«Ein heilsamer Schock täte Bern gut»

Ein Geist der Bewahrung plus das Beamtengen hemme die Berner Dynamik, sagt der scharfzüngige Ex-SVP-Präsident Hermann Weyeneth (74). Viele Kantonspolitiker hält er für selbstgerecht.

Scharfer Raubvogelblick auf die Berner Politik: Hermann Weyeneth (74) vor seinem Bauernhof in Jegenstorf.

Scharfer Raubvogelblick auf die Berner Politik: Hermann Weyeneth (74) vor seinem Bauernhof in Jegenstorf. Bild: Beat Mathys

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Früher pilgerten die Lobbyisten aus allen Teilen des Kantons jeweils nach Bern ins Rathaus, um von der Zuschauertribüne im Grossratssaal aus den «Gang ihres Geschäfts» zu verfolgen. So erinnert sich Hermann Weyeneth an seine Zeit als Berner Grossrat in den 1980er- und 1990er-Jahren. «Sie holten das bestellte Staatsmanna für ihre Region gleich persönlich ab.»Diese Erwartungshaltung mit der hohlen Hand ist für Weyeneth noch heute eine ärgerliche Berner Angewohnheit. «Bern muss wegkommen von der selbstverständlichen Beanspruchung des Staats», findet er.

Unbestechlicher Enthüller

Der frühere Kantonalpräsident und Nationalrat der SVP ist mittlerweile 74-jährig. Partei- und Politämter hat er keine mehr, Einfluss aber immer noch. Um zu verstehen, warum der Kanton Bern stagniert, lohnt es sich, aufs Land nach Jegenstorf zu fahren und Weyeneth zu besuchen. Sein schön renovierter Hof scheint Gotthelfs Zeit entsprungen. Die alten Ställe aber sind zu einem modernen, weiten Wohnraum umgebaut worden. Weyeneth sitzt mittendrin auf einem Sofa und schaut mit einem hellwachen Raubvogelblick zurück auf seine Ära. Und stösst treffsicher zu den heutigen Berner Missständen vor.

Weyeneths Bauerngesicht ist windgegerbt und gezeichnet von Erfahrung. Seit Jahrzehnten ist er ein unbestechlicher Enthüller. 1984 war er eine treibende poli­tische Kraft bei der Aufdeckung der Berner Finanzaffäre, in der die unsauberen Geschäfte und die Selbstbedienungsmentalität der Berner Kantonsregierung aufflogen. 1992 managte er mit anderen die Krise der Berner Kantonalbank, deren Risikogeschäfte ein tiefes Loch in die Berner Kantonskasse rissen und die Steuerzahler jahrelang bluten liessen. Noch vor vier Jahren war es Weyeneth, der die Missstände in der Strafanstalt Thorberg publik machte.

Geist der Bewahrung

Nördlich von Weyeneths Dorf wird das Land flach und weit. Man kann dort eine historische Berner Weichenstellung studieren. In den 1940er-Jahren plante der Bund bei Utzenstorf einen internationalen Flughafen. Der damals geborene Weyeneth kennt die Geschichte von den lokalen Landwirten, die in der SVP-Vorläuferpartei BGB organisiert waren. Mit vereinter Bauernpower bodigten sie das Projekt. Für die luxuriöse und lärmige Fliegerei wollten sie nicht eine Hektare kostbares Ackerland hergeben.

Aus der engen Versorgungslage der Kriegsjahre heraus könne man die damalige Haltung der Bauern nachvollziehen, sagt Weyeneth. Ihr Widerstand sei aber auch ein Ausdruck einer urbernischen Wachstumsskepsis. Bäuerlich gesinnte Kreise haben später in einer Allianz mit Umweltschützern und Grünen weitere Berner Flugplatzprojekte ­gegroundet und den Flugplatz Belpmoos kleingehalten. «Ich aber war immer für einen Ausbau im Belpmoos», sagt Weyeneth.

Wachstum oder Landschaftsschutz? Diese Frage hat der Kanton Bern immer wieder zugunsten des Landes beantwortet. Er ersparte sich so bei Utzenstorf eine monströse Lärmquelle, zahlte aber auch den Preis einer unterdurchschnittlichen Wirtschaftskraft. «Es gibt im Kanton Bern einen konservativ-bäuerlichen Geist, der das schöne Land bewahren will und nicht nur Flugplätze stoppte», sagt Weyeneth. «In Kombination mit dem Berner Verwaltungsgen hat dieser Geist Berns Dynamik gebremst.»

