Französisch gilt einfach nicht als cool

Alles dreht sich um Frühfranzösisch und «Mille feuilles». Das Problem aber liegt tiefer: Französisch hat an den Schulen von vornherein ein schlechtes Image.

Französisch hat einen schweren Stand bei Schülerinnen und Schülern.

Französisch hat einen schweren Stand bei Schülerinnen und Schülern. Bild: Max Spring

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Wir hatten unseren Sohn noch nie in einer Fremdsprache reden gehört. Freunde aus den USA waren zu Besuch. Auf einmal unterhielt er sich mit deren Tochter und Sohn. Auf Englisch. Fehlerhaft zwar, aber unbekümmert. Er ging damals in die 9. Klasse und hatte vier Jahre Französischunterricht hinter sich. Aber bloss zwei Jahre Englisch. «Woher kannst du das?», fragten wir ihn verwundert. «Von den Videos auf Youtube», sagte er. Dann wollten wir wissen, ob er auch Französisch reden könne. «Nein», antwortete er, «das ist schwieriger – und nicht so cool wie Englisch.»

Im Kanton Bern streitet man sich über den Erfolg von Frühfranzösisch ab der 3. Klasse und das Lehrmittel «Mille feuilles». Aber das Problem liegt tiefer: Das Schulfach Französisch hat bei den Schülern ein schlechtes Image. Gegen dieses Handicap kommen auch die didaktische Methode des Sprachbads sowie engagierte Französischlehrerinnen und -lehrer nur schwer an.

Rare Erfolgserlebnisse

Claudio Tolfo hat bis zum letzten Sommer an der halb privaten Schule NMS in Bern auf der Volksschulstufe Sprachen unterrichtet. Nein, er habe den Schuldienst nicht wegen frustrierender Erfahrungen mit dem Fach Französisch quittiert, schickt er voraus. Aber er verhehlt nicht, dass man hartes Brot isst, wenn man Französisch unterrichtet.

«Die meisten Schülerinnen und Schüler haben keinen Zugang zum Französischen. Dort, wo sie sich bewegen – im Internet, auf Film- und Musikportalen, unter Gleichaltrigen –, findet Französisch nicht statt», sagt er. Der mit Italienisch und Deutsch aufgewachsene Tolfo ist in Sachen Französisch durchaus kein Frühgeschädigter. «Ich liebte als Schüler Sprachen», betont er.

«Englisch ist auf jeden Fall cooler»: Schülerin Clara Mugg über ihren Frust mit dem Franz.

Als Französischlehrer war er hoch engagiert. Er spielte im Schulzimmer Musik des welschen Rappers Stress oder des belgischen Sängers Stromae ab, um vorzuführen, dass auch die frankofone Kultur cool sein kann. «Aber es gibt halt wenig französischsprachige Vorbildfiguren im Horizont der Schüler», sagt Tolfo. Gegen den Siegeszug des Angloamerikanischen im Gefolge der Globalisierung kommt Französisch nicht an. Im Hollywoodkino oder auf dem Smartphone dominiert Englisch. Die Jugendlichen lieben seinen Sound und sprechen es freiwillig. Französisch aber ist eine Pflicht.

Claudio Tolfo bemühte sich, im Unterricht durchgängig Französisch zu reden, um das Hörverständnis der Schülerinnen und Schüler zu fördern. «Es fruchtete wenig», sagt er. Leider habe er selten Erfolgserlebnisse vermitteln können, blickt Tolfo zurück. Französisch sei sowohl für die Schülerinnen wie auch für ihn als Lehrer immer wieder «eine Geschichte des Scheiterns» gewesen. «Ich habe viel Neues ausprobiert, viel Energie investiert, aber das Ergebnis war ernüchternd, der Lernfortschritt klein.» Am Ende machte er sich keine Illusionen mehr: «Der Französischunterricht funktioniert nur mit einigen wenigen Schülern.»

Angstfach Französisch

Das Malaise beginnt schon bei den angehenden Lehrerinnen und Lehrern. Die Berner Lehrkräfte für Frühfranzösisch werden am Institut Vorschulstufe und Primarschulstufe der Pädagogischen Hochschule (PH) in Bern ausgebildet. Dort ist man nicht überrascht vom Befund des Lehrers Claudio Tolfo. Institutsleiter Daniel Steiner weiss nur zu gut, dass das Selektionsfach Französisch auch für viele Studierende seiner Hochschule negativ ­besetzt ist. «Französisch gehört zu jenen Fächern, in denen die Studierenden am Anfang der Ausbildung mitunter grosse De­fizite aufweisen», sagt er. Unter Primarlehrern werde das Fach nicht selten abgetauscht. Etwa gegen Sport.

Das Imageproblem des Französischen sei mehrschichtig, sagt Steiner. Es gehe auch um die persönliche Haltung, die aus der ­individuellen Bildungsbiografie seiner Studierenden erwachse. «Es ist zentral, welche Erfolge oder Misserfolge man mit dem Französischen erlebt hat.» Schon das Elternhaus präge die Haltung zur zweiten Landessprache früh.

