«Ich brauche meine Höhle»

«Das Leben ist gut» ist ein sehr persönliches Buch von Alex Capus. Ein Treffen mit dem Schriftsteller in seiner Oltner Bar – und ein Gespräch über die Bedeutung von Zeit, Freundschaft und Liebe.

In seiner Bar in Olten: Schriftsteller Alex Capus

In seiner Bar in Olten: Schriftsteller Alex Capus Bild: Keystone

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«Bin gleich wieder da»: Ein Post-it klebt an der seitlichen Eingangstür. Das Galicia ist geschlossen. Farbige Gartenstühle werfen bunte Schatten auf das Trottoir vor der Bar, und ja, das Vordach verbreitet einen Hauch Art déco.

Durch die hohen Fensterscheiben darunter sieht man zwei alte Ohrensessel, auf dem Tischchen dazwischen liegen ein Notebook und eine Brille. Gemütlich sieht die Bar aus, die sich wie das Gallierdorf von Asterix zwischen den rechts und links hochgezogenen gesichtslosen Bürobauten behauptet.Alex Capus kommt leger gekleidet und in roten Flipflops daher.

Er geht hinter den Tresen. Die Kaffemaschine sei bereits ­angeschaltet, aber es gebe alles hier, auch Gin Tonic. Der Blick schweift über die Theke und bleibt an einem schwarzen Stierkopf über dem Flaschenregal hängen. Man hatte spekuliert: Würde man einen solchen im Galicia finden? Tatsächlich. Ein Stierkopf spielt eine Rolle im neuen Roman von Alex Capus. Und es geht darin auch um eine Bar. Allerdings heisst sie Sevilla und nicht Galicia. Und der Icherzähler heisst nicht Alex, sondern Max.

«Ich muss Ihnen ja nicht den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit erklären», sagt Capus. Das nicht, aber in seinem neuen Roman «Das Leben ist gut» scheint erstaunlich viel vom realen Alex zu stecken. «Schon», gibt er zu, aber das müsse egal sein. «Die Geschichte muss für sich stehen.»

Es sei eben gerade nicht so, dass das Leben die besten Geschichten erzähle. Es brauche die gestaltende Hand, die die Geschichte zurechtbiegt, dazuerfindet, weglässt. Der reale Ort und auch einige der Leute seien eine Art Blaupause. Zum Beispiel die Geschichte des Lokals: Wie die Bar im Buch habe auch das Galicia ursprünglich sechs Stockwerke hoch werden sollen, dann sei der damalige Besitzer bankrottgegangen. Das sei in den Baubewilligungen bei der Bau­direktion Olten so nachzulesen. «Ich lasse mich davon forttragen und erzähle weiter, in der Logik der Geschichte.»

Schönheit einhauchen

Capus hat vor drei Jahren das ehemalige Vereinslokal galizischer Fabrik- und Bauarbeiter übernommen. Im Oltner Quartier auf rechten Aareseite, wo inmitten von Zweckdienlichkeit immer mehr Schnellimbisse aufgingen, fehlte ein Begegnungsort, wie er ihn aufsuchen würde, wenn er in einer fremden Stadt wäre. «Schönheit soll nicht wegrationalisiert und in einer Schublade ‹Kultur› versorgt sein, es geht darum, dem Leben Schönheit einzuhauchen.»

Capus ist sich durchaus bewusst: Es ist ein Privileg, dass er sich sein Leben so einrichten kann, wie er will. Also hat er einen Ort geschaffen, der sich der Betriebswirtschaftlichkeit und dem «Diktat vom Mammon» widersetzt. «Ich mag gerne Dinge, die sind, was sie darstellen, und die bleiben.»

Zum Beispiel den echten Eichenboden, die hohen Räume, den Billardtisch – auch wenn man den Platz für mehr Tische nutzen und so den Gewinn optimieren könnte. Verschliesst er sich damit nicht der Zukunft? «Maschinenstürmerei wie im 19. Jahrhundert in Uster war noch nie erfolgreich», sagt Capus. Aber man solle die Wahl haben. «Blutenden Herzens» habe er kürzlich seine umfangreiche Bibliothek ausgestaubt, weil Nachschlagewerke online heute einfach überlegen seien.

