«Es ist der Kuss des Todes, wenn ein Autor versucht zu predigen»

Diese Woche erscheint Donna Leons 25. Brunetti. Zur Silberhochzeit mit dem Commissario ein Gespräch über die Bedeutung der Sprache, die ideale Familie und den Wandel der Zeit.

Ausdrucksstarke Gesten, markante Worte: «Die meisten Leute spüren eine Pistole am Kopf», sagt Donna Leon.

Ausdrucksstarke Gesten, markante Worte: «Die meisten Leute spüren eine Pistole am Kopf», sagt Donna Leon. Bild: Mario Heller

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Donna Leon, stehen Sie mit dem Computer auf Kriegsfuss?
Donna Leon: Es gab einmal einen Film über eine Coca-Cola-Flasche, die in der Kalahariwüste von Pygmäen gefunden wurde. Der Computer überfordert mich genauso wie die Coca-Cola-Flasche den Pygmäen: Ich nutze ihn nur als schnelle Schreibmaschine: Text und E-Mail, das ist alles.

Die anderen Möglichkeiten interessieren Sie nicht?
Nein. Aber ich bewundere Leute, deren Gehirn sich an den Prozess des Computers anpassen kann, der nach unerbittlichen Regeln vom einen zum nächsten weitergeht. Mein Denkmuster hingegen ist kreisend. Wenn ich etwas mache und nicht das Resultat erhalte, das ich möchte, ändere ich es. Beim Schreiben findet man einen Weg, damit die falsche Antwort nicht falsch ist.

Ihre Figur Brunetti trauert den alten Zeiten nach. Sie auch?
Ich kenne viele Leute in Venedig, die wie Brunetti denken. Wohl weil in Venedig die Vergangenheit so glorios schön war und die Gegenwart so monströs hässlich ist. Diese Leute sprechen gerne von den Zeiten, als sie noch in den Kanälen schwimmen konnten.

Und Sie selber?
Ich habe nie lange genug an einem Ort gelebt, um den Vorrat von jahrzehntelanger Erinnerung und diese «nostalgia forte» zu haben.

Ach ja? Leben Sie nicht seit fünfunddreissig Jahren in Venedig?
Ich lebe zwischen den Orten. Im Sommer will ich nicht in Venedig sein, weil es so überfüllt ist. Es ist besser für mich, diesem Stress nicht ausgesetzt zu sein. Ich bin dann in den Bergen.

In der Schweiz, nicht wahr?
Ja, weil ich die Schweiz sehr schön finde. An vielen Orten kann man stundenlang laufen gehen und niemanden sehen, nur Kühe, ich liebe das.

Wie wohl fühlen Sie sich ganz allgemein in der heutigen Zeit?
Der Erfolg bringt Freiheiten mit sich: Ich muss kein «telefonino» haben. Die meisten Leute sagen zu mir: «Du hast solches Glück!» Sie spüren eine Pistole an der Schläfe, die ihnen das «telefonino» aufzwingt (mimt eine Pistole an der Schläfe). Ich habe mich anders organisiert: Ich habe E-Mail, ein Telefon zu Hause, einen Telefonbeantworter und Freunde, die mit mir reden. Von Mails bin ich besessen. Das ist auch ein Grund: Ich wäre ein Sklave des «telefoninos». Das will ich nicht.

Zentral ist doch, wie man die heutigen Medien nutzt.
Darin liegt eine Gefahr. Ich beobachte vor allem bei jungen Leuten, dass Sprache nicht mehr so stark mit der Realität verbunden ist. Einer meiner Studenten sagte einmal, er wolle mir seine Ideologie erklären, warum er ein bestimmtes Wort braucht. Das ist eine Idee, keine Ideologie! Wenn jemand fünf Dollar ausleiht und nur vier Dollar zurückzahlt, ist es auch nicht dasselbe. Sprache ist eine Abmachung unter Leuten.

Aber Sprache ändert sich, sie ist lebendig, wie Menschen auch.
Manche Wörter entwickeln sich. Aber es ist gefährlich. Niemand würde wagen, das Gleiche mit Zahlen zu tun. Weil alle die Abmachung akzeptieren, dass man mit Zahlen nicht spielen kann.

