Wenn einen beim Wandern die Angst lähmt

Wer an Höhenschwindel leidet und dennoch die Berge liebt, wäre froh um präzise Angaben über die Exponiertheit von Bergwanderwegen. Auf den Landkarten und Wegweisern aber fehlen sie.

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Zuerst ging alles gut. Der Aufstieg vom Gürbetal aufs Stockhorn war streng, der Weg aber breit, und lockerer Tannenwald verstellte den Blick in die Tiefe. Ab der Walalp verlief der Pfad in baumlosem Gelände über Treppenstufen auf einem Grat. Als er sich, am Fuss des bedrohlich aufragenden Stockhorngipfels, einen steilen Abhang hinaufschlängelte, geriet mein körperliches Betriebssystem auf einmal durcheinander. Mein Puls beschleunigte sich, die Knie zitterten.

Ich nahm die Welt durch die enge Perspektive eines Tunnelblicks wahr – zum Glück, denn er bewahrte mich davor, den gähnenden Abgrund zu sehen. Unvermittelt stellte mein Körper das Gehen ein. Ein Anfall von Höhenangst stoppte ihn. Sie ist stärker als jeder Wille.

Wenn der Boden wegbricht

Keuchend blieb ich stehen. Die Angst sagte mir: «Du balancierst zwischen Himmel und Hölle, es zieht dich runter, du fällst, du stürzt ab.» Und der Kopf fragte: «Wie konntest du dich nur in diese Lage bringen? Und wie kommst du da wieder raus?» Eigentlich war der Wanderweg stabil gebaut, und die Neigung des Geländes war sanfter als in der Eigernordwand. Es kam mir dennoch vor, als steckte ich dort fest. Ein Adrenalinstoss trieb mich dann weiter.

Den Blick stur auf den Boden gerichtet, erreichte ich die rettende Terrasse des Gipfelrestaurants, wo sich meine Körperfunktionen normalisierten. Die Angst: wie weggeblasen. Ich trat gar hinaus auf einen Glasbalkon, durch den man 1000 Meter in die Tiefe blickt. Und staunte, dass ich einem Bauwerk mehr traute als meinen Füssen.

Nur eine Bergweg-Kategorie

Selber schuld, wer in die Berge geht, obwohl er nicht schwindelfrei ist. Man muss sich halt vorher über exponierte Passagen erkundigen. Doch da beginnt das Problem: Solche Angaben sind rar. Der Rat von erprobten Berggängern hilft oft nicht, weil sie sich kaum vorstellen können, wie bedrohlich sich die Topografie für Leute mit Höhenangst verwandelt. Auf Wanderwegweisern, Wanderkarten oder Wander-Apps fehlen wichtige Details.

Es gibt in der Schweiz drei Wanderwegkategorien, die aber bloss eine grobe Unterteilung liefern. Über die Beschaffenheit der Wanderwege kursieren überdies falsche Vorstellungen, die bei Wanderern mit Höhenangst zu bösen Überraschungen führen können. Die Ansicht ist nämlich verbreitet, dass nicht nur die gelb markierten Wanderwege im flachen Gelände, sondern auch die weiss-rot-weissen Bergwanderwege problemlos begehbar sind – im Gegensatz zu den weiss-blau-weissen Alpinwanderwegen.

Laut Michael Roschi, Geschäftsführer des Verbands Schweizer Wanderwege, gilt aber schon für weiss-rot-weisse Bergwanderwege: «Man muss trittsicher und schwindelfrei sein.» Denn es könne ausgesetzte Stellen geben, die mit Leitern oder Seilen gesichert seien.

Müssen Leute mit Höhenangst also Bergwege meiden und der spektakulären Hochgebirgswelt fernbleiben? Obwohl viele Bergwege keine oder oft nur kurze exponierte Passagen aufweisen? Roschi muss jetzt etwas ausholen. Er höre kaum Klagen oder Anfragen wegen Höhenangst, ein zentrales Problem der Wanderer sei sie also offenbar nicht.

