Im Land der 1000 Geschichten

Die Landschaften im Norden Irlands sind märchenhaft, das Essen fabelhaft, die Menschen aufrichtig. Das Beste aber sind die Geschichten, die einem an jeder Ecke erzählt werden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Und dann, irgendwann, wenn man wieder vorbeigefahren ist an einer dieser knallgrünen Wiesen, die hier überall sind, irgendwann, wenn man wieder den Schafen zugeschaut hat, von denen es in diesem Land mehr gibt als Menschen, irgendwann, wenn der nächste Regen kommt und die eben noch kräftigen Sonnenstrahlen innert Sekunden aus dem Bild am Himmel spült und man die Luft einatmet, die frisch ist und manchmal vom Duft des Torfes geschwängert, den sie hier überall verbrennen, um ihre Cheminées einzuheizen, irgendwann, wenn man sich an die Inspiration gewöhnt hat, die einem diese Landschaft schenkt, die weit ist und spärlich besiedelt, dass man über das Wort Dichtestress zu lachen beginnt, innerlich, irgendwann, wenn der Taxifahrer in Belfast erzählt, der Sommer sei dieses Jahr ausserordentlich gut gewesen, von Montag bis Dienstag habe er gedauert, irgendwann dann spürt man, dass es nicht allein das ist, was man sieht und fühlt, das schuld daran ist, dass man sich sofort verliebt in dieses kleine Land, wenn man es zum ersten Mal besucht. Man spürt, dass es die Geschichten sind, die man zu hören bekommt hier, an jeder Ecke, zu jeder Gelegenheit.

Die Nordiren erzählen gern Geschichten, sie erzählen sie allen, die sie hören wollen, und immer klingen sie spektakulär, und meistens sind sie es dann auch. Die Nordiren haben einen bemerkenswert trockenen Humor. Und die Nordiren strahlen einen unerschütterlichen Optimismus aus, und sei es nur, wenn es darum geht, ob ihre Fussballnati der Schweiz gefährlich werden kann in dieser WM-Barrage, von der sie alle reden jetzt.

154 Inseln

Auf Belle Isle, einer von 154 Inseln auf dem See Lough Erne im County Fermanagh im Westen des Landes, gibt es beinahe alles, was Nordirland ausmacht, auf 470 Hektaren zu erleben. Rund um ein märchenhaft anmutendes Schloss aus dem 18. Jahrhundert können Gäste Kochkurse machen, fischen, fabelhaft essen oder einfach die Ruhe geniessen, draussen am See oder im Park oder drinnen vor dem Cheminée.

Das Essen im Schloss serviert Amanda Johnson. Sie ist, natürlich, eine Frau, die gute Geschichten erzählt. An einem Dinner, sagt sie, habe sie einst die Königsfamilie bedient und mit der Queen diskutiert. Ihre Hände hätten gezittert, sagt Amanda, die Nervosität. Die Queen habe Gin getrunken, mit dem Aperitif ­Dubonnet gemischt, und zwar «quite a few», einige davon.

Wenn Amanda spricht, sagt sie alles so, dass man genau hinhören muss. Sie hat diesen ganz eigenen nordirischen Akzent, «now» wird zu «noi», das «pub» ist das «pob», und ganz vieles ist «brilliant» und «grand» und «lovely», und wenn eine Frau etwas Nettes macht oder sagt, sagt man zu ihr «Thank you, love» und das ist einfach so.

Joe Kelly, der auf Belle Isle Kochkurse anbietet, ist auch so ein Mensch, dem man einfach gern zuhört. Er lehrt Schüler, wie man Irish Stew bereitet, einen Eintopf aus Schweinefleisch und Kürbis, der unendlich viel besser schmeckt, als er aussieht. Oder Crumble mit Äpfeln von den Bäumen, die auf der Insel zu Hunderten rumstehen. Die lieferten viel mehr Früchte, als je jemand essen könne hier, sagt Joe. Deshalb schneide man auf Belle Isle das Kerngehäuse grosszügig raus.

Joe hat lange in Miami gelebt und gearbeitet. Vor ein paar Jahren ist er zurückgekehrt, nach Fermanagh, in die Heimat seiner Eltern. Hier habe er den Sonnenaufgang für sich allein, sagt er. Und seine Kinder könnten den ganzen Tag lang draussen spielen.

Die Zimmertüren im Schloss von Belle Isle lassen sich nicht ­abschliessen. Nichts, so scheint es, könnte einem hier gefährlich werden, nicht einmal der Himmel, der nachts so dunkel ist, dass es eine Wohltat ist und man schon wieder zu lachen beginnt innerlich, über das Wort Lichtverschmutzung diesmal.

