Das blaue Abenteuer

Versteckte Meeresbuchten, senkrechte Kletter­wände und das Dickicht der Macchia: Der Selvaggio Blu an der Steilküste des Golfes von Orosei in Sardinien ist eine der wildesten Wanderrouten am Mittelmeer – ein sechstägiges Abenteuer inmitten der Elemente.

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Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, ein kalter Wind pfeift. Ausgefressene Karstfelder erstrecken sich bis zum Horizont, durchsetzt mit Wacholderbüschen, Steineichen und wilden Olivenbäumen. Wir halten inne und horchen: Irgendwo hier auf dem Altopiano von Golgo muss das Camp sein. Tatsächlich, da sind Stimmen.

In Kürze kommen wir zu einem einfachen Verschlag, der aus Wacholderstämmen errichtet ist, wie die früheren Hirtenbauten dieser Gegend. Darum herum steckt ein Zaun das Niemandsland ab, damit Wildschweine und Ziegen draussen bleiben: unser erstes Etappenziel auf dem Selvaggio Blu, dem Weg, der als wildestes und schönstes Trekking des Mittelmeeres gilt. Auf einer kühn angelegten Route möglichst nah am Meer soll er uns in sechs Tagen durch die imposante Steilküste des Golfes von Orosei im Osten Sardiniens ­führen.

Der Weg ist eine Legende. Sie reicht zurück ins Jahr 1981, als zwei Freunde erstmals die Felsnadel von Goloritzè erkletterten. Der Monolith, der sich bei der gleichnamigen Bucht wie der Turm einer Kathedrale knapp 150 Meter in den Himmel schraubt, lockte den Bergsteiger Mario Verin nach Sardinien. Mit seinem sardischen Freund Peppino Cicalò suchte er nach einem Weg, die Bucht über das unzugängliche Kalkmassiv des Supramonte vom Land her zu erschliessen. 1987 war es so weit. Die Route für die erste Teilstrecke von der Felsnadel Pedra Longa bis Goloritzè war gefunden.

Wasser war Mangelware

Im Jahr drauf folgte der zweite Teil bis Cala Sisine. Treppen aus zähem Wacholde­r­holz, wie sie die Hirten anlegten, und alpine Seiltechnik halfen dabei, Felsklüfte, Absätze und Steilwände zu überwinden. Nur das fehlende Wasser blieb ein Problem. Wer den Weg machen wollte, musste vorgängig vom Meer her Wasserdepots in den Buchten anlegen – fünf Liter pro Person und Tag.

Puristen halten es noch immer so. Für alle anderen gibt es unterdessen Organisationen, die Gepäck, Trinkwasser und Proviant transportieren. Uns versorgt Antonio, selbst Hirtensohn, amts­ältester Trekkingunternehmer vor Ort und mittlerweile Chef einer Cooperative, die den Rifugio Goloritzè führt. Oft ist Antonio selbst als Guide unterwegs. Etwa 250-mal sei er den Selvaggio Blu schon gelaufen, sagt er und zieht dabei ein Auge hoch, was sein ­Gesicht so windschief aussehen lässt wie die windgebürsteten Wacholder.

Seit vor vier Jahren ein Bildband auf Italienisch, Deutsch und Englisch publiziert wurde, habe das Interesse am Selvaggio Blu zugenommen. Auch jetzt ist Antonio mit einer Gruppe von zwanzig Italienern aus Verona im Camp. Sie haben Full Service gebucht: Morgens und abends kommt nicht nur ihr Gepäck, sondern gleich das fertige Essen.

Full Service oder Full Adventure

Nicht so für uns – wir haben Full Adventure. Bergführer Bruno Wyss ist mit uns angereist. Er schraubt den Campingkocher auf die Gaskartusche. Im Sack daneben, mit «Camp 1» beschriftet, sollten Pasta, Tomaten, Pecorino und Wein sein, fast alles lokal produziert – den ersten Tag unseres Sardinien-Abenteuers haben wir mit Logistik verbracht. Wir pumpen die Isomatten auf, legen den Schlafsack aus.

Wo schläft es sich am besten, unter dem Sternenhimmel, in einer schützenden grünen Höhle im Busch oder doch im Zelt? Für Irene, Anfang sechzig, die letztes Jahr auf dem Biancograt war, ist alles ausser Bergsteigen hier eine Premiere. Stefanie und Holger, Ende dreissig, sind Nepal-erprobt, und Hansjürg, Mitte fünfzig, ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Im Lauf der Woche wird unsere Sechsergruppe zusammenwachsen, als hätten wir uns schon immer gekannt.

Die Tücken von Karst und Macchia

Gelegenheit dazu gibt es gleich am nächsten Morgen. Dann nämlich zeigen der Karst und die Macchia ihre Tücken: Wir stehen am Abgrund. Der Weg, der vermeintlich so eindeutig durch einen ausgetrockneten Canyon lief, führt nicht weiter. Auch seitlich, ein paar versprengten Ziegen hinterher, ist nichts zu wollen. Keine Chance, so zu dem nur wenige Meter entfernt gelegenen GPS-Punkt zu gelangen, unserer Wegmarke.

