«Bern ist eine Stadt mit Eiern»

Er ist der Politrapper, der Bio-Öko-Prediger, der Besserwisser, der Frauenversteher, der kluge Zweisprachige. Kein Schweizer Rapper polarisiert wie Grégoire Vuilleumier alias Greis.

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Greis, Sie gelten als Klugscheisser. Ich behaupte: Sie sind einfach zu gescheit für einen Rapper.
Greis: Ich würde nicht sagen, dass ich intelligent bin. Ich bin einfach interessiert und sauge unheimlich gerne Infos auf.

Ist das denn Voraussetzung dafür, ein guter Rapper zu sein?
Überhaupt nicht. Rap ist ja einfach Musik. Diese Tatsache geht oft verloren, weil wir Rapper als so selbstbezogen gelten. Es geht oft nur um unser Erscheinen. Dabei ist Rap so zu bewerten wie jeder andere Musikstil: von der Form ausgehend, nicht vom Inhalt. Wie im Rock, Soul oder Folk gibt es im Rap intelligente und militante Songs. Und es gibt die ignoranten Songs. Aber nehmen Sie James Brown oder irgendeine andere Soullegende: Die haben tiefgründige genauso wie drogenverherrlichende Texte. Wie wir Rapper.

Sie wirken in der Öffentlichkeit sehr sensibel. Das passt nicht zum harten Rap-Game.
Ich komme ursprünglich aus der Graffiti-Szene, wo viel rauere Sitten herrschen als im Rap. Mit 13, 14 Jahren hatte ich meine raueste Zeit, auch was Erfahrungen mit Gewalt anbelangt. Der Schritt zum Rap war ein Schritt weg von diesen harten Sitten. Im Rap kann ich meine Sensibilität mehr zur Schau stellen.

Ist Rap in den letzten Jahren denn generell sensibler geworden?
Ja. Sensibilität im Rap wird immer mehr zum Thema. Es gibt unzählige Beispiele aus der aktuellen Musik. Sogar Gangster wie Lil’ Wayne rappen über sehr persönliche Dinge. Der Chauvinismus im Rap wird von der Sensibilität abgelöst. Die ersten transsexuellen oder homosexuellen Rapper sind am Start. Das zeigt, dass Rap erwachsener wird. Aber es wird immer beide Seiten geben: Das Primitive hat ja auch im Jazz seinen Platz, im Punk und im Rock. Das wird auch im Rap immer so sein.

Wie ist das im Schweizer Rap?
Auch wenn der Schweizer Rap international immer ein bisschen hinterherhinkt, ist die Entwicklung ähnlich. Das merke ich schon an der Art, wie ich Musik höre.

Wie?
Früher hörte ich vor allem pompösen, heroischen Rap, weil ich diesen Boost, diesen Kick brauchte: Ich wollte grösser sein, als ich bin. Heute suche ich nicht mehr unbedingt das Gefühl des Heroischen, sondern entdecke Rap in mehr Gefühlspaletten. Jeder Musikstil hat zuerst mal eine sehr eng definierte Persönlichkeit. Beim Rap war es dieses Harte und Starke und Grosse. Mit der Zeit öffnet sich das – weil man die Angst verliert, seine Eigenheiten aufzugeben. Rap ist jetzt verwurzelt, der Pflock ist drei Meter tief im Boden, und niemand kann mehr daran rütteln.

Sie haben kürzlich gesagt, die Schweizer Rapblase sei geplatzt. Jetzt wisse man noch nicht so genau, was aus dem Dunst erscheint.
Langsam zeichnet sich ab, was aus dem Dunst kommt. Es ist gut, dass die Blase geplatzt ist. Für mich war Schweizer Rap immer einfach Rap in Mundart, aber das ist noch kein Musikstil. Auf einmal ist der Scheinmusikstil Schweizer Rap weg vom Fenster, der Hype ist verflogen. Wer heute als Junger mit Rappen anfängt, orientiert sich an den Besten der Welt von heute – wie es zum Beispiel die Rapper Manillio oder Lo & Leduc tun. Sie haben im Heute angesetzt und nicht wie die Jungen vor ein paar Jahren beim provinziellen Dorfkönigrapper von 1998. Das ist eine geile Entwicklung. Heute gibt es Schweizer Rapper, die ich für die gleichen Sache bewundere wie einen englischen oder amerikanischen Rapper.

Es gibt aber auch die andere Seite: Gerade die erfolgreichen deutschen Rapper sprechen derzeit primär über Drogen, Nutten und Gewalt.
Das mag sein, aber hey, wir haben auch Cypress Hill gefeiert und gekifft wie die Blöden, weil die das in ihren Texten propagierten. Wir haben auch unsere Lungen- und Hirnschäden. Die Folksänger haben früher Kokain und Heroin propagiert. Rap kann nichts dafür, wenn Kokain plötzlich wieder in ist.