Dissertation über Aversion

Jésabel Robin, gebürtige Französin aus Bordeaux, ist Spezialistin für den Widerstand, den ihre Muttersprache in der Deutschschweiz zu spüren bekommt. Die Französischdozentin der PH Bern hat ihre Dissertation 2015 unter dem Titel «Ils aiment pas le français» als Buch publiziert. Dafür hat sie Studierende der PH Bern ausführlich über ihr Bild des Französischen befragt. Sie sei dabei auch auf Begeisterung gestossen, betont Robin – natürlich auf Französisch. «Man spricht immer nur von den schlechten Beispielen», bedauert sie. Robin hat unterschiedliche Bilder und Wertungen des Französischen angetroffen.

Für die einen ist es ein kulturelles Kapital und ein Schlüssel zur grenzüberschreitenden Kommunikation. Andere sehen es primär als Zwang. «Sie fühlen sich im Französischen oft inkompetent und verbinden es mit einem ­Gefühl der Unsicherheit», sagt Robin. Der Eindruck, im Französischen ein Amateur zu sein, entspringe auch der Schweizer Eigenart, die Primarlehrkräfte als Generalisten zu begreifen, die für alle Fächer zuständig sind. In den meisten Ländern Europas überlasse man den Fremdsprachenunterricht den Spezialisten.

«Leider habe ich im Französischunterricht nur wenige Erfolgserlebnisse vermitteln können. Er war für mich als Lehrer und für die Schüler oft eine Geschichte des Scheiterns.»Claudio Tolfo

Robin sieht es als ihre Aufgabe, den Studierenden ihre Erfahrungsmuster mit Französisch überhaupt bewusst zu machen – damit sie diese mit Erfolgserlebnissen überwinden können. Robin spricht auch verbreitete Irrtümer an: «Französisch ist nicht unbedingt schwieriger zu lernen als Englisch.» Sie hat als Gym­nasiallehrerin Französisch und Englisch unterrichtet. «Die Schüler sind im Englischen nicht besser als im Französischen, meinen es aber zu sein – ce sentiment fait une énorme difference», sagt sie.

Politisch aufgeladenes Fach

Das schwierige Image des Französischen hat für Institutsleiter Steiner auch damit zu tun, dass es gerade im zweisprachigen Kanton Bern wie kaum ein anderes Schulfach «politisch aufgeladen» ist, als nationales und kulturelles Bindemittel. «Die Zweisprachigkeit ist aber oft nur eine Wunschvorstellung», sagt er. «Frankofone und deutschsprachige Bernerinnen und Berner leben im selben Kanton, aber meist in unterschiedlichen Welten.»

Auch Jésabel Robin stellt das verbreitete Lob der Mehrsprachigkeit infrage. «Würde diese wirklich so viel gelten, müssten Menschen mit Migrationshintergrund, die nicht nur Deutsch sprechen, eigentlich zur Elite ­gehören», findet sie. Die Mehrsprachigkeit werde manchmal ideologisch überhöht. Gewisse Sprachen besässen mehr Legitimität als andere.

Das Erlernen der obligatorischen Landessprache Französisch wird mit Zwang verbunden. Um diesem zu entkommen, könnte man das Fach für freiwillig erklären. So würden wenigstens die Motivierten Französisch wählen. Daniel Steiner aber warnt: «Wäre Französisch total freiwillig, würde der zweisprachige Kanton Bern seine Eigenart aufgeben.» Die totale Freiheit ist nicht zielführend – der Zwang ­allerdings auch nicht. «Es ist eine Quadratur des Kreises», seufzt Robin.

Austausch statt Sprachschule

Was kann die PH Bern gegen das Französisch-Malaise tun? Sie unterstützt Forschungsprojekte zu diesem Thema. Anstelle von klassischen Auslandaufenthalten in einer Sprachschule setzt die PH auf eine neue Art des Austauschs: den dreiwöchigen «Stage romand». Dafür begeben sich die Studierenden in eine welsche Schule und werden im Praktikum von den dortigen Lehrern gecoacht. Sprache und Berufsalltag verbinden sich so. 140 PH-Studierende haben im letzten Sommer einen solchen Stage absolviert, gar 200 welsche Lehrpersonen boten sich als Leiter an. «Das ist ein Erfolg», sagt Robin.

Austausch allein genügt nicht, weiss sie. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen, persönliche Erfolgserlebnisse in der Romandie und ein gutes Lehrmittel müssen zusammenkommen, wenn Französisch attraktiv sein soll. Selbst mit diesem Mix dürfte man die globalisierten Kids von heute aber nur schwer erreichen.


Videointerviewüber Französisch mit einer Berner Schülerin auf unserer Website. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.03.2018, 22:16 Uhr

Zweisprachiger Studiengang

Die PH Bern versucht gemeinsam mit der Haute école pédagogique der Kantone Bern, Jura und Neuenburg, durch ein neues Angebot die Hemmschwelle ­angehender Lehrer gegenüber dem Fach Französisch abzubauen: Im Sommer 2018 beginnt erstmals ein dreijähriger bilingualer Studiengang. Er findet zuerst in Delémont, dann in Bern statt. Das neue Angebot richtet sich laut Daniel Steiner, Leiter des Instituts Vorschulstufe und Primarschulstufe an der PH, sowohl an Studierende mit deutscher wie auch französischer Muttersprache. Sie sollen dann in beiden Sprachen unterrichten können. In Delémont ­haben sich laut Steiner schon 17 Personen angemeldet, in Bern läuft die Anmeldfrist bis Ende April. svb

Informationsanlass: Mittwoch, 14.3., 18 Uhr, PH Bern, Fabrikstrasse 6, Hörsaal 103.

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