Die Erweckung des vergessenen Nobelpreisträgers

Kaum jemand weiss noch, dass der Berner Regierungsrat und Pazifist Charles Albert Gobat 1902 den Friedensnobelpreis erhielt. Das will ein parteiübergreifendes Grüpplein ändern. Das Gedenken an den sperrigen Freisinnigen fällt aber nicht leicht.

Die Universität Bern war Charles Albert Gobats Wirkungsstätte.

Die Universität Bern war Charles Albert Gobats Wirkungsstätte. Bild: Urs Baumann

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Sieben karge Zeilen war der Tageszeitung «Bund» die Meldung wert, dass der Berner Regierungsrat und Pazifist Charles Albert Gobat am 10. Dezember 1902 den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) schwieg die Ehrung gar tot.

Hobbyhistoriker Heinz Schild (76) hat die alten Zeitungen in der Nationalbibliothek in Bern gesichtet. «Schon damals ist Gobat ins Abseits gestellt worden», sagt er. Anders als die Friedensnobelpreisträger Henri Dunant, Martin Luther King oder Barack Obama fehle der grosse Berner Kosmopolit leider heute im öffentlichen Bewusstsein. «Das schmerzt mich», sagt Schild.

Nicht mal eine Gedenktafel

Keine Gedenktafel, kein Strassenschild erinnert in Bern an Charles Albert Gobat (1843–1914). Überlebt hat nur sein Grab auf dem Bremgartenfriedhof, das kaum jemand besucht. Heinz Schild will gegen dieses Vergessen ankämpfen. Er wird sich dabei nicht so schnell unterkriegen lassen, denn Schild hat einen langen Atem. Der frühere Radiojournalist war Spitzensportler, Sportorganisator und Gründer des Grand Prix von Bern. Das Ziel ­seines jüngsten Marathons ist Gobats Rehabilitation.

Warum gerade jetzt? «Es ist 100 Jahre her, dass 1918 der mörderische Erste Weltkrieg zu Ende ging, vor dem Gobat eindringlich gewarnt hatte. Während des Wettrüstens der Grossmächte vor dem Weltkrieg wurde der kühne Berner Friedenskämpfer als pazifistischer Nestbeschmutzer diffamiert», erklärt Schild. Gobat selber erlebte das Blutvergiessen nicht mehr. Er starb drei Monate vor dem Kriegsausbruch 1914.

Die Berner Gobat-Taskforce

Seine Gobat-Begeisterung teilte Schild zuerst mit Regula Rytz, der nationalen Parteipräsidentin der Grünen und studierten Historikerin. «Ich fand, dass bei der Wiederentdeckung dieses grossen Berner Freisinnigen unbedingt jemand aus seiner Partei mitwirken muss», erklärt Rytz. Bei Claudine Esseiva, FDP-Stadträtin und Beraterin bei der Kommunikationsagentur Furrerhugi in Bern, stiess Rytz auf offene Ohren.

«Während des Wettrüstens der Grossmächte vor dem Weltkrieg wurde der kühne Berner Friedenskämpfer als pazifistischer Nestbeschmutzer diffamiert.»Heinz Schild

Die drei bilden nun eine parteiübergreifende Taskforce. Sie mutet wie ein Miniaturabbild der Interparlamentarischen Union an, die 1889 in Paris im Beisein Gobats gegründet wurde. In einer Epoche, in der es keine Schlichtungsgremien wie die UNO gab, kämpfte die Union für Frieden und Schiedsgerichte bei internationalen Konflikten.

Die vierte Konferenz der Union eröffnete der in der Pazifistenszene aufgestiegene Gobat 1892 in Bern. Vor 300 Delegierten aus ganz Europa. Gobat wurde Generalsekretär der Union, später Leiter des internationalen Friedensbüros in Bern. Für seinen Einsatz erhielt er, zusammen mit seinem Genfer Mitstreiter Elie Ducommun, den Friedensnobelpreis.

Gobat-Weg statt Waffenweg

An diese Verdienste wollen nun zwei überparteiliche Vorstösse erinnern. Claudine Esseiva hat im Berner Stadtparlament zusammen mit der Grünliberalen Marianne Schild eine Motion eingereicht, die vorschlägt, den Waffenweg im Berner Breitenrainquartier in Gobat-Weg umzubenennen.

Im Kantonsparlament fordert die grüne Grossrätin Natalie Imboden mit einer analogen Motion, eine sichtbare Ehrung Gobats im Berner Rathaus anzubringen. Unterschrieben haben das Begehren auch der kantonale FDP-Parteipräsident Pierre-Yves Grivel aus Biel und SP-Grossrat Hervé Gulotti aus Gobats Geburtsort Tramelan im Berner Jura.

