Maxime Zuber – Sonderfall unter den Dorfkönigen

Was Maxime Zuber aus der Gilde der politischen Regionallobbyisten heraushob, waren sein rhetorisches Talent, seine Lust an der Provokation. Und dass er als Separatist in Moutier listig gegen den Kanton Bern politisierte.

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Es ist, als ob Maxime Zuber den Abgang üben würde. Er posiert für ein letztes Foto am Brunnen vor der schönen Fassade des Hôtel de Ville, dann federt er die paar Stufen hoch, hinein ins Rathaus von Moutier.

Der picobello gekleidete Mann mit Kurzhaar­frisur hat Klasse. Seine hohe Körperspannung erinnert an einen CEO oder einen französischen Minister. Fehlen nur Limousine und Schaulustige. Die Hauptgasse im regengrauen Moutier ist menschenleer.

Orakel aus dem Berner Jura

Zuber spielt mindestens eine Liga tiefer. Er ist ein Langzeitlokalpolitiker aus dem Berner Jura. Nach 22 Jahren als Stadtpräsident von Moutier und 14 Jahren als Mitglied des Grossen Rates in Bern tritt der Sozialist auf Ende Juli ab. Obwohl er in Hochform ist.

«Ich laufe», erklärt Zuber seine Konstitution. Wie schnell? «Dieses Jahr schaffte ich den Grand Prix von Bern in 1 Stunde 19 Minuten.» 16 Kilometer in ­dieser Zeit, das ist für einen 53-Jährigen ziemlich gut. Aus den breitnackigen SVP-Vertretern und dem nicht immer stil­sicher gekleideten Personal der Linken stach Dauerläufer Zuber im Berner Rathaus heraus.

Jetzt, da Zuber geht, erhält er noch einmal viel Aufmerksamkeit. Für die Medien der Romandie ist der Mann aus der Randlage im Berner Jura der wohl populärste Berner Politiker. Wie ein Orakel wurde er über die Jura-Frage, den Röstigraben, die Deutschschweizer befragt.

Immer war er für ein scharfzüngiges Quote gut. Abtretende Lokalpolitiker sind meist kein Verlust. Auf den einen Regionallobbyisten folgt der nächste. Zuber ist anders. Er ist ein Sonderfall.

Sein Alleinstellungsmerkmal

Erstens ist der Doktor der Mathematik ein brillanter Denker und Redner mit Charisma. Zweitens hat er ein höheres Ziel als die eigene Karriere und Wiederwahl. Zuber treibt eine Leidenschaft an, ein Traum: Seit 22 Jahren kämpft er für eine Vereinigung des Berner Juras oder zumindest seines Städtchens Moutier mit dem Kanton Jura.

Zuber ist Separatist. «Autonomist», korrigiert er. Er ist der Kopf des Parti socialiste autonome (PSA), einer linken Sonderpartei, die stärker ist als die reguläre SP des Berner Juras.

Es ist Zubers Alleinstellungsmerkmal, dass er gegen den Kanton anrennt, dem er angehört. Eine Ära lang hat der Separatist das feindliche Bern gereizt. In der Berner Politik war der Rote eine Pfefferschote.

Wenn er im Berner Rathaus flammend Jura-Anliegen verfocht, schien es, als hätte er sich, wie ein Grieche in den Bauch des Trojanischen Pferdes, ins Berner Kantonsparlament eingeschlichen. Warum läuft er ausgerechnet den GP in Bern? «Ich bewundere die Stadt Bern, aber nicht als meine Kantonshauptstadt», sagt er.

Schlechtes Abgangstiming

Drinnen, im monumental geratenen Gemeinderatssaal von Moutier, ist Zuber voll auf Empfang. Der direkte Blick durch die randlose Brille sagt: Bitte eine schwierige Frage. Herr Zuber, das Timing Ihres Abgangs ist schlecht. Im nächsten Jahr kann Moutier über einen Wechsel zum Kanton Jura abstimmen, Ihre Mission könnte sich triumphal erfüllen. Warum treten Sie nun vorzeitig ab?

«Es sind die Medien, die mich zu einem ausschliesslich politischen Menschen machen. Mein Metier ist es aber, Mathematik und Statistik zu unterrichten. Die Politik ist bloss mein Hobby», erwidert Zuber.

