Skifahren macht mir keine Freude

Unsere ­Autorin schwor dank Peter Bichsel dem Skifahren ab. Und dann landete sie doch wieder im ­Skitrubel. Gedanken zu einem ­schweizerischen ­Grundproblem.

Als Neonfarben der letzte Schrei waren: Skifahrerin und Snowboarder in den späten 1980er-Jahren.

Als Neonfarben der letzte Schrei waren: Skifahrerin und Snowboarder in den späten 1980er-Jahren. Bild: Foto: Philippe Poulet (Getty Images)

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Es brauchte Peter Bichsel, damit ich mir eingestehen konnte: Ich hasse Skifahren. Ich kann es, aber es macht mir keine Freude. Ohne die Aussage des grossen Schriftstellers, vor Jahren gelesen, würde ich wohl noch heute Winter für Winter unlustig am Skilift anstehen. Er sei dreissig gewesen, sagte er in jenem für mich wegweisenden Interview, habe als «sehr guter Skifahrer» ein Skilager begleitet.

«Nachdem ich mehrmals ge­stürzt war, habe ich mich gefragt: Warum tust du dir das an? Du hättest auch in die Kneipe gehen und einen halben Roten trinken können! Da ist mir eingefallen, ich mache es, weil ichs kann. Aber es macht mir keine Freude. Ich habe die Ski auf der Stelle ausgezogen und bin seither nie mehr gefahren. Man muss nicht alles tun, was man kann.»

Damals traf es mich wie ein Blitz: Ich muss ja gar nicht Ski fahren. Hätte ich das nur früher gewusst! Aber in meinem Leben gab es das nicht: ein Kind, das nicht Ski fährt. Jedes Kind fuhr Ski. Meine Jugend spielte sich in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren ab, damals, als Neonfarben der letzte Schrei waren. Ich besuchte im Emmental eine Gesamtschule. Ab der ersten Klasse fuhren wir jährlich ins Skilager. Innereriz. Tradition. Meine erste Erinnerung? Mein Onkel bereitet mich aufs Skiliftfahren vor, ich kriege einen Bügel an den Kopf. Damals trug man noch keinen Helm.

Im Innereriz musste ich das erste Mal träppelen, im Innereriz wurde ich zum ersten Mal Letzte im Skirennen, im Innereriz brach sich mein Bruder das Bein. Als Erstelerin wurde ich mit einem Vierteler auf den Lift gesteckt, der Bügel war ganz schön schräg. Als es leicht bergab ging, verlor ich das Gleichgewicht und wurde, bereits liegend, noch einige Meter mitgezogen.

Aber ich lernte es, so wie alle es lernten. Skifahren gehörte zum Schulstoff. Neun Jahre Skilager. Noch länger Skiferien mit den Eltern, Winter für Winter, die einzigen Ferien im Jahr – obwohl meine Eltern schon bald nicht mehr selber Ski fuhren. Wir wurden in die Skischule gesteckt. Uns selbst zuliebe.

Ab der fünften Klasse, jetzt im Dorf in der Sekundarschule, wurde ich im Skirennen nicht mehr Letzte. Da gab es andere, die standen zum ersten Mal auf den Skiern. Mit zittrigen Beinen, im verkrampften Stemmbogen, beäugt von uns anderen, die wir schon jung ge­fördert worden waren. Sie fielen, standen wieder auf, fielen, bis sie Ende Woche das Rennen mehr schlecht als recht im Stemmbogen absolvierten. Skifahren ist Nationalgut. Das hatten meine Eltern schon richtig erkannt.

Ich war eine gute Schweizerin, eine Förderin der Randregionen und Bergbahnen. Ich fuhr erst Ski, dann Big Foot, dann Snowboard, dann wieder Ski. Jährlich eine Woche, jeden Tag, auch bei Schneegestöber und Nebel. Und das gab es weit häufiger als Sonnenschein. Es galt das Anfang Woche gekaufte Skiabo herauszufahren. Mein Outfit wechselte von Neon zu Übergross zu Körperbetont. Ein Rivella in der Bergbeiz, später ein Holdrio.

Ja, ich konnte Skifahren, aber es machte mir keine Freude. Seit ich das Interview mit Peter Bichsel gelesen habe, bin ich nie mehr auf den Skiern gestanden. Wozu auch? Es zwingt mich niemand.

