Brienz

«Wandern ist ein menschliches Urbedürfnis»

Brienz«Wir dürfen stolz sein auf das Berner Wanderwegnetz», ist Andreas Staeger überzeugt. Er muss es wissen, denn bis Ende April war er Präsident des Vereins Berner Wanderwege.

Andreas Staeger unterwegs nahe seinem Wohnort Brienz: Auch wenn er den Verein Berner Wanderwege nun nicht mehr präsidiert, wandert er auch weiterhin so oft  wie möglich.

Andreas Staeger unterwegs nahe seinem Wohnort Brienz: Auch wenn er den Verein Berner Wanderwege nun nicht mehr präsidiert, wandert er auch weiterhin so oft wie möglich. Bild: Markus Hubacher

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Welches ist der schönste Wanderweg im Berner Oberland?
Andreas Staeger: Für mich persönlich ist es der Weg von Stechelberg nach Obersteinberg.

Warum?
Das Hintere Lauterbrunnental bietet landschaftlich eine einzigartige Dichte an Vielfalt und Schönheit. Klar, das ist subjektiv, zumal dies meine Heimat ist.

Sie haben soeben das Buch «Kurzwanderungen» veröffentlicht. Von den 52 präsentierten Berner Routen liegt mehr als die Hälfte nicht im Oberland – hat diese Region als Wanderparadies ausgedient?
Nein, bestimmt nicht. Im Gegenteil: Das Oberland ist die bekannteste und wichtigste Wanderdestination im Kanton Bern. In diesem Buch geht es um Einsteigerrouten für Leute, die mit dem Wandern nicht vertraut sind. Der Bevölkerungsschwerpunkt liegt im Grossraum Thun-Bern-Biel, und die Anreisewege sollen kurz sein – damit man gewissermassen vor der Haustüre auf den Geschmack kommen kann.

Der Verein Berner Wanderwege feierte 2012 sein 75-jähriges Bestehen und zählt 12'000 Mitglieder. Wie viel haben Sie als Geschäftsführer und Präsident zu diesem Erfolg beigetragen?
Die Mitgliederzahlen waren bis zur Jahrhundertwende rückläufig. Danach haben wir die Wende geschafft. Dazu brauchte es gute Angebote für die Mitglieder, zum Beispiel Onlineroutenplaner, Wandermagazin, Vergünstigungen auf Bücher und Karten.

Inzwischen ist das Wanderwegnetz im Kanton Bern 10'000 Kilometer lang. Zufrieden?
Es sind nur noch 9800 Kilometer. Im vergangenen Jahr wurde das Netz um etwa 200 Kilometer bereinigt. Es wurden vor allem Hartbelagsabschnitte aufgehoben. Aber die Kilometerzahl ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist die Qualität der Wanderwege.

Und mit der sind Sie zufrieden?
Das ist ein permanenter Prozess. Wanderwege liegen in der freien Natur, das heisst, sie unterstehen Einwirkungen von Wasser, Schnee, Erosion und müssen laufend unterhalten werden. Zudem sind wir bestrebt, den Hartbelagsanteil des Routennetzes zu verkleinern. Insgesamt dürfen wir aber nicht nur zufrieden, sondern stolz sein auf das Berner Wanderwegnetz.

Ein Drittel der Schweizer Bevölkerung wandert regelmässig. Genügt das?
Betrachtet man Wandern als Sport, so kann man feststellen, dass dies die am meisten verbreitete Sportart ist. Das ist gut. Hingegen besteht noch Potenzial, denn Wandern kann jeder, es braucht keine teure Ausrüstung, es braucht keine Spezialkenntnisse, es braucht nur die Lust am Entdecken der Natur.

Trügt der Eindruck, dass die heutige Jugend unter 20 keine Wandergeneration mehr sein wird?
Die Wanderbegeisterung ist meiner Meinung nach in den Genen verankert...

...was wissenschaftlich belegt ist?
Jeder Mensch kann diese Gene für sich selbst entdecken, es braucht keinen elterlichen Zwang dazu. Entsprechend häufig wandern auch junge Leute, und ebenso werden dies die heutigen Jugendlichen noch tun.

Weg von langen Märschen in Knickerbockern und roten Socken hin zu leichten Kurzwanderungen in trendigem Outfit – lautet so das Rezept für die steigende Popularität des Wanderns?
Kürzere Routen liegen sicher im Trend. Man will nicht mehr einen ganzen Tag lang wandern. Am Sonntag macht man hundert andere Dinge. Man will zum Beispiel zuerst ausschlafen, dann brunchen, dann wandern, dann noch einen Besuch machen, ein Fussballspiel sehen und so weiter. Und ja, das Outfit spielt sicher auch eine Rolle. Statt der früheren «Uniform» ist leichte, zweckmässige Bekleidung gefragt. Die idealen Wanderschuhe könnte man sogar an einer Geschäftssitzung tragen.

Zum Rezept scheint auch die überall grassierende Eventitis zu gehören mit möglichst vielen Ablenkungen entlang des Wanderweges, der so zum Themenweg mutiert...
Themenwege können jene Ausflügler zum Wandern animieren, die sonst nicht wandern würden.

Dazu kommen künstliche Aussichtsplattformen, Spielplätze, zu Erlebnisstätten aufgedonnerte Restaurants und andere Attraktionen – verkommen die Berge damit also, wie oft behauptet, endgültig zum Disneyland?
Achtstündige Wanderungen durch einsame Gebirgslandschaften sind heute nicht mehr so gefragt wie früher. Die heutigen Wanderer suchen gerne auch Abwechslung oder eine Bereicherung, wie sie solche Elemente eben sein können.

