«Dieser Entscheid ignoriert unsere ganze Forschung»

Scharf kritisiert der Berner ­Klimaexperte Thomas Stocker, dass sich Trumps USA «aus ihrer globalen Verantwortung stehlen». Er fürchtet aber nicht, dass weitere Staaten aus dem Klimavertrag austreten.

Klimaexperte und Trump-Kritiker: Thomas Stocker von der Uni Bern.

Klimaexperte und Trump-Kritiker: Thomas Stocker von der Uni Bern. Bild: Keystone

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Ja, bestätigt Thomas Stocker, für ihn sei Donald Trumps Schritt, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, «auch eine persönliche Enttäuschung». Der renommierte Umweltphysiker und Professor der Universität Bern hat als Ko-vorsitzender des UNO-Klimarats IPCC massgeblich den letzten Weltklimabericht geprägt. «Trump ignoriert mit seinem Entscheid alle wissenschaftlichen Grundlagen, die wir erarbeitet haben und die weltweit anerkannt und umgesetzt werden», sagt er.

Sind nun das Klimaabkommen und sein Ziel in Gefahr, die Erderwärmung deutlich unter 2 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten? Und droht dem Abkommen vor allem, dass in einem Dominoeffekt weitere Staaten abspringen? «Es ist möglich, ohne die USA das Ziel einzuhalten, aber es ist noch ehrgeiziger geworden, als es schon vorher war», erklärt Stocker. Es sei dennoch ein grosser Schaden, dass sich die USA, die gemeinsam mit Europa die Hälfte des CO2-Ausstosses seit 1750 verursacht haben, nun «kurzfristig aus ihrer historischen Verantwortung stehlen». Das gemeinsame Bekenntnis der beiden grössten CO2-Produzenten China und USA habe das Pariser Abkommen überhaupt erst ermöglicht, nun stiegen die USA schon wieder aus.

Zukunftsorientiertes China

Stocker glaubt dennoch nicht, dass nun auch China, Indien und europäische Staaten abspringen. «Die Trump-Administration setzt auf Erdöl, Kohle und die damit verbundenen veralteten Technologien. Die anderen grossen Industrienationen aber haben verstanden, dass die Welt vor einem industriellen Quantensprung steht: weg von der Verbrennung fossiler Brennstoffe zu nachhaltiger Energie», erläutert Stocker. Insbesondere China setze auf die ungleich grösseren Wachstumsaussichten der neuen Klimatechnologien.

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«Ich kann mir vorstellen, dass sich China in der Klimapolitik nun erst recht als globaler Leader etablieren will, wenn sich Donald Trump hinter den US-Grenzen verschanzt», sagt Stocker. Schon nach dem Rückzug der USA aus dem internationalen Freihandelsabkommen TTIP habe sich China dann als weltweite Anführerin des Freihandels positioniert.

US-Klimaschutz trotz Trump

«Es ist nicht ganz überraschend, aber dennoch empörend, dass Donald Trump alle Fakten, Risiken und Gefahren des Klimawandels, die ja auch für die USA gelten, in den Wind schlägt», findet Stocker. Er bleibt aber zuversichtlich, dass die USA den Weg des Klimaschutzes nicht einfach aufgeben. «Kalifornien und Bundesstaaten der Ostküste haben griffige Umweltgesetze. Und grosse US-Unternehmen sind bereit, die Opportunität neuer Umwelttechnologien zu ergreifen», weiss Stocker. Er hofft, dass aus der Wirtschaft und den US-Bundesstaaten ein «Druck von unten» entsteht.

Erhalten nach Trumps Entscheid die Leugner des Klimawandels wieder Auftrieb? «Sie werden Urständ feiern», sagt Stocker. Er hoffe aber, «dass die Glaubwürdigkeit Trumps nach seinem Ausstiegsentscheid weiter erodiert und der Bürgerprotest gegen seine Regierung erst recht angekurbelt wird».

Ausstieg erst 2020 möglich

Zum Schluss macht Stocker noch eine pikante Anmerkung: Gemäss Artikel 28 des Pariser Klimaabkommens kann ein Staat erst drei Jahre nach Inkraftsetzung des Vertrags kündigen. Bis zum Vollzug des Austritts vergeht dann ein weiteres Jahr. Die USA wären demnach erst ziemlich genau im November 2020, auf das Datum der nächsten US-Präsidentenwahlen, nicht mehr Teil des Klimaabkommens, dem sie nun den Rücken zugekehrt haben.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.06.2017, 11:16 Uhr

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