Sonnengruss am Polarkreis

Yoga und Wandern – die ideale Kombination dafür, die Batterien neu zu laden. Viele zieht es dazu ans Mittelmeer. Doch Island ist besser.

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Ihm gefällt diese Insel nicht. Die schwarzen Lavawüsten, die sich bis zum Horizont dehnen, findet er «trostlos». Und, sagt er: «Das Land stinkt.» Wegen des Schwefels, der von der vulkanischen Aktivität herrührt und nach faulen Eiern riecht. Besser gefällt ihm Italien, wo der sonnenwarme Duft von Rosmarin in der Luft hängt. Das kennt er von früher, als er mit dem Lastwagen quer durch das europäische Festland fuhr. Heute steuert der gebürtige Pole den Überlandbus über die endlosen Schwemmebenen unterhalb des Vatnajöküll, des grössten Gletschers von Europa.

Vorbehalte hat auch der gebürtige Marokkaner, der kurz vor Mitternacht im Niemandsland der Tankstelle von Hveragerdi auf den Bus nach Reykjavik wartet. Dort will er den Sonntag mit seiner Freundin verbringen – und in der Hauptstadt ein wenig unter die Leute kommen. Doch das ist relativ. Für Festländer wirkt Reykjavik mit seinen rund 120'000 Einwohnern wie wenig mehr als ein Dorf. Die Haupteinkaufsstrasse ist in wenigen Minuten abgelaufen, nur einzelne der sie säumenden Häuser sind höher gebaut als zwei, drei Stockwerke. «Home is where the heart is», sagt der Marokkaner. Dass dies für ihn Island ist, mag man nicht recht glauben.

Yoga- und Wanderferien

Anders ist es für die beiden Schweizer Ulrica Seiler und Andreas Baumgartner. Vor acht Jahren war Andreas erstmals nach Island gekommen. Mit dem öffentlichen Bus fuhr er rund um die Insel. Als er damals auf einem Pass oberhalb von Akureyri stand und auf das Meerwasser im Eyjafjord und die gegenüberliegenden Berge schaute, hat es ihn plötzlich gepackt. Zwei Jahre später kam er mit seiner Partnerin zurück, ein halbes Jahr später sind sie ausgewandert, aus dem Val Müstair in den Norden Islands. Zunächst noch ohne Plan, was sie genau in der mit 18000 Einwohnern zweitgrössten Stadt der Insel machen wollten. Heute, sechs Jahre später, haben sie ein Reisebüro aufgezogen. Yogaferien verbunden mit Wanderungen sind der Schwerpunkt. Ulrica ist Yogalehrerin.

«Beim Yoga geht es darum, das Bewusstsein zu erweitern», sagt Ulrica. In ihrer Stunde erzählt sie von einem Guru, der Salz zunächst in ein Wasserglas, dann in einen See wirft. Trinkt man das Seewasser, spürt man das Salz kaum noch. «Die Widrigkeiten des Lebens sind da, aber wenn wir die Dinge in einem grössere Zusammenhang sehen, werden sie leichter erträglich», sagt sie.

Eine knappe Woche sind wir hier, um neue Eindrücke aufzunehmen: eine kleine Gruppe mit Leuten aus Stuttgart und Berlin, Belgien, Istanbul und aus der französischen und der deutschen Schweiz. Für die meisten von uns ist es der erste Besuch der Insel.

Die Eindrücke sind überwältigend. Allein schon auf der Anreise vom internationalen Flughafen nach Reykjavik: Der Überlandbus rast über ein kilometerweites Lavafeld. Skurril aufgetürmte Formen lassen an Trolle und anderer Fabelwesen denken. Andernorts sieht die Lava aus wie aufgeworfene Asphaltplatten, zuweilen ist sie von grauen Mooskissen überzogen wie in einem Fantasyfilm. Den Horizont begrenzen flache, schneebedeckte Berge. Bald verhüllen düstere Nebelschwaden die Landschaft, bald blendet ein gleissender Sonnenstrahl. Man fühlt sich klein, angesichts der schier mit den Händen greifbaren Kraft der Natur und der Weite. Ein Eindruck, der sich auf der Weiterfahrt durch die Highlands quer über die Insel in den Norden verstärkt.