50 Schweine

Wenn es wieder hell ist und sonnig, geht man fischen oder nimmt das Wassertaxi nach Enniskillen und lauscht Barry Flannagan. Er ist Wassertaxifahrer und erzählt in zwei Stunden auf dem See etwa zweihundert gute Geschichten. Zum Beispiel jene von Metzgermeister Pat O’Doherty, der auf der eineinhalb Kilometer langen und einen Kilometer breiten Insel Inish Corkish 50 Schweine mit schwarzer Pigmentierung ausgesetzt hat, die jetzt dort frei leben und das Fleisch liefern für den berühmten Black Bacon, dessentwegen die Leute aus ganz Irland herkommen in seine Metzgerei im Städtchen.

Barry sagt, wer mal auf Inish Corkish gewesen sei und die Schweine gesehen habe, wolle allerdings keinen Black Bacon essen, weil die Schweinchen so süss aussähen. Barry sagt auch, je mehr Zeit man auf Lough Erne verbringe, desto mehr Zeit wolle man auf Lough Erne verbringen.

950 Pfund

Crom Castle liegt auch an diesem See, an Lough Erne, und der siebte Earl von Erne ist der persönliche Gastgeber hier, Joe Crichton, ein echter Adliger. Den West­flügel seines Schlosses hat er für Besucher geöffnet, er finanziert so den Unterhalt des riesigen Schlosses, eine Übernachtung kostet ab 950 britische Pfund pro Person. Dafür bekommt der Besucher Gesellschaft vom Earl persönlich. Und, selbstverständlich, viele Geschichten zu hören.

Und dann, irgendwann am Abend, landet man in Enniskillen im «Blakes of the Hollow», Nordirlands Pub des Jahres 2016, trinkt Guinness und lauscht wieder irgendjemandem, der eine gute Geschichte erzählt, vielleicht über die TV-Serie «Game of Thrones», die teils in den märchenhaften Landschaften dieser Gegend gedreht worden ist.

Kurz denkt man dann möglicherweise an Pat McKennen, der auf einer kleinen Farm irgendwo im Nirgendwo zwischen Belfast und Enniskillen Long Meadow Cider herstellt, den man probieren kann, wenn man dort vorbeischaut. Pats Apfelwein schmeckt so viel besser als jener der bekannten Marken Bulmers oder Somersby, weil er aus nichts als Äpfeln und Zucker besteht und komplett biologisch hergestellt wird. «Wir haben viele spannende Geschichten zu erzählen», pflegt Pat seinen Besuchern zu sagen. «Und wir erzählen sie gern.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 16:58 Uhr

Tipps & Infos

Anreise: Mehrere Fluglinien bieten täglich Direktflüge ab Zürich und Genf nach Dublin an. Vom Flughafen Dublin fährt ein Bus in 1½ Stunden nach Belfast.

Übernachten und entdecken: Die Redaktion der «Lonely Planet»-Reiseführer hat Belfast und die Causeway Coast in der Kategorie Regionen letzte Woche zum «Topreiseziel 2018» erklärt. Tatsächlich ist Belfast grossartig, nicht nur wegen des wirklich fantastischen Titanic-Museums. In der Hauptstadt gibt es auch viele gute Hotels, zum Beispiel das heute charmant-schicke Europa Hotel, das während des Nordirland-Konflikts 36-mal Ziel von Bombenanschlägen war. Der öffentliche Verkehr im Land ist okay, mit einem Mietauto ist man aber auf jeden Fall besser bedient. In fast jedem Dorf gibt es gute Privatunterkünfte, die auch kurzfristig buchbar sind.

Essen: Im Lough Erne Resort in Enniskillen, einem Fünfstern­hotel mit Golfplatz, trafen sich 2013 die mächtigsten Menschen der Welt zum G-8-Gipfel. Auch als Normalsterblicher kann man dort aber vorzüglich und relativ preiswert essen.

Nützliche Links: www.discovernorthernireland.com, www.ireland.com, www.belle-isle.com, www.titanicbelfast.com.

Der Autor reiste auf Einladung von Tourism Ireland.

Artikel zum Thema

Mit Kampf und Leidenschaft

Die Schweiz trifft in den WM-Playoffs auf Nordirland. Sie wird klar favorisiert sein, muss sich die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2018 gegen einen bissigen, robusten Gegner aber erarbeiten. Mehr...

70 Kilometer im Meer

Die Steffisburgerin Sabrina Wiedmer ist derzeit unterwegs zwischen Nordirland und der Isle of Man – schwimmend! Schafft sie die 70 Kilometer lange Strecke, ist sie der erste Mensch, dem das gelingt. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Bern & so Glück und Kreide

Foodblog Grossvaters Gamspfeffer!

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Gewalt und Repression: Ein Polizist geht vor der Kathedrale Notre Dame in Kinshasa, Republik Kongo in Deckung. (25. Februar 2018)
(Bild: Goran Tomasevic) Mehr...