Es ist das erste von zwei Stilmitteln, die der Rhetoriker beherrscht: das Ausweichmanöver. Er hätte ja auch gleich sagen können, dass die Stelle als Rektor der französischsprachigen Pädagogischen Hochschule Berne-Jura-Neuchâtel, die er am 1. August antritt, einfach eine Chance war, die er nicht ausschlagen konnte.

Nächste Frage. Herr Zuber, ist es in Wahrheit Ihre Taktik, jetzt abzutreten, um als polarisierende Figur Moutiers Kantonswechsel nicht zu gefährden? «Absolument!», bestätigt Zuber. Das ist sein zweites Stilmittel: die entwaffnende Offenheit. Ja, räumt er ein, es gebe in Moutier Leute, die bloss seinetwegen Nein sagen würden, die aber vielleicht Ja sagten, wenn er weg sei.

Ist der Stadtpräsident mit dem ausgeprägten Ego so uneigennützig, dass er andere die Lorbeeren seiner Bemühungen ernten lässt? «Ich muss die Tore nicht selber schiessen, ich bin gern Regisseur im Mittelfeld, der wie Italiens Fussballer Andrea Pirlo die Pässe schlägt», antwortet Zuber.

Zahlenmensch mit Traum

Wer Zuber verstehen will, muss den Zahlenmenschen zusammenbringen mit dem Politprovokateur, der am Rathaus im bernischen Moutier jahrelang die Jura-Fahne flattern liess. «Ich verbinde die Mathematik mit der Politik», erklärt Zuber.

Und wie geht das? «Die Mathematik ist die Welt der Wahrheit. Die Dinge sind richtig oder falsch. In der Politik aber muss man die Leute von einer Sache überzeugen, sie ist die Welt der Emotionen und der Lüge.» Und was hat Zubers Spiel mit der Provokation mit kühler Berechnung zu tun? «Auch die Spieltheorie ist ein Teilgebiet der Mathematik», erklärt er mit einem Lächeln.

In der Politik argumentiere er wie ein Mathematiker: streng, kohärent, kontinuierlich. Er sage nicht plötzlich das Gegenteil, weil es gerade zur Mehrheitsmeinung passe. «Ich habe ein gutes Archiv und einen Kopf, in dem gespeichert ist, was Leute vor 10 oder 12 Jahren sagten.»

Zubers Genauigkeit verschafft ihm Respekt, seine Unerbittlichkeit aber auch Antipathie. SVP-Nationalrat Manfred Bühler aus dem Berner Jura, einst am Gymnasium Biel ein Schüler des Mathematiklehrers Zuber, sagt: «Ich habe von ihm gelernt, wie man etwas konsequent vertritt und wie man am Widerstand des Gegners erstarkt», sagt er. Er lobt, was Zuber für die Region erreichte und wie dieser über sein linkes Lager hinaus Wähler überzeugte.

Erpressung light

Bühler erinnert sich aber auch, dass Zuber seine Gegner «von oben herab» und mit der Macht seines Wissens einschüchterte. Oder ihnen in persönlichen Mails nachtragend Fehler oder Irrtümer vorwarf. Zuber habe sich überdies «opportunistischer Methoden» bedient, wenn er schnell mal mit dem Auszug des Berner Juras aus dem Kanton Bern gedroht habe.

Auch wenn das Grüppchen der Separatisten im Kanton Bern klein geworden ist, verfügen sie über ein besonderes Kapital: die Furcht des Kantons Bern, den Berner Jura und damit die Zweisprachigkeit und die nationale Bedeutung zu verlieren.

Ein Sonderstatut gewährt den Bernjurassiern Privilegien, wie sie keine andere Schweizer Sprachminderheit geniesst. Zuber ist ein Meister der Erpressung light: Berner Sparversuche hebt er raffiniert auf eine symbolische Ebene und erklärt sie zum Deutschschweizer Affront gegen die frankofone jurassische Kultur.

Zuber ist in Moutier in einer Familie glühender Separatisten aufgewachsen. Damals war das Städtchen ein Hotspot des Jura-Konflikts. Hier herrschte vor der Gründung des Kantons Jura 1978 ein Hauch von Anarchie, Berner Polizeigrenadiere standen militanten Separatisten gegenüber, die die «Kolonialherrschaft» aus Bern bekämpften.