Licht und Schatten

«Die Natur ist in Island mächtig», sagt auch Andreas. Man müsse sich hier an sie anpassen und könne nicht allzu strikt planen. «Das wirft die Menschen auf ihre Grösse zurück.» So war es damals auch das Gefühl, als Mensch an diesem Ort weiterzukommen, was in ihm den Wunsch weckte, auszuwandern. Aber, sagt er, «Island ist ein Land der Kontraste. Man muss das Licht und den Schatten lieben». Licht, wie es die Mitternachtssonne verbreitet, die im Sommer hier knapp unter dem Polarkreis nachts lediglich während fünfzig Minuten den Horizont touchiert und unser Zeitgefühl damit komplett aushebelt. Aber auch die Dunkelheit, wenn es im tiefsten Winter nur vier Stunden hell ist.

Nachmittags ist Andreas unser Guide und unser Driver, manchmal auch mimt der ehemalige Sekundarlehrer den DJ und spielt uns isländische Musik vor. Wir fahren zu einer Insel im Fjord, in ein abgelegenes Seitental, in dem man bis in den Juni hinein Ski fahren kann, dann auch in die vulkanische und eher touristische Gegend um den See Myvatn, aber auch zu einem lauschigen Wäldchen und zu Wasserfällen um Akureyri, die nicht so berühmt sind wie der Gulfoss oder der Godafoss. Wir essen bei Kristín, die eigentlich Lehrerin ist und im Sommer das einzige vegane Restaurant ausserhalb Reykjaviks führt.

Bei Myriam, einer vor zwanzig Jahren hier hängen gebliebenen Berlinerin probieren wir den besten Lammbraten. Bei Fridrik gibt es Atlantic Char, einen lokalen Fisch mit Geysirbrot, das 24 Stunden im Dampf der heissen Quellen gebacken wurde. Apropos Quellen: Fast täglich gehen wir in ein Bad – was den Finnen die Sauna, ist den Isländern der sprudelnde Hot Pot. Und meistens legt Ulrica eine zweite Yogasession im Freien ein. Aber: Wer will, darf auch «Schlafmeditation» machen – wie Tao, der 15-monatige Sohn der beiden, der immer dabei ist.

Lava und Moos

Viel zu schnell ist die Woche um. Wir sind tiefenentspannt: Ist es das Yoga, sind es die Ferien, das Land und die Leute, oder ist es das alles zusammen? Egal. Die etwas andere Annäherung an das Land, in dem der Tourismus seit der Bankenkrise und dem Ausbruch des Eyjafjallajöküll boomt, ist eine ideale Einstimmung dazu, auf eigene Faust mehr zu entdecken.

Mehr dieser Insel, die aus dem Auseinanderdriften der amerikanischen und der eurasischen Erdplatte geboren ist: die dunkle Lava, die im wasserreichen Süden von leuchtenden Grün des Mooses überzogen ist, die Geysire und Badestellen im warmen Fluss, die raue Gletscherwelt im Südosten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.08.2015, 09:17 Uhr

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Tipps & Infos

Reiseagentur: Yogakurse rund ums Jahr, auch über Silvester, nächste Daten 6.–11.September. Kombinierbar mit Wanderungen und Spaziergängen, Schneeschuhlaufen oder Huskytouren. Zudem Möglichkeit, als Yogalehrer mit Gruppe anzureisen: Inspiration Iceland, Akureyri, www.inspiration-iceland.com.
Anreise: Mit Icelandair (ab Zürich und Genf) oder Easyjet (ab Basel und Genf). Weiterreise im Sommer nach Akureyri via Kjölur-Route über die Highlands (empfehlenswert), Ringstrasse mit Busgesellschaft Straeto oder Inlandflug mit Air Iceland.
Unterkunft: In Akureyri über Inspiration Iceland buchbar, sonst airbnb.com und www.booking.com.
Reiseführer: Christine Sadler, Jens Willhardt, «Island», Michael-Müller-Verlag, 742 Seiten.ass

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