Der perfekte Wanderschuh

Hochkomplex und deshalb immer bequemer: Wanderschuhe sind ausgeklügelte Systeme. Wir haben nachgefragt, worauf man beim Kauf und bei der Pflege achten muss.

Zerlegter Trekkingschuh: Das Modell «Renegade  GTX MID» des Schuhherstellers Lowa besteht aus über 180 Einzelteilen.

Zerlegter Trekkingschuh: Das Modell «Renegade GTX MID» des Schuhherstellers Lowa besteht aus über 180 Einzelteilen. Bild: zvg

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Wahnsinn: ein Schuh, 180 Einzelteile. Outdoorschuhwerk ist komplex und wird immer komplexer. Der Laie fragt sich: Braucht es wirklich so viel Technologie für eine nette Herbstwanderung? René Urfer lacht. Der CEO des Schweizer Sportschuhherstellers Lowa steht vor der Auslegeordnung und sagt: «Wenn Sie einen Schuh wollen, der passt, ist das schon nötig.» Ein komplexer Körperteil wie der Fuss benötigt eben auch eine komplexe Verkleidung.

Der richtige Schuh

Ob für den kleinen Hügel oder das Hochgebirge: Komfort und Sicherheit hängen vom Schuh ab, den wir der Einfachheit halber Wanderschuh nennen. Früher musste man ihn gut einlaufen, bevor es auf eine Wanderung ging. Urfer sagt, heute sei das dank komplexer Technologie des Schuhwerks nicht mehr nötig. «Ziehen Sie einen neuen Schuh an und gehen Sie wandern. So einfach ist das.»

Nun, fast: Eine Woche Wanderferien, ohne einzulaufen, sei schon ein Risiko. Aber zwei, drei Stunden spazieren im neuen Schuh reiche, so Urfer. Es komme halt auch auf den Fuss an. Und dieser ist empfindlicher geworden, auch weil wir uns im Alltag in nicht immer passenden Schuhen bewegen.

Die richtige Höhe

Aber wann braucht man eigentlich einen neuen Wanderschuh? Wenn die Sohle sich löse, so Urfer. Und man sehe es einem Schuh an, wenn er seine besten Zeiten hinter sich habe. Theoretisch könne das 10 Jahre oder mehr dauern. Bei Lowa werden Outdoorschuhe in sechs Typen eingeteilt: Alpin für Fels und Eis, Backpacking für schroffes, steiniges Gelände, Trekking für ausgedehnte Wanderungen, All Terrain Collection für leichte Wanderungen, Outdoorfitness/Speedhiking für sportliche Aktivitäten im Freien. Auch ein leichter Travel-Schuh gehört dazu: für die Freizeit und Reisen.

Hält man sich an diesen Lowa-Index, empfiehlt es sich, im Zweifelsfall eine Stufe «höher» zu kaufen. Das heisst: lieber zum Backpackingschuh greifen, als dann mit einem Trekkingschuh im Hochgebirge mit wenig Halt herumzustolpern.

Nun kann aber auch im perfekten Schuh die falsche Socke alles verderben. Vor allem die Baumwollsocke: «Ja nicht», sagt Urfer. «Baumwolle saugt und saugt und saugt – und es geht nicht mehr weiter. Wichtig ist, dass wir Feuchtigkeit von der Haut wegnehmen, und das geht mit Baumwolle nicht.» Die guten alten Tennissocken müssen also zu Hause bleiben. Und die guten alten roten, selbst gestrickten? «Handglismete Socken gehen immer noch», so Urfer, «aber sie sind sicher nicht die beste Lösung.» Am besten seien synthetische Materialien, die wenn möglich an Druckstellen wie Zehen und Fersen eine Polsterung aufwiesen. Das gibt am wenigsten Blasen. Die entstehen vor allem, wenn man sich in der Schuhgrösse vertan hat. Oder empfindliche Haut hat: Dann empfiehlt sich präventives «Pflastern» oder ein «Sock in the Sock», ein Strumpf ohne Nähte, den man unter den eigentlichen Socken trägt.

Die richtige Innenpflege

Vor der Wanderung ist nach der Wanderung: Ein Wanderschuh braucht auch Aufmerksamkeit, wenn man wieder im Tal ist. Die richtige Pflege beginnt, wenn man aus dem Schuh steigt: «Wichtig ist, dass man sofort das Fussbett herausnimmt», so Urfer. So kann ein Schuh trocknen. Das ist nötig: Acht Stunden Laufen bedeuten etwa vier Deziliter Schweissverlust an den Füssen. Er selber greife jeweils auf die einfache Methode zurück, die zwar alt, aber wirksam sei: «Wenn der Schuh sehr feucht ist, eine Zeitung hineinstopfen», so Urfer.

