Seine Majestät bittet zu Besuch

Tauernkönig nennen sie ihn oder Seine Majestät. Die Österreicher sind mächtig stolz auf ihren höchsten Berg. Schwarz wie die Nacht und von weissem Gletschereis überzogen, verzaubert er Touristen wie Alpinisten. In vier Wandertagen kann man an den schönsten Seiten des Grossglockners schnuppern.

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Was uns Schweizern das Matterhorn, das ist den Österreichern der Grossglockner. Mit 3798 Metern ist er nicht nur der Höchste im Land, sondern das Wahrzeichen der Alpenrepublik schlechthin. Von Mythen umrankt, von Bergsteigern begehrt und von Touristen auf unzählige Fotos ­gebannt. Vom Schiefer hat der Glockner das Schwarz, vom Gletscher das Weiss.

Pasterze heisst er, mit neun Kilometern Länge und 18,5 Quadratkilometern Fläche ist er der grösste Eispanzer der Ostalpen. Umgeben ist der pyramidenförmige Berg von einem Heer weiterer Gipfel, von denen 300 die Dreitausendermarke knacken. Und auch die Pasterze hat Kollegen: 300 Gletscher, 500 Bergseen und 25 Wasserfälle prägen die Glockner-Region. Zusammengefasst ist das Ganze im Nationalpark Hohe Tauern. Mit einer Fläche von 1800 Quadratkilometern ist er der grösste Nationalpark der Alpen.

Abseits der Touristenströme

So viel urtümliche Natur muss die Menschen in ihren Bann ziehen. Am Grossglockner startete der Bergtourismus früh, um 1800 war die Erstbesteigung. Seither herrscht Hochbetrieb, Jahr für Jahr werden die Besucher zahlreicher. Unbestrittener Magnet ist die Grossglockner Hochalpenstrasse.

Die einst gefährliche Handelsroute der Römer, Kelten und Säumer von Nord nach Süd ist längst zur gut ausgebauten Passstrasse geworden, von der aus man auf vier Rädern den Glockner bewundern kann. 900'000 Besucher tun dies Sommer für Sommer, im Winter ist die Strasse zu.

Am Grossglockner startete der Bergtourismus früh, um 1800 war die Erstbesteigung.

Die Österreicher haben eine besondere Beziehung zu ihrem Berg. Seine Majestät nennen sie ihn, wohl in Erinnerung an 1856, als Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Sisi dem Grossglockner einen Besuch abstatten, er zu Fuss, sie hoch zu Ross. Weiter gekommen ist er; der Platz seines Aufenthalts am Fuss des Pasterze-Gletschers heisst seither Franz-Josefs-Höhe und wird nach allen Regeln der Kunst vermarktet. Sisi hatte bei der Elisabethruhe beim heutigen Glocknerhaus genug.

Der Berg macht uns neugierig. Also ab zur Seiner Majestät, aber nicht im Auto oder zu Pferde, sondern in Wanderschuhen. Oder besser in Bergschuhen, am Glockner ist es hochalpin. Wer sein 3 Meter hohes und dreihundert Kilogramm schweres Kaiserkreuz erobern will, muss bergsteigen, mit oder ohne Führer.

Begnügt man sich mit Wandern, stehen einem unzählige Möglichkeiten offen. Wie jeder berühmte Berg hat auch der Grossglockner einen Rundweg, die sogenannte Glockner-Runde. Nach sieben anstrengenden Etappen hat man die Pyramide von jeder Seite gesehen. Spannender ist es, den Tourismusplanern ein Schnippchen zu schlagen und aus den vielen, mit wohlklingenden Namen versehenen Wegen eine eigene Tour zusammenzustellen. Man ist dann etwas ausserhalb der grossen Ströme unterwegs und hat auch mal eine Sehenswürdigkeit für sich.

Durchs Postkartenidyll

Als Ausgangspunkt für unsere vier Glockner-Schnuppertage wählen wir Heiligenblut. Die Werbung «Postkartenidyll» trifft hier voll ins Schwarze: im Vordergrund das schmucke Dorf mit der markanten Kirche, im Hintergrund der Grossglockner. Da macht der Fotoapparat unweigerlich Klick. Über die vielen Souvenirgeschäfte sieht man geflissentlich hinweg.

