Narzissengelbe Juraidylle

Narzissen und Feldhasen stehen auf extensive Landwirtschaft. Auf den Waldweiden am Mont Sujet im Berner Jura geht es beiden gut. Die einen überziehen die Weiden mit einem gelben Teppich, die anderen sorgen beim Wanderer für Entzückung.

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Osterglocken. Die wachsen bei uns im Garten. Im Blumenladen um die Ecke gibt es sie im Töpfli für drinnen und draussen. Und der kleine Park vor der Kirche, der ist im Frühling ebenfalls voll davon. Doch eigentlich, daher ihr Name, sind sie jetzt durch. Osterglocken blühen um die Festtage zwischen Ende März und April. Nun ist Mitte Mai.

Zum Glück nochmals Winter

Wir stehen am Mont Sujet und reiben uns die Augen. Zu unseren Füssen blühen – Osterglocken. Nicht ein paar, sondern Hunderte, Tausende. Die ganze Weide leuchtet in der Sonne. Gelbe Narzissen sind nicht oft wild anzutreffen, intensive Landbewirtschaftung bekommt ihnen schlecht.

Am Mont Sujet im Berner Jura ist das anders. Die Weiden werden weder gemäht noch gedüngt, sondern im Sommer lediglich von Kühen gepflegt. Die Narzissen haben also reichlich Zeit zum Wachsen. Zudem schätzt die Narzisse das sonnige Klima und die trockenen Böden am Mont Sujet. Und wir haben das Glück, dass Ende April der Schnee und die Kälte nochmals Einzug hielten, sonst wäre die Pracht bereits verblüht.

Wer auf den Mont Sujet will, muss erst nach Les Prés-d’Orvin kommen. Das ist nicht einfach. Der Bus von Biel fährt unter der Woche am Morgen nur einmal, am Wochenende zweimal. Verpasst man ihn, erfolgt der Start zur Tour in Orvin, was eineinhalb zusätzliche Wanderstunden beschert.

Les Prés-d’Orvin ist das Kontrastprogramm zu Biel: dort die laute, lebendige Stadt, hier die Ruhe der jurassischen Abgeschiedenheit. Im Winter scheint mehr los zu sein. Zwei Skilifte, drei Babylifte, 45 Kilometer Langlaufloipen und eine Schlittenbahn machen Les Prés-d’Orvin zum Sportzentrum, ein gutes Dutzend Lagerhäuser bieten Gruppen Platz.

Im Frühling döst der Weiler vor sich hin. Die paar Wanderer, die mit uns ausgestiegen sind, haben den Weg zum Chasseral eingeschlagen. Den Mont Sujet haben wir für uns. Die Narzissen auch. Zu Beginn sind es wenige, einige sind schon verblüht. Doch je höher wir steigen, desto üppiger wird das Blumenmeer.

Halb Wald, halb Weide

Sowieso ist die parkähnliche Landschaft ein Fest fürs Auge: ein Mosaik aus lichten Wäldern, dichten Hecken und offenen Weideflächen. Diese sogenannten Wytweiden oder Waldweiden sind typisch für den Jura.

Sie wurden vor Jahrhunderten dem Wald abgetrotzt, einzelne Bäume hat man für das Vieh als Schattenspender stehen gelassen – Fichten, Ahorne, Buchen, Vogel- und Mehlbeeren. In dieser reich strukturierten Landschaft ist die Artenvielfalt hoch. Wir staunen nicht schlecht, wie ein Feldhase vor uns über die Weide hoppelt und wenig später noch einer.

Doch Wytweiden brauchen Pflege, sonst holt sie sich der Wald zurück. Kurz vor dem Gipfel des Mont Sujet treffen wir auf einen solchen Pflegebetrieb: Eine Bergerie, die Kühe und Rinder sömmert. Noch herrscht wenig Betrieb, und man freut sich über jeden Gast, der im Beizli einkehrt.

Der schönste Rastplatz indes befindet sich auf dem Gipfel des Mont Sujet. Der Berg ist ein riesiges Plateau, die Aussicht fantastisch. Bieler-, Neuenburger- und Murtensee, Berner und Waadtländer Alpen, Chasseral, das Mittelland – alles ist fein säuberlich angeordnet. Da bleiben wir.

Die Schlucht entwickelt sich

Der anschliessende Abstieg nach Lamboing ist so ganz anders als der Aufstieg. Der Wald hat sein Gesicht gewechselt, dicht an dicht stehen Buchen und Fichten. Schüler der Brienzer Schule für Holzbildhauerei haben dem Weg Skulpturen gespendet, also leisten uns Steinbock, Gämse, Wildschwein und Co. eine Weile Gesellschaft. Lamboing ist ein unscheinbares Dorf und hat doch Berühmtheit erlangt.

Friedrich Dürrenmatts Roman «Der Richter und sein Henker» spielt in der Gegend. In Lamboing wohnen bei ihm dubiose Gestalten, die Twannbachschlucht ist Schauplatz eines Mords, den Kommissär Bärlach aus Bern aufklären soll. Also nichts wie hin an den Ort des Grauens, die Twannbachschlucht ist krönender Abschluss unserer Tour.

Der Zugang auf der Asphaltstrasse ist mühsam, der Einstieg wenig spektakulär. Doch nach wenigen Schluchtmetern gehts los. Der Twannbach setzt sich beherzt in Szene, stürzt über Kaskaden, rauscht über Felsplatten und gräbt sich zwischen mächtigen Felsbrocken ein Bett. Die Felswände werden hoch und höher, obwohl die Sonne scheint, fällt Nieselregen. Auf dem letzten Teilstück wurde der Weg gar in den Fels gehauen, vor 125 Jahren. Die zwei Franken Wegzoll pro Person für den Wegunterhalt werfen wir gerne in die Kasse.

Twann, Endstation. Der Bielersee glänzt im Abendlicht, das hübsche Winzerdorf schmiegt sich an die steilen Rebhänge, am Horizont grüssen abermals die Alpen. Will man die Postkartenidylle perfekt machen, lässt man sich nieder zu einem Glas Wein oder tuckert mit dem Abendschiff zurück nach Biel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.05.2017, 13:21 Uhr

Tipps & Infos

Wanderroute: Les Prés-d’Orvin, Bellevue – Noir Combe – Mont Sujet – Sentier des sculptures – Lamboing – Twannbachschlucht – Twann.

Anforderungen: Die Wege sind einfach und gut zu begehen, auch für Familien. Nach Regen ist die Twannbachschlucht rutschig. Eine gute Kondition ist nötig. Wanderzeit ohne Pausen gut 4 Stunden.

An- und Rückreise: Mit Zug und Bus über Biel nach Les Prés-d’Orvin, Bellevue. Zurück ab Twann mit dem Schiff oder Zug nach Biel. Achtung: Wenige Busse nach Les Prés-d’Orvin.

Einkehr: In Les Prés-d’Orvin, Lamboing und Twann und in den Bergwirtschaften am Fuss des Mont Sujet.

Karten: Swisstopo-Wanderkarte 1:50 000, Blatt Vallon de St-Imier (232T); Swisstopo-Landeskarte 1:25 000, Blätter Chasseral (1125) und Bielersee (1145).

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