Bundesrat Furgler stoppte die Recherchen

Justizminister Kurt Furgler persönlich stoppte 1981 die Recherchen der Berner Tageszeitung «Bund» über den rätselhaften Todesfall des Offiziersaspiranten Rudolf Flükiger vom Herbst 1977 im Jura. Auch 40 Jahre danach wundern sich frühere Dienstkollegen Flükigers über den Aufklärungsstopp von ganz oben.

Unter Beobachtung der Landesregierung: Der Chefredaktor der Zeitung «Bund», die sich an der Effingerstrasse im Haus mit               dem Türmchen befand, wurde 1981 in der Affäre Flükiger von Bundesrat Kurt Furgler ins nahe Bundeshaus zitiert.

Unter Beobachtung der Landesregierung: Der Chefredaktor der Zeitung «Bund», die sich an der Effingerstrasse im Haus mit dem Türmchen befand, wurde 1981 in der Affäre Flükiger von Bundesrat Kurt Furgler ins nahe Bundeshaus zitiert. Bild: Raphael Moser

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Der ungeklärte Todesfall des Offiziersaspiranten Rudolf Flükiger gibt keine Ruhe. Zahlreich sind die Reaktionen auf die Serie zum Fall in dieser Zeitung. Ins­besondere alte Dienstkollegen Flükigers erinnern sich, wie der Bauernsohn aus Jegenstorf im September 1977, in den heissen Jahren des Jura-Konflikts, auf einem militärischen Nachtlauf im Jura verschwand und dann in Frankreich tot aufgefunden wurde, zerfetzt von einer Handgranate. «In Gesprächen mit früheren Kollegen taucht der Fall noch heute auf, er ist mir so präsent, als wäre er gestern passiert», sagt etwa Marc Gilgen (61) aus Burgdorf.

Schock einer Generation

Wenn Gilgen durch Jegenstorf fährt, kommt ihm bisweilen in den Sinn, wie er dort vor der Beerdigung mit ein paar Kameraden Flükigers Sarg bewacht hat. Heute ist er Mitglied der Geschäfts­leitung im kantonalbernischen Wirtschaftsamt. Gilgen hat denselben Jahrgang wie Flükiger und absolvierte mit diesem im September 1977 als Panzergrenadier die Gefechtsschulung in der jurassischen Kaserne Bure.

Eine ganze Generation junger Männer durchlief damals bei den Panzertruppen in Bure die militärische Ausbildung. «Für uns war Flükigers Tod ein kollektiver Schrecken, den viele bis heute nicht vergessen haben», sagt Gilgen.

«Uns wurde mit­geteilt, dass wir nur mehr offizielle Informationen zu verbreiten hätten.»Dieter Widmer, Alt-Redaktor

Nach 40 Jahren laufe man Gefahr, die damaligen Ereignisse zu verklären oder zu verzerren, weiss Gilgen. Er hält sich deshalb an konkrete, anschauliche Erinnerungen. Unmittelbar vor dem Postenlauf vom 16. September 1977 habe er «Flügu» – so wurde Flükiger von einigen Kollegen ­genannt – gesagt: «Du wirst den Lauf ohnehin gewinnen – oder einer von euch gut trainierten Radfahrern.» Umso sonderbarer sei es gewesen, dass der «sportliche, stabile und geerdete Kollege» nicht vom Lauf zurückgekehrt sei.

Suche stoppt Dienstbetrieb

Der Kommandant habe mit Freiwilligen noch vor Mitternacht eine erste Suchtour organisiert, an der er teilgenommen habe, erinnert sich Gilgen. Dann seien ­alle Offiziersschüler aufgeboten worden. Die Suche nach dem verschwundenen Kameraden setzte den ganzen Dienstbetrieb ausser Kraft. «Der Lauf fand an einem Freitagabend statt, die Suche ging dann am Samstag und am Sonntag weiter, man entliess uns nicht ins Wochenende», erzählt Gilgen.

In der folgenden Woche habe die Einsatzzentrale unter anderem Helikopter, Suchhunde und sogar Wahrsager eingesetzt. «In Detachementen durchkämmten wir den ganzen Waffenplatz viermal in verschiedenen Richtungen und riefen immer wieder ­seinen Nachnamen, wir hätten Rudolf finden müssen, wenn er da gewesen wäre.»

Der Fund des toten Kollegen ennet der Grenze in Frankreich war dann laut Gilgen ein Schock, den man nicht habe einordnen können. «Wir dachten, dass man bald rausfindet, was passiert ist. Aber das geschah nie», beschreibt Gilgen die damalige Verwirrung. Wie die anderen Dienstkollegen, mit denen diese Zeitung sprach, hält auch Marc Gilgen einen Suizid Flükigers – die offizielle Todesursache – für ausgeschlossen.