Es sei überdies schwierig, zuverlässige Kriterien zu nennen, die auf einem Weg Höhenangst auslösten. Denn diese werde individuell ganz unterschiedlich empfunden. Während die einen einer Hängebrücke oder einer Seilbahn trauten, fürchteten sie andere gerade, weil sie dann von der Technik abhängig und «nicht mehr Herr ihres eigenen Schicksals» seien, sagt Roschi. Für einige sei ein Grat im Nebel noch weniger begehbar als bei klarer Sicht.

Community der Schwindligen

«Wanderer mit Höhenangst müssen sich vorab informieren», sagt Roschi. Indem sie etwa Routenbeschreibungen in Wanderführern und auf Wandern.ch lesen oder auf Wanderkarten an den Höhenkurven das Gelände abzuschätzen versuchen. Auf Internetseiten wie Hikr.org können sie die Berichte und Fotos anderer Wanderer konsultieren. Dort gibt es gar die Community «Vertigo» – zu Deutsch Schwindel –, in der sich Betroffene über ihre Höhenangst austauschen.

Google Street View hat im Mai neue Schweiz-Bilder auch von Bergwegen aufgeschaltet. Allerdings sind es nur ein paar Zustiege zu SAC-Hütten. Lange Wanderungen fehlen. Und wer hätte schon Zeit und Lust, sie am Bildschirm abzuchecken.

Skala des SAC ist präziser

«Die Kategorie des weiss-rot-weissen Bergwanderwegs ist zu gross und zu undifferenziert», kritisiert Bruno Hasler, Bergführer und Fachleiter Ausbildung beim Schweizer Alpen-Club (SAC). Das sei nicht nur für Leute mit Höhenangst ein Problem, sondern auch für viele wandernde Senioren und für Kinder.

Hasler verweist nun auf die differenzierte Wanderskala des SAC, die die Schwierigkeitsgrade T1 bis T6 definiert. T1 gilt für die gelb markierten Wanderwege im Flachland. Die Bergwanderwege werden in die zwei Grade T2 und T3 unterteilt, die schwierigeren Wege gar in drei. Bergwege der Kategorie T2 haben ein durchgehendes Trassee, können auch in steilem Gelände verlaufen, wo Absturzgefahr nicht ausgeschlossen ist, und sie erfordern «etwas Trittsicherheit».

Bei Bergwegen der Kategorie T3 aber ist das Trassee am Boden nicht mehr immer sichtbar, ausgesetzte Stellen können den Gang an Seilen oder über Leitern erfordern, und man braucht für das Gleichgewicht mitunter die Hände. Gute Schuhe und Trittsicherheit sind unabdingbar.

Für den Bund zu aufwendig

Für Wanderer mit Höhenangst wäre die feinere Skala des SAC sehr hilfreich. «Sie könnten davon ausgehen, dass ein Bergwanderweg der Kategorie T2 für sie generell begehbar ist, einer mit T3 aber eher nicht», sagt Bruno Hasler. Der Bund unterstütze die SAC-Skala aber leider nicht. Warum fehlt diese Differenzierung auf Wegweisern und Wanderkarten? Das sei eine Frage des Aufwandes und der Kosten, sagt Michael Roschi von den Schweizer Wanderwegen. «Man müsste dafür 24000 Kilometer Bergwege kategorisieren und sie dann auf den Karten erfassen.»

Ob das Sinn macht, ist schon deshalb fraglich, weil gemäss einer Umfrage die meisten Wanderer nicht mal die Unterscheidung zwischen Gelb und Weiss-Rot-Weiss kennen. «Die Skalen sind zu wenig verbreitet», räumt auch Bruno Hasler vom SAC ein. Zumindest Wanderer mit Höhenangst dürften an präziseren Kategorien aber interessiert sein.

