Bilderbuchschweiz für einen Tag

Im Vordergrund ein schäumender Bergbach, im Hintergrund ein schroffer Berg mit mächtigem Eispanzer, darum herum geheimnisvolle Moorlandschaften und dunkle Wälder: Die Urlandschaft des Reichenbachtals verzaubert Maler, Schriftsteller und Touristen.

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Bei dem Lärm versteht man das eigene Wort nicht mehr. Tosend stürzt der Gletscherbach durch die enge Rosenlauischlucht. In schwindelerregendem Tempo wirbelt er durch Strudeltöpfe, zwängt sich zwischen Felswänden hindurch, fällt über Felsvorsprünge in tiefe Becken und verlässt die Klamm über einen im­posanten Wasserfall.

Der Bach heisst Weissenbach und entspringt am Rosenlauigletscher, oben am Wellhorn. Wie ein Wächter thront der Berg über dem Dörfchen Rosenlaui und dem Reichenbachtal; als wollte er kontrollieren, was sich zwischen Meiringen und Grosser Scheidegg tut.

Mit Dynamit in die Schlucht

Es tut sich viel an einem schönen Sommertag. Ausflügler von nah und fern erliegen dem Charme des Tals und seinen Sehenswürdigkeiten: den durch Sherlock Holmes berühmt gewordenen Reichenbachfall, dem Hotel Rosenlaui mit seiner Einrichtung von anno dazumal, den mit Eis gepanzerten mächtigen Bergen, den geheimnisvollen Mooren, dem wilden Talbach Rychenbach und eben der Gletscherschlucht Rosenlaui.

Einige dieser Perlen lassen sich zu einer Wanderung verbinden – und so stehen wir frühmorgens in der Gletscherschlucht. Der Weg durch die Felsklamm besteht seit gut hundert Jahren. 180 Pakete Dynamit waren nötig, um die Schlucht für Touristen begehbar zu machen.

Das hat sich gelohnt: Durch Tunnel und über Treppen geht es in die Höhe, mal brüllt der Bach neben uns, mal verschwindet er unter dem Steg. Nach einer halben Stunde ist der Zauber vorbei, die Schlucht spuckt uns aus, und wir finden uns in der Ruhe des Waldes wieder, die nach all dem Ge­töse fast befremdend wirkt.

Sägen mit Wasserkraft

Lange müssen wir nicht aufs Bachrauschen verzichten. Vom Eingang der Gletscherschlucht führt der Weg dem ungestümen Rychenbach entlang zur nächsten Perle, der Schwarzwaldalp. Hier macht sich ein historisches Sägewerk die Wasserkraft zunutze: Ein Wasserrad treibt Säge- und Hobelmaschinen an. Auf ihnen wurde das Holz für den Bau und Umbau des Hotels Schwarzwaldalp bearbeitet. Heute unterhält eine Stiftung das Werk und praktiziert Schausägen für Technikbegeisterte und Nostalgiker.

Nach der Schwarzwaldalp kehren wir dem Wasser den Rücken und wenden uns dem anstrengenden Teil des Tages zu, dem Aufstieg nach Pfanni. Das gekieste Alpsträsschen macht die Sache angenehm, in weiten Kehren schlängelt es mit uns der Alp entgegen.

Es hat sein Gutes, dass wir uns nicht auf den Weg konzen-trieren müssen – das Panorama beansprucht die Aufmerksamkeit. Erst rückt das Wetterhorn ins Blickfeld, auch ein Koloss von Berg mit imposanter Steilwand, dann lugt mit einem Mal der Eiger hervor, ganz frech von der anderen Passseite der Grossen Scheidegg. Im Vordergrund vervollständigen alte, stattliche Bergahorne das Bild. Müsste man jemanden eine Postkartenansicht der Schweiz zeigen, man brächte ihn hierher.

