«Macht wird nicht bezwungen»

Freiheit und ­sexuelle Freiheit gehen Hand in Hand: Das sagt der ägyptische Autor Youssef Rakha. Ein ­Gespräch über das Geschlechterverhältnis in der arabischen Welt und Gründe für das Scheitern des Arabischen Frühlings.

Strassenszene in Kairo 2012: «Weil wir in der Gesellschaft Probleme haben, ist das Interesse an sexueller Freiheit in der Literatur umso grösser», sagt Youssef Rakha.

Strassenszene in Kairo 2012: «Weil wir in der Gesellschaft Probleme haben, ist das Interesse an sexueller Freiheit in der Literatur umso grösser», sagt Youssef Rakha. Bild: Keystone

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Er ist in Kairo aufgewachsen, hat in London studiert und lebt wieder in Kairo. Der 40-jährige Youssef Rakha ist einer der innovativsten und vielseitigsten zeitgenössischen Schriftsteller der arabischen Welt. Im Auftrag eines deutschen Kollektivs hat er einen Essay über arabischen Porno geschrieben und diesen kürzlich am Literaturfestival Leukerbad vorgestellt. Im Sexleben hinter dem Schleier und vor der Kamera sieht er ein Fenster zu einer privaten Wirklichkeit, die im öffentlichen Raum unterdrückt wird.

Herr Rakha, in der Silvesternacht wurden Frauen in Deutschland von arabischstämmigen ­Männern angegriffen. Sprach man darüber in Kairo?
Youssef Rakha: Es war kein grosses Thema. Bei den Diskussionen ging es darum, wie syrische Flüchtlinge sich in Europa selbst in Verlegenheit bringen. Es ging nicht um Einwanderer aus der arabischen Welt oder um sexuelle Belästigung im Allgemeinen.

Haben Sie Erklärungen dafür, warum Männer aus dem arabischen Raum sich so verhalten?
Das ist nicht angeboren. Es ist einfach, solches Benehmen zu vermeiden. Viele Leute aus der arabischen Welt fühlen sich entfremdet, wenn sie in Europa ankommen, und denken, sie müssten ihre Identität behaupten. Solche Übergriffe könnten der schlimmste Auswuchs davon sein.

Aber Übergriffe auf Frauen sind nicht religiös.
Natürlich nicht. Die Präsenz des weiblichen Körpers kann ein riesiges Problem für manche Leute sein. Das ist ein neues Phänomen im muslimischen Nordafrika und im Nahen Osten. Grund dafür ist der Einfluss der Arabischen Halbinsel in den letzten vierzig Jahren.

Im Goldenen Zeitalter der arabischen Kultur um das 10. Jahrhundert gab es eine liberale Haltung gegenüber dem Körper.
Die Kultur war liberal und bejahend verglichen mit umliegenden Ländern der damaligen Zeit.

Was ist heute anders?
Das heutige Verständnis eines Individuums, das die Freiheit hat, selbst über den Körper zu bestimmen, gab es noch nicht. Aber es gab eine pluralistische Sicht auf die Welt und eine Wertschätzung der Sinnlichkeit. Und eine Liebe des Lebens – das Gegenteil des Jihad, der eine Todesliebe ist.

Wieso hat die restriktive ­­Aus­legung der Arabischen Halbinsel einen solchen Einfluss?
Wegen des Geldes. Saudiarabien kontrolliert die Region wirtschaftlich. Saudiarabien ist nach Israel der Hauptverbündete der USA. Im Kalten Krieg stützten sich die Amerikaner auf islamistischen Fundamentalismus. Saudiarabien ist der Knotenpunkt.

In Ihrem Essay wählen Sie ein überraschendes Thema, um die heutige Gesellschaft in Ägypten zu beschreiben, den arabischen Porno. Warum?
Die Filme konnten so viel Erhellendes sagen über die Gesellschaft, die Geschichte, die Politik und über die Sexualität. Warum sagen Sie, es sei überraschend?

Weil die Sexualität im ­arabischen Raum tabuisiert ist.
Nicht in der Literatur. Weil wir in der Gesellschaft Probleme haben, ist das Interesse daran in der Literatur umso grösser.

