Oberried

Nach dem Lächeln folgten die Strapazen

OberriedAm Wochenende fuhr eine Berner Rennvelo­gruppe bis nach Paris. Als Jüngster nahm der 13-jährige Sven Hoppler die knapp 600 Kilometer unter die Räder und litt.

Eine kalte Nacht, schmerzhafte Krämpfe, ein überwältigendes Gefühl im Ziel: Im Videointerview erzählt Sven Hoppler, wie es ihm auf der Strecke erging.
Video: Claudia Salzmann

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht sass Sven Hoppler vor dem Begleitwagen. Der 13-Jährige hatte Krämpfe. Kein Wunder, hat er doch bereits 486 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Er wollte gemeinsam mit 116 anderen Fahrern, die am Samstag in Oberried zum 24-Stunden-Rennen aufgebrochen sind, nach Paris fahren. Die Tour wurde von Thömus Veloshop organisiert.

«Ich bin fit und hoffe, dass ich es schaffe», sagte Sven Hoppler vor dem Start. Diesen liessen sich seine Eltern nicht entgehen. Mutter Gemma machte Handybilder, Vater Freddy Kleep beobachtete seinen Sohn sichtlich zufrieden.

Vor dem Start blickt Sven Hoppler zuversichtlich auf die knapp 600 Kilometer Weg, welche vor ihm liegen. Video: Claudia Salzmann

Zwei Unfälle

Dann ging es los in Richtung Jura. Noch vor dem ersten Verpflegungsposten, den sie nach 153 Kilometern und fünfeinhalb Stunden erreichten, kam es zum ersten Unfall: Zwei Fahrer einer vorderen Gruppe stürzten. Beide wurden verletzt ins Spital gebracht. Das sorgte für Gesprächsstoff, da jede spätere Gruppe die Ambulanz gesehen hatte.

Beim Abendessen wurde Kraft getankt. Das hatten die früheren Gruppen auch getan, es waren nur noch Reservesandwichs übrig. Diese wurden mit Nüssen, Früchten, Nussgipfeln und iso­tonischen Produkten ergänzt. Hoppler griff zu: «Perfektes Timing, ich habe gerade Hunger bekommen.»

Sein Gruppenchef trat neben ihn: «Du machst das super.» Hoppler bedankte sich und ging zur Tasche, um sich wärmer anzuziehen. Die Dämmerung war hereingebrochen, der Wind hatte aufgefrischt. Alle montierten Lampen sowie Signalwesten und radelten in die Nacht hinein.

120 Kilometer später – es war ein Uhr – gab es Nachtessen. Es war stockdunkel, ab und zu blendeten die Velolampen. Küchenchef Jöggu Mettler kochte Risotto. «Jetzt habe ich richtig gelitten», sagte Hoppler, während er im warmen Car Risotto reinschaufelte.

Er hatte die ersten Krampferscheinungen. «Das Schlimmste sind die Füsse, ich spüre sie kaum noch.» Nicht nur er: Einer aus der Gruppe hatte schon länger Krämpfe und sass nach dem Stopp im Begleitfahrzeug.

Tiefe Temperaturen

Im Morgengrauen erreichte die Gruppe Saint-Florentin. Auf dem Weg dorthin zeigte das Thermometer noch 3 Grad an. «Der Tau von den Gräsern stieg wie Nebel auf. Ich habe sehr gefroren», sagte der bibbernde Hoppler. Während er erzählte, kamen Leute vorbei, gratulierten ihm und fragten, wie es gehe.

Kaum hatte er das Birchermüesli gegessen, legte er sich auf den Beton, eingehüllt in eine Decke. Bald bekam er von den guten Feen des Begleitbusses ein Kissen. Während er schlief, machte Gruppenchef Markus Binggeli Yogaübungen. Eine Stunde durften sie ruhen. Vor ihnen lag die letzte Steigung, bevor es flach nach Paris ging. Quasi die Zielgerade, allerdings noch fast 200 Kilometer.

4500 Kilometer ist Hoppler heuer gefahren, in den Sommerferien jeweils 100 pro Tag. Nach der Schule reiche es nur für 50. Und jetzt hier sind es zwölf solcher Etappen hintereinander. Ohne grosse Pausen, praktisch ohne Schlaf.

So brauchte es nur eine kleine Ablenkung, und Hoppler stürzte. Er blieb kurz liegen, alle kamen angerannt. Zum Glück war es nur ein Kratzer, der nicht einmal mit Pflaster bedeckt werden musste.

Ab 15 Uhr wurden die Häuserzeilen entlang der Strasse dichter. Als sie dann – wie die Fahrer der Tour de France mit Prosecco und Sven Hoppler mit Rimuss anstossend – in Paris einfuhren und um 16.45 Uhr die Ziellinie passierten, waren Krämpfe und Kratzer vergessen. «Es ist unbeschreiblich, wenn man nach so langer Zeit ankommt», sagte er glücklich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2017, 19:37 Uhr

Artikel zum Thema

Mit dem Rennvelo ohne Schlaf nach Paris

Oberried Fast 600 Kilometer an einem Stück mit dem Rennvelo: Am Samstag starten in Oberried bei Bern 117 Teilnehmende zur 24-Stunden-Fahrt nach Paris. Unter ihnen ist auch der 13-jährige Sven Hoppler. Mehr...

Mit dem Rennvelo auf Gotthelfs Fährten

Fahrradrouten und Erlebnisräume statt Brauchtum und Traditionen: Christian Billau will den Tourismus in der Region neu erfinden. So soll Emmental Tourismus in Zukunft auch neue Attraktionen schaffen. Mehr...

Auf die harte Tour

Wer schon mal das heisse Death Valley durchquert hat, war danach froh, nach paar Schritten im Freien wieder im klimagekühlten Mietwagen Schutz zu finden. Es geht aber auch anders – wenn auch auf die etwas härtere Tour mit dem Rennvelo. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eiskalter Senkrechtstart: Der Extrembergsteiger und Mammut Athlet Dani Arnold eröffnet im Februar 2018 eine neue Eiskletter-Route in den weltbekannten kanadischen Helmcken Falls in British Columbia.
(Bild: Thomas Senf) Mehr...