Gipfelsturm im Gottesstaat

Der Mount Damavand im Iran ist der Kilimandscharo des Nahen Ostens. Beim Trekking auf den 5671 Meter hohen Vulkan ist man nah bei Gott und hoch über dem Schleier.

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Ritsch, ritsch, ratsch. Ein Schnauben bläst mir entgegen. Dann ein Röcheln an meinem Ohr. Dumpfes Poltern. Schliesslich klatscht das Zelttuch auf mein Gesicht. Benommen blinzle ich. Ritsch, ritsch, ratsch. Mir dämmert: Eines der Maultiere frisst das Gras unter unserem Zelt weg – und stolpert dabei über die Zeltschnüre.

Der Blick auf die Uhr zeigt 3.40 Uhr – ohnehin Zeit, aufzustehen. Erholsam war die Nacht nicht. Das Trommeln der Regentropfen auf der Zeltplane liess einen Wolkenbruch befürchten. Und bevor das Maultier kam, drohten Sturmböen das Zelt fortzutragen. Vor allem aber raubte uns die dünne Luft den Schlaf. Sie wird noch dünner werden. Denn heute ist Gipfeltag. Wenn alles gut geht, stehen wir am Mittag am Kraterrand des Mount Damavand in 5671 Metern Höhe.

Der Berg ist der höchste Gipfel des Nahen Ostens und der höchste Vulkan Asiens. Doch bis zum Gipfel sind es noch satte 1600 Meter Aufstieg. Unser letztes Lager liegt auf 4100 Metern – ein grüner Grasplatz so gross wie ein Fussballfeld mitten in der Geröllwüste. Ein Logenplatz mit Blick hin zum Kaspischen Meer, wo sich im Tagesverlauf der Dunst zu einer Wolkenwalze sammelt und über die vorderste Gebirgskette ins Tal kippt. Südwärts, in unserem Rücken, thront der mythische Berg.

Einsame Nordroute

Wir steigen von Norden her auf den Mount Damavand, nicht über die Normalroute im Süden. Unser Weg ist anspruchsvoller, er ist schöner und vor allem einsamer. Drei Tage zuvor sind wir in unserer Reisegruppe in der Millionenstadt Teheran aufgebrochen und haben uns im Kleinbus in einem Bogen von 150 Kilometern rund um den Berg diesem genähert. Kurz hinter dem Pass in 2700 Metern Höhe gab die Strasse erstmals den Blick frei auf die mit Schneefeldern verzierte Pyramide.

Dann verloren wir uns in der monumentalen Weite des Alborz-Massivs, tauchten in tief eingeschnittene Täler, zwischen schwindelerregend aufgeworfene Felsen und von Erosion ausgewaschene Flanken. Eine imposante Landschaft in allen Schattierungen von Ocker, Grau und Rot, die Autos und Menschen auf Spielzeugformat schrumpfen lässt. Über eine kühn angelegte Schotterstrasse erreichten wir Nandal, ein Bergdorf in 2500 Metern Höhe, das ganzjährig von rund 100 Menschen bewohnt wird und im Winter von der Aussenwelt abgeschnitten ist. Es ist unser Basecamp.

In Nandal schlafen wir in einem Privathaus, die Familie räumt zwei Zimmer für uns frei, wo wir die Campingtische aufstellen und unsere Schlafmatten ausrollen. Mal sitzt der Grossvater auf der Veranda, mal die Elterngeneration, mal sind dort die Kinder mit eigenem Nachwuchs. Und während wir zu Abend essen, schlachtet die Familie im Hof ein Schaf für ein Familienfest am Freitag, dem Feiertag der Muslime.

Der Staat hat eine Lodge in dem Bergdorf geplant, doch der Bau ist blockiert. Mohammad Hajabolfath, unser Bergführer, setzt auf Eigeninitiative und versucht die Familie zu überzeugen, selbst ein Gästehaus zu bauen. Er erzählt, wie er 2005 erstmals mit einer Trekkinggruppe in das Dorf kam und die Familie seither Jahr für Jahr in zusätzliche Maultiere investiert hat. Den Rücktransport des Abfalls vom Berg verrechnen sie ihm mittlerweile nicht mehr. Anfangs hatten sie noch kein Verständnis dafür, warum der Guide den Abfall überhaupt zurückbringen wollte. So geht nachhaltige Wirtschaftsförderung auf Iranisch.

