Neues Gefecht um alte Schweizer Schlachten

Im Wahljahr ist eine Debatte über die Deutung von Tell, Marignano und Reduit entbrannt. Bundesrat Berset ruft zur Einigung auf. Der Historiker Thomas Maissen aber plädiert für den offenen Streit über das nationalkonservative Geschichtsbild der SVP.

Ferdinand Hodlers «Rückzug von Marignano» im Landesmuseum, wo bald eine Schau zur Schlacht folgt.

Ferdinand Hodlers «Rückzug von Marignano» im Landesmuseum, wo bald eine Schau zur Schlacht folgt. Bild: Keystone

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«Ich kann die Schweiz ja nicht allein in die EU führen. Und ich habe auch nicht behauptet, die Schlacht am Morgarten und das Reduit seien bloss Mythen», schreibt der Basler Historiker Thomas Maissen (52) auf Anfrage dieser Zeitung etwas ratlos aus Paris, wo er Direktor des Deutschen Historischen Instituts ist. Er reagiert damit auf Vorwürfe, mit denen Christoph Blocher diese Woche im «Blick» Maissens neues Buch eingedeckt hat. Der SVP-Vordenker wirft dem Historiker vor, dieser wolle «die Schweizer Geschichte entstellen und die Nation wegputzen». Maissen mindere die Schweiz herab, weil er sie «in die EU führen» wolle, schliesst Blocher.

Selbst Berset mischt sich ein

«Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt», heisst Maissens eben im Hier-und-Jetzt-Verlag erschienenes Buch. Obwohl es kaum jemand schon gelesen hat, löste es in dieser Woche eine erstaunliche Aufregung aus. Unter dem Titel «Die Schlacht ist eröffnet» breitete der «Blick» auf zwei Zeitungsseiten die Botschaft und angeblich brisante Anlage des Buchs aus: In 15 kurzen Kapiteln repliziert Maissen jeweils auf ein Zitat der SVP-Schwergewichte Christoph Blocher und Ueli Maurer zu den nationalen Mythen von Tell, Marignano, Reduit und Sonderfall – und seziert diese skeptisch.

Das Boulevardblatt diagnostizierte «einen neuen Historikerstreit um die Mythen der Eidgenossenschaft, zwischen der nationalkonservativen SVP und Gegenspieler Maissen».

Am Dienstag mischte sich gar Bundesrat Alain Berset indirekt in die Debatte ein, als er die Ständeräte vor einer Betonung unterschiedlicher Geschichtsbilder warnte. Während die SVP sich auf alteidgenössische Mythen berufe, orientierten sich linke Politiker am Bundesstaat von 1848. Berset rief zum Kompromiss auf, denn «all diese Erzählungen gehören zu einer grossen gemeinsamen Geschichte».

Historiker gegen SVP

Ist in der Schweiz wirklich ein neuer «Historikerstreit» entbrannt? Schon 1971 stellte Otto Marchi in seiner «Schweizer Geschichte für Ketzer» den Rütlischwur samt Wilhelm Tell infrage. Im letzten Herbst hielt der Berner Professor André Holenstein in seinem Buch «Mitten in Europa» der Sonderfallperspektive der SVP eine Aussensicht entgegen, die die Verflechtung der Schweiz mit Europa betonte. Die Erkenntnisse in Maissens Buch sind nicht neu. Und ein «Historikerstreit» ist schon deshalb nicht in Gang, weil unter Historikern schon lange Einigkeit herrscht, dass sich eine gradlinige Entwicklung vom Rütlischwur zur neutralen Schweiz von heute nicht belegen lässt.

Worum geht es also? Das SVP-Lager untermauert seinen europapolitischen Abwehrkampf geschickt mit Rückgriffen auf Erinnerungsdaten der Schweizer Geschichte. Im Wahljahr, in dem die runden Jubiläen der Schlachten von Morgarten und Marignano oder des Wiener Kongresses 1815 anstehen, tut das die SVP mit erhöhter Intensität. Dass sich nun Historiker wie Thomas Maissen und André Holenstein in die politische Debatte einmischen und der SVP die Deutungshoheit streitig machen, scheint die Partei ein wenig nervös zu machen.

Mythen gegen Wahrheiten

Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass Maissen im letzten Herbst auf den «Schweiz»-Seiten der «Zeit» angriffig dazu aufrief, mit den Nationalkonservativen «Streit zu suchen» über die von ihnen besetzten Erinnerungsdaten. Er warnte dort auch vor «dem Mörgeli in uns». So umschrieb er den Reflex, die komplexe Vergangenheit durch mythische Formeln zu vereinfachen.

