Wie eine Berner ETH den Kanton voranbringen könnte

Im Standortwettbewerb verfügt Bern über kürzere Spiesse als Zürich, Basel oder die Genferseeregion. Denn die vom Bund finanzierten ETHs stossen sogar in die Berner Paradedisziplin vor, die Medizin. Braucht auch Bern eine ETH als Antriebsmotor?

Mehr als ein Hirngespinst: Der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) fordert eine ETH für Bern. Foto:

Mehr als ein Hirngespinst: Der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) fordert eine ETH für Bern. Foto: Bild: Peter Klaunzer (Keystone), Montage: BZ

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nicht nur der Kanton Bern bezieht jedes Jahr über eine Milliarde Franken aus einem nationalen Geldtopf. Auch Zürich und Lausanne erhalten vom Bund alljährlich einen Milliardenbeitrag – nämlich für ihre beiden ETHs. Wie wäre es denn, wenn Bern anstelle der Milliarde aus dem nationalen Finanzausgleich (NFA) eine Milliarde für einen Berner ETH-Standort bekäme? Gut möglich, dass diese simple finanzielle Rochade dem Kanton einen Weg aus seiner Stagnation weisen könnte.

Die grosse NFA-Tranche hilft dem vielteiligen Flächenkanton Bern zwar, seine unterdurchschnittlichen Ressourcen auszugleichen. Sie schadet aber dem Berner Ruf und löst kein Wachstum aus. Klar: Im Budget des vielgestaltigen Kantons würde ohne NFA-Geld ein Loch klaffen. Eine ETH-Milliarde dürfte aber neue Steuereinnahmen generieren, die allen Regionen des Kantons zugutekämen.

Wachstumsmaschine ETH

Wie das? Eine Studie der schottischen Beratungsfirma Biggar Economics über europäische Hochschulen hat laut der «NZZ am Sonntag» eben gezeigt, dass jeder ETH-Arbeitsplatz in der Schweiz vier zusätzliche Jobs schafft. An den ETHs in Zürich und Lausanne docken sich lukrative Firmen an. Eine ETH ist eine Wachstumsmaschine, die Wertschöpfung generiert. Für Bern wäre das ein Segen, denn hier fehlt so ein national finanzierter Antriebsmotor.

Ist eine Berner ETH mehr als ein Hirngespinst? Der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) scheut sich jedenfalls nicht, NFA- und ETH-Gelder einander gegenüberzustellen. Sein Vorgänger Andreas Rickenbacher (SP) erklärte 2012 in der SRF-«Arena» gar offen, er hätte lieber eine ETH-Milliarde wie Zürich und die Waadt. «Diese beiden Kantone erhalten für ihre ETHs derzeit vom Bund 2,55 Milliarden Franken im Jahr. Das ist doppelt so viel, wie der Kanton Bern aus dem Finanzausgleich bezieht», rechnet Christoph Ammann vor.

Die NFA-Tranche schadet dem Berner Ruf und löst kein Wachstum aus.

Die ETH-Milliarden sind ein zentraler Faktor, dass sich der Grossraum Zürich und das Genferseebecken zu den zwei wirtschaftlichen Boomzonen der Schweiz entwickelt haben. Aus einer Berner Perspektive verzerrt der Bund mit seinen ETH-Geldspritzen den nationalen Standortwettbewerb.

Was eine ETH bewirken kann, zeigt das Beispiel der EPFL in Lausanne eindrücklich. Im ersten nationalen Finanzausgleich der 1950er-Jahre war die Waadt im Gegensatz zum Kanton Bern noch ein Empfängerkanton. 1969 erhielt die EPFL den Status einer nationalen Hochschule und wuchs dank dem steten Support der ganzen Westschweiz sowie der Lobbyarbeit welscher Politiker rasch. Heute hat die Waadt den Kanton Bern überholt und gehört zu den Geberkantonen.