Pionier des Bergsports

Mohammad selbst ist ein Pionier. Vor 15 Jahren hat der heute 43-Jährige sein Unternehmen gegründet. Mittlerweile hat Iran Mountain Zone zehn Mitarbeiter, vier davon sind Guides – im ganzen Land gibt es etwa 15 Führer für Sommertouren und 20 Führer für den Winter, eine Zertifizierung nach internationalen Standards steht allerdings noch an. Mohammad ist eher durch Zufall zum Bergsteigen gekommen.

Mittlerweile ist der studierte Mathematiker jedoch so etwas wie ein Aushängeschild des iranischen Mountaineering und bestens im Ausland vernetzt, gerade auch in der Schweiz. Dazu beigetragen hat eine Dokumentation darüber, wie er in sieben Wochen das Alborz-Massiv durchquert hat. Ein Film, der auf Arte, RSI und weiteren Fernsehsendern ausgestrahlt wurde. Mohammad selbst ist am liebsten im Schnee auf Tourenski unterwegs auf unbekannten Wegen, etwa im Zagros-Massiv, dem grossen Gebirgszug im südwestlichen Iran. Und er ist ehrlich: Für ihn gibt es in seiner Heimat schönere Berge als den Mount Damavand.

Doch warum übt dieser Berg eine solche Anziehungskraft aus? Zum einen ist da die Höhe. Dann die frei stehende Form des Vulkankegels. Schliesslich auch die Nähe zu Teheran – bei klarer Sicht kann man den Damavand von der Stadt aus sehen. Und: Der Berg ist Teil der persischen ­Mythologie. Im persischen Nationalepos «Schahname», dem «Buch der Könige» aus dem 10. und 11. Jahrhundert, erzählt der Dichter Ferdousi die Legende von Fereydun, der den tyrannischen Herrscher Zahak auf dem Berg festnagelte.

Eine weitere mythische Figur ist der Krieger Arasch, der sich auf den Berg schleppte. Mit letzter Kraft spannte er den Bogen und schoss einen Pfeil ab, der die Grenzen des antiken Iran markiert. Es sind diese Legenden, die den Damavand zu einem symbolischen Ort für den Widerstand machen. Vor einigen Jahren stellte der Staat auf dem Gipfel die Statue eines Helden der Islamischen Revolution auf. Nur eine Woche später war nur noch der demolierte Sockel davon übrig. Am Berg ist übrigens auch das Kopftuch nicht Pflicht.

Der Gipfeltag wird auch uns die letzte Energie abverlangen. Der Regen hat aufgehört, die Wolkenwalze ist vom Wind weggeblasen, am Horizont hängt eine Lichterkette, die das Ufer des Kaspischen Meeres markiert. Fahles Mondlicht erhellt den Lagerplatz, der Gipfel hüllt sich in Wolken. Die Luft ist weich wie Samt und schluckt jedes Geräusch. Wie in Trance setzen wir einen Fuss vor den anderen, ganz langsam und regelmässig, damit sich der Puls nicht erhöht. An den beiden vorhergehenden Tagen sind wir jeweils rund 400 Meter über das Zeltlager aufgestiegen, um den Körper an die grosse Höhe zu gewöhnen.

Bei der ersten Pause brechen die Sonnenstrahlen durch. Der Weg ist gut, mal sandig und steiler, Stöcke helfen beim Aufstieg, an manchen Stellen Handgriffe. Ab 5000 Metern Höhe müssen einige von uns die Zähne zusammenbeissen, bei einer rebelliert der Magen, einer anderen weicht jede Kraft aus den Muskeln, umkehren muss jedoch niemand. Unsere drei Guides stimmen iranische Volkslieder an, um uns aufzumuntern. Und als wir den Gipfel erreichen, kommen manchen die Tränen – vor Erschöpfung und vor Ergriffenheit.

Und doch: Mohammad hat recht. Der Blick von fern auf den ikonischen Berg ist schöner als der Blick vom Gipfel herab. Auf der Südseite sehen wir die Normalroute und die Hütten, um die sich etliche Zelte gruppieren. Auch auf dem Gipfel sind wir nicht mehr allein. Bald kehren wir zurück auf die einsame Nordroute. Stecknadelgross sind die Tupfer unserer Zelte auf dem grünen Logenplatz. Noch eine grosse Tat wartet auf uns, denn jeder Bergsteiger weiss: Der Abstieg ist oftmals das Schwierigste.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 29.07.2017, 09:58 Uhr

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