Haben Sie keine Angst um die Jungen?
Nein, hören Sie doch auf. Wir sind eine Generation, die das Glück gehabt hat, dass «nur» das Kiffen glorifiziert worden ist. Koksen, schon Saufen war verpönt. Die Generation vor uns hatte dies Glück nicht – und ist trotzdem gut rausgekommen. Und so wird es auch mit der Generation nach uns sein.

Gibt es in der Rapszene echte Freundschaften?
Meine Freundin sagte mir gerade gestern: «Mit dem und dem machst du auch mal ab, wenn es nicht um Musik geht, das machst du sonst mit fast niemandem.» Und, ja, es stimmt: Ausserhalb der Musik gibt es wenige Freunde. Aber klar, meine Jungs von PVP oder von meiner Crew sehe ich viel mehr ausserhalb der Musik als innerhalb. Dann sind wir Buben und spielen Lotto im «Spitz».

Wenn man Sie auf der Bühne sieht, hat man das Gefühl, dass Sie einerseits Selbstbewusstsein bis zum Abwinken haben. Andererseits denkt man: Der Junge ist sehr nervös da draussen.
Das trifft es nicht schlecht. Ich lebe ja auch gerne meine Widersprüche: Ich habe auf der einen Seite einen extremen Geltungsdrang. Auf der anderen Seite bin ich nervös, gerade wenn ich in Bern vor Heimpublikum spiele, da habe ich auch Ehrfurcht. Das gibt es schon, dass ich nervös bin.

Wie gehen Sie damit um?
Besser als früher. Einst waren die Figur Greis auf der Bühne und ich als normaler Mensch das genau Gleiche. Heute trenne ich. Als Greis lasse ich die Sau raus und habe keine Angst vor nichts. Als Privatperson kann ich unsicher sein.

Wie schafften Sie diese Trennung?
Ich merkte, dass es nicht gesund ist, wenn man zu sehr mit seiner Bühnenfigur verschmilzt. Heute fällt es mir viel leichter, Greis zu sein – wenn ich ihn denn bin.

Dann tut es Ihnen weniger weh als früher, wenn Journalisten schlecht über Sie schreiben.
Absolut. Früher bin ich Amok gelaufen, wenn irgendein Journalist etwas geschrieben hat, das mir nicht gefiel. Ich habe es mir mit ganzen Regionen der Schweiz verscherzt, mit Generationen von Journalisten! Weil ich fand: Du fickst mit meinem Baby! Das geht nicht! Mittlerweile habe ich gemerkt: Das ist ein Journalist, der macht seinen Job, ich bin ein Musiker, ich mache meinen Job. Aber der Journalist ist nicht nur Journalist, sondern auch Mensch. Und ich bin nicht nur Rapper, sondern auch Mensch.

Gemässigt wirken Sie auch in der Vertretung Ihrer politischen Ansichten. Früher waren Sie ein linksextremer Aktivist. Warum sind Sie so brav geworden?
Viele der Slogans, die ich früher auf Transparenten an Antifa-Demos hochhielt, sind heute die Schlagzeilen in den Zeitungen. Viele unserer Forderungen sind von den Mainstreammedien übernommen worden und haben Einzug gehalten in eine breite Öffentlichkeit. 2003 habe ich zum Beispiel gesagt, man müsse Börsengewinne besteuern. Dieses Thema ist jetzt in der Schweiz auf dem Teppich.

Das ist doch kein Grund, mit dem Kampf aufzuhören.
Natürlich nicht. Der Kampf ist immer noch genau gleich wichtig, auch wenn die Themen anders sind als früher. Für mich ist zum Beispiel wichtig, die Unternehmen im Auge zu behalten. Wenn uns die BKW grünen Strom verkauft und gleichzeitig in Deutschland ein Kohlekraftwerk bauen will, ist es toll, wenn sich die Bevölkerung wehrt. Die Chancen, in das Leben hier geboren zu werden, stehen etwa eins zu einer Milliarde. Mit den Zivilrechten, die wir hier haben, können wir viel bewirken und uns enorm einmischen. Das müssen wir ausnutzen.

Sie tönen ja schon wie ein Politiker.
Ich versuche nicht mehr unbedingt als Rapper, Missstände einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sondern als Mitglied der Zivilgesellschaft – in meinem täglichen Engagement als Konsument und in meinem sporadischen Engagement als Aktivist. Früher war mein Problem, dass ich als Privatperson weniger machen konnte, weil ich es ja schon im Rap gemacht habe. Jetzt kann ich als Privatperson viel mehr bewirken.