Aber sind das so viele, dass sich der Aufwand lohnen würde? Rund 14 Prozent der Bevölkerung würden gemäss einer europaweiten Studie von 2012 (ohne Teilnahme der Schweiz) an Angsterkrankungen leiden, sagt Michael Rufer, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Unispital Zürich. 6,4 Prozent litten an spezifischen Phobien, von denen Höhenangst eine häufige Form ist.

Nur 6,4 Prozent? Bei dieser Gruppe gehe es um eine intensive, krankhafte Form einer Angst, die einen im Alltagsleben einschränke, erklärt Rufer. Von einer abgeschwächteren Form der Höhenangst (siehe Box), die das Wandern auch schon erschwere, seien aber deutlich mehr Menschen betroffen.

Problem Gleitsichtbrille?

Ein Argument für präzisere Wegkategorien wäre, wenn die Höhenangst bei Wanderunfällen eine Rolle spielte. Diese sind laut den neusten Daten der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) zahlreich. 20'000 Wanderer verunglücken im Jahr, im Schnitt 46 gar tödlich. In keiner anderen Sportart sind es mehr. Allerdings muss man die Zahl relativieren, weil auch kein anderer Sport so viele Leute mobilisiert. Rund 44 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer wandern laut der Umfrage «Sport Schweiz 2014», weiss Monique Walter, BfU-Beraterin für Bergsport.

Sie kann nicht bestätigen, dass Höhenangst ein Auslöser für Unfälle ist. «Sie passieren zwar an Orten, wo man weit hinunterfallen kann, aber es gibt keine Belege dafür, dass es an ausgesetzten Stellen mehr Unfälle gibt», sagt Walter. Wer an Höhenangst leide, meide diese Stellen entweder oder sei dort besonders vorsichtig. So weit man wisse, ergäben sich Wanderunfälle aus Unachtsamkeit, durch Selbstüberschätzung und schlechte Planung. Wer in einer Gruppe am Palavern ist, wer spät gestartet ist und übermüdet beim Eindunkeln noch unterwegs ist oder vor einem Gewitter flüchtet, dem passieren Fehler. Er stolpert vielleicht und rutscht ab über ein Schneefeld oder eine Geröllhalde.

Für Wanderunfälle gibt es eine klar definierbare Risikogruppe. Es sind nicht Leute mit Höhenangst, sondern solche ab 60 Jahren. 230 der 480 tödlich verunfallten Wanderer waren in den letzten zehn Jahren über 60 Jahre alt, weitere 87 über 50. Mehr als drei Viertel dieser Verunfallten waren Männer. «Ältere Männer laufen Gefahr, auch aus Ehrgeiz ihre nachlassende Kondition zu überschätzen», sagt Monique Walter. Ein mögliche Ursache fürs Stolpern könnten auch altersbedingte Gleitsichtbrillen sein, sagt sie. In deren unterem Sehbereich sieht man die eigenen Füsse unscharf.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung will die Höhenangst dennoch nicht unterschätzen. In ihrer Kampagne «Sicher Bergwandern», die sie mit den Schweizer Wanderwegen und Seilbahnen lanciert hat, legt sie Wanderern einen «Bergwandercheck» mit der Abkürzung Peak ans Herz. Die vier Buchstaben stehen für Planung, Einschätzung, Ausrüstung und Kontrolle. Zur Einschätzung gehört, dass man sich selber fragt: Ist die Wanderung für mich geeignet? Bin ich trittsicher? «Man muss sich selber kennen lernen und herausfinden, in welchem Gelände einen die Höhenangst gefährdet», sagt Monique Walter.

