Bern

Bernburger leuchten Schatten ihrer Vergangenheit aus

BernHeikle Kapitel fehlen nicht in der neuen Geschichte der Burgergemeinde Bern: Wie sie sich ihr Bauland sicherte oder wie nazifreundlich ein paar Burger waren.

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Die Aufmachung des neuen Werks über das Werden der Burgergemeinde Bern wirkt wie ein Statement. Die zwei Bände unter dem Titel «Von Bernern und Burgern» erscheinen nicht in einem Berner Traditionsverlag, sondern im modernen Design des jungen Hier+Jetzt-Verlags aus Baden AG. Er ist derzeit die beste Adresse für kritische Schweizer Geschichte. Sein jüngster Bestseller, Thomas Maissens «Heldengeschichten», kritisiert eben die mythische Überhöhung der alten Eidgenossen durch Christoph Blochers SVP.

Dass nun auch die Burgergeschichte bei Hier+Jetzt herauskommt, scheint auszudrücken: Hier wird nichts beschönigt oder mythisch erhöht; wir Burger sind zwar Nachfolger des altbernischen Patriziats, aber wir sind im 21. Jahrhundert angekommen.

Professionelle Distanz

Dieser frische Geist war Am Dienstagabend auch an der Buchvernissage im voll besetzten Menuhin-Forum am Berner Helvetiaplatz zu spüren. Zuerst debattierten die fünf historischen Autorinnen und Autoren des Buchs animiert über die bisweilen bestrittene Existenzberechtigung der Burgergemeinde. Erst dann folgte das Schlusswort von Christophe v. Werdt, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats und Vertreter der burgerlichen Auftraggeber und Geldgeber.

Warum hat die grösste und reichste der Schweizer Burgergemeinden ihre Geschichte aufgearbeitet? Schon der Umstand, dass die zwei Bände den 730-Seiten-Wälzer «Netzwerke des Konservatismus» der Historikerin Katrin Rieder im Umfang noch übertreffen, verweist auf ein Konkurrenzverhältnis.

Christophe v.Werdt macht denn in seinem Vorwort zum neuen Werk auch gleich klar, dass es auf einen «Bilderstreit zwischen Selbst- und Fremdbildern der Burgergemeinde Bern» zurückgehe, den Rieders dezidiertes Buch ausgelöst habe. Diese stellte 2008 die Existenzberechtigung der Burgergemeinde infrage und deckte auch nazifreundliche Tendenzen von Burgern auf (siehe Box).

Die Burgergemeinde Bern hat genug Klasse, um nicht einfach eine Anti-Rieder-Rechtfertigungsschrift vorzulegen. Christophe v.Werdt erklärt im Vorwort, dass man nach einer breiten Ausschreibung Berner wie auch externe Basler Geschichtsverständige verpflichtet und ihnen Zugang zu allen Beständen im Gemeindearchiv der Burgergemeinde gewährt habe. Auf Anfrage versichert der Berner Historiker Martin Stuber, dass er keinerlei Vorgaben oder Zensurmassnahmen erlebt habe. Alles andere hätte sich die Burgergemeinde allerdings auch nicht leisten können.

Mächtig, nicht übermächtig

Das neue Werk erfüllt den Anspruch der burgerlichen Auftraggeber, gut lesbar und auf der Höhe des kritischen Forschungsstands zu sein. Erstmals erhält man darin einen umfangreichen Überblick, wie sich die Burgergemeinde Bern nach dem Untergang der altbernischen Patrizierrepublik 1798 als Körperschaft neu erfinden und sich neben Einwohnergemeinde und Kanton Bern positionieren musste.

Zahlreiche Kapitel dokumentieren die Felder burgerlicher Tätigkeit: die Boden- und Waldpolitik, die Sozialarbeit und Fürsorge, das kulturelle Engagement oder der Betrieb von Institutionen wie des Kulturcasinos, des Naturhistorisches Museums oder des Burgerspitals beim Bahnhof Bern, das als Mehrgenerationenhaus neu eröffnet worden ist.

Erfährt man Neues? Katrin Rieder hatte 2008 ihren pointiert politischen Fokus auf die Herausbildung der burgerlichen Strukturen ab 1800 und auf das Weiterleben des Ancien Régime in ihnen gelegt. Das neue Werk stellt die Burgergemeinde neben andere politische Player und in den grösseren Zusammenhang der Modernisierungs im 19.Jahrhundert.

Am aufschlussreichsten sind die Kapitel über die heiss umstrittene Modernisierung der Burgergemeinde sowie über die burgerliche Bodenpolitik ab 1850. Rieders Sicht, dass die Burgergemeinde in Bern eine mächtige Strippenzieherin ohne demokratische Legitimation sei, wird im neuen Buch relativiert, aber nicht einfach widerlegt.

