«Das Herz ist alterslos»

Eine Schreckensmeldung nach der anderen liest man über die USA. Milena Moser ist vor zwei Jahren in das Land ausgewandert. Nun legt sie wieder ein autobiografisches Buch vor: über Stolpersteine in ihrem ersten Jahr. Und über ihre neue Liebe.

«Es ist etwas Neues für mich, über das Glück zu schreiben»: Milena Moser (53), in ihrer neuen Heimat Santa Fe.

«Es ist etwas Neues für mich, über das Glück zu schreiben»: Milena Moser (53), in ihrer neuen Heimat Santa Fe. Bild: zvg

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Milena Moser, Sie sind jetzt in der Schweiz, während in den USA der neue Präsident antritt. Wie ist das für Sie?
Milena Moser: Ich bin nicht gerne aus den USA weggegangen. Ich habe Freunde, die wirklich Angst haben. Mir als Schweizerin kann nichts passieren. Gerade deshalb wäre ich jetzt gerne dort. Um zu schauen, was passiert, und um ­davon zu erzählen. Eine Freundin hat mir heute geschrieben: Wenn du zurückkommst, werden wir im Gefängnis sein.

Wie haben Sie die Wahl selber erlebt?
Als das Resultat eigentlich schon klar war, hatte ich immer noch das Gefühl: Das ist doch einfach nicht möglich. Ich kannte auch niemanden ausser Victor, der das für möglich gehalten hätte.

Ihr neuer Freund.
Er ist Mexikaner und hat immer gesagt: «Ich habe schon einmal erlebt, wie ein Land vor die Hunde geht.» Er ist sehr pessimistisch.

Was haben Sie nach der Wahl gemacht?
Am Tag danach hatte ich das Gefühl, ich wache auf, und die Welt ist nicht mehr da. Ich hatte eine Lesung an einer Universität in Alabama, dort sind die Studenten mehrheitlich Republikaner. Das waren kluge junge Leute, nur . . . ich glaube, die Hälfte der Leute dort hat Trump in erster Linie gewählt, weil er keine Frau ist. Was die jetzt denken, weiss ich nicht.

Ihre neue Heimat New Mexico hat für Hillary gestimmt. Wie ­reagieren die Leute dort?
Ein Teil ist zutiefst erschüttert und deprimiert. Ein Psychiater hat mir gesagt, er habe bei seinen Patienten die Medikamente anpassen müssen. Er sähe bei ihnen ein posttraumatisches Stress­syndrom. Die anderen wollen das nicht zulassen. Sie gehen an Demos oder schreiben an ihre Kongressabgeordneten. Santa Fe und San Francisco, wo ich oft bin, sind beides Sanctuary Cities.

«Ich bin nicht gerne aus den USA weggegangen. Ich habe Freunde, die wirklich Angst haben.»

Also Städte, die ihre Bewohner schützen.
Die Bürgermeister dieser Städte haben relativ schnell nach den Wahlen gesagt, dass sie ihre illegal eingewanderten Leute nicht denunzieren würden. Das ist ­offenes Widersetzen. Es heisst natürlich, dass Trump ihnen den Geldhahn zudrehen wird. In San Francisco ist das nicht so schlimm, das ist eine reiche Stadt. In Santa Fe ist das anders.

Einige Leute finden die Demos kontraproduktiv: Trump könne sich so als Held stilisieren.
Es ist viel wichtiger, ein Zeichen zu setzen – auch gegen aussen: dass das, was jetzt passiert, nicht amerikanisch ist und der Verfassung total widerspricht. Das Gefährliche ist ja auch, dass man denkt, hier würde so etwas nicht passieren. Aber Europa ist auch nicht über jeden Zweifel erhaben.

Hier hat man viel von der Spaltung der Gesellschaft gelesen. Haben Sie das so erfahren?
Kurz nach den Wahlen war ich in San Francisco. Ein Mann hat mir einen Parkplatz weggeschnappt, ich habe ihn nur böse angeschaut. Dann ist er ausgestiegen, hat gesagt: «You cunt» – also Fotze –, «ich muss jetzt nicht mehr politisch korrekt sein, Donald Trump ist mein Präsident.» Das ist beängstigend. Aber diese Ressentiments waren ja vorher auch da. Es ist sicher besser, wenn eine solche Eiterbeule aufbricht und man sieht, mit was man es zu tun hat.

Im Buch beschreiben Sie Rassismus. Eine neue Erfahrung und anders als in der Schweiz?
Ich glaube, es ist ähnlich wie in der Schweiz. Als ich im Kanton Aargau lebte, hingen diese Plakate: Ali G., Vergewaltiger – und bald Schweizer? Aber es gab auch Gegenstimmen. Ich glaube, Rassismus gibt es überall, und Menschen, die ihn bekämpfen, auch – die Frage war nicht ernst gemeint, oder?

Ich meinte unterschwelligen Rassismus, der den Leuten nicht bewusst ist.
Den Leuten ist das sehr bewusst: Sie sehen einen mexikanischen Indianer und denken: Arbeiter, obdachlos. Mir ist das nie so entgegengeschlagen, aber ich bin einfach weiss. Ich habe selbst Vorurteile. Die Frage ist bloss, ob man versucht, sie abzulegen. Oder ob man sie für wahr hält.

