Einen Schritt unter dem Himmel

Sie sind ein Sehnsuchtsort für Bergfreunde: Die Dolomiten gelten als eine der schönsten Gebirgslandschaften Europas. Mehrere Weitwanderwege durchziehen die einzelnen Gebirgsgruppen.

Wie der Kamm eines Drachen: Die mächtige Nordwand der Civetta im Abendlicht.

Wie der Kamm eines Drachen: Die mächtige Nordwand der Civetta im Abendlicht. Bild: Anne-Sophie Scholl

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In dunklem Grün liegt er da, nur hie und da entlocken die Sonnenstrahlen dem Wasser vereinzeltes Glitzern. Dichter Wald und Felsen fassen den See ein, linker Hand steht ein hölzernes Bootshaus, wo Ruderboote ausgeliehen werden. Es ist ein verwunschener Ort, wie in einem Märchen. Doch der Pragser Wildsee ist Realität. Das Märchen dazu gibt es auch: Der See ist Schauplatz der italienischen Fernsehserie «Un passo dal cielo».

Im Zentrum steht Schauspieler Terence Hill in der Rolle eines zurückgezogen lebenden Försters. Derzeit wird die dritte Staffel gedreht. Die Serie ist der Grund, weshalb so viele Leute zu dem See strömen. Und weshalb praktisch nur noch Italienisch zu hören ist. Denn der Pragser Wildsee liegt im Pustertal. Wie die anderen Gebiete Südtirols gehörte es bis zum Ersten Weltkrieg zu Österreich. Die Bevölkerung spricht noch immer überwiegend Deutsch.

Fulminanter Auftakt

Noch ist es ruhig auf der Terrasse des alten Grandhotels. Mit einer Mischung aus Arroganz und Langeweile stehen die Kellner am Rand und wachen über die besten Sitzplätze. Entspannt schweift der Blick von hier über die Menschen, die sich am Seeufer drängen, zu den weiss leuchtenden Geröllfeldern gegenüber bis hin zu der imposanten Felswand. Wer die Augen zukneift, kann dort ein Kreuz ausmachen.

Rund sechs Stunden und 1300 Höhenmeter entfernt liegt der Gipfel, der Seekofel ist der fulminante Auftakt des Höhenwegs Nummer 1, einem von zehn Weitwanderwegen durch die einzigartig wilde Berglandschaft, die als eine der schönsten alpinen Landschaften Europas gilt. Der Ausblick von dort oben muss umwerfend sein.

Seit Jahren stehen die Dolomiten ganz oben auf der Liste meiner Wunschberge. Nun war die Zeit reif, in letzter Minute jedoch war meine Begleitung abgesprungen. Da sass ich also: hin- und hergerissen zwischen dem Versprechen, das von den mächtigen Kalkfelsen ausgeht, und mangelndem Mut. Nie zuvor war ich auf einer mehrtägigen Wanderung allein unterwegs. Schon gar nicht im Ausland, wo die Karten schlechter sind als in der Schweiz. Dazu in einer Gegend, wo alles einen Zacken ruppiger sein soll als bei uns.

Ich schleuse mich in den Menschenstrom am Uferweg ein. Bei der Abzweigung, wo das kleine Quadrat mit der blauen «1» auf dem Wegweiser den Höhenweg markiert, gibt es kein Halten. Der Weg ist gut, in engen Serpentinen schraubt er sich hinauf, an Wacholder und Zirben vorbei. Von Schritt zu Schritt läuft es sich ­beschwingter. Nach der ersten Steilstufe laufe ich an zwei Kerlen vorbei, die erschöpft im Gras liegen. Neben ihnen zwei riesige Rucksäcke: Die beiden machen sicher den Höhenweg.

Und bald hole ich ein Paar aus Israel ein, das das gleiche Ziel hat wie ich – ursprünglich. Ich merke: Wer auf der Route unterwegs ist, wird sich immer wieder begegnen, so ähnlich wie in jungen Jahren bei Interrail. Mein Mut wächst. Hinter der nächsten Steilstufe weitet sich der Blick zu einer gigantischen Felsarena. Die Leere der Landschaft füllt sich mit dem beglückenden Gefühl von Freiheit, Kraft und Weite.

