Das gedruckte Buch lässt sich vom E-Book nicht so leicht verdrängen

Good News für traditionelle Verlage vor der Frankfurter Buchmesse: Das gedruckte Buch hält dem Ansturm der elektronischen Bücher stand und legt gar leicht zu.

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Für die Liebhaber des gedruckten Buchs ist es eine gute Nachricht: Das E-Book, das elektronische Buch, verdrängt das herkömmliche Buch aus Papier vorderhand nicht. Im Gegenteil. «Print is back» – das gedruckte Buch ist zurück, jubeln amerikanische Buchhandelsketten schon.

In den USA, die als Trendmarkt die Entwicklung des Buchhandels jeweils vorausnehmen, hat das E-Book 2013 sein Rekordjahr erlebt, seither ist sein Umsatz rückläufig. 2015 erzielten die US-Grossverlage laut der Association of American Publishers mit E-Books 10 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr. Die Anzahl der verkauften gedruckten Bücher aber legte um 2,8 Prozent zu.

Auch in Deutschland verharrt das E-Book in einer Fannische und vermochte jüngst keine neuen Käuferschichten zu begeistern. In den ersten zwei Quartalen 2017 kauften die eingefleischten E-Book-Fans zwar 15,2 Prozent mehr E-Books als in der Vorjahresperiode, die Gesamtzahl der E-Book-Käufer ging aber um 12,3 Prozent von 2,9 auf 2,5 Millionen zurück. Auch der E-Book-Umsatz schrumpfte um 3,4 Prozent. Diese Zahlen präsentierte jüngst der Börsenverein des Deutschen Buchhandels aufgrund einer Hochrechnung der Buchverkäufe.

Zuwachs in der Schweiz

In der Schweiz läuft das E-Book noch besser. «Die Absatzentwicklung ist erfreulich, die Wachstumsrate ist zweistellig», sagt Alfred Schilirò, Sprecher von Orell Füssli Thalia, der Branchenführerin im Schweizer Buchhandel. Die Marktsättigung ist in der Schweiz in seinen Augen noch nicht erreicht. Trotz Abschwung in den USA erwarte er in der Schweiz noch weitere Wachstumsjahre, allerdings weniger starke, sagt Schilirò.

Auch Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV), stellt 2017 bei den E-Books noch einen kleinen Zuwachs fest, obwohl es für die gesamte Branche keine genauen Zahlen gebe. «Der Umsatz dürfte auch etwas höher sein als in Deutschland, weil Schweizerinnen und Schweizer mehr Geld für elektronische Gadgets ausgeben, so auch für E-Book-Lesegeräte», sagt Landolf. Das E-Book verharre aber auch in der Schweiz «auf der Stufe einer elektronischen Ergänzung, auf einem überraschend tiefen Niveau von derzeit 8 Prozent des Buchumsatzes».

Digitale Übermüdung

Wie in den USA stellt Landolf auch in der Schweiz «ein kleines Comeback des gedruckten Buchs» fest. Selbst junge Leser mögen laut Landolf das schöne und mit den Händen greifbare Buch aus Papier. «Nach einem Tag am Bildschirm und am Handy sucht man am Abend offenbar gern die Ruhe mit einem gedruckten Buch.» In den USA ist laut der deutschen Medien- und Technologieplattform Smart Digits schon von einer «digitalen Übermüdung» die Rede.

Landolf weist darauf hin, dass in der Schweiz seit zwei Jahren auch die Onlinebestellungen gedruckter Bücher rückläufig sind. Zwar wird jedes vierte Buch online bestellt, aber es sieht so aus, als suche das Publikum wieder vermehrt die Erlebniswelt der Buchhandlung auf, in der der Buchkauf persönlicher abläuft als im anonymen Internet.

Dani Landolfs positives Bild des Schweizer Buchabsatzes ist allerdings eine Momentaufnahme, die es vor allem im grossen Nachbarland Deutschland zu relativieren gilt. Die Buchverlage hüten ihre genauen Verkaufszahlen wie Geschäftsgeheimnisse.

Die aus Hochrechnungen gewonnenen Verkaufszahlen einzelner Anbieter zeigen aber, dass sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz der Verkauf gedruckter Bücher leicht rückläufig ist. Und weil das E-Book nicht vom Fleck kommt, vermag es erst recht nicht die Verluste beim gedruckten Buch zu kompensieren.

Nicht besser ergeht es laut Landolf dem Hörbuch. Es emanzipiere sich zwar derzeit von der CD und wandle sich zur Audiodatei um, sein Marktanteil sei aber ebenfalls rückläufig.

