«Es ist wieder einmal Zeit für Notwehr!»

Das 1.-Mai-Fest in Thun stand im Zeichen des Kampfes für eine soziale Wende in der Arbeitswelt und der Gesellschaft. Als Hauptrednerin trat die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran auf.

Der 1.-Mai-Umzug durch die Thuner Innenstadt verlief friedlich. Mit dabei war auch die Gewerkschaft Syndicom.

Der 1.-Mai-Umzug durch die Thuner Innenstadt verlief friedlich. Mit dabei war auch die Gewerkschaft Syndicom. Bild: Patric Spahni

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«Wir haben ein System geschaffen, das uns erpressbar macht», liess die Zürcher SP-National­rätin Jacqueline Badran an ihrer Rede am 1.-Mai-Fest auf dem Thuner Rathausplatz verlauten. Damit sprach sie die prekäre Situation auf dem Arbeitsmarkt an, «wo Löhne immer mehr gekürzt und höher ­besteuert werden».

Wenn der Arbeitnehmer sich damit nicht zufriedengebe, drohe der Arbeitgeber nicht selten damit, weg­zuziehen und sich Arbeitskräfte zu suchen, die seine Bedingungen akzeptierten. So lasse sich der Angestellte mangels Alternativen erpressen.

Lage verbessern für Arbeiter

Gerade in den Begriffen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer fand Badran einen weiteren Streitpunkt: «Geben nicht eher die Arbeitnehmer die eigentliche Arbeit, nämlich ihre Zeit und ihre Fähigkeiten?», fragte sie die Besucher der Feier. Der sogenannte Arbeitgeber steuere in diesem Prozess lediglich das Kapital bei, gebe aber nicht die eigentliche Arbeit, erklärte sie ihre These. Dass sie selber als CEO der Firma Zeix AG auch Arbeitgeberin sei, erwähnte Badran dabei durchaus, betonte aber, dass sie dieses Wort nicht möge.

«Es ist wieder einmal Zeit für Notwehr», rief Badran ausserdem die rund hundert Anwesenden auf. Sie berief sich auf die ­Situation von Lohnbezügern aus dem letzten Jahrhundert. 60-Stunden-Wochen seien keine Seltenheit gewesen, der Lohn ­habe oft nur knapp zur Beschaffung von Lebensmitteln gereicht. «Erst als die Sozialdemokraten das Kapital an sich rissen, bes­serte sich die Lage», so Badran. Nun sei erneut die Zeit gekommen, das System zu hinterfragen. «Es ist nicht verkehrt, über eine postkapitalistische Gesellschaft nachzudenken.»

Erfolgreiches Jahr für SP

Neben Jacqueline Badran sprach einmal mehr auch die Thuner Stadträtin und Präsidentin des 1.-Mai-Komitees, Alice Kropf, vor den Anwesenden. Sie erwähnte die auf der Seite der SP erfolgreich ausgegangenen Abstimmungen zur Durchsetzungsinitiative sowie zur Unternehmenssteuerreform III. «Ich hoffe, dass wir auch dieses Jahr bezüglich des Energiegesetzes und auf kantonaler Ebene der Asylsozialhilfe die gewünschten Ergebnisse erzielen können.»

Hasim Sancar, Stadtberner Grossrat (Grünes Bündnis), sprach sich in seiner Rede ebenso wie Kropf und Badran für eine ­sozialere und gerechtere Zukunft für die Gesellschaft aus. Sancar, der kurdischer Abstammung ist und 1980 nach dem Militärputsch in der Türkei in die Schweiz flüchtete, plädierte für die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und der kurdischen Bevölkerung. Diese waren von Präsident Erdogan im Juli 2015 beendet worden. «Es braucht internationalen Druck, damit sich etwas bewegt», stellte Sancar klar.

Das OK hatte auch dieses Jahr ein vielseitiges Programm zur Feier des Tages der Arbeit zusammengestellt. Der kurdische Musiker Memetcan Siyar unterstrich mit seinen politischen Liedtexten die Wichtigkeit der Wahrung der Menschenrechte und Demokratie. Auch Severin Zeller von den Juso Thun und Unia-Präsidentin Vania Alleva hatten das Wort. Der Umzug via Bälliz und Mühleplatz verlief friedlich, die Polizei zeigte entsprechende Präsenz. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 01.05.2017, 19:26 Uhr

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