Umstrittene Bodenpolitik

Martin Stuber, Autor des Kapitels über die Bodenpolitik, sieht die Burgergemeinde auf Anfrage in einem Kräftespiel mit Einwohnergemeinde oder Kanton. Er warnt vor einer allzu kritischen Sicht im Nachhinein, die nicht dem Problembewusstsein der damaligen Zeit entspreche.

Stuber lässt aber in seinem Beitrag keinen Zweifel daran, dass die Burgergemeinde von aussen und auch von einem Reformflügel in den eigenen Reihen unter Druck stand, als sie im Ausscheidungsvertrag von 1852 der Einwohnergemeinde die zu unterhaltende Stadtliegenschaften abtrat, die noch unüberbauten Stadtfelder aber in ihrem Exklusivbesitz bewahren konnte. 30 Jahre später, als die Stadt explosionsartig zu wachsen begann, wurden die Felder zu lukrativem Bauland, das bis heute jährlich 30 Millionen Franken Baurechtszinsen im Jahr abwirft.

In der Periode des sogenannten Burgersturms wurde die Burgergemeinde bei der Debatte um eine neue Berner Kantonsverfassung stark angefeindet. Haarscharf entging sie bei einer Volksabstimmung ihrer Abschaffung. Stuber spricht von einer «prekären Stellung». 1888 erkannte die Burgergemeinde, die bloss 10 Prozent der Stadtberner umfasste, dass sie ihren exklusiven Landbesitz und ihr politisches Überleben nur sichern konnte, indem sie den Burgernutzen, eine Gewinnausschüttung aus den Bodenerträgen, abschaffte und sich künftig sozial und kulturell zum Wohl der ganzen Stadt betätigte.

Gleichzeitig, legt Stuber detailliert dar, lenkte die Burgergemeinde in der Ära der grossen Berner Brücken- und Bahnbauten unverblümt die Stadtentwicklung nach ihren Interessen und zur Wertvermehrung ihres Bodens.

Nazi-Neigungen relativiert

Besonders gespannt sein konnte man auf das Kapitel über die 1930er-Jahre, hatte doch Katrin Rieder besonders mit ihrer These Aufsehen erregt, es habe ein rechtskonservatives, ja nazifreundliches Netzwerk von Burgern gegeben. Die Auftraggeber betrauten einen unverdächtigen Auswärtigen, den Basler Georg Kreis, mit der Abfassung des heiklen Kapitels.

Eifrig gleicht Kreis das Verhältnis zahlloser politischer Gruppierungen zu den nazifreundlichen Frontisten ab und läuft dabei mitunter Gefahr, durch relativierende Vergleiche zu beschwichtigen. Sein dennoch glaubwürdiges Fazit: Die Burgergemeinde als Ganzes bildete kein reaktionäres Netzwerk. Es sind bloss Einzelfiguren wie der Architekt und Berner «Gauleiter» Georges Thormann, die im jugendlichen Alter in Frontistenkreisen «operettenhafte» Ämter bekleideten.

Kreis spricht von «Jugendsünden» und verweist zu Recht darauf, dass auch der junge Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt kurz den Frontisten angehört hatte, und dafür später nicht zur Rechenschaft gezogen worden sei. Im Quervergleich weist Kreis nach, dass die SVP-Vorläuferpartei BGB die deutlichsten Rechtstendenzen aufwies. In ihren Reihen finden sich gar spätere Bundesräte wie Eduard von Steiger mit Neigungen nach ganz rechts.

Dass 1968 bei der Wahl des erwähnten Georges Thormann zum Burgerratspräsidenten dessen braunes Intermezzo verdrängt wurde, hält Kreis zwar für bedauerlich, aber auch für «normal», weil die historische Aufarbeitung des Schweizer Frontismus erst 1969 eingesetzt habe.

Selbstkritische Offenheit

Fazit: Die neue Burgergeschichte durchweht ein neuer Geist. Die einst nobel verschwiegenen Burger, die unliebsame Geschichtsdarstellungen früher zu verhindern wussten, bemühen sich um Transparenz. Die Angst, mit kritischer Offenheit die Leistung der Vorfahren zu beschmutzen, ist offenbar überwunden. Mit Recht führt das neue Werk auch die segensreichen Leistungen der Burgergemeinde für die finanziell klamme Stadt Bern auf.

Ein populäres Argument lautet: Wäre das Burgervermögen an die Stadt gegangen und von den Burgern nicht umsichtig und langfristig angelegt worden, wäre es wohl längst verprasst. Das mag wahr sein. Wer das neue Buch liest, erfährt aber auch, dass diese These zur burgerlichen Rechtfertigungsstrategie gehört, mit der sie ihre «prekäre Lage» absichern will. Stefan von Bergen

Das Werk: «Von Bernern und Burgern – Tradition und Neuerfindung einer Burgergemeinde», Birgit Stalder, Martin Stuber, Sibylle Meyrat, Arlette Schnyder, Georg Kreis, 2 Bände, 864 Seiten, viele Abbildungen, Hier+Jetzt-Verlag Baden, Fr. 89.–, bis 31.8. Fr. 69.–. Vortragsreihe mit den Buchautoren im Mai und Juni: www.bgbern.ch/ service/veranstaltungen.