Gibt es keine Zensur?
Es gibt extreme Ausformungen von Unterdrückung, zugleich gibt es sehr zeitgenössische Strömungen in Orten wie Kairo oder Beirut. Die Vielfalt ist gross.

Und sie findet Ausdruck in der Pornografie?
In der arabischen Welt gibt es keine Industrie. Die Pornografie ist hausgemacht. Daher ist sie aussagekräftiger, weil sie zeigen kann, wie die Leute wirklich sind.

Sie sprechen auch über die Rolle des Internets. Gemeinhin wird das Netz als Motor des ­Arabischen Frühlings gesehen. Sie sind skeptischer.
Politischen Aktivismus konnte man nicht ausdrücken, es gab keine öffentlichen Kanäle dafür. Das Internet sprang ein. Zugleich aber blieb die virtuelle Welt isoliert. Die Ideen der Leute und ihr Benehmen im Internet entwickelten sich in eine andere Richtung als in der Realität .

Weil nur bestimmte Leute ­Zugang zum Internet hatten?
Nein. Weil es virtuell war. Man kann im Internet Dinge sagen und tun, die keine Folgen haben. Wenn man sie in der realen Welt sagen oder tun würde, hätten sie Konsequenzen. Ab einem gewissen Moment verschwimmt der Unterschied.

Zum Beispiel?
Im Internet kann man etwa sagen, man müsse G. W. Bush vor Gericht bringen. Das leuchtet ­sofort ein. Aber plötzlich glauben die Leute, es sei wirklich leicht, Bush vor Gericht zu bringen.

Hausgemachte pornografische Filmchen dagegen sind nützlich für einen Wandel?
Ich weiss nicht, ob sie nützlich sein können. Aber sie sind die Stimme einer Kraft, die vorhanden ist, die aber zensuriert ist.

In der Realität.
Nicht in der Realität, aber in der öffentlichen Welt. Das ist ein Unterschied. Ich glaube, die Leute haben so viel Sex wie andernorts, wenn nicht sogar mehr. Aber es ist nicht anerkannt und respektiert.

Welches Potenzial haben die Filmchen im Netz?
Das Problem ist, dass diese Filme als Pornografie gesehen werden. Die übliche Reaktion ist, auf sie hinabzuschauen und sie als verwerflich zu betrachten. Aber es gibt etwas Unprätenziöses bei diesen Filmen. Etwas . . . Nobles.

In der Spontaneität?
Und im Risiko, dem sich die Leute aussetzen. Sie bekommen kein Geld, sie gewinnen nichts. Es ist das Gegenteil von politischem Aktivismus, wo jemand hinsteht und sagt: Ich bin ein Held, ich mache politischen Aktivismus, und dabei nur das Bestehende weiterführt.

Die Filme folgen einem Impuls.
Sie folgen keinem Konzept. Sie haben damit zu tun, was Menschen menschlich macht. Das ist etwas ganz anderes als politischer Aktivismus, bei dem es darum geht, Ideen aufzuzwingen.

Können diese Filme ein ­patriarchales System wie das ­Militär oder den politischen ­Islam ­bezwingen?
Ich denke, patriarchale Macht oder Macht dieser Art wird nicht so sehr bezwungen. Vielmehr löst sie sich auf. Man kann nicht gegen eine patriarchale Macht angehen, ohne selbst zur patriarchalen Macht zu werden. Das ist, was ich vom Arabischen Frühling gelernt habe. Aber man kann den weniger machtorientierten Kräften in der Gesellschaft Raum geben und sie wachsen lassen. So war es mit der Kirche im Westen.

Ist sexuelle Freiheit nur ­ausserhalb des Islam denkbar?
Der Glaube an sich ist kein Problem, überhaupt nicht. Es ist nur die Frage, wie man diesen Glauben ausdrückt. Der Islam ist nicht weniger kompatibel mit einer ­liberalen, säkularen, offenen Gesellschaft als das Christentum oder das Judentum.

