Bern

Köppels Gefecht im Berner «National»

BernRoger Köppel, «Weltwoche»-Chef und SVP-Nationalratskandidat, lud am Mittwochabend zum schweizergeschichtlichen Podium im Berner «National». Das historische Gefecht über Morgarten und Marignano ging unentschieden aus.

Wurde die Schweiz am Morgarten geboren? «Weltwoche»-Chef Roger Köppel (Zweiter von links) debattierte  am Mittwochabend in Bern (von links) mit Jo Lang, André Holenstein und Peter Keller.

Wurde die Schweiz am Morgarten geboren? «Weltwoche»-Chef Roger Köppel (Zweiter von links) debattierte am Mittwochabend in Bern (von links) mit Jo Lang, André Holenstein und Peter Keller. Bild: Walter Pfäffli

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Schon im Eingangsbereich im Berner Hotel «National» haben die beiden Lager in der aktuellen Debatte um die Schweizer Geschichte Position bezogen. Am Patrioten-Tisch kann man das Sonderheft der «Weltwoche» über Schweizer Schlachten kaufen.

Am Tisch daneben bietet der Hier+Jetzt-Verlag Thomas Maissens «Heldengeschichten» und André Holensteins «Mitten in Europa» an, die beiden kritischen Gegendrehbücher zum Mythenszenario der SVP.

Rhetoriker hilft Historiker

Der «National»-Saal, den auch die Auns gerne für ihre Landsgemeinden nutzt, ist voll und bereit zum Podium über unsere nationalen Ursprünge, zu der die «Weltwoche» geladen hat. Unter ergrauten Häuptern fallen ein paar adrett frisierte Jung-SVPler auf. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern beträgt, wie bei historischen Anlässen üblich, etwa eins zu sechs.

Der Impresario des Abends, «Weltwoche»-Chef Roger Köppel, hat den erwähnten André Holenstein, Geschichtsprofessor der Uni Bern, den grünen Alt-Nationalrat Jo Lang sowie den SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Autor Peter Keller als geistige Sparringspartner aufgeboten. So wie Köppel kein Problem darin sieht, Journalist und zugleich Nationalratskandidat der SVP zu sein, schafft er es an diesem Abend, als Teilnehmer wie auch Moderator der Debatte zu amten.

Wenn der Historiker Köppel ab und zu Wissenslücken zeigt, hilft ihm der Rhetoriker Köppel locker über die Runden. Mit seinen Bonmots unterhält er Freund und Feind glänzend. Die Reformation beschreibt er als «zürcherisch-bernisches Joint Venture», das der Weltgeschichte «eine Sternstunde beschert» habe. Bei den kritischen Historikern Holenstein und Lang wittert er eine «instinktwidrige» Abwehr der grossen Nationalmythen um Wilhelm Tell und Co. Das Aufbegehren der alten Eidgenossen und die Feier der Niederlage von Marignano müsse ihm als Revoluzzer und Armeeabschaffer doch behagen, frotzelt er gegen Jo Lang.

Befreier oder Unterdrücker?

Zum Einstieg verspricht Köppel «die grösstmögliche Bandbreite der Meinungen». Und versucht dann den skeptischen Kontrahenten immer wieder nationale Zugeständnisse abzuringen. André Holenstein hält cool dagegen. Er unterscheidet sauber erfundene Mythengeschichten von der durch Quellen erhärteten Geschichte. Köppels Suche nach frühen Keimen einer Schweizer Sonderentwicklung belächelt Holenstein als «Nabelschau» und hält ihr die Verflechtung der Schweiz mit ihren Nachbarstaaten entgegen. Peter Keller, Autor des «Weltwoche»-Schlachtenhefts, wirkt als Köppels Sekundant, Jo Lang hält entgegen.

Das erste Themenschlachtfeld, auf dem sie die Klingen kreuzen, sind die Schlachten von Morgarten und Sempach, die Köppel als Etappen eines Befreiungskrieges sieht. Holenstein aber erkennt einen Kampf um Law and Order. Für Jo Lang beginnt die Eidgenossenschaft erst 1415 mit der Eroberung und gemeinsamen Verwaltung des Aargaus als Untertanenland. Was die Eidgenossen also zusammengebracht habe, sei nicht ein Freiheitsdurst, sondern die Unterdrückung und Verwaltung.

Roger Köppel nimmt mit der Schlacht von Marignano 1515 einen weiteren Anlauf, Holenstein und Lang zu überzeugen. Ob sie denn bestreiten würden, dass mit Marignano eine erste Hinwendung zur Neutralität einsetze, fragt er. Durch Marignano würden die eidgenössischen Krieger einfach den Arbeitgeber wechseln und künftig als Söldner für Frankreichs König kämpfen, erwidert Lang.

Erstaunlich einig ist sich die Runde dann in der Einschätzung der Reformation. Gerade weil die Schweiz konfessionell entzweit gewesen sei und sich in Religionskriegen zerstritt, habe sie gelernt, sich zusammenzuraufen und den nationalen Zusammenhalt über die Konfession zu stellen. Übersichtliche Uneinigkeit herrscht dann wieder bei der Einschätzung Napoleons. Peter Keller geisselt ihn als Imperialisten und kritisiert die «linke Glorifizierung» des korsischen Generals in der Schweiz. Holenstein und Lang aber bestehen trotz Vorbehalten darauf, dass Napoleon als Reformer die moderne Schweiz der heutigen Kantone gebaut habe.

Gefecht ohne Sieger

Bei Köppels Schlussfrage, ob es nicht doch einen «langen, hoch beeindruckenden Schweizer Unabhängigkeitskampf» gegeben habe, sind dann die Ausgangspositionen wieder klar bezogen. Holenstein und Lang betonen die Brüche, Köppel und Keller die Kontinuität. Nach den ausgeglichenen Applausanteilen zu schliessen, endet das historische Gefecht ohne klaren Sieger. Definitiv gewonnen hat das Publikum, das im bis jetzt eher verbissen geführten Jubiläumsjahr eine lustvolle Geschichtslektion erlebt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.04.2015, 08:56 Uhr

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