Bauer Weyeneth und seine Partei, die SVP, stehen mittendrin in dieser Zerreissprobe zwischen Wachstum und Bewahrung. Jahrzehntelang führte die SVP-Vorläuferpartei BGB den Kanton Bern auf einem wachstumsskeptischen Kurs. Weyeneth räumt ein, dass gerade auch seine Partei den Berner Regionen grosszügig Staatsgelder zufliessen liess. «Der Regionalismus ist im Kanton Bern ein Problem», sagt er. In den eigenen Reihen sei er deshalb öfter auf erbitterten Widerstand gestossen. Als Präsident kam ihm seine Berner Partei bisweilen allzu träge vor. Weyeneth fordert zwar mehr Dynamik, als Politiker ist er aber nicht mit Wachstumsvisionen aufgefallen. Umso mehr mit seinem scharfen Blick auf die Masslosigkeit der Berner Infrastruktur. Weyeneth tickt da ganz wie ein Bauer, er hält sich an einen haushälterischen Umgang mit dem, was man hat.

Wachsende Ansprüche

«Ich habe gegen die Sucht der Mehrzweckhallen und gegen ausufernde Strassenprojekte in allen Kantonsteilen gekämpft», erzählt er. Und präzisiert, dass er nicht generell gegen Strassenprojekte sei. Er habe sich aber gewehrt, wenn entlang des Autobahnpannenstreifens am Grauholz noch Rasenziegel eingebaut wurden, wenn Beläge nach wenigen Jahren kostspielig saniert werden mussten. Oder wenn für die Transjurane-Autobahn «Tunnelportale im Ausmass ägyptischer Pyramiden» gebaut wurden. Oft sei sein Widerstand gegen einen übermässigen Ausbau der Infrastruktur leider aussichtslos gewesen, gibt Weyeneth zu.

Sein Kampffeld waren insbesondere die Berner Spitäler. In den 1940er-Jahren habe man sie zuerst vernachlässigt, sagt er. Dann sei man ins andere Extrem verfallen. «Jedem Täli sis Spitäli»: Nach dieser Maxime wurde alle 15 bis 20 Kilometer ein Regionalspital gebaut. Weyeneth opponierte gegen deren teure Ausrüstung mit Computertomografen.

«Ein heilsamer Schock wie die Uhrenkrise oder die Finanzaffäre der 1980er-Jahre würde den Kanton Bern wachrütteln.»Hermann Weyeneth, Ex-SVP-Präsident

Er forderte auch eine Redimensionierung des Spitalangebots in der Stadt Bern. «Die Stadtspitäler waren damals unantastbar, für sie wurden jedes Jahr fixe Millionenbeträge zur Seite gelegt», erinnert er sich. Die Stadt müsse vom Land den Verzicht lernen, findet Weyeneth. Echt jetzt? Das Land will doch auch nichts hergeben. Die dichte Spitalinfrastruktur der Stadt verursache hohe Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien, präzisiert Weyeneth. «Wenn alle Regionen so hohe Ansprüche an die öffentliche Hand haben wie die Städte mit ihren Grossspitälern und ihrem superdichten öffentlichen Verkehr, geht es nicht», bilanziert er.

Leider waren all die Ansprüche immer leichter durchzusetzen: «Die neuen Rechnungsmodelle erlauben dem Kanton und auch den Gemeinden heute Abschreibungen über 40 statt wie früher über 10 Jahre», sagt Weyeneth. Das Portemonnaie sitze deshalb gerade im Strassenbau lockerer.

Berner Parteioligarchie

Ein besonderer Berner Missstand ist für Weyeneth, dass die Direktionen in der Kantonsregierung über Jahrzehnte in der Hand derselben Partei blieben. «So hat sich eine Parteioligarchie etabliert», sagt Weyeneth. Längst nicht nur unter linker, sondern auch unter bürgerlicher Ägide habe diese Dominanz der Parteiinteressen die Ausgaben anwachsen lassen. Weyeneth vermisst nicht nur eine Rotation der Direktionen unter den Parteien, sondern auch eine echte Konkurrenz um die Regierungssitze. «Wenn jemand im Kanton Bern Regierungsrat werden will, dann wird er es auch», sagt er mit einem Grinsen. Und verweist auf die drei künftigen Regierungs­rätinnen und -räte Philippe Müller, Evi Allemann und Christine Häsler, die so gut wie gewählt sind. Vielleicht übernehmen sie gar die Direktionen ihrer Vorgänger und Vorgängerin.

Heilsamer Schock

«Man ist im Kanton Bern schnell mit sich zufrieden und nennt das dann Bescheidenheit», zieht Weyeneth Bilanz. Was rät er seinem Kanton? «Hätte er die Bundesverwaltung nicht, müsste er eine ganz andere, wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik betreiben» , sagt er.

Will Weyeneth ausgerechnet die Bundesverwaltung loswerden, den grössten Trumpf der Kantonshauptstadt, der sie davor bewahrt, noch weiter hinter die Boomzentren Zürich, Genf, Lausanne und Basel zurückzufallen? Weyeneth lächelt, überlegt.

«Ein heilsamer Schock wie die Uhrenkrise oder die Finanzaffäre der 1980er-Jahre würde Bern jedenfalls wachrütteln», findet er. Man müsse im Kanton endlich erkennen, dass die Werte, die Bern verkörpere, nur bedingt zukunftsfähig seien. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.01.2018, 22:27 Uhr

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