Auf einem Wanderweg am Männlichen steht sogar eine mobile Toilettenkabine. Wie sinnvoll ist solches?
Dieser Wanderweg zählt zu den bestfrequentierten der ganzen Schweiz. Das bedeutet auch eine Herausforderung für die Infrastruktur. Entsprechende Angebote zu organisieren, ist sicher sinnvoll.

Apropos Hinterlassenschaften: Werden heute mehr Abfälle liegen gelassen als früher – wie stehts um den Schutz von Flora und Fauna?
Littering ist in den Städten ein grosses Problem. Da ist es nicht auszuschliessen, dass dies auch auf Wanderwegen zum Problem werden kann. Aber generell überwiegt der Respekt vor der Natur.

Wandern kann noch andere Schattenseiten haben: Gefahren, die von der Natur drohen. Wie stark hat zum Beispiel die Erosion wegen der Klimaerwärmung zugenommen?
Wanderwege gibt es seit etwa hundert Jahren in der Schweiz. Der Verein Berner Wanderwege kümmert sich seit etwa dreissig Jahren systematisch um den Bau und Unterhalt der Wege. Diese Frist ist nach meiner Ansicht noch zu kurz, damit man abschätzen könnte, ob eine Veränderung im Gang ist.

Bestimmt gefährlich ist aber eine ungenügende Vorbereitung, beispielsweise bei der Bekleidung. Sind die Wanderer heute besser ausgerüstet als früher?
Beim Material wurden enorme Fortschritte gemacht. Wir verfügen heute über sehr leichte, stabile, griffige Schuhe, leichte, komfortable Rucksäcke, Kleider mit hervorragenden Eigenschaften. Die Ausrüstung hat sich also ganz klar verbessert.

Ebenso die Handys – gaukeln sie eine zusätzliche Sicherheit vor?
Diese Problematik besteht beim Alpinismus. Ob sie auch für das Wandern gilt, bezweifle ich. Wanderer gehen nicht an ihre Grenzen, sondern suchen Genuss.

Und Wanderer haben auch einen Hang zu einer gewissen Nostalgie. Flüchten sie aus dem hektischen Alltag in eine vermeintlich unverändert ruhige Umwelt?
Ich würde das nicht als Nostalgie bezeichnen, sondern als Erfüllung eines menschlichen Urbedürfnisses: Ausgleich zum Arbeitsbetrieb, zum Leben in Stadt und Dorf, Eintauchen in Naturlandschaften, Stille, frische Luft, das Erleben von Aussicht.

Aber Wandern sei «zweckfreies Gehen», haben Sie definiert – was eben falsch ist, denn der Zweck heisst doch Gesundheit und wie erwähnt Genuss.
Das ist kein Zweck, sondern eine Selbstverständlichkeit. Jeder Mensch möchte gesund sein, jeder möchte geniessen. Das ist so natürlich, dass es nicht als Zweck bezeichnet werden kann.

Franz Hohler sagte, dass «eine Wanderung losgelöst ist von einer Notwendigkeit», und er wandere «zum Nichtsdenken».
Meine Erfahrung ist es, dass Wandern gute Gespräche und neue Gedanken ermöglicht.

Also ganz im Sinne von Hape Kerkelings Bestseller «Ich bin dann mal weg» über die sehr spirituelle Wanderung auf dem Jakobsweg?
Der Boom der Pilgerwanderungen ist interessant – und vielleicht vor allem zeittypisch.

Das heisst?
Unsere Zeit, die sich der Religiosität zunehmend entfremdet, hat das Bedürfnis nach Sinnstiftung. Eine Pilgerwanderung vermag dies vielen Menschen offenbar zu vermitteln.

Von Ihnen stammt auch die Feststellung «Wanderer suchen das Unvereinbare: den Weg durch die Unwegsamkeit». Da steckt doch etwas gar viel idealisierende Philosophie drin...
Okay, akzeptiert. Aber das spielt auf einen Widerspruch an: Als Wanderer suche ich grösstmögliche Einsamkeit in möglichst unberührter Landschaft. Gleichzeitig erwarte ich spätestens nach 500 Metern den nächsten Wegweiser, ich will auf keinen Fall in ein Funkloch geraten, und schliesslich sollte die Beiz am Ziel nicht gerade Wirtesonntag feiern.

Wie wärs mit dem Bergsteigermotto «Der Weg ist das Ziel»?
Das gilt fürs Wandern noch viel mehr. Der Wanderer, nicht der Bergsteiger benötigt Wege.

Wandern ist ein Luxus der Wohlstandsgesellschaft, arme Völker kennen es höchstens als mühsamen Teil der Nahrungssuche...
Ja, eigentlich erstaunlich: Alle Menschen wandern – die einen müssen, die anderen dürfen.

(Berner Oberländer)

Erstellt: 08.05.2013, 07:33 Uhr

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Zur Person

Andreas Staeger (51) war von 1996 bis 2000 im Vorstand des Vereines Berner Wanderwege, danach acht Jahre dessen Geschäftsführer und von 2009 bis Ende April 2013 dessen Präsident. Der PR-Berater, Journalist und Sekundarlehrer führt in Brienz ein eigenes Kommunikationsbüro (staegertext.com).

Aufgewachsen ist Andreas Staeger in Lauterbrunnen –
«einer Walsersiedlung», wie er schmunzelt, «wir sind also schon im Mittelalter über die Berge gewandert». Ihn nach seinen Hobbys zu befragen, ist überflüssig. Zudem ist er verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
www.wanderprofi.info

«Kurzwanderungen» von Andreas Staeger, Herausgeber Berner
Wanderwege, 128 Seiten, Format 1218 cm, ISBN 978-3-9522223-2-4, Fr. 24.90, für Mitglieder 21 Fr.

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