Auch die brillant formulierten «Heldengeschichten» des früheren NZZ-Autors Maissen sind bisweilen angriffig. Aus der Nähe betrachtet, ist sein Buch aber unaufgeregt und sachlich. Er macht nicht mehr und nicht weniger, als die von Blocher und Maurer angerufenen nationalen Mythen mit den Quellen und dem Forschungsstand abzugleichen.

So lässt sich etwa die angebliche Erbfeindschaft der Eidgenossen mit Habsburg laut Maissen so nicht belegen. Vielmehr waren einzelne Kantone selbst nach den Schlachten am Morgarten oder in Sempach immer wieder einmal mit Habsburg verbündet. Die alte Eidgenossenschaft war auch nicht «ein einzig Volk von Brüdern», das an den Landsgemeinden über sein Schicksal bestimmte. Vielmehr war die Eidgenossenschaft laut Maissen scharf unterteilt in reiche Familien, Bürger sowie rechtlose Kleinbauern und Untertanen.

Auch die im Jubiläumsjahr besonders populäre SVP-Überzeugung, dass mit der Niederlage in Marignano 1515 die Neutralität der Schweiz beginne, hält laut Maissen den Quellen nicht stand. Nur 20 Jahre später etwa habe der expansive Kanton Bern die Waadt erobert, die Eidgenossenschaft habe sich vertraglich an Frankreich gebunden und ihre Söldner auf Europas Kriegsschauplätzen mitmischen lassen.

Dass die Schweiz ihre Freiheit ihrer Wehrhaftigkeit verdanke, stellt Maissen schon nur deshalb infrage, weil die eidgenössischen Militärverbände nach Marignano chronisch schwach und so schlecht ausgerüstet waren, dass sie etwa dem Ansturm von Frankreichs Truppen 1798 nichts entgegenzusetzen hatten. In den beiden Weltkriegen sei den Schweizer Truppen die Bewährungsprobe dann zum Glück erspart geblieben. Dass die Schweiz damals «gewaltige Opfer» erbracht habe, hält Maissen angesichts der realen Opfer in den kriegsversehrten Ländern für eine unzulässige Überhöhung.

Peter Kellers Replik

Peter Keller – SVP Nationalrat aus Nidwalden, Historiker und «Weltwoche»-Autor – hält es auf Anfrage für «vorbehaltlos positiv», wie sich Thomas Maissen «im Gegensatz zu trägeren Professorenkollegen» in die Debatte einbringe. Die Kapitel von Maissens Buch sind für ihn «unterschiedlich stark». Je mehr dieser sich der Gegenwart nähere, desto mehr dringe seine europafreundliche politische Agenda durch, findet Keller. Maissen stelle nämlich jene «Säulen der Schweiz» infrage, die von einem EU-Beitritt betroffen wären: Selbstbestimmung, direkte Demokratie oder Neutralität. Keller kritisiert auch, wie Maissen den Imperialisten und Kriegstreiber Napoleon als Reformer der Schweiz glorifiziere.

Auch der SVP-Nationalrat würde nicht behaupten, dass es einen Tell oder Winkelried wirklich gegeben habe. Diese Figuren stehen aber in Kellers Augen symbolisch «für das Recht auf Widerstand» und «den Willen zur Selbstbestimmung». Mythen wie derjenige vom Rütlischwur seien «grossartige Erzählungen, die für tiefere Wahrheiten der Schweizer Geschichte stehen», findet Keller. Diese Mythen zu zerstören, sei keine Leistung und ohnehin unmöglich. Denn: «Mythen sind stärker als die Dekonstruktion durch Wissenschaftler, von denen viele in einem selbstquälerischen Verhältnis zu ihrem Land stehen.»

Munition für vitalen Streit

Den Vorwurf der Mythenzerstörung weist Thomas Maissen auf Anfrage zurück. In der Einleitung seines Buchs anerkenne er explizit, dass Mythen zur gesellschaftlichen Realität gehören. Er nehme Mythen ernst als «Zugang zur Vergangenheit». Allerdings zu derjenigen Zeit, in der sie entstanden sind. Und nicht zu der Zeit, in der sie vorgeben zu handeln. So verweist Maissen darauf, dass alte Schlachten oder Bündnisse oft viele Jahre nach ihrem angeblichen Datum in den Chroniken erwähnt – und überhöht werden.