Eine anstrengende Dreiviertelstunde später ist der höchste und schönste Punkt des Tages erreicht: das Gibelplatti. Von den Engelhörnern über das Wellhorn und Wetterhorn bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau breitet sich ein imposanter Gipfelreigen vor uns aus, ein Unterstand spendet Schutz und Schatten.

Das Wellhorn versetzt uns in Staunen. Im 18. Jahrhundert wurde am Berg Eisenerz abgebaut. Die Arbeiter brachten die schweren Gesteinsbrocken mit Hutten und Schlitten durch abschüssige Flanken und über schwindelerregende Übergänge ins Tal.

Grindelwalders List

Wir lassen die Berge links liegen und wenden uns den kleinen Dingen zu: den Blumen. Auf Ober­läger blühen Alpenrose, Orchis, Enzian, Schlangenknöterich und Margerite um die Wette, weiter unten bei der Alp Bidem kauen wohlgenährte Kühe die Blumenpracht genüsslich ab.

Die Weiden zwischen Grosser Scheidegg und Schwarzwaldalp sind ergiebig, entsprechend heftig stritten Haslitaler und Grindelwalder um deren Besitz. Das ging so lange, bis ein findiger Grindelwalder seine Schuhe mit Erde aus dem heimischen Garten füllte, sich auf eine der Weiden stellte und den Haslitalern beschied, er schwöre bei Gott, er stehe auf Grindelwalder Boden.

Seit diesem Tag verläuft die Gemeindegrenze oberhalb der Schwarzwaldalp, und der von Gott gestrafte Grindelwalder reitet mit verkehrt aufgesetztem Kopf durchs Tal. Eine schauer­liche Sage.

Schön, ist der Abschluss der Tour lauschiger. Von Bidem führt ein Alpsträsschen zur Scheidegg-Passstrasse, dann gehts auf dem Bergweg nach Uf Teiffenmatten, einem zauberhaften Auengebiet, wo der Rychenbach mäandriert und man den Rest des Tages verbummeln kann. Zumindest bis der Magen den leeren Picknickbeutel anknurrt und vor dem geistigen Auge Kaffee und Kuchen auf der Terrasse des Hotels Schwarzwaldalp auftauchen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 26.07.2016, 12:32 Uhr

Tipps und Infos

Geschickt kombiniert lassen sich im Reichenbachtal zwischen Meiringen und Grosser Scheidegg viele Sehenswürdigkeiten in einem Tag erwandern.

Wanderroute: Rundgang Gletscherschlucht Rosenlaui– Schwarzwaldalp–Brochhütte– Pfanni–Gibelplatti–Scheidegg Oberläger–Bidem–Alpiglen–Uf Teiffenmatten–Schwarzwaldalp.

Varianten: Von Bidem kann man direkt zur Schwarzwaldalp absteigen und das Auengebiet Uf Teiffenmatten auslassen; Zeitersparnis etwa drei viertel Stunden. Für Familien lohnt sich nach dem Besuch der Gletscherschlucht statt des Aufstiegs nach Pfanni zum Beispiel einfach ein Abstecher über die Schwarzwaldalp ins Auengebiet Uf Teiffenmatten.

Anforderungen: Die Wanderung ist bestens markiert und stellt keine speziellen Anforderungen. Die Wanderzeit beträgt ohne Pausen rund 5 Stunden.

An- und Rückreise: Mit dem Zug nach Meiringen, dann mit dem Postauto bis Gletscherschlucht Rosenlaui. Zurück nach Meiringen ab Schwarzwaldalp. Für Autofahrer: Das Auto parkiert man am besten in Meiringen oder bei der Gletscherschlucht. Die Strasse ins Reichenbachtal ist gebührenpflichtig.

Einkehr: In den Hotels Schwarzwaldalp und Rosenlaui und im Café bei der Gletscherschlucht (Getränke und einfacher Imbiss).

Karten: Swisstopo-Wanderkarte 1:50?000, Blatt Interlaken (254T); Swisstopo-Landeskarte 1:25?000, Blätter Guttannen (1230) und Grindelwald (1229).

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