Was man dagegen tun kann

Soll man sich seiner Höhenangst heroisch stellen und sie im Seilpark abtrainieren? «Das kann hart sein und klappt nur, wenn man auch eine Motivation hat, die Angst zu verlieren», sagt Michael Rufer vom Universitätsspital Zürich. Die gute Nachricht ist: Auch starke Höhenangst und ausgeprägter Höhenschwindel lassen sich therapieren. Statt mit einem Tunnelblick vorwärtszuhasten und so vor der Angst zu fliehen, rät Rufer, innezuhalten, sich umzuschauen, die ganze Umgebung wahrzunehmen und zu warten, bis die Angst nachlässt und einer realistischeren Einschätzung weicht.

Auch Bergführer Bruno Hasler erlebt bei seinen Kunden – selbst bei SAC-Mitgliedern – Höhenangst. Werden sie davon übermannt, macht Hasler mit ihnen eine Pause, setzt sich hin, isst etwas, überblickt mit ihnen die Lage. Meist geht es dann weiter. Aber auch Hasler weiss von No-Go-Passagen: schmalen Graten, hohen Hängebrücken. Und er hat schon erlebt, dass ein Bergwanderer sich vor lauter Höhenangst weder vorwärts- noch rückwärtstraute. Der Helikopter musste ihn dann ausfliegen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.08.2015, 09:26 Uhr

Warum uns in der Höhe Schwindel und Angst befallen

Drei Systeme stabilisieren mit ihren Signalen unseren Körper: das Sehen, der Gleichgewichtssinn und die sogenannte Propriozeption, unter der man motorische Informationen etwa durch die Muskelanspannung oder die Position unserer Gelenke zusammenfasst. Sehen wir an einer exponierten Stelle um uns herum nicht mehr Fixpunkte wie den Boden oder Bäume, dann ist der Sehsinn als Stabilisator beeinträchtigt, sagt Michael Rufer, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital Zürich.

Wenn nur noch zwei Stabilisierungssysteme «richtig» funktionieren, schwanken wir stärker, als wir das auch sonst tun. Dieses Schwanken können wir, je nach individueller Sensibilität, als Höhenschwindel wahrnehmen. Ausgelöst wird er durch einen «Konflikt unserer Sensoren», erklärt Dominik Straumann, Neurologe am Universitätsspital Zürich. Blicken wir nämlich beim Wandern in den Bergen in die Ferne, wirkt diese statisch. Das Auge suggeriert uns dann irrtümlicherweise, dass wir uns gar nicht bewegen. Der Gleichgewichtssinn und die Propriozeption aber registrieren das Gegenteil. Auf diese widersprüchlichen Signale reagiert der Körper mit Schwindel. Dagegen hilft, auf den Boden oder den Vordermann zu blicken, weil dann auch die Augen wieder Bewegung wahrnehmen.

Der Höhenschwindel kann laut Michael Rufer Angst auslösen, Angst vor Kontrollverlust etwa oder Angst abzustürzen. Man muss also Höhenschwindel und Höhenangst unterscheiden, auch wenn sie verbunden sind. Der Schwindel ist laut Rufer eine natürliche Reaktion des Körpers. Auch die Höhenangst habe eine Funktion als Warnsignal vor Gefahr; wenn sie übersteigert und unangemessen sei, habe das aber mit unangenehmen Erfahrungen und Erinnerung zu tun. Sie könne wachsen, und man könne sich in sie hineinsteigern. Schwindel und Angst werden laut Rufer individuell unterschiedlich empfunden. Nicht alle Menschen würden auf Höhenschwindel mit Höhenangst reagieren. Höhenangst könne wiederum Schwindel auslösen, aber auch ohne diesen auftreten. svb

«Camino el Rey» - der gefährlichste Wanderweg der Welt


Quelle: youtube.com/danielahnen

Auf dem zweithöchsten Wolkenkratzer der Welt


Quelle: youtube.com/RT

Die Bisse du Ro aus dem Wallis:


Quelle: youtube.com/Andrew Clark

Ein extremer Weg am Mount Huashan, China:


Quelle: youtube.com/TheMiyaworld

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