Dass er noch immer auf ein Mobiltelefon verzichtet, sieht er hingegen ebenfalls als Privileg: «Ich glaube, es wird eine Zeit kommen, in der Leute dafür zahlen, dass sie kein Handy haben müssen.» Er lacht, wird aber gleich wieder ernst. Für ihn ist es eine «anthropologische Konstante», dass Menschen sich begegnen, dass sie einander in die Augen schauen, wenn sie kommunizieren, sich die Hand geben, sich umarmen: «Der Mensch ist ein soziales Wesen, ein Herdentier, kein Bär. Der Mensch braucht seine Höhle.»

In der Welt verortet

Alex Capus mag Menschen. Er verorte sich gerne in der Welt, hat alte Freunde, ist seit zwanzig Jahren verheiratet und – er weist noch einmal auf den Boden der Bar – mag eben hundertjähriges Eichenparkett. Kurz denkt er nach. Es sei das Thema, das er immer wieder in seinen Büchern aufscheinen sehe, auch im neuen Roman. «Das ist das Schöne an der Literatur: Sie kann Dinge miteinander in Verbindung setzen.»

Wohl die meisten Leute wünschen sich lange, stabile Beziehungen. Was braucht es, damit das funktioniert? «Zeit», sagt der Schriftsteller. «Ich glaube nicht an ‹Quality Time›.» Man müsse mit den Kindern auch in die Mi­gros einkaufen gehen oder in Männerfreundschaften wirklich viel Zeit miteinander verbringen, also zum Beispiel wandern gehen oder auf der Mauer sitzen und sich gemeinsam langweilen.

Ihm sei zudem eine Intensität wichtig, vor der andere vielleicht eher zurückschrecken. Ein Freund von ihm habe zum Beispiel früher jeweils nachts um zwei Uhr bei ihm geklingelt. «Ungebremstes Aufeinandereingehen entspricht mir sehr.»

Und was braucht es, damit die Liebe so lange hält? Capus verweist auf die Königin Silvia von Schweden. Sie habe einmal über ihre lange, stabile Ehe «in königlicher Schlichtheit» gesagt: «Wir mögen uns halt.» – «Es ist wunderbar, wenn man das nach zwanzig Jahren Ehe sagen kann», so Capus.

Er selbst antwortet mit seinem Buch, denn «Das Leben ist gut» ist auch oder vielleicht vor allem eine zarte Liebesgeschichte – und damit auch eine Hommage an seine Frau. «Es gibt eine Schönheit, die sich nur in der Dauer einer langen Beziehung manifestiert», sagt er.

Mit dem neuen Roman zieht Alex Capus aber auch Bilanz aus seinem Leben: «Ich bin jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, ein schönes Stück über die Lebensmitte hinaus. Wenn ich morgen unter einen Bus geraten würde, ich hätte ein wunderbares Leben gehabt.»

Auf dem alten Sofa neben ihm liegt die aktuelle Ausgabe der NZZ. Bei der derzeitigen Nachrichtenlage – kann man da wirklich sagen: «Das Leben ist gut»? «Durchaus», entgegnet der Schriftsteller, denn eigentlich sei ja alles bestens in der Welt, wir hätten nur die Wahrnehmung, dass jeder Amoklauf gefühlsmässig bei uns um die Ecke passiere.

Schaut man die Fakten an, ist der weltweite Wohlstand ins Unermessliche gestiegen, ebenso die Alphabetisierungsrate, die Versorgung rund um den Globus, und es gibt viel weniger Kriegstote. Gerade in der Schweiz laufe es ziemlich gut: «Wir sind alle so ­sicher, so gepampert und untergebracht wie nie zuvor in der ­Geschichte der Menschheit.» Ist «Das Leben ist gut» also tatsächlich ein sehr persönliches Buch, will man noch einmal wissen. «Jede Literatur ist persönlich. Aber das Buch ist weniger gefiltert als vorangegangene.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 22.08.2016, 11:25 Uhr

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