Jetzt ärgere ich mich, dass ich meine Sachen im Hotel gelassen habe. «Den Schlafsack kannst du auf der Hütte mieten», ruft mir der Israeli zu. Doch nun bin ich wild entschlossen, die ganze Tour durchzuziehen. Also kehre ich schweren Herzens um und verzichte auf den Seekofel. Was ich mir nicht entgehen lassen will, ist Lagazuoi.

Gigantische Felsarena

Anderntags bringt mich der Shuttledienst zur Faneshütte. Klar, das ist Schummeln, aber so sollte das nächste Tagesziel zu schaffen sein. Der Bus kurvt durch das ­ladinische Val Mareo, dann eine holprige Strasse hinauf, beidseits wuchten sich rot, ockerfarben und gelb leuchtende Felsplatten in den Himmel. Hinter der Hütte geht es zu Fuss weiter. Eine weitläufige, liebliche Alm tut sich auf, ideales Bikerterrain. Ich, in Wanderschuhen, juchze auf, als ein schmaler Pfad abzweigt und das richtige Abenteuer beginnt.

Am Horizont hängt ein Joch zwischen zwei mächtigen Fels­stöcken, die schmale Wegspur steuert darauf zu. Dort angekommen, bleibt mir die Luft weg: Der Weg dahinter stürzt sich hinab ins Bodenlose. Nur auf dem gegenüberliegenden schrattigen Feldrücken zieht wieder eine Spur hinauf an die Krete. Winzig klein ist das Tagesziel dort zu erkennen, die Hütte Lagazuoi.

Verwunschener Ort: Pragser Wildsee mit Seekofel. Bild: Anne-Sophie Scholl

Landschaft mit Saurierrücken

Lagazuoi ist eine der höchst gelegenen Hütten der Dolomiten und liegt wirklich nur einen Schritt vom Himmel entfernt. Unter der Terrasse dieses Adlerhorstes breiten sich die Gebirgsgruppen als fantastische Landschaft aus. Wie Saurierrücken ragen sie in der Dämmerung hervor, zumal die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen glühen lässt. Hier sehe ich die Ziele der kommenden Tage: die Hütten Averau und Nuvolau, frech auf einer Felsrippe platziert. Die Cinque Torri und dahinter die zerklüfteten Zinnen von Croda da Lago. Weiter westlich der wuchtige Felsklotz des Pelmo. Und die Civetta, die aussieht wie ein Drachenkamm.

Allerdings: Ein Wettereinbruch durchkreuzt am nächsten Tag die Pläne. Zuletzt fällt tatsächlich Schnee. Die Israelis habe ich nicht wiedergesehen, aber mit neuen Kameraden wachsen wir zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Während die Schneeflocken vor dem Fenster tanzen, vergleichen wir Karten, Routen und ziehen schliesslich gemeinsam los. Der Schnee liegt höher als gedacht: Die Überschreitung des Pelmo müssen wir für ein andermal aufsparen.

Auf der letzten Etappe bei der Civetta verliere ich den Weg und will nur noch raus aus Nebel, Schnee und Fels. 1300 Meter tiefer, in Alleghe, warten der Shuttlebus und die Sonne. Aller Unbill ist sofort ­vergessen. Die Dolomiten – und durchaus auch weitere Weitwanderungen allein – bleiben ganz oben auf meiner Wunschliste.

An- und Abreise: Mit dem Zug über Innsbruck und den Brenner ins Pustertal. Idealer Ausgangsort: Toblach. Sehr gute ÖV-Verbindungen im Pustertal.
Unterkunft: Private Schutzhütten sind komfortabel, mit DZ neben Mehrbettzimmern und guter Küche. Die Hütten des Clubs Alpino Italiano CAI sind einfacher. Rechtzeitig buchen!
Wandersaison: Mitte Juli–Mitte September – nach dem 20. September sind viele Hütten in den italienischsprachigen Dolomiten geschlossen, zudem wirddort ab dann der Busverkehr eingeschränkt.
Wanderungen: Die Wanderwege sind sehr gut ausgeschildert und gut unterhalten. Der Höhenweg 1 führt durch unterschiedliche spektakuläre Landschaften und ist bis auf die beiden abschliessenden Etappen für normale Wanderer gut zu begehen. Etappe 19 und 20 verlangen Klettererfahrung und entsprechende Ausrüstung, können auf einer Variante aber umgangen werden. Reiseorganisation: Funactive Tours aus Toblach (www.funactive.info) bietet eine individuell begehbare Tour mit Gepäcktransport und Shuttleservice auf einer Teilstrecke des Höhenwegs 1 an. Buchbar zum Beispiel über Eurotrek: www.eurotrek.ch.
Wanderführer: Franz Hauleitner, Dolomiten, Höhenwege 1–3, Rother, 240 Seiten.
Kartenmaterial: 1:50?000 von Freytag?&?Berndt, 1:25?000 von Tabacco.ass