Abgesang auf das Buch

Unter dem Titel «Ist das Buch am Ende?» schlug die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) kürzlich in einem Kommentar auf ihrer Titelseite Alarm. Ohne Aufschluss über seine Quellen zu geben, warnte das Intelligenzblatt, der Umsatz gedruckter Bücher sei in Deutschland in den fünf Jahren von 2012 bis 2016 um 13 Prozent auf rund 8 Milliarden Euro eingebrochen. Nur jeder Fünfte lese noch, dafür verbringe jeder und jede Deutsche täglich drei Stunden vor dem Fernseher. Statt die Einsamkeit mit dem Buch suche man heute Events. Das Buch sei bald «kein gesamtgesellschaftliches Reflexionsmedium», schrieb die FAZ.

Darm oder Biene

Nur noch Krimis, Sachbücher über ganz naheliegende Dinge wie den Darm oder die Biene sowie Malbücher für Erwachsene liefen gut. Die Buchverlage würden aktionistisch möglichst viele Buchtitel auf den Markt werfen, in der Hoffnung, einer entpuppe sich als Bestseller, der die anderen querfinanziere.

Laufen den Büchern – wie den gedruckten Zeitungen – die Leser in Scharen davon? Wird gerade der bildungsbürgerliche Konsens beerdigt, dass Bücherlesen bildet? Dani Landolf hält diese Katastrophenszenarien für überzogen. «Das das Lesen zurückgeht, bezweifle ich.» Die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Kultur zeigten das Gegenteil: Über 80 Prozent der Schweizer lesen immerhin mindestens ein Buch pro Jahr, sechs von zehn Personen mehr als drei Bücher, und 30 Prozent lesen im Schnitt gar mehr als ein Buch pro Monat. «Es wird nicht weniger gelesen», sagt Landolf, «aber man liest in unterschiedlichen Medienformaten.»

Gerade bei den E-Book-Verkäufen widerspiegelt sich die Veränderung des Leseverhaltens. E-Book-Freunde bewegen sich in einer eigenen Lesewelt. Man kann das an den wöchentlichen Bestsellerlisten des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands ablesen. Anfang September führte bei der gedruckten Belletristik der zweite Band von Elena Ferrantes literarischer Neapel-Saga über zwei Freundinnen die Liste an, vor dem neuen Buch des Schweizer Autors Charles Lewinsky. Von den Spitzentiteln des gedruckten Buchs schaffte es aber einzig Elena Ferrante unter die Top Ten der E-Book-Bestsellerliste – auf Platz vier.

Thrill, Liebe und Romantik

Auf Platz 1 der E-Books stand dafür «Kalter Schnitt» aus der Krimiserie von Andreas Franz. Auf Platz 2 folgte «Öffne mir das Herz», der neue Band aus der Liebes-Bestseller-Reihe von Autorin Marie Force. Gleich doppelt schafften es romantische Liebesgeschichten von Nora Roberts in die Top Ten. Auch der neue John-Grisham-Thriller fehlte nicht.

E-Book-Leserinnen und Leser schätzen Krimis, Thriller, Liebesromane, Romantik. Und sie lesen gerne Sequals – Buch-Serien mit gleichbleibendem und dadurch vertrautem Personal. Auch alte Klassiker verkaufen sich als E-Book gut, nicht zuletzt deshalb, weil sie billig sind. So sind etwa «Stolz und Vorurteil» oder «Verstand und Gefühl» – Romane der britischen Autorin Jane Austen – in der elektronischen Version für unter 2 Euros zu haben. Das Copyright der Austen-Werke ist nämlich abgelaufen. Die tiefen Preise erklären auch, dass die eingefleischten Fans immer mehr E-Books kaufen. Im Schnitt kostet ein E-Book in Deutschland 6 Euros.

Amazon profitiert am meisten

In den USA ist der Onlinebuchhändler Amazon im Verbund mit den Kindle-Lesegeräten der unbestrittene Marktführer beim E-Book-Verkauf. Auf dem deutschsprachigen Markt erhält Amazon im E-Book-Bereich Konkurrenz durch die Allianz der Grossverleger Bertelsmann, Weltbild, Thalia und Hugendubel, die den Tolino-E-Reader anbieten. 75 Prozent aller E-Books werden in den USA bei Amazon gekauft. Der Onlinehändler hat gar 2016 mehr E-Books verkauft als im Vorjahr, die Einbusse bekam in den USA vor allem der traditionelle Buchhandel zu spüren.

Vielleicht sind die E-Book-Verkäufe in den USA in Wahrheit überhaupt nicht zurückgegangen. Denn Amazon verkauft laut dem Onlinedienst des Heise-Zeitschriftenverlags immer mehr E-Books von sogenannten Selfpublishern, die kaum in einer Verkaufsstatistik auftauchen.

Geschätzte 24 Prozent des E-Book-Umsatzes erzielt Amazon in den USA schon mit elektronischen Büchern ohne offizielle ISBN-Verlagsnummer, die im Selbstverlag erscheinen (siehe Box). Heise vermutet, dass die Selfpublisher eine «wachsende Schattenökonomie» bilden.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.10.2017, 12:05 Uhr

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