Maissen ist ein Befürworter eines Schweizer EU-Beitritts, wie er bestätigt. Der Historiker dementiert aber, dass er mit seinem Buch eine konkrete politische Agenda verfolge. Er schlage kein bestimmtes Geschichtsbild vor, sondern «liefere Informationen und Wissen» für eine geschichtspolitische Debatte, die andere führen müssten, vor allem die Politiker.

Maissen lässt zugleich keinen Zweifel daran, dass er gegen das «dominante, nationalkonservative Bild» antritt, wonach sich die Schweiz dank heroischen Eigenleistungen als Sonderfall vom feindlichen Ausland abgrenzen konnte. Maissen wünscht sich eine offene Debatte, in der man nicht einfach diese eine Sicht verabsolutiere, sondern in Alternativen denke.

«Streit ist demokratisch gut»

SVP-Kontrahent Peter Keller hält die Unterscheidung «Wahrheit gegen Mythos» für allzu akademisch. «Viele markante Überlieferungen, die für das Nachdenken über das Land wichtig sind, würden so aus dem Bewusstsein des Volkes vertrieben», findet er. Er plädiert deshalb für die Formel «Mythen und Wahrheit». Maissen anerkennt, dass bei der Geschichte nicht bloss Wissenschaftler, sondern auch Laien, Lehrer oder Journalisten mitreden. Die Aufgabe der Forscher aber bleibe es, darauf hinzuweisen, wo die Mythen den Quellen widersprechen und die Realität beschönigen.

Über das Verhältnis von Mythos und historischer Wahrheit dürften sich Maissen und das nationalkonservative Lager um Peter Keller nicht einig werden. Beide aber begrüssen die entflammte Debatte. «Streit über das Bild der Vergangenheit ist demokratisch gut und produktiv», findet Thomas Maissen. Bundesrat Bersets Aufruf zur Harmonie ist vorderhand unnötig. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.03.2015, 17:29 Uhr

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Textprobe

«Geschichtsbilder gehen aus öffentlichen Debatten hervor, aus dem politischen Streit. Deshalb muss er, mit guten Argumenten, geführt werden. Die Geschichtswissenschaft spielt dabei eine kleine, aber wichtige Rolle als Instanz, die sagen kann, wo Aussagen über die Vergangenheit fragwürdig werden, wenn man sie an den Quellen misst.

Das vorliegende Buch versucht das und dient als Ausgangspunkt für schweizergeschichtliche Wanderungen. Es gibt aber nicht deren Ziel vor, das im Nebel liegt. Skeptische Vorsicht gebietet, dass sich die Schweiz nicht nur einem einzigen Bergführer anvertraut, der in stolzer Selbstüberschätzung behauptet, man könne durch den Nebel hindurchsehen, wenn man nur standhaft rückwärtsblicke. Die Schweizer Geschichte ist zu vielfältig, als dass sich ihre Interpretation über einen Leisten schlagen liesse.» Thomas Maissen

Thomas Maissen, Historiker. (Bild: Keystone )

Gedenkanlässe

Derzeit jagen sich die Anlässe und Publikationen rund um die Schweizer Geschichte. Am kommenden Freitag, 27.März, wird im Landesmuseum Zürich die Ausstellung «1515 Marignano» zur gleichnamigen Schlacht eröffnet. Am 1.April lädt die SVP im National in Bern (18.30 Uhr) zum Geschichtspodium über die Frage, was die Schweiz von gestern mit jener von heute zu tun hat. SVP-Nationalrat Peter Keller und SVP-Nationalratskandidat Roger Köppel, beide von der «Weltwoche», kreuzen die Klingen mit dem Berner Geschichtsprofessor André Holenstein und dem grünen Alt-Nationalrat Jo Lang. Am 1.April legt die «Weltwoche» «Schweizer Schlachten», ihr Sonderheft, neu auf.

Am 16. April ist erstmals das vierteljährlich erscheinende Magazin «NZZ Geschichte» erhältlich. Die Titelgeschichte dürfte ihre Wirkung bei den Nationalkonservativen nicht verfehlen: «Napoleon, Erfinder der modernen Schweiz – was wir dem französischen Herrscher zu verdanken haben». Der Autor des Textes: Thomas Maissen.

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