Bern

«Alternative Grüne kommen selten zu mir»

BernDie 62-jährige Yvonne Schaad führt mit dem Felder eine rurale Beiz im urbanen Bern. Ein Besuch an Feierabend.

Yvonne Schaad über alternative Gäste, warum sie nicht kocht und ihr drittes Kind.
Video: Claudia Salzmann

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Donnerstag, 16 Uhr: Die Wirtin Yvonne Schaad sitzt mit ihrer Kollegin Corinne draussen. Auf dem Tisch liegen Mary-Long-Zigaretten, und vor den Frauen stehen ein Glas Rotwein und ein Apérol. «Ich mag kein Bier, eher Weisswein oder mal einen Apérol», sagt Schaad. Unter der Woche trinke sie eh nicht, weil das ein schlechtes Image gebe. «Und rechnen kann ich so auch nicht mehr», erzählt sie lachend.

Bis zum 16. Lebensjahr wuchs sie in Genf auf, hätte Krankenschwester werden wollen, der Vater befahl aber ein Haushaltslehrjahr. Drei Jahre später war sie schwanger. «Ich liess mich 1976 scheiden, das war sehr hart. Eigentlich wollte ich zurück nach Genf, aber der Vater sagte Nein. Das hat mich tief getroffen», er­innert sich Schaad. Danach hatte sie lange keinen Kontakt zur Familie.

«Mameli für alles»

Der erste Besuch, der eintritt, ist der Biervertreter von Feldschlösschen. Er will bereits das Weihnachtsbier verkaufen, welches Schaad sogleich bestellt. Wenn die 62-Jährige ihr Lokal aufmacht, bleibt keine Zeit fürs Abendessen. Ihre Leidenschaft, das Kochen, übt sie deshalb tagsüber aus: Rösti, Leberli, Kutteln, Kalbskopf. «Eine gutbürgerliche Küche eben, was ich auch hier ­anbieten würde. Aber die Leute kommen ja nicht, um zu essen», sagt sie ohne erkennbare Reue. Falls trotzdem mal einer Hunger bekommt, gibt es Croque Monsieur oder Fondue. Schaad wird hauptsächlich mit «Chübeli-»Zapfen und Bierflaschenaustausch beschäftigt sein.

Ihre Gäste kommen praktisch alle aus dem Quartier, kräftige Männer – Heizungsmonteure, Maurer – und die Roadrunners. Sie be­stellen Bier in Flaschen im Halbstundentakt, sagen immer lieb Danke zu Schaad, angestossen wird nicht. «Alternative Grüne kommen selten, wenn ich das so sagen darf. Meine Gäste sind zugleich meine Freunde, wir helfen einander, wenn was ist», erklärt sie. Ihre Freundin Corinne meint nur: «Yvonne ist das Mameli für alles. Sie ist zu gutmütig und macht alles für alle.» Schaad widerspricht: «Nicht gerade alles für alle, nein.»

Es ist ein warmer Julitag, alle sitzen draussen auf der Terrasse, die so mancher Bewohner der Lorraine noch nie entdeckt hat, weil das Laub sie versteckt. Im Winter sind alle im Fumoir. Die Gaststube sieht aus wie der Bären in Eggiwil. Dass der Felder auch auf dem Land sein könnte, streitet Schaad nicht ab: «Aber jetzt ist er halt in der Lorraine. Ich finde es schön, dass es noch so ein Beizli gibt.»

Ein Date auf der Harley

Schön finden das auch die Gäste, die täglich hier sind. Ausser ­sonntags, dann ist zu. Alle kennen einander, jeder grüsst beim ­Reinkommen oder Heimgehen. Chrigu hat Schaad ihr Motorrad abgekauft, Daniel macht ihr die Steuererklärung. Als Gegenleistung gibt es ein paar Bier. Alle rauchen, während zwei die Vorzüge von E-Zigaretten betonen. Niemand glaubt ihnen.

Hinten an einem Tisch ist ge­rade das Team von TeleBärn eingetrudelt. Sie bestellen im Viertelstundentakt, da sie erst jetzt Feierabend haben und gerade ihre Sendung ausgestrahlt wird.

Auch Urs ist angekommen, das Schätzeli von Yvonne. Wie sie sich kennen gelernt haben, erzählt er sofort: «Ich habe sie auf der Harley ein paarmal ausgefahren, und dann, ja, dann waren wir zusammen.» Er lacht verschmitzt, und seine blauen Augen funkeln.

Erste Gäste gehen heim und ­rufen «Tschou zäme» oder «Yvonne, hani itz scho zaut?». Schaad steht neben Urs, sie schmunzelt und nickt. Hinter ihr sitzt ihr jüngerer Sohn, der 34-jährige Steve, dessen YB-Trikot im Lokal eine Wand schmückt. Heute spielt er beim FC Breitenrain. Gerade kommt er von einem Ausdauertraining und gönnt sich ein Bier. Die Anwesenheit ihrer Familie kann Yvonne Schaad nur wenige Minuten geniessen, um nicht einen einzigen Gästewunsch unerfüllt zu lassen.

1968 wurde der Felder, der Name kommt vom Bier, von Charles Rebmann gegründet. Er wohnte im gleichen Haus im 2. Stock. Als er nicht mehr fit genug war, um im Lokal zu arbeiten, stieg Schaad ein, half an allen Ecken, sogar in der Wohnung, mehr wie jemand von der Spitex als eine Service­angestellte. «Er war für mich wie ein Papeli», sagt Schaad. Im März verstarb er mit 85 Jahren.

Hoffentlich noch drei Jahre

Als es dämmert, kommt Schaads älterer Sohn Pascal vorbei. ­«Viele sagen, ich sei genau gleich wie sie», sagt der 43-Jährige. Er wohnt auch in der Lorraine, hat zwei Töchter und macht oft das Lokal der Mutter auf, wenn sie einen Putzjob zu erledigen hat.

Yvonne Schaad wohnt gleich über dem Felder, mit den Katern Gizmo und Leo. «Ich hoffe, dass ich den Felder bis zur Rente führen kann, vielleicht ein oder zwei Jahre länger», sagt sie. Obwohl sie nicht so wirkt, als könnte sie überhaupt stillsitzen. «Ich kann schon mal ‹abhocke›, aber einfach nicht zu lange», sagt Schaad über sich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.07.2017, 06:13 Uhr

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