(Berner Zeitung)

Erstellt: 28.07.2016, 10:45 Uhr

Der Krieg und das Mädchen

Unübersehbar sind die Spuren des Ersten Weltkriegs in den nördlichen Dolomiten. Hundert Jahre später wurden die Ruinen entlang des Frontverlaufs zu Freilichtmuseen hergerichtet. Und ein gut recherchierter Roman lässt die Geschichte lebendig werden.

Ein Grossteil der wehrtüchtigen Bevölkerung war bereits an der Ostfront im Ersten Weltkriegs stationiert, als Italien im Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärte. Also zog die verbleibende Bevölkerung an die Front: die ganz Jungen und die Alten. Sie gingen als Tiroler Standschützen ins Gebirge. Ihre Befehlshaber waren jedoch nicht auf einen Gebirgskrieg vorbereitet – Lawinen, Kälte und Steinschlag brachten die meisten Verluste.

Die Tiroler Standschützen konnten jedoch die Frontlinie verteidigen, bis die Österreicher die italienische Armee bei der Schlacht von Isonzo schlugen. In den Friedensverträgen wurde jedoch später das deutschsprachige Südtirol Italien zugesprochen. Was die Südtiroler mit ihrem Blut verteidigten, wurde ihnen mit der Tinte genommen, heisst es noch heute. Mussolini versuchte das Gebiet zu italienisieren. Heute haben die Südtiroler Gebiete weitgehende Autonomierechte.

Zahlreiche Freilichtmuseen in der Region erinnern an den Dolomitenkrieg, der als erster Hochgebirgskrieg in die Geschichte eingegangen ist. Lagazuoi beispielsweise war ein strategisch wichtiger Posten. Von diesem Adlerhorst konnten die Tiroler Standschützen und Kaiserjäger den darunter liegenden Falzàregopass kontrollieren.

Die Italiener versuchten, den Posten durch einen unterirdischen Stollen anzugreifen. Dieser ist heute mit einer Taschenlampe zu begehen: Lagazuoi ist als Freilichtmuseum hergerichtet. Sehr gut aufbereitet und restauriert ist der Stützpunkt der italienischen Alpini-Truppen gegenüber bei den Cinque Torri.

Weitere Freilichtmuseen in der Region sind Monte Piana oder die Anderter Alp bei Sexten in der Nähe der Drei Zinnen. Doch auch abseits der zu Museen erklärten Ruinen stösst man entlang des ehemaligen Frontverlaufs immer wieder auf Gedenkkreuze, verrosteten Stacheldraht, zerfallene Schützengräben, Stollen und Unterstände.
Der österreichisch-deutsche Journalist David Pfeifer hat im Roman «Die rote Wand» die Kriegsgeschehnisse anschaulich fiktionalisiert.

Im Mittelpunkt steht die historisch belegte Viktoria Savs. Als 15-Jährige verkleidete sie sich als Mann und schloss sich bei Sexten den Tiroler Standschützen an. Sie war ihrem Vater an die Front gefolgt und wurde mit mehreren Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet. ass


Eugen E. Hüsler: «Auf alten Kriegspfaden durch die Dolomiten», Bruckmann, 2010, 144 Seiten. Das Buch ist nur noch als E-Book erhältlich.

David Pfeiffer: «Die rote Wand», Heyne, 2015, 288 Seiten.

Victoria Savs, Standschützin. (Bild: zvg)

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