja, aber dafür kommen jetzt andere Probleme. All das, was in Zeiten der Unsicherheit kommt: dass man sich einigelt, dass jeder für sich schaut. Deshalb haben Rechtspopulisten weltweit Aufwind. Das sind nicht die schönsten Aussichten.

Schön wäre es, wenn es die Schweizer Nati an einem grossen Turnier einmal über das Achtel­finale hinaus schaffen würde. Ist es möglich, dass die Sterne einmal so stehen?
Es ist möglich. Aber ich weiss es nicht.

Wissen Sie, ob YB irgendeinmal wieder einen Titel holt?
Der Fussball und die Sterne, ein echtes Dreamteam! Ich soll ja ständig nachschauen, ob es mit diesem oder jenem Team gut kommt. Ich habe schon für ein Magazin der Fifa Fussballer porträtiert, ich habe Referate vor und mit Fussballern gehalten. Beim Ostschweizer Regionalfernsehen mache ich jeweils eine Prognose, wie sich der FC St. Gallen schlagen wird und wie lange der Trainer im Amt bleibt. Theoretisch wäre es auch interessant, Fussballmannschaften zu beraten. Ich könnte dem Trainer helfen, jene Spieler auf den Platz zu schicken, die gerade günstige Konstellationen haben. Terminselektion wäre allerdings schwierig. Der Spielplan ist ja fix.

Die Frage war, ob YB je wieder einen Titel gewinnt.
Das müsste ich nachschauen. Ich bräuchte aber einen Auftrag­geber.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.07.2016, 09:58 Uhr

Im Gespräch

Esoterisch angehaucht sieht Monica Kissling überhaupt nicht aus. Eher sportlich. Und sehr zierlich. Die bekannteste Astrologin der Schweiz empfängt am Bahnhof Wollishofen, wo sie ihre Beratungspraxis hat. Im Gespräch in einer nahen Gartenbeiz am Zürichsee ist die 59-Jährige schlagfertig, witzig, manchmal auch ausschweifend. Nichts von dem, was sie sagt, wirkt abgehoben oder realitätsfremd. Genau das ist wohl das Erfolgsrezept von Madame ­Etoile, denkt man. Dieser Frau kann man offensichtlich ver­trauen.

Kissling hat auf jede Frage eine Antwort parat. Sie lacht viel, aber nie aus Verlegenheit. Und sie kann sehr sachlich werden, wenn man sich über Astrologie lustig macht. Am Schluss des Gesprächs erklärt sie, wie man ein Horoskop deutet. Und sie sagt dem Journalisten unvermittelt, er habe diesen für Skorpione typischen, durchdringenden Blick. Der Journalist ist Skorpion, natürlich.

Heute Montag um 9.40 Uhr war Kissling zum letzten Mal als Madame Etoile auf SRF 3 zu hören. Der Sender hat den astrologischen Wochenausblick nach 25 Jahren aus dem Programm gestrichen. Kissling arbeitet weiter für diverse andere Medien. Sie ist geschieden, hat eine 23-jährige Tochter und lebt mit ihrem Partner am linken Zürichseeufer. (fs)

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