Mein Mann gab das Skifahren mir zuliebe sogar auf. Eine wunderbare Zeit lang dachte ich, ein Leben ohne Skigaudi sei in der Schweiz tatsächlich möglich. Skilager für die Schüler und Schülerinnen waren längst nicht mehr Pflicht. Skiferien wurden von Städtetrips abgelöst.

Doch ich hatte nicht mit der Eidgenossenschaft gerechnet. Die stellte fest: Das Interesse an Schneesport hat abgenommen. Der Skifahrer droht zu überaltern. Darum ist dem Bundesamt für Sport seit 2015 der Verein Schneesportinitiative Schweiz angegliedert.

Das Ziel: «Kinder und Jugendliche sollen wieder mehr Schneesport betreiben.» Der Slogan: «Wir helfen Schulen dabei, Kinder und Jugendliche für den Schneesport zu begeistern.»

Der erhoffte Effekt: Schweizer Bergbahnen und Skigebiete würden wieder besser ausgelastet. Nun kann ich mich dem getrost verweigern,ich gehöre nicht zur Zielgruppe. Doch die Realität ist anders. Ich bin Mutter der Zielgruppe. Die Kinder sind im skifahrtüchtigen Alter.

Und mein Mann. Der wollte plötzlich in die Skiferien fahren. Widerstrebend willigte ich ein. Unter der Bedingung, nichts mit diesem Skibetrieb zu tun haben zu müssen. Im Chalet zu sitzen, die Beine hochzulagern und zu lesen. Mich nicht zu beteiligen. Aber es ereignete sich Erschreckendes: Plötzlich war ich Teil davon.

Ich fand mich in einem kinderfreundlichen Skigebiet wieder – es war nicht das mir vertraute Innereriz, denn dort lag kein Schnee. Ich war umgeben von Ski-Moms und Ski-Dads und Ski-Omas und Ski-Opas. Sie klatschten, filmten, hätschelten – und zürnten, sobald sie ihr Kind nicht genug gefördert sahen. Sie wollten Fortschritte sehen, schliesslich hatten sie gutes Geld für die Skischule bezahlt.

Mich schauderte, nur weg hier. Falls das Kind will, kann es ja mal auf die gemieteten Skier stehen. Im ersten Jahr wollte es. Es wollte auch in die Skischule, es hatte sogar Freude daran. Nach ein paar Tagen stelle ich mich an den Pistenrand und platzte fast vor Stolz, als es in leichter Rücklage und ohne zu stürzen, den Übungshang hinunterfuhr. Ich machte mit meinem Handy ein Filmli, schickte es an Verwandte.

Im zweiten Jahr wollte es etwas weniger, aber jetzt hatten wir Skier. Ich verfluchte den Skilehrer, der das Kind – das ja schon den Übungshang fahren konnte – am ersten Tag zurück zu den Anfängern schickte, weil es nicht selbst zum Schlepplift träppelen konnte.

Es gehörte doch nicht zu den Anfängern! Wir liessen das mit der Skischule, jetzt übernahm der Mann. Fuhr Stemm­bogen um Stemmbogen voraus. Dem Kind gefiel es, aber schon am dritten Tag wollte es lieber Schneeballschlacht machen. Wir motivierten es, dranzubleiben.

Mittlerweile kurvt das Kind ziemlich eigenständig und – den Bildern nach zu urteilen – freudig über die Piste. Jetzt ist Kind zwei an der Reihe. Es steht in leichter Rücklage auf den Skiern. Das gefällt ihm zwanzig Minuten lang. Davon gibt es ein Filmli. Dann ist es müde, möchte Pause machen. Ich ermutige es, noch einmal runterzufahren. Und dann noch einmal, verspreche ihm ein gutes Zvieri.

Was ist nur aus mir geworden? Jetzt treibe ich die Kinder auf die Piste, jetzt müssen sie das Skiabo herausfahren. Was wohl Peter Bichsel dazu sagen würde?

Und was meinen Sie? Ist Schneesport Nationalgut? Muss man seine Kinder auf die Piste treiben? Ihre Meinung interessiert uns. Schreiben Sie uns: redaktion@bernerzeitung.ch (Stichwort: Skifahren). (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.01.2018, 12:11 Uhr

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