Goretex-Schuhe trocknen schneller als lederne. Apropos, Goretex, heisst es, sei wasserfest. Warum man manchmal trotzdem nasse Zehen bekommt, ist vielen Wanderern ein Rätsel. Urfer lacht. «Doch, doch, Gore ist wasserdicht.» Man könne damit eigentlich zwei Stunden im Bach stehen bleiben, ohne dass der Fuss auch nur einen Tropfen abbekomme. Halte Goretex, das vor allem bei Funktionskleidung wie Schuhen und Jacken eingesetzt wird, nicht, könne es auch an der Verarbeitung liegen. Oder daran, dass Wasser via Hose an die Haut gelange. «Das passiert schnell, etwa wenn man durch hohes Gras stapft.» Aber hauptsächlich, so Urfer, sei falsche Pflege schuld an durchlässigen Schuhen.

Die richtige Aussenpflege

Die muss auch aussen erfolgen. Bei synthetischem Material ebenso wie bei Leder, das mit der Haut zu vergleichen ist: Leder braucht Creme, sonst wird es brüchig. Vor allem dann, wenn Wanderschuhe so schmutzig sind, dass man sie unter (warmem) fliessendem Wasser putzen muss. Die Luxusvariante einer Schuhputzaktion sieht für Urfer so aus: Nach der Wasserbehandlung kommt ein Antischimmelspray zum Einsatz. Dann folgen andere Pflegeprodukte. Trocknen lassen, imprägnieren.

Achtung: Fett bedeutet den Tod für einen Lederschuh. Eincremen heisst das Zauberwort. Braucht man nur Spray, trocknet das Leder aus. Die Nähte nicht vergessen, dort ist die Angriffsfläche für Staub und Dreck am grössten. Falsch oder nicht behandelt, wird Leder messerscharf und kann gar Nahtfäden zerschneiden.

Die richtige Lagerung

Wenn ein Lowa-Modell nach 15 bis 20 Jahren mit einer Beanstandung bei Lowa in Interlaken landet, muss Urfer manchmal schmunzeln: «Manche Schuhe wurden nicht mehr als zwei- oder dreimal getragen. Dass ein Käufer dann empört ist, verstehe ich. Aber Kunststoffe zersetzen sich nun mal, ob man den Schuh braucht oder nicht.»

An einem lieb gewonnen Schuh kann man sich auch mit der richtigen Lagerung länger erfreuen: Ein dunkler, trockener Ort sollte es sein, an dem es keine grossen Temperaturschwankungen gibt – der Estrich eignet sich also nicht. Auch nicht das Auto: «Es gibt Leute, die ihre Schuhe nach dem Wandern in einen Plastiksack stecken und dann im Auto vergessen», sagt Urfer, «dort bleiben sie dann eine Woche.» Kondenswasser macht den Schuh schnell kaputt. Auch wenn er ein hochkomplexes Textil aus 180 Teilen ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.08.2011, 21:17 Uhr

Tipps und Tricks

Die Tipps des Lowa-Verkaufsleiters Reto Krähenbühl:

Vor dem Kauf: Beim Kauf eines Outdoorschuhs ist das Wichtigste, dass man sich Zeit nimmt. Vor dem Verkaufsgespräch sollten einige Fragen beantwortet sein: Wofür brauche ich den Schuh, wohin will ich wandern? Schon allein die Frage, ob man den Schuh bei hiesigen klimatischen Verhältnissen oder etwa in den Tropen trägt, grenzt die Wahl ein. Weitere Fragen: In welchem Gelände bewege ich mich – auf 1000 Höhenmetern oder 3000?

Während des Kaufs: Faustregel zum Komfort: Um die Zunge herum muss der Schuh weich sein, sonst drückt er. Tiefe Schuhe eignen sich nur, wenn keine Gebirgstouren geplant sind. Die Leistenform (schmale, normale, breite) muss zwingend die richtige sein. Beim Rist darf es nicht drücken. Faustregel für die Grösse: Ein Zeigfinger muss hinten noch Platz im Schuh haben, wenn man ihn trägt. Gibt es im Geschäft Rampen zum Auf- und Abgehen, unbedingt ausprobieren. Und: Socken tragen, die man dann auch auf der Wanderung trägt.

Pflege: Nach dem Wandern Fussbett herausnehmen und eine Zeitung in den Schuh stopfen. Leder (vor allem die Nähte) eincremen, ganzer Schuh imprägnieren. An trockenem, dunklem Ort lagern, wenn möglich ohne Temperaturschwankungen.

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