«Aufgrund der ­Gespräche wollte Minder über Un­gereimtheiten der Voruntersuchung schreiben.»Dieter Widmer

Hat Marc Gilgen mit seinen Kollegen damals über die Möglichkeit gesprochen, dass jurassische Separatisten in den Fall involviert sein könnten? «Ehrlich gesagt, nein», erwidert er. Er erinnert sich zwar daran, dass in den Jahren des Jura-Konflikts für Soldaten im Ausgang der Besuch gewisser separatistischer Lokale in Porrentruy verboten war. «Wir haben damals Flükigers Tod eher mit den deutschen RAF-Terroristen in Verbindung gebracht», erzählt Gilgen. Diese entführten im Herbst 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und ermordeten ihn jenseits der Schweizer Grenze in Frankreich.

Bundesrat Furglers Verbot

«Auch 40 Jahre danach ist es ­unbegreiflich, dass nicht mehr unternommen wurde, den Fall Flükiger zu lösen», schreibt ein Leser dieser Zeitung. Er und andere mutmassen, die Untersuchungen seien von oben ausgebremst worden. Das belegt ein brisanter Vorfall, auf den diese Zeitung gestossen ist. Im Jahr 1981 wurde Paul Schaffroth, der inzwischen verstorbene Chefredaktor der Berner Tageszeitung «Der Bund», von Bundesrat Kurt Furgler ins Bundeshaus zitiert. Der Justizminister legte ihm nahe, keine weiteren Recherchen im Fall Flükiger zu publizieren.

Diesen Eingriff in die Medienfreiheit bestätigt auf Anfrage der frühere Berner BDP-Grossrat und damalige «Bund»-Kantonsredaktor Dieter Widmer (63). Flükigers Tod gehört auch für ihn zu den Ereignissen, «die man nie vergisst».

Beim Gespräch in Furglers Büro ging es um den mittlerweile verstorbenen «Bund»-Mitarbeiter Edgar R. Minder. «Dieser hatte in der Affäre Flükiger über ­Monate hinweg minutiös recherchiert und mit vielen Leuten im Jura sowie Kantonspolizisten ­gesprochen. Aufgrund dieser ­Gespräche wollte er über Un­gereimtheiten der Voruntersuchung schreiben», berichtet Widmer. Minder sei der festen Überzeugung gewesen, dass separatistische Béliers für den Tod Flükigers verantwortlich seien.

Furglers Mission im Jura

Bundesrat Furgler bat Chefredaktor Schaffroth eindringlich, im «Bund» keine weiteren Berichte Minders zum Fall zu publizieren. Recherchen mit letztlich nicht beweisbaren Vermutungen zu den Umständen von Flükigers Tod könnten für den jungen Kanton Jura zur grossen Belastung mit staatspolitischen Folgen ­werden. Das alles habe er «an einer denkwürdigen Sitzung» der «Bund»-Kantonsredaktion erfahren, erinnert sich Widmer. «Uns wurde mitgeteilt, dass der Chefredaktor Mitarbeiter Minder vom Fall Flükiger abziehe und dass wir nur mehr bestätigte Fakten und offizielle Informationen zu verbreiten hätten.»

Die Proteste der Redaktion gegen die bundesrätliche Zensur seien erfolglos gewesen, sagt Widmer. «Der Chefredaktor war empfänglich für die eindringlichen Worte des Bundesrates. Es war das einzige Mal, dass der ansonsten liberale Schaffroth so intervenierte.» Mitarbeiter Minder habe dann im Zorn gekündigt und zum «Blick» gewechselt.

«Wir waren überzeugt, dass Furgler und seine CVP die Schaffung des Kantons Jura angestrebt hatten.»Dieter Widmer

Wie erklärten sich die Jour­nalisten damals den Eingriff des Justizministers? «Wir waren überzeugt, dass Furgler und seine CVP die Schaffung des Kantons Jura angestrebt hatten, zumal diese im katholischen Nordjura stark vertreten war und die Aussicht bestand, bei künftigen ­National- und Ständeratswahlen ­zulegen zu können», erklärt Widmer. Tatsächlich verfolgte Furgler mit Verve die Mission, den erbittert geführten Jura-Konflikt zu lösen, um den innereidgenössischen Frieden zu sichern.

Für Dieter Widmer bleibt unglaubwürdig, dass die Bundesbehörden damals die Verantwortung für Flükigers Tod eher bei den deutschen RAF-Terroristen als bei den Separatisten vermuteten. «Dann hätte der Staat ein ­Interesse haben müssen, eine von der RAF begangene Tat aufzuklären, stattdessen stellte er die Untersuchungen zum Fall Flükiger aber vorzeitig ein.»