Erstes Ziel ist das Glocknerhaus auf besagter Elisabethruhe, der Unterkunft, wo Seine Majestät vor dem Schlafzimmerfenster wacht. Doch vorerst lassen wir den Glockner links liegen und widmen uns den weiteren Natur- und Kulturschätzen der Region. Dem 70 Meter hohen Gössnitzfall etwa und der sagenumwobenen Bricciuskapelle.

Wie jeder berühmte Berg hat auch der Grossglockner einen Rundweg, die sogenannte Glockner-Runde.

Der dänische Prinz soll bei Heiligenblut sein Leben gelassen haben. Als man das Lawinenopfer habe beerdigen wollen, habe sich ein Bein störrisch gewehrt. Des Rätsels Lösung fand man in Briccius’ Wade: ein eingewachsenes Fläschchen mit dem Blut Christi. Nun ruht er in der Kirche in Heiligenblut.

Der zweite Wandertag ist nicht weniger geschichtenbehaftet. Er bringt uns über die steile und etwas exponierte Stockerscharte in bester Höhenwegmanier ins Leitertal zur Salmhütte. Die erste ­alpine Unterkunft der Ostalpen wurde 1799 zur Erstbesteigung des Grossglockners erbaut.

Wissenschaftler wollten auf den Berg, um ihn zu vermessen und mit einem Barometer zu versehen. Das Vorhaben gelang im zweiten Anlauf und schlug mit umgerechnet 50'000 Euro zu ­Buche. Das Barometer lieferte während 52 Jahren zuverlässig Wetterdaten. An solch einem geschichtsträchtigen Ort sollte man übernachten. Wir tun es trotzdem nicht und ziehen weiter zur Glorer Hütte, der Wandertag wäre sonst etwas gar kurz geraten.

Von See zu See zu See

Am dritten Tag grüssen wir den Glockner aus der Ferne, andere Berge wollen auch bewundert werden. Das Böse Weibl etwa, ein Dreitausender, der sich vom Kesselkeessattel einfach erklimmen lässt. Der Aufstieg zum Sattel und der anschliessende Abstieg zur Elberfelder Hütte führen durch die Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern– in eine karge, steinige Hochgebirgslandschaft, an der man sich kaum sattsehen kann.

Der vierte Tag komplettiert, was bislang fehlte: die Bergseen. Drei empfangen uns, der Vordere, der Mittlere und der Hintere Langtalsee. Einer schöner als der andere, genauso wie das Gössnitztal, das sie beherbergt. Es gilt als eines der ursprünglichsten Täler der Ostalpen. Nach sechs langen Wanderstunden schliesst sich in Heiligenblut der Kreis. Was nicht heisst, dass es jetzt wieder heimgehen muss; die Wanderkarte zeigt noch viele weitere Wege, die sich nach Lust und Laune kombinieren lassen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.08.2017, 14:23 Uhr

Tipps & Infos

An- und Rückreise: Mit dem Zug nach Innsbruck oder Kitzbühel, dann weiter mit dem Bus über Lienz in Osttirol nach Heiligenblut.
Wanderung: Von Heiligenblut via Gössnitzfall und Briccius­kapelle zum Glocknerhaus, dann über die Stockerscharte zur Glorer Hütte. Der dritte Tag führt über den Kesselkeessattel zur ­Elberfelder Hütte, zum Schluss den malerischen Langtalseen entlang zurück nach Heiligenblut. Die Tour verläuft im Hochgebirge und erfordert gute Kondition und sicheren Tritt. Die Wege sind auf weiten Strecken wenig begangen, aber stets ­bestens gesichert und markiert. Wer es länger mag: In sieben Tagen lässt sich der Grossglockner umrunden.
Übernachtung und Verpflegung: In Heiligenblut mehrere Hotels, unterwegs Übernachtung in den Berghütten. Diese sollten reserviert werden. Glocknerhaus Tel.: 0043 4824 24666; Glorer Hütte Tel.: 0043 664 3032200; Elberfelder Hütte Tel.: 0043 4824 2545.
Beste Reisezeit: Mitte Juli bis Mitte September. Kartenmaterial: Alpenvereinskarten Nr. 40 (Glocknergruppe) und Nr. 41 (Schobergruppe). Weitere Informationen: Fahrpläne: www.oebb.at; Wanderwege und Hütten: www.alpenverein.at; Nationalpark: www.hohetauern.at.df

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