Davon reden, was Bern leistet

«Der Kanton Bern hat viele Stärken und hat unter den gegebe­nen nationalen Rahmenbedingungen gute Arbeit geleistet», findet Volkswirtschaftsdirektor Ammann. Bern fehle aber die ­nationale Schlüsselinfrastruktur einer ETH-Institution – vorab im Medizinbereich. Gerade auf diesem Feld, das einer der Berner Trümpfe sei, profitierten Zürich, Basel oder Lausanne in jüngster Zeit von ETH-Geldern.

Ist das nicht das typische Berner Gejammer: Fordern statt liefern? «In den letzten Jahren haben vor allem die finanzstarken Kantone gejammert», erwidert Ammann. Mit dem Resultat, dass die NFA-Beiträge an den Kanton Bern um 150 Millionen Franken gekürzt würden. Gleichzeitig könnten es sich die Waadt oder Basel leisten, ihre Unternehmenssteuern massiv zu senken.

«Die beiden ETH erhalten doppelt so viel Geld, wie der Kanton Bern aus dem Finanzausgleich bezieht.»Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP)

«Jammern ist für Bern nicht der richtige Weg», bestätigt Ammann. Sein Kanton müsse in dieser schwierigen Situation vielmehr herausstreichen, wie viel er aus eigener Kraft leiste. Ammann illustriert das an zwei Leuchttürmen, deren nationale Bedeutung weitherum anerkannt sei.

Beispiel eins ist der Empa-Ableger in Thun, die einzige ETH-Institution im Kanton Bern. Das Bundesforschungsinstitut für Materialwissenschaften und Technologieentwicklung mit Hauptsitz in Dübendorf ZH betreibt in Thun zwei Forschungsschwerpunkte. Ausgerechnet die­se wollte der ETH-Rat aufheben, als er sich für die Periode 2017–2024 mit dem Bund vorerst nicht über die Subventionen einigen konnte.

Der Berner Volkswirtschaftsdirektor konnte den Abzug abwenden. Das hatte aber seinen Preis. Das Berner Kantonsparlament musste Anfang 2017 einen Beitrag von 10 Millionen Franken bewilligen, um sicherzustellen, dass der Empa-Standort Thun bis 2030 erhalten bleibt und weiterentwickelt wird.

Wettstreit um Spitzenmedizin

Beispiel zwei ist das gewichtigere: der Medizinalstandort rund um das Berner Inselspital. Auf dem Gelände entsteht für rund 90 Millionen Franken das Forschungszentrum Sitem-Insel AG. Es arbeitet an der Schnittstelle von medizinischer Forschung und medizintechnischer Anwendung.

Auch private Firmen wie ein Diabetescenter von Willy Michel und der Ypsomed AG sowie ein Forschungslabor von CSL Behring siedeln sich dort an. Die Berner sind bei der Lancierung dieser Institution Vorreiter nach dem modernsten State of the Art.

Aus der Innovationsförderung des Bundes für Institutionen von nationaler Bedeutung erhält die Sitem-Insel AG zwar einen Anstossbeitrag von 25 Millionen Franken für den Zeitraum 2017–2020. Allerdings muss auch der Kanton Bern denselben Beitrag einschiessen.

«Jammern ist für Bern nicht der richtige Weg.»Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP)

Schön und gut. Nur: Forschungs- und Anwendungsinstitute wie die Sitem-Insel AG entstehen noch weitere. Allerdings anders als in Bern mit grosszügiger Unterstützung des Bundes. In Zürich plant die ETH mit privaten Partnern auf ihrem Areal für 194 Millionen Franken das Entwicklungs- und Laborgebäude GLC, das 2020 den Betrieb mit zahlreichen neuen Forschungsprofessuren aufnehmen soll.

In Basel siedelt die ETH das Department of Biosystems Science and Engineering in einem Neubau des Kantons an. Wobei die ETH Miete zahlt und den Nutzerausbau mit 80 bis 100 Millionen Franken selber finanziert. 15 Forschergruppen und 300 Wissenschaftler sollen dort ab 2021 arbeiten.