Gesucht: Grosse Berner

«Ich hatte noch nie von Gobat gehört», gesteht Claudine Esseiva. Umso grösser ist jetzt ihre Entdeckungsfreude. Gerade in der explosiven Weltlage von heute könne eine Versöhnungsfigur wie Gobat ein Vorbild sein, sagt sie. Er stillt auch Esseivas Sehnsucht nach grossen Berner Figuren mit Ecken und Kanten, die sie im spargebremsten Kanton Bern von heute vermisst.

Überdies steht der perfekt zweisprachige Mann für die Belle Epoque um 1900, als der Kanton Bern einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbruch erlebte. «Nota bene unter freisinniger Führung», betont Esseiva. «Gobat zeigt, dass Bern Potenzial hätte», findet sie.

Anders als die Friedensnobelpreisträger Henri Dunant, Martin Luther King oder Barack Obama fehlt der grosse Berner Kosmopolit heute im öffentlichen Bewusstsein.

Gobat hat als Erziehungsdirektor in der Berner Kantonsregierung (1882–1906) die Universität Bern für Frauen sowie russische und jüdische Emigranten geöffnet. In seiner Ära wurde mit der russisch-jüdischen Philosophin Anna Tumarkin in Bern die erste Professorin Europas eingesetzt.

Frauenrechtlerin Esseiva ist von so viel freisinnigem Reformeifer fasziniert. Und für Regula Rytz ist klar, dass dynamische Zeiten im Kanton Bern immer mit Welt­offenheit verbunden sind.

Sperrige Galionsfigur

Will Esseiva Charles Albert Gobat zur FDP-Galionsfigur erheben? So wie die SVP und die SP, die den Bauernführer Rudolf Minger und den Landesstreikführer Robert Grimm für ihre politischen Zwecke einspannen? «Warum nicht?», erwidert Esseiva mit einem Lächeln.

Der FDP fehlt allerdings ein rundes Jubiläum. Es ist genau 100 Jahre her, dass Minger die Berner SVP gründete und Grimm den Landesstreik anführte. Gobat aber war 1918, als der Erste Weltkrieg aufhörte, schon tot. Und die Berner FDP verlor damals die absolute Mehrheit an Mingers BGB.

Ein Problem ist insbesondere, dass sich der sperrige Gobat möglicherweise schlecht als Vorbild eignet. Der Autor Hermann Böschenstein beschreibt ihn als «merkwürdige Figur mit starkem Willen und hartem Kopf». Mit seiner ungeheuren Arbeitskraft und forschen Art habe er die gemächlichen Berner verunsichert. In der Tat setzte Gobat etwa eigenmächtig Professoren ab oder ein.

Der Mann hat offenbar derart provoziert, dass die Presse bei seinem Tod das ungeschriebene Gesetz verletzte, wonach man über Tote vor allem Gutes berichten solle. Die NZZ nannte Gobat einen «knorrigen unliebenswürdigen Berner», dem «die Breite des politischen Horizonts gefehlt» habe und der «im Rahmen seiner Partei nicht aufgegangen» sei. Das «Berner Tagblatt» nannte Gobat einen «radikalen Aristokraten, der von den Volksrechten wenig hielt». Mit seiner autoritären, ja militärischen Art sei er «für den Frieden nicht ganz der richtige Apostel» gewesen.

Die Gobat-Verteidiger

Gobat-Verteidiger Heinz Schild streitet die schwierige Art des Friedensnobelpreisträgers nicht ab. Er gibt aber zu bedenken, dass ein Visionär und Reformer bei den konservativen Kreisen und in der militarisierten Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg fast anecken musste. Claudine Esseiva räumt ein, dass der Reformer Gobat in den Reihen ihrer Partei leichter zu vermitteln ist als der Pazifist. Und für Regula Rytz ist klar, dass das Gobat-Bashing auch das Ziel hatte, einen Visionär zu diffamieren, der seiner Zeit voraus war.

Der Mann hat offenbar derart provoziert, dass die Presse bei seinem Tod das ungeschriebene Gesetz verletzte, wonach man über Tote vor allem Gutes berichten solle.

Die drei lassen sich auf ihrer Mission Gobat nicht beirren. Sie spinnen schon Fäden zu Gobats späterem Nachfolger Bernhard Pulver, zu Berns Stadtpräsidenten Alec von Graffenried oder zum Aussendepartement des Bundes. Im Gespräch sind sie auch mit Gobats Geburtsort Tramelan, wo im Juni eine Gobat-Stiftung gegründet werden soll. Als Stiftungsratspräsident ist schon ein anderer kosmopolitischer Freisinniger angefragt worden: Ex-Aussenminister Didier Burkhalter.

Sollte die Taskforce Gobat auf Widerstand stossen, kann sie von der Schlagfertigkeit ihres Idols lernen. Als Gobat verspottet wurde, dass sich sein Friedensbüro ausgerechnet am Kanonenweg hinter dem Berner Obergericht befinde, soll er geantwortet haben: Man müsse die Adresse nur richtig lesen: «Kanonen weg!»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.02.2018, 11:01 Uhr

Charles Albert Gobat. (Bild: Paul Fearn (Alamy Stock Photo))

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