Heute hat der periphere Jura andere Sorgen als den Verlauf von Kantonsgrenzen. Seine Bewohnerzahl stagniert, seine Industriebetriebe sind den globalen Konjunkturschwankungen ausgesetzt, und er hängt am Tropf des nationalen oder des kantonalbernischen Finanzausgleichs.

Update 2.0 der Jura-Frage

Auch wenn ihm seine politischen Gegner vorhalten, er sattle wie Don Quichotte ein totes Pferd: Zuber hält fest an seinem Jura-Traum. Indem er ihn mit einem Update ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten versucht.

«Seit dem Ende des Kalten Kriegs erleben wir in Osteuropa oder im Balkan eine Dekolonisierung. Neue Kleinstaaten sind entstanden.» Als Gegenreaktion auf die Globalisierung besinne man sich auch im Jura auf die Wurzeln, auf die regionale Kohärenz und Souveränität eines Raums.

Zuber tönt fast wie ein SVPler. Er nimmt den Ball auf: «Würden Sie einem SVP-Vertreter sagen, die Schweizer Grenzen spielten in Europa keine Rolle mehr? Würden Sie einem Nidwaldner sagen, sein Kanton sei überflüssig? Natürlich nicht!»

Aber ihm, ärgert sich Zuber, erkläre man, dass Grenzen, Sprachräume und regionale Identität unwichtig seien. In der Deutschschweiz verstehe man einfach nicht, dass man sich in Moutier vom fernen Bern nicht vertreten fühle.

Zubers Theorie der Dekolonisation entlockt Pierre Alain Schnegg, dem neuen SVP-Regierungsrat des Berner Juras, ein Lächeln: «Der Jura ist dafür zu klein, die Jura-Frage ist bloss eine Quartiergeschichte, in der Moutier ein einzelnes Gebäude ist.» Es ehre Zuber, wie er sich für seinen Traum von einem vereinigten Jura geschlagen habe, sagt Schnegg. «Aber die Bernjurassier teilen seinen Traum nicht.»

Unpolitische Bernjurassier

Wenige Monate vor dem finalen Plebiszit vom November 2013 über einen neuen, vereinigten Kanton Jura prophezeite Zuber in dieser Zeitung 50,2 Prozent Ja im Berner Jura und 68 Prozent Ja in Moutier. Es waren dann über 70 Prozent der Bernjurassier dagegen und bloss 55 Prozent in Moutier dafür. Wie konnte sich der Mathematiker Zuber derart verrechnen?

«Ich habe mich getäuscht und bin nicht stolz darauf», gibt er zu. Beharrt aber darauf, die Bernjurassier hätten die Abstimmungsfrage falsch verstanden. «Sie wollten nicht erst über ein allfälliges Zusammengehen diskutieren, sondern gleich darüber entscheiden», deutet er das Resultat. Es ist wieder das Redestilmittel Nummer 1, das Ausweichmanöver.

«Ich habe unterschätzt, wie egal den Leuten die Frage ist, die mich umtreibt, und wie wenig politisiert sind», redet er sich heraus. Es sei im November 2013 gewesen, wie wenn man die Leute auf der Strasse fragen würde, ob sie den IT-Anbieter wechseln wollten: «Dann sagen sie reflexartig Nein.» Jedes neue Konzept erfordere Energie, Neugier, Fantasie. Fast etwas verbohrt beharrt der kluge Zuber trotz seiner Niederlage wenigstens auf der Deutungshoheit über das Jura-Plebiszit.

Liebhaber von Moutier

In seiner Stadt Moutier rechnete Zuber realistischer. Fünfmal wurde er wiedergewählt. Dank lokalen Versprechungen. Wer Zubers lange Liste von Vorstössen im bernischen Grossen Rat anschaut und davon das Pathos der Jura-Frage wegsubtrahiert, erkennt die Agenda eines typischen Regionalpolitikers, wie er im Berner Kantonsparlament aus dem Emmental, dem Oberland oder dem Seeland zuhauf vertreten ist.

Zuber kümmerte sich um Schulen und Spitäler in Moutier, um ein paar Bundesarbeitsplätze in Delsberg, um die Zwergtaucher auf dem nahen Etang de la Noz, um die SBB-Faltprospekte am Bahnhof Moutier oder den Erhalt der schlecht frequentierten Bahnlinie Moutier–Solothurn.

