«Wir wollen aus eigener Kraft innovative Wege gehen»

Der Berner Unirektor Christian Leumann sieht die Idee einer Berner Medizin-ETH skeptisch. Er schlägt vor, eine Berner Fakultät für Engineering zu schaffen.

Christian Leumann, Rektor der Uni Bern: «Man kann, wenn man will – auch in Bern.»

Christian Leumann, Rektor der Uni Bern: «Man kann, wenn man will – auch in Bern.»

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Seit der Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) in dieser Zeitung die Idee lanciert hat, auf dem Gelände des Inselspitals eine Berner Medizin-ETH zu schaffen, ist eine Hauptbetroffene noch gar nicht zu Wort gekommen: die Universität Bern. Deren Rektor Christian Leumann macht auf Anfrage keinen Hehl daraus, dass er dem Vorschlag skeptisch gegenübersteht. Die Idee sei schon früher in Gesprächen der Unileitung mit der Kantonsregierung aufgetaucht. «Sie ist gewissermassen alter Wein in neuen Schläuchen», sagt der Rektor in einem Sitzungszimmer der Uni.

Es habe bis jetzt kein institutionelles Gespräch mit der Kantonsregierung über die Schaffung einer Medizin-ETH stattgefunden, ergänzt Leumann. Es gebe auch keinen Dissens, das Verhältnis der Universität zur Kantonsregierung sei ausgezeichnet.

«Kein neues Geld im System»

Wenig überzeugt Leumann vor allem der Vorschlag, Berns Milliarde aus dem nationalen Finanzausgleich (NFA) durch eine ETH-Milliarde zu ersetzen. «Durch so eine Rochade würde man ja gar nicht mehr Geld ins System bringen», sagt der Unirektor. Und er fügt an: Hätte die Berner Politik den Medizinstandort Bern in diesem Sinne stärken wollen, hätte sie das ja schon vorher mit Geld aus dem NFA tun können.

Christian Leumann anerkennt aber, dass die Spiesse im Konkurrenzkampf um die Spitzenmedizin ungleich lang sind. Bern stehe im Vergleich zu den Standorten Zürich, Basel und dem Genferseebecken mit ihren ETH-Milliarden «etwas isoliert» da. Er anerkennt auch, dass der Kanton Bern zur Stärkung seiner Wirtschaftskraft mehr Wertschöpfung brauche. «Aber ist die Schaffung einer ETH der richtige Weg dafür?», fragt er. Und er verweist selbstbewusst darauf, dass die Universität Bern, etwa mit der Schaffung von 100 neuen Medizinausbildungsplätzen, auch ohne ETH-Gelder des Bundes die Medizin in der Schweiz stärke.

Konkurrenz für Uni Bern

Je nach ihrer Ausgestaltung könnte eine Berner Medizin-ETH eine Konkurrenz für die Uni Bern sein, räumt Leumann ein. Er denkt aber über die Berner Grenze hinaus: «Eine finanzielle Umverteilung auf zusätzliche ETH-Standorte würde die ETH generell schwächen. Das kann nicht im Interesse der Schweizer Universitäten sein.» Denn die ETHs seien die Forschungsflaggschiffe der Schweiz, von denen der ganze Forschungsstandort Schweiz profitiere.

Überdies entspreche die Schaffung einer neuen Institution – gerade angesichts der schon hohen Universitätsdichte in der Schweiz – nicht dem aktuellen Trend. «Wir setzen heute auf die Strategie, mit den ETHs oder mit ausländischen Unis thematisch zu kooperieren», sagt Leumann. Er erwähnt als Beispiele die Mitarbeit der Uni Bern im Swiss Personalized Health Network oder beim Projekt Health 2030 mit den welschen Unis. Zudem seien spezialisierte Institute derzeit daran, sich anderen Disziplinen zu öffnen, weil sie erkannt haben, dass sich die grossen Fragen der Gesellschaft nur über die Fachgrenzen hinaus lösen lassen. Und eine Berner Volluniversität sei dafür bestens aufgestellt.

Neue Fakultät für Engineering

«Was fehlt also der Uni Bern im Medizinbereich?», fragt Leumann unvermittelt und gibt die Antwort gleich selber: «Wir haben eine Medizinausbildung, Spitäler, Patienten. Defizite haben wir im Bereich des Engineerings und der spezifischen Informatik, in dem die ETHs stark sind.» Wenn schon würde Leumann dafür plädieren, mit Mitteln aus dem Finanzausgleich eine neue Berner Universitätsfakultät für Engineering zu schaffen statt eine Medizin-ETH.

Was muss man sich darunter vorstellen? Engineering bedeute längst nicht mehr nur, Motoren zu bauen, sondern Kompetenzen in der Mikrotechnik zu bündeln, erklärt Leumann. Und fügt an: «Eine solche Fakultät könnte mit der in diesem Bereich schon starken Berner Fachhochschule kooperieren und nicht nur den Medizinbereich, sondern auch die in Bern starke Weltraumforschung unterstützen.»

Unbernischer Stolz

Eine Medizin-ETH in Bern, erklärt Leumann, würde auch seiner «Grundphilosophie» zuwiderlaufen: «Wir wollen an der Universität Bern aus eigener Kraft innovative Wege gehen, Neues lancieren und uns so für Kooperationen und finanzielle Unterstützung empfehlen.»

Das Paradebeispiel ist für Leumann die Sitem Insel AG, deren Neubau auf dem Areal des Inselspitals im kommenden Jahr bezugsbereit ist. In wenigen Jahren hat man das innovative Institut an der Schnittstelle zwischen ­medizinischer Forschung und medizinaltechnischer Anwendung realisiert. Auch ohne wiederkehrende ETH-Gelder. «Man kann, wenn man will – auch in Bern», kommentiert Leumann.

Er anerkennt, dass ein Kanton einen Standort der Spitzenmedizin im harten Wettbewerb künftig wohl nicht allein tragen könne. Aber Leumann würde statt auf ETH-Gelder eher auf das breitere Finanzierungsmodell der Public Private Partnership setzen, bei dem öffentliche Hand, Unis und Privatunternehmen zusammenspielen.

Uni stärkt den ganzen Kanton

Der gebürtige Basler Leumann stimmt zum Abschied ein unbernisch anmutendes Plädoyer an: «Bern muss den Glauben und den Willen aufbringen, sich selber helfen zu können.» Der Kanton und seine Uni, findet er, müssten ihre Überzeugungskraft gegen innen wenden und auf ihre Stärken vertrauen. Der Blick aus dem Fenster des Sitzungszimmers scheint Leumann echt zu geben: Man sieht lauter Berner Kraft­orte – die Bundeshauskuppel, das Unihauptgebäude und den ­zweitgrössten Bahnhof der Schweiz, dessen Ausbau zu Füssen von Leumanns Büro begonnen hat.

In der Ferne erkennt man aber auch ländliche Hügel und Berge. Reicht Leumanns Optimismus bis dorthin? «Die Uni sorgt im ganzen Kanton für Wertschöpfung. Sie dient schon nur mit der tiermedizinischen Fakultät dem Land», sagt der Rektor mit einem Lächeln. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.02.2018, 09:24 Uhr

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