Das liegt an den neuen Medien?
Schauen Sie sich einmal die Nachrichten auf CNN an. Es macht mich wahnsinnig, wenn mir jemand einen Satz sagt und ich ihn nicht verstehe. Die Sprache zu entwickeln dauerte vierzig-, fünfzigtausend Jahre. Also sollten wir sorgfältig damit sein, wie wir Sprache benutzen. Ich bin nicht die Polizei, ich bin die Sprach-Stasi geworden!

Ist das ein Grund, warum Sie schreiben?
Wenn es in meinem Schreiben Zweideutigkeit gibt, ist sie gewollt. Das ist die hohe Kunst der Sprache. Genial ist Ambiguität nur, wenn sie bewusst ist. Sonst ist sie chaotisch.

Sie engagieren sich dafür, jungen Leuten klassische Musik näherzubringen. Tun Sie etwas Ähnliches für die Sprache?
Nein. Ich unterrichte manchmal, aber meist Erwachsene. Ich will jetzt nicht meine Bücher loben, aber ich werde nette Dinge über meine Sprache sagen: Es ist klassische, klare englische Prosa, die vor fünfzig Jahren geschrieben worden sein könnte, aber in fünfzig Jahren wahrscheinlich nicht mehr geschrieben wird, weil die Sprache sich so rasch ändert.

In Ihrem jüngsten Brunetti gibt es eine Szene ...
Mochten Sie das Buch?

Für dieses Gespräch habe ich den allerersten und den letzten Brunetti gelesen. Der erste ist sehr dicht, er hat mir gut gefallen. Der letzte weniger. Aber in einem Kapitel sorgt sich Brunetti um seine Tochter Chiara, die von einem Flüchtling belästigt wird ...
Das ist eine Übertreibung, sie wird nicht belästigt ...

... ja, eher bedrängt.
Tja, die Sprache!

Was denken Sie über die aktuelle Flüchtlingskrise?
Meine Antwort scheint ausweichend, aber sie ist es nicht. Ich lese viel über Ökologie und globale Erwärmung. Die wissenschaftliche Gemeinschaft glaubt, dass um 2050 das Wasser einen Meter, vielleicht sogar zwei Meter steigen wird. Das ist in nur vierunddreissig Jahren. Dann wird es eine Flüchtlingskrise geben. Und es werden nicht zwei Millionen, sondern zweihundert Millionen kommen! Was jetzt passiert, sehe ich nicht als enormes Problem. Es sind genug Ressourcen dafür da, die Zahl der Flüchtlinge zu bewältigen. Man müsste es nur korrekt hand­haben.

Wo liegt das Problem?
In Italien ist es eines der grössten Geldgeschäfte der Mafia: Man erstellt ein Flüchtlingslager, das bloss als Phantom existiert, und steckt das Geld ein. Oder man lässt Flüchtlinge auf den Feldern Tomaten pflücken für Hungerlöhne. Ich habe auch gelesen, dass die Kirche da mitmischt. Zumindest erhält die Kirche viele Gelegenheiten, sich um die Flüchtlinge zu kümmern, also erhält sie auch viel Geld. Es ist so einfach, über das Flüchtlingsproblem zu sprechen, weil es so eine komplizierte Angelegenheit ist.

Hinzu kommen die kulturellen Unterschiede. Sie haben in Saudi­arabien gelebt und dort sehr schlechte Erfahrungen gemacht.
Saudiarabien kann man mit nichts vergleichen. Es ist der schlimmste Ort, an dem ich je war. Meine Erfahrungen im Iran hingegen waren positiv. Ich habe dort vier Jahre friedlich gelebt und wurde respektvoll behandelt. Das ist eine Zivilisation, die Persepolis gebaut hat. Es gibt grosse Unterschiede im Islam.

Spanien hat ja auch eine grossartige muslimische Vergangenheit.
Absolut. Und ich denke, unsere Kurzsichtigkeit macht das Problem komplizierter, als es sein sollte. Weil alle in einen Topf geworfen werden.

Müssen nicht auch die Leute, die herkommen, lernen, wie wir uns verhalten?
Es scheint, als hätte niemand den Mut, das zu sagen. Nicht dass wir Engel wären, aber wenn man als Gast in andere Kulturen geht mit der Absicht, dort zu bleiben, warum sollte man sich nicht anpassen? Ich tat das, als ich in den Iran ging, ich tat das bei jedem Land.