Sie selbst, sind Sie Muslim?
Post-Muslim. Was den Glauben angeht, würde ich mich selbst als Agnostiker beschreiben. Ich folge keiner organisierten Religion. Aber ich lehne mein Erbe nicht ab. So wie der Westen postchristlich ist.

Nach den Übergriffen in der ­Silvesternacht wollte man die ­Täter nicht benennen, um nicht den Rassisten in die Hände zu spielen. Was kann man tun, wenn Männer aus dem arabischen Raum unsere Werte verletzen?
Es gibt eine Tendenz in Europa, Ereignisse als repräsentativ für Gesellschaften anzusehen, die unendlich komplexer sind. Nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» hiess es, die Muslime müssten sich entschuldigen. Das ist irrsinnig. Diese Haltung ist nicht dasselbe wie Rassismus, aber sie überschneidet sich damit. Muslim zu sein mag für jemanden die Voraussetzung dafür sein, dass so etwas passieren kann. Aber es ist nicht gleichbedeutend damit, Muslim zu sein.

Was können wir tun?
Wenn die westlichen Länder sagen, sie seien eine multikulturelle Gesellschaft, müssen sie diese Vorfälle als etwas behandeln, was in der eigenen Gesellschaft passiert. Die Attentäter von «Charlie Hebdo» wuchsen in Frankreich auf. Das hat absolut nichts zu tun mit der arabischen oder der muslimischen Welt. Wieso sollte ich, ein säkularer, antiislamistischer Muslim, der in Ägypten unter dem politischen Islam leidet, mich für jemanden in Frankreich entschuldigen müssen?

Es geht nicht um Schuld, eher ­darum, wie man damit umgehen kann. Es gibt die Idee, Migranten aus muslimischen Ländern auf unsere Kultur vorzubereiten . . .
. . . das ist naiv und typisch westlich. Die Dinge funktionieren nicht so, wirklich nicht.

Wir haben keinen Einfluss?
Betont nicht die Tatsache, woher die Täter kamen. Oder ob sie das taten, weil sie aus einer bestimmten Gesellschaft stammen. Ihr habt ein Verbrechen: Geht damit um, wie ihr mit irgendeiner kriminellen Tat umgeht.

Warum glauben Sie, kulturelle Kurse würden nichts bringen?
Es hätte vermutlich den gegenteiligen Effekt davon, was ihr euch erhofft. Es ist bevormundend. Es platziert Migranten auf einer untergeordneten Position, sie würden sich wie Tiere fühlen.

Der Essay «Arab Porn»von Youssef Rakha ist auf Englisch publiziert bei: www.60pages.com. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.07.2016, 10:30 Uhr

Sexuelle Unterdrückung in der Arabischen Welt

«Der Schock» heisst ein von Alice Schwarzer herausgegebenes Buch mit einer Recherche der Ereignisse der Kölner Silvesternacht, Erzählungen von Opfern und Analysen von Islamwissenschaftlern und Intellektuellen aus dem arabischen Raum (Kiwi, 144 Seiten). Die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy erlebte während des politischen Aufbruchs auf dem Tahrir-Platz in Kairo selbst sexuelle Gewalt. Seither kämpft sie für eine gesellschaftliche Revolution als Voraussetzung für den politischen Wandel. In «Warum hasst ihr uns so?» (Piper, 208 Seiten) zeichnet sie nach, wie die Unterdrückung von Frauen in Ländern von Saudiarabien bis nach Tunesien zunimmt.

Aufschlussreich ist die kluge und fundierte Recherche von Shereen el-Feki, «Sex und die Zitadelle» (Hanser, 416 Seiten). Ausgehend von UNO-Statistiken, die für den arabischen Raum im Gegensatz zur restlichen Welt nur minime Aids-Infektionsraten auswiesen, macht sich die in Kanada aufgewachsene Autorin mit ägyptischen Wurzeln auf, die Kluft zwischen öffentlichem Anschein und privater Wirklichkeit in der arabischen Welt zu ergründen. Eine tiefschürfende Erkundung ihrer eigenen Herkunft durch die Linse der Sexualität.ass

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