«Ich schreibe sowieso auf, was ich Tag für Tag erlebe, um zu verstehen, was passiert. Das ist für mich wie Zähneputzen.»

Vor zwei Jahren haben Sie ­bereits ein autobiografisches Buch geschrieben. Warum jetzt wieder?
Ich schreibe sowieso auf, was ich Tag für Tag erlebe, um zu verstehen, was passiert. Das ist für mich wie Zähneputzen. Es zu ver­öffentlichen, war für mich beim letzten Buch ein Ringen: Wen ­interessiert das? Nach dem Erscheinen war ich von den Reaktionen überwältigt. Die Fragen «Ist das jetzt mein Leben?», «Wem gehört mein Leben?», «Habe ich ein Recht auf ein Eigenleben?» gehören nicht nur mir. Ausserdem hat der Verlag gesagt: So, wie das Buch aufhört, gibt das eine Fortsetzung. Es ging diesmal eher um die Frage, was dazu gehört und was der Bogen der Geschichte ist.

Von klein auf wollten Sie schreiben. Berühmt zu sein, war nie Ihre Vorstellung. Aber die meisten Leute werden das Buch wegen Ihrer Person lesen.
Ich habe nicht gemeint, ich wollte nicht berühmt sein. Dann müsste ich jetzt nicht ein Interview geben. No offense – aber für mich ist das arbeiten. Schreiben ist einfach das, was ich mache. Damit bin ich nicht allein. John Irving hat über Lese- und Pressereisen gesagt: Das ist der Preis, den ich zahle, damit ich nachher wieder ein paar Jahre in Ruhe an meinem Schreibtisch sitzen kann. Ich will mich keinesfalls darüber beklagen, aber berühmt sein kam einfach in meinen Kinderträumen nicht vor! (lacht)

In Santa Fe sind Sie mittlerweile zu einem Sightseeing-Punkt geworden. Stört Sie das?
Einmal ist jemand einfach in meinen Garten gegangen, und das ist wirklich eine Ausnahme. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich da eine Grenze gesetzt und gesagt: «Da ist meine Haustür, und da ist mein Sofa, und da sitze ich in den Unterhosen, und nein, so nah dürfen Sie jetzt doch nicht kommen.» Viele Schweizer, die nach Santa Fe kommen, legen mir einen Zettel in den Briefkasten – eine hat mir einmal Schokolade aus Aarau mitgebracht, Brändli-Bomben. Da freue ich mich sehr und gehe auch drauf ein.

«Ich wollte, dass man spürt, dass es eine ganz grosse Liebe ist, weil diese Liebe viel aushält und viele Fenster aufmacht.»

In Ihrem Buch schreiben Sie über Ihre neue Liebe. War Ihnen das nicht zu persönlich?
Victor hat gesagt: «Schreib, was du willst, ich vertraue dir.» Aber für mich war es eine grosse Herausforderung. Ich wollte kein «Ätsch-bätsch-Buch» machen – kein Buch, das sich so liest: Weisst du, das ist jetzt das perfekte Leben. Ich wollte, dass man spürt, dass es eine ganz grosse Liebe ist, aber nicht, weil alles perfekt ­wäre, sondern weil diese Liebe viel aushält und viele Fenster aufmacht, weil neue Einsichten und Herausforderungen da sind. Es ist etwas Neues für mich, über das Glück zu schreiben.

Kann man, wenn man älter ist, besser mit Nähe und Distanz umgehen?
(Lacht) Nein. Gefühl ist . . . ich bin wie eine junge Dampfwalze. Ich bin einfach . . . wusch! Das war ich immer. Das Herz ist, glaube ich, alterslos.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.02.2017, 09:39 Uhr

«Hinter diesen Blauen Bergen»

Milena Moser (53) sieht gut aus. Frisch, erholt und voller Energie. Ganz anders als vor zwei Jahren, als sie, noch von ihrer zweiten Scheidung erschöpft, ihr damaliges Buch vorstellte. Das Buch, das von ihrer Suche nach dem Glück erzählte: Von ihrer Reise durch die USA, die sie sich zum 50. Geburtstag geschenkt hatte. Davon, wie sie sich statt in einen neuen Mann in ein Häuschen verliebte. Und wie sie sich zu dem Entscheid durchrang, noch einmal auszuwandern.

Doch wie fast jede Fortsetzung kommt ihr neues Buch «Hinter diesen blauen Bergen» nicht an die Kraft des Vorgängers heran. Der Anfang ist berückend: Moser hat wieder mit Reiten angefangen. Sie malt einen «sunset ride» in der «Landschaft ihrer Mädchenträume» auf die Buchseiten, im Kopf springen die Bilder vom Marlboro Country an - da ist Sehnsucht, Freiheit, Farbe, durchsetzt mit der für Moser typischen Ironie. Die Liebe findet sie doch noch, aber damit kommen neue Probleme. Kolumnenartig erzählt sie aus ihrem neuen Leben, doch beschleicht einen das Gefühl, man habe das schon einmal gelesen. ass

Das Buch

Milena Moser: «Hinter diesen blauen Bergen», Nagel & Kimche, 256 S. Lesungen: 13. 2. Ono, Bern; 21. 2. Orell Füssli, Thun.

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