Die EPFL Lausanne will 2021 einen Neubau für Neurowissenschaften eröffnen. Und in Genf arbeiten die EPFL, die Uni Genf, die Familie Bertarelli und der Berner Mäzen Hans Jürg Wyss zusammen – für den Campus Biotech auf dem früheren Gelände der Pharmafirma Merck Serono.

Uni Bern holt viele Drittmittel

In Zürich, Basel, Lausanne und Genf wird also dank ETH-Geldmitteln des Bundes mit der grösseren Kelle angerichtet als in Bern. Christoph Ammanns Fazit: «Der Kanton Bern kämpft neu auch in seinem Paradefeld Medizin mit kürzeren Spiessen als die anderen Kantone, deren Universitätsspitäler von ETH-Investitionen profitieren.»

Umso eindrücklicher sei es, wie gut sich das Inselspital und die Universität Bern dennoch entwickelten, sagt Ammann. Vom 845-Millionen-Budget der Berner Uni trägt der Kanton Bern gemäss der Erfolgsrechnung 2016 mit 307 Millionen mehr als ein Drittel. Und die Uni erstreitet sich im Jahr schweizweit einen der höchsten Anteile an Drittmitteln. 2016 waren es 186 Millionen oder 22 Prozent ihres Budgets.

«Der Kanton Bern kämpft neu auch in seinem Paradefeld Medizin mit kürzeren Spiessen als die anderen Kantone.»Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP)

Zum Vergleich die ETH Zürich: 1,3 Milliarden ihres 1,7-Milliarden-Budgets 2016 kamen vom Bund, der Kanton Zürich zahlt nichts an die auf seinem Gebiet wirkende ETH. Und der Anteil der Drittmittel liegt bei der ETH bei rund 15 Prozent, wovon ein grosser Anteil Forschungsgelder des Bundes sind.

Ammann will Berner ETH

«Wir wollen, dass der Medizinstandort Bern als Scharnier zwischen Zürich und Lausanne funktioniert und mit den beiden ETHs möglichst interessante Kooperationen eingehen kann», sagt Ammann. Er sei überzeugt, dass es Vorteile für die ganze Schweiz hätte, wenn die Investitionen des ETH-Bereichs besser auf die Stärken des Medizinstandorts Bern abgestimmt würden.

Heisst das nun, dass der Kanton eine Berner Medizin-ETH fordert, damit er im Wettbewerb um die Spitzenmedizin nicht ins Hintertreffen gerät? Ammann spricht Klartext: «Eine ETH-Institution auf dem Insel-Areal wäre ein wichtiger Schritt, um Bern gleiche Bedingungen wie den anderen Medizinstandorten der Schweiz zu gewähren.»

Hat Ammann über solche Pläne schon mit dem Inselspital, der Uni Bern oder dem Bund gesprochen? Der Regierungsrat diskutiere mögliche Perspektiven für Bern intensiv, sagt Ammann. Dazu gehöre auch, wie eine Medizin-ETH in Bern aussehen könnte.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 05.02.2018, 11:20 Uhr

Christoph Ammann (SP), Berner Regierungsrat für Volkswirtschaft. (Bild: Raphael Moser)

Artikel zum Thema

Der Standortentscheid fiel vor 160 Jahren

Bern war 1848 schon Bundesstadt geworden. So wurde die ETH dank Alfred Eschers Lobbying nach Zürich vergeben. Sie lancierte Zürichs Boom. Mehr...

ETH-Forscher ergründen extreme Wärmeeinbrüche in der Arktis

Die arktischen Winter der letzten Jahre waren aussergewöhnlich warm. Nun fanden ETH-Forscher die Gründe. Sie überraschen. Mehr...

Mehr Markt, weniger Staat – der radikale Umbauplan für Unis

Die liberale Denkfabrik Avenir Suisse will, dass ein Ruck durch die Hochschulen geht. Das sind ihre Ideen. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Verzweiflungstat: Ein Anwohner leert im Stadtteil Quezon der philippinischen Stadt Manila einen Einer voll Wasser ins Flammenmeer. Gegen 300 Familien wurden durch den Grossbransd obdachlos.(23.Mai 2018)
(Bild: Aaron Favila/AP) Mehr...