«Ich bin Vertreter meiner Region und nicht des Kantons Bern. So ist das Wahlsystem, ich werde im Berner Jura, nicht im Kanton Bern gewählt», sagt Zuber. Die meisten Lokalpolitiker betrachten ein Kantonsparlament als Selbstbedienungsladen für ihre Regionalinteressen. Maxime Zuber traut sich als Einziger, es offen zu sagen.

Sein Herz schlägt für Moutier. «Ich liebe es wie eine Frau», sagt Zuber. Die Metapher will nicht recht passen zum etwas ramponierten Industrieort, der zwischen zwei Jurakalkketten und zwei Konjunkturzyklen gezwängt ist. Ist nicht die vereinigte République du Jura Zubers Traumfrau?

«Sie kennen Moutier nicht», erwidert er. «Es hat alle Vorteile einer Stadt und des Landes. Es ist der ideale Ort dafür, eine Familie zu gründen, einen Job zu finden und nachts gefahrlos unterwegs zu sein.»

Zuber liebt Moutier, aber nicht alle in Moutier lieben Zuber. «Das Leben wird weitergehen, wenn er abtritt», sagt Patrick Roethlisberger, der Präsident der bernjurassischen FDP, der in Moutier im Stadtparlament sitzt und einen Industriebetrieb führt.

Zuber habe zwar für Moutier viel erreicht, er habe aber vorab «im Nord-Süd-Koordinatensystem des Jura-Konflikts» politisiert. «Hätte er sich mehr im Feld links-rechts bewegt, wären Moutiers Schulden kleiner und die Politik wirtschaftsfreundlicher», findet Roethlisberger.

Warum ist er nie umgezogen?

Herr Zuber, warum sind Sie nicht 11 Kilometer weiter in den Kanton Jura umgezogen, wo Sie wohl längst Regierungsrat oder gar Nationalrat wären? «Mir geht es um Moutier und dessen regionale Zugehörigkeit, nicht primär um meine Karriere», erwidert Zuber.

Er verneint, dass ihm in der frankofonen Mehrheit des Kantons Jura die belebende Reibung gefehlt habe. Dass einer mit seinen Talenten für eine höhere Bühne prädestiniert gewesen wäre als für das Provinzbiotop eines Dorfkönigs, das kommentiert er nicht.

Zuber räumt aber ein, dass er im Kanton Jura sein Auffälligkeitsmerkmal, seinen «Brand» als Politiker im falschen Kanton verloren habe.

Zubers Vermächtnis

Wenn die Gemeinde Moutier im Juni 2017 an der Urne entscheidet, ob sie künftig zum Kanton Bern oder zum Kanton Jura gehören will, geht es auch um Zubers Vermächtnis. Er weiss, dass dann handfeste materielle Interessen eine Rolle spielen.

Der Steuerfuss, die Prämienverbilligungen, die Zahl der Kantonsangestellten. Zuber ist diesmal vorsichtig mit einer Prognose. Was ist, wenn Moutier 2017 Nein sagt? Ist er dann gescheitert und sein Kampf ohne Vermächtnis?

Hinter seiner randlosen Brille lächelt jetzt wieder der Fussballer Andrea Pirlo, der die klugen Pässe schlägt. «Ich habe ein Vierteljahrhundert dafür gearbeitet, dass die Leute von Moutier nun die historische Chance erhalten, frei über ihre Zukunft zu entscheiden. Darauf bin ich stolz.» Wenn Moutier diese Chance nicht ergreife, sei er enttäuscht, aber er sei Demokrat.

Vielleicht ist es Zubers Vermächtnis, dass mit ihm die Jura-Frage in die Pension geht. Was von ihm darüber hinaus bleibt: wie er als politisierender Mathematiker den Politbetrieb mit erfrischenden Ungleichungen belebte. Der Sozialist regierte in Moutier wie ein Monarch.

Trotz Scharfsinn verfocht er seinen bisweilen kleinkarierten Jura-Traum. Der Linke folgte so einer politischen Mission, wie das sonst nur Nationalkonservative tun.

Ohne Maxime Zuber könnte es langweiliger werden.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 19.06.2016, 12:21 Uhr

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