Kürzlich weigerten sich hier in der Schweiz muslimische Buben, in der Schule die Hand ihrer Lehrerin zu schütteln.
(zögert) Es sind immer die Männer, denen es gelingt, ihre vermeintlichen Rechte auszudrücken, nicht wahr?

Warum sollten sie das tun?
Um ihre absolute Verachtung für Frauen zu zeigen. Aber niemand darf so etwas sagen. Wenn Männer sich gegenüber Frauen schlecht verhalten, verteidigen sie das immer als kulturelle Besonderheit. Kürzlich las ich in einer Zeitung, dass in vielen, ich glaube afrikanischen Ländern die Leute nie Körperteile benennen. Wenn also eine Frau sagen möchte, dass sie vergewaltigt wurde, kann sie das nicht tun, weil sie über Körperteile reden müsste. Die Gesellschaft ist immer zum Vorteil der Männer aufgestellt.

Bei uns auch noch?
Weniger.

Wo sehen Sie in unserer Gesellschaft ein Beispiel?
(überlegt) Vielleicht Abendgesellschaften. Ich war in vielen europäischen Ländern eingeladen. In all den Jahren war ich nie an einem Abendessen, an dem eine Frau sich immer wieder und wieder mit ihren Erfolgen, ihrer Arbeit, ihrer wunderbaren Familie, ihrem Hund, ihrem Auto, ihrem Flugzeug aufgespielt hätte (haut bei jedem Wort auf den Tisch). In unserer Kultur ist Konversation ein Austausch. Nur Männer verstossen dagegen – natürlich nicht alle. Aber die, die es tun, haben keine Vorstellung davon, wie lächerlich sie sind. (schaut zum Fotografen) So you watch out!

Ist Literatur ein Ventil für Sie und Ihre Beobachtungen?
Ja, und das ist sehr schön gesagt. Es geht nur darum, Beobachtungen zu machen. Es ist der Kuss des Todes, wenn ein Autor versucht zu predigen. Die Leser riechen das, sie haben eine Nase dafür, wenn jemand von Beobachtungen zu Belehrungen übergeht.

Wie nah an der Realität sind Ihre Beobachtungen?
Sie sind nah dran. Zum Beispiel diese neuen Zuwanderer, die Brunettis Tochter bedrängen. Sie wirken bedrohlich, weil sie sich noch nicht angepasst haben. Ich habe die Leute in Bars über dieses neue Benehmen sprechen gehört. Es macht sie nervös. Ich habe aber nie jemanden schlecht über die Strassenverkäufer aus dem Senegal reden hören, die schon länger da sind. Die Italiener mögen sie. Sie sind nett und fügen sich in die Gesellschaft ein. Die neuen Zuwanderer werden das mit der Zeit auch tun.

Sie lassen Ihre Bücher nicht ins Italienische übersetzen. Warum wollen Sie nicht, dass die Leute dort wissen, was Sie schreiben?
Das ist nicht der Grund. Ich will nicht, dass die Leute sich in ihrem Verhalten mir gegenüber ändern. Ich will dort, wo ich viel Zeit verbringe, keine Berühmtheit sein.

Sie schreiben über die italienische Gesellschaft, aber die Leute, über die Sie schreiben, können Ihre Bücher nicht lesen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Viele Italiener haben meine Bücher in anderen Sprachen gelesen. Nie war jemand beleidigt über etwas, was ich geschrieben hatte. Sie haben nur gesagt: «Ich bin überrascht, dass du diese Dinge siehst und verstehst.» Es ist schön, das zu hören. Auch die überwältigende Liebe, die ich für die Italiener habe, spüren sie in den Büchern. Es ist so: Trotz seiner enormen Probleme ist Venedig ein Paradies auf Erden, weil die Leute so anständig sind.

Aber Sie kritisieren die Gesellschaft. Wollen Sie nicht, dass alle Italiener darauf reagieren können?
Wie gesagt, ich predige nicht. Ich mache Beobachtungen. Aber ich sage nicht die Art Dinge über die italienische Gesellschaft, die italienische Autoren sagen. Mein Ton ist bedeutend leichter. Wer richtig beissende Kommentare lesen will, ist bei den italienischen Krimiautoren gut bedient.