Hat Sie das befreit?
Absolut. Früher war ich der Erste, der Musikern vorgeworfen hat, wenn sie nicht mehr militant wie in ihren Anfangszeiten waren. Mittlerweile muss ich sagen: Militanz und Engagement ist unter Umständen neben der Bühne effizienter als darauf. Wenn ich mich heute sporadisch für etwas engagiere auf der Bühne, habe ich eine viel grössere Wirkung, als wenn ich es bei jedem Konzert mache.

Welche Entscheidung war die beste Ihrer Karriere?
Dass ich diese Coop-Werbung nicht gemacht habe. Coop hat mich damals angefragt, ich habe ihnen Stress vermittelt. Hätte ich das gemacht, wäre ich der Coop-Rapper und hätte nie mehr als Aktivist oder Musiker glaubwürdig sein können.

Und welche Entscheidung bereuen Sie?
Dass ich mirs mit all den Journalisten und Veranstaltern verscherzt habe, weil ich das Gefühl hatte, ich sei der grosse König. Dass ich so arrogant war in meinen Anfangsjahren und es mir mit tausend Leuten verdorben habe, weil ich ein unverbesserlicher Besserwisser und ein arroganter Sack war...

und ein Frauenheld. Einer, der ständig auf der Suche war, sich ständig neu verliebt hat.
Das stimmt. Ich habe ja immer gesagt, dass ich Musik mache, um meine zukünftige Ehefrau zu beeindrucken. Und wenn ich dann ein Mädchen gefunden hatte, kam sofort die Angst: Scheisse, ich verliere jetzt den Drive, weil ich ja jetzt die Frau habe.

Seit längerer Zeit sind Sie in einer festen Beziehung.
Ich habe die Frau gefunden, die mich wenig genug ernst nimmt. Ja, ich habe meine Prinzessin gefunden, und deshalb kann ich meinen Drive jetzt in der Musik ausleben und muss es nicht mehr machen, um Mädchen zu beeindrucken. Das ist supergeil.

War das Problem in Ihren früheren Beziehungen, dass die Frauen Sie zu ernst nahmen?
Vielleicht. Ich bin halt auch ein Schnuri. Ich brauche jemanden, der...

Ihnen auch mal sagt, Sie sollen aufhören zu schwafeln.
Das ist es. Und genau das tut meine Freundin zum Glück sehr regelmässig.

Dann sind Sie bald Familienvater?
Ich wäre voll dafür. Aber eins nach dem anderen. Wir sind jetzt mal zusammengezogen.

Sie sind jetzt 34-jährig. Ist man irgendwann zu alt zum Rappen?
Vielleicht denkt man das jetzt, weil es noch nicht viele alte Rapper gibt. Aber ich bin letztes Jahr mit Public Enemy aufgetreten, Rapper Chuck D ist über 50, sein Partner Flavour Flav fast 50. Ich kann beide voll ernst nehmen auf der Bühne. Als Rapper mit Würde zu altern, ist etwa so, wie als Punk mit Würde zu altern.

Campino von den Toten Hosen hat das gut hinbekommen.
Ja. Es kommt auf die Person an, nicht darauf, ob einer Rapper ist oder Punk oder was auch immer. Wichtig ist, ob man noch ernst nehmen kann, was man macht.

Sehen Sie sich mit 60 noch auf der Bühne?
Dann habe ich schon mal einen Riesenvorteil wegen meines Namens (lacht). Ja, auf jeden Fall. Wahrscheinlich wird einfach die Tendenz in meiner Musik weitergehen, ich werde im Alter luftiger und lockerer und muss nicht mehr unbedingt 120 Zeilen pro Song maschinengewehrmässig runterrappen.

Sie sind in Lausanne und Bern aufgewachsen, in Biel zur Schule gegangen und haben lange in Basel gelebt. Welche Stadt ist die beste der Schweiz?
Ich muss es sagen: Basel, topografisch zumindest. In Bern hat man auf den Brücken oder im Rosengarten Weite, überall sonst sieht man Berge und Häuser. Das engt ein. In Basel hat man auch in den Quartieren und auf den Plätzen Weite. Das liebe ich.

Und welche ist die beste Hip-Hop-Stadt?
Schon Bern. Hier ist einfach der Level hoch, im Graffiti, im Breakdance, im Rap. Hier orientiert man sich als Musiker am Erfolg von Leuten wie Züri West, Patent Ochsner oder Polo Hofer. An wem sollen sich Zürcher oder Basler orientieren, wenn es um Ambitionen geht? Bern ist, was die Kunst anbelangt, einfach eine Stadt mit Eiern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2013, 12:22 Uhr

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