Serie: Die BZ-Stadtredaktion beleuchtet in nächster Zeit in loser Reihe Aspekte der Burgerhistorie. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.04.2015, 06:33 Uhr

Stefan von Bergen, Redaktor «Zeitpunkt», über die neue Burgergeschichte.

Kommentar von Stefan von Bergen

Lange hat die Burgergemeinde Bern – dieser diskrete Staat im Staat – ihre Macht in nobler Zurückhaltung verschleiert. Und ihre Vergangenheit überhöht. Nun hat sie ihre nicht unumstrittene jüngere Geschichte von Fachleuten kritisch aufarbeiten lassen. Diese Leistung verdient Respekt.

Im am Dienstag vorgestellten Werk kann man nun lesen, wie die Burgergemeinde etwa ihren legendären Besitz äufnete, indem sie im 19.Jahrhundert die ausgedehnten Felder rund um die Stadt Bern exklusiv in ihrem Besitz behalten konnte. Bis heute profitiert sie von der enormen Wertsteigerung dieses Bodens als Bauland.

Und beeinflusst als zentrale Grundbesitzerin Berns Stadtentwicklung. Im neuen Buch erfährt man auch, dass die Burgergemeinde ihre Sozialpolitik erst spät staatlichen Vorschriften unterstellt hat. Beleuchtet werden überdies die obskuren 1930er-Jahre. Georg Kreis, Autor dieses heiklen Kapitels, hält glaubwürdig fest, dass nur einzelne Burger mit nazifreundlichen Kreisen vernetzt waren, nicht aber die ganze Burgergemeinde.

Wie die Burgergemeinde Transparenz herstellt, ist vorbildlich. Allerdings: Ganz freiwillig hat sie das nicht getan. Ohne das angriffige Buch «Netzwerke des Konservatismus», mit dem die Historikerin Katrin Rieder die Burger 2008 aufschreckte, gäbe es die nun vorgelegte Geschichte kaum. Erst fühlten sich die Burger von Rieder provoziert, dann aber animiert, ihre Vergangenheit zu überprüfen. Davon profitiert nun auch das Publikum, das Einblick in die lange abgeschottete Burgerwelt erhält.

Relativieren muss man den Sprung der Burger über ihren Schatten auch deshalb, weil sie gar keine andere Wahl hatten. Gegen das Weiterleben der traditionsreichen Burgergemeinden ist nichts einzuwenden. Dass sich die 17000 gehobene Bürger umfassende Burgergemeinde Bern aber so viel Besitz und Gestaltungsmacht bewahren konnte, muss sie rechtfertigen. Indem sie ihre Gewinne seit über 100 Jahren mit sozialem und kulturellem Engagement auch für die Allgemeinheit einsetzt. Das neue Geschichtswerk ist Teil dieser unumgänglichen Imagepflege.

Zurücklehnen kann sich die Burgermeinde nach dieser Publikation nicht. Sie muss auch weiterhin ihre bisweilen umstrittene Existenz legitimieren. Mit dem neuen Werk signalisieren die Burger, dass sie gewillt sind, mit der Zeit zu gehen.

Mail: stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch

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«Es ist erfreulich, wie die Burgergemeinde, die sich als Hüterin der Tradition gibt, ihre Geschichte aufgearbeitet und ihr Geschichtsbild erweitert hat», sagt auf Anfrage die Berner Historikerin Katrin Rieder, die letzten Sommer als Ballenberg-Direktorin abtreten musste. Das neue Werk sei ein Signal für einen Generationenwechsel in der Burgergemeinde und für eine transparente Selbstpräsentation in der Öffentlichkeit, findet Rieder.

Dass das neue Werk entstanden ist, ist auch ihr Verdienst. 2008 erregte sie mit ihrer Dissertation «Netzwerke des Konservatismus» Aufsehen – und den Unwillen der Burger. Aus einer kritischen Warte beschrieb Rieder die Wohltätigkeit der Burgergemeinde als schöne Fassade, mit der sie tarne, dass sie in Bern eine demokratisch nicht legitimierte, mächtige Strippenzieherin sei. Rieder deckte überdies auf, dass einzelne Burger bei den
nazifreundlichen Frontisten mitwirkten. Sie ortete in den patrizischen Kreisen, die einst Alt-Bern regierten, in den 1930er-Jahren einen Hang zu einem reaktionären Konservatismus.

In der neuen Burgergeschichte wird Rieders dezidierte Sicht nicht einfach widerlegt, aber relativiert. «Die Geschichte entwickelt sich diskursiv, als Auseinandersetzung von Thesen», kommentiert sie. Das burgerliche Bewusstsein bleibe für sie auch heute patrizisch geprägt.svb
Buch: Katrin Rieder, «Netzwerke des Konservatismus», Chronos 2008.

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