Ihren ersten Brunetti haben Sie für einen Ihrer Freunde geschrieben, der sich über einen Dirigenten geärgert hat.
Er mochte ihn nicht. Daraus entstand die Idee, über einen ermordeten Dirigenten zu schreiben. Ich habe nie daran gedacht, einen Krimi zu schreiben. Aber dann tat ich es. Und dann kam ein Krimi nach dem anderen.

Für wen schreiben Sie jetzt?
(legt den Finger auf ihre Nasenspitze)

Sie schreiben für sich selbst?
Ich habe so viel gelesen in meinem Leben. Daher weiss ich, wann ein Satz gut ist.

Ihr neues Buch ist der 25. Brunetti. Wie schaffen Sie es, sich mit dem Commissario nicht zu langweilen?
Das wachsende Interesse für die Vergangenheit treibt mich an. Brunetti erinnert sich zunehmend an seine Kindheit und seine Eltern. Die Erfahrungen, die wir in unserer Jugend machen, formen uns in vieler Hinsicht. Unsere Ideen über Geld, Ethik, sexuelles Verhalten, soziales Verhalten werden geformt, wenn wir Kinder sind und hören, wie unsere Eltern darüber reden, wenn sie sich unbeobachtet wähnen.

Sie selbst sind nicht verheiratet, haben keine Kinder. Ist Brunetti Ihre Familie?
Ich hatte eine glückliche Kindheit. Ich schäme mich fast, das zu erzählen, weil das Gegenteil so modisch geworden ist: (jammert pathetisch) Niemand hat mich geschlagen, niemand hat mich missbraucht. Wir sprachen miteinander, wir redeten mit dem Hund, mein Vater las täglich die «New York Times», meine Eltern lasen die ganze Zeit, wir reisten miteinander, wir spielten Tennis, wir hatten Spass. Bis zur Highschool kam es mir nicht in den Sinn, dass Leute ihren Eltern gegenüber schlechte Gefühle haben könnten. Mein Bruder und ich hatten keinen Grund dazu. Als ich begann, eine Literaturfamilie zu erschaffen, dachte ich an meine Familie. Ich wüsste nicht, wie ich über eine unglückliche Familie schreiben könnte.

Der 25. Brunetti heisst «Ewige Jugend». Das bezieht sich auf den aktuellen Fall. Aber auch Brunetti ändert sich kaum.
Nein, das tut er nicht. Aber der ­Titel bezieht sich auf das dritte Buch von «Gullivers Reisen». Dort gibt es die Struldbrugs, die unsterblich sind, aber altern. Und es gibt in der griechischen Mythologie Artemis und Endymion, dem ewige Jugend geschenkt wurde. Der Titel spielt mit unserer Verehrung der Jugend. Jugend im falschen Kontext ist schrecklich. «The Waters of Eternal Youth», (mit diebischer Freude) das ist «wicked» – böse.

«Ewige Jugend»: Donna Leon, Diogenes, 336 S., ab 25.?Mai im Buchhandel.

Lesungen: 7.?Juni, Luzerner Theater; 13.?Juni, Kaufleuten, Zürich. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2016, 10:36 Uhr

Donna Leon im Gespräch

Als sie zum Gespräch in das Sitzungszimmer ihres Zürcher Verlags kommt, erzählt Donna Leon erleichtert, wie sie gerade ihren Computer im Apple-Store repariert bekommen hat. Die Autorin ist überraschend klein, quirlig und energisch. Donna Leon redet schnell – gemässigtes Amerikanisch. Die 73-Jährige vertritt entschiedene Ansichten und nimmt kein Blatt vor den Mund. Mal spricht sie sehr laut, mal ganz leise, mal haut sie auch theatralisch auf den Tisch.

Donna Leon wurde 1942 geboren. Mit 23 Jahren verliess sie die USA, arbeitete als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und unterrichtete in der Schweiz, im Iran, in China und Saudiarabien. Ihre Krimis um den venezianischen Commissario Guido Brunetti sind in 34 Sprachen übersetzt. Der erste erschien 1992. Im neuen Krimi «Ewige Jugend» geht es um eine junge Frau, die seit einem Unfall auf dem geistigen Stand einer Siebenjährigen geblieben ist. (ass)

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