Aus Furcht vor Misskredit

Allfällige Enthüllungen über eine Verwicklung von Separatisten in den Fall Flükiger hätten womöglich den jungen Kanton Jura in Misskredit gebracht. Im Fall Flükiger ist aber bis heute keine Hypothese, auch nicht die ei­ner separatistischen Täterschaft, ­bestätigt worden. Wie Aspirant Rudolf Flükiger ums Leben gekommen ist, wird man wohl nie erfahren. Es sei denn, ein damals Beteiligter lege noch ein spätes Geständnis ab. Bundesrat Furglers Intervention beim «Bund» belegt aber, dass die Bundesbörden keine weitere Untersuchung des Falls wollten. Womöglich um zu vermeiden, dass noch gefürchtete Belege ans Licht kommen könnten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.09.2017, 11:02 Uhr

Kurt Furgler, Bundesrat 1971–1986. (Bild: Keystone )

Der Fall Flükiger wird zum Kinofilm

Der Filmer und Winzer Werner Schweizer dreht über die dubiosen Todesfälle von 1977/78 im Jura bald einen Spielfilm.

Es erinnert unweigerlich an einen Krimi, wie der Offiziersaspirant Rudolf Flükiger, der Polizist Rodolphe Heusler und der Wirt Alfred Amez vor 40 Jahren im Jura unter dubiosen Umständen ums Leben kamen. Deshalb erstaunt es nicht, dass ein Filmregisseur die Todesserie als Plot verwendet. Werner «Swiss» Schweizer (62) – Dokumentarfilmer, Filmproduzent und Winzer am Bielersee – bestätigt, dass er an einem ­dokumentarischen Spielfilm über den Fall Flükiger und die beiden anderen Todesfälle arbeitet.

Das Bundesamt für Kultur und die Zürcher Filmförderung haben laut Schweizer schon ­finanzielle Beiträge für die ­Projektentwicklung bewilligt. Derzeit läuft das Casting der Schauspielerinnen und Schauspieler. Die Dreharbeiten sollen im Sommer und im Herbst des nächsten Jahres an den Originalschauplätzen im Jura stattfinden. Der Kinostart ist für 2019 geplant.

Schweizer hat im Bundesarchiv ausführlich Akten zu den Fällen studiert, mit vielen Leuten gesprochen und die Schauplätze besucht. Im Zentrum seines Films steht ein fiktiver Journalist, der sich damals nicht mit den Ermittlungen von Militär und Polizei zufriedengibt.

Der Filmemacher stützt sich auf die noch unveröffentlichte Erzählung «L’Oiselier» des Genfer Schriftstellers Daniel de Roulet (73). L’Oiselier – zu Deutsch Vogelzüchter – heisst ein Weg am Rand von Porren­truy. Dort steht das Haus, in dem im März 1978 der Polizist Heusler ermordet aufgefunden wurde (siehe Folge 2 der BZ-Serie). Autor de Roulet ziehe seine fiktive Erzählung aus der Perspektive von Bundesrat Kurt Furgler auf, der damals trotz heftiger Interventionen von Berner Politikern den Deckel auf der Affäre Flükiger gehalten habe, erzählt Schweizer. «Der Justizminister war aber nicht bloss ein Bösewicht, sondern ein Staatsmann, der endlich die Jura-Frage lösen wollte.»

Furglers Gegenspieler ist in de Roulets Text der legendäre verstorbene Starjournalist ­Niklaus Meienberg, der damals tatsächlich kurz mit einer Tochter Furglers liiert war. In Schweizers Filmversion distanziert sich die Furgler-Tochter dann von den zwei Alphatieren, dem Vater und dem Liebhaber.

«Aufklären werde auch ich den Fall Flükiger wahrscheinlich nicht», sagt Werner Schweizer. svb

Werner Schweizer, Filmregisseur. (Bild: zvg)

Serie: Folge 4

Es waren irre Wochen, als sich von September 1977 bis März 1978 im Jura drei rätselhafte Todesfälle ereigneten. Die Epoche war aufgeheizt: Jurassische Separatisten und deutsche Terroristen forderten gleichzeitig ihren Staat heraus. Soll der ­Jura-Konflikt richtig beigelegt werden, muss man vor allem über den ungeklärten Todesfall des Aspiranten Rudolf Flükiger noch einmal reden.

Schon erschienen: Wie Aspirant Flükiger verschwand; zwei weitere Tote lassen die Gerüchteküche brodeln; politische Interessen hinter dem Fall Flükiger. Nächste Folge: Was die Affäre Flükiger für das Ende des Jura-Konflikts bedeutet. svb

Rudolf Flükiger (1956–1977). (Bild: zvg)

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