Wir müssen zurück, eine halbe Stunde den Canyon aufwärts. Keiner murrt, genauso wenig wie später, als wir uns durch das dichte Unterholz eines kleinen Wäldchens kämpfen und die Dornen sich erbarmungslos an Rucksäcke und Waden krallen. Wegmarken sind selten, meist sind sie verblasst, ab und zu gibt es Steinmännchen, manchmal hängt ein Stein an einem Ast.

Ohne GPS-Track wären wir verloren, aber auch so ist die Orientierung in den Büschen, Felsklüften und Steinrutschen nicht leicht. «So etwas Schwieriges habe ich schon lange nicht mehr geführt», sagt Bruno. Doch wir alle haben das Abenteuer gewollt.

Trekking mit Tücken

Das richtige Abenteuer beginnt jedoch am vierten Tag. Es sind nicht die Kletter- und Abseilstellen, die einem Steigerungslauf gleich nördlich der Cala Goloritzè beginnen. Es ist das Wetter – ein Wolkenband, das von Afrika her gegen Norden drückt. Noch scheint die Sonne, doch das Meer ist aufgewühlt. Meterhoch spritzt die Gischt gegen die Felswand, zu gefährlich für das Schlauchboot, unser Gepäck zu laden. Was nun?

Die Männer auf dem Boot packen das Frühstück für die Italiener in Fässer, werfen diese ins Meer und hangeln sie an Seilen an den Strand. Wir laufen los und hoffen, dass sich der Wellengang im Tagesverlauf beruhigt. Aber eines ist klar: Das nächste Camp können wir nicht am Strand aufschlagen. Wir müssen aufs Hochplateau, wo die Jeeps das Gepäck zufahren können, und also eine halbe Tagesetappe weiter.

Es ist der spektakulärste Tag. Wie auf einer Achterbahn balancieren wir auf messerscharfen Karstspitzen, wir gehen hoch zu isolierten Felsspornen, straucheln steile Geröllhalden hinab, sausen fünfmal an den eingerichteten Abseilstellen die Seile hin­unter, drücken uns auf Felsbändern die Wand entlang, kriechen durch ausgewaschene Felsgänge, queren Felstore und schreiten durch gigantische halb offene Grotten, die zum Meer hin in Ocker, Rosa, Gelb und Braun leuchten, je nach Algen und Mineralien, die in den Sedimenten eingelagert sind.

Gesellschaft in der Wildnis

Die Steilküste, deren Klippen bis zu dreihundert Meter aus dem Meer aufragen, ist an Imposanz kaum zu überbieten. Erschöpft tappen wir im letzten Dämmerlicht durch den Wald. Wieder hören wir Stimmen, dann sehen wir das Lagerfeuer, über dem die Crew für die Italiener ein ganzes Schwein dreht. Nie haben wir uns mehr gefreut, dass wir in dieser Wildnis nicht allein sind.

In der Nacht grollt der Donner, Regen trommelt aufs Zelt. Der nächste Tag ist nass und verhangen – «Selvaggio grigio», sagt Antonio, wildes Grau statt Blau. So auch tags darauf. Wir umgehen die Steilküste und wandern über einen gefahrenlosen Weg hinaus nach Cala Gonone.

Mit in den Koffer heimzu packen wir eine Woche voller schwindelerregender Tiefblicke auf das satte Blau des Meeres, in die aufgerissenen Schlünde der Canyons, in das herbe Grün der Macchia – und die eineinhalb Tagesetappen, die Abseilstelle über vierzig Metern, die Übernachtung am Strand, die wir noch offen haben.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2017, 13:12 Uhr

Tipps & Infos

Anforderungen: Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Erfahrung im Alpinwandern, die schwierigsten Stellen sind mit T6 bewertet, und es gibt kurze Kletterstellen. Kondition für Tages­etappen bis zu neun Stunden. Klettererfahrung ist für die Abseilstellen von Vorteil.
Reiseorganisation: Die Berner Bergsportschule Bergpunkt bietet im Mai und im Oktober ein geführtes Trekking mit Bergführer an. Kleingruppen mit vier bis sieben Gästen, Kosten: rund 2000 Franken, ohne Flug.
Route: Von Pedra Longa nach Cala Sisine. Der ursprüngliche Treck war in vier Tagesetappen konzipiert. Bergpunkt macht sechs Tagesetappen von sechs bis sieben Stunden. Übernachtung unterwegs mit Schlafsack und Isomatte unter freiem Himmel oder im Zelt.
Buch und Karte: «Das Buch des Selvaggio Blu», Mario Verin und Giulia Castelli, Enrico Spanu Ed., 2013; «La mappa di Selvaggio Blu», Mario Verin und Giulia Castelli, 1:15'000, mit GPS-Wegmarken, Enrico Spanu Ed., 2014. ass

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