Kinder kriegen oder die Welt retten?

In der Schweiz ein Kind grosszuziehen, kostet einen sechsstelligen Betrag. Damit könnte man dreissig Menschenleben retten. Eine schwierige Entscheidung.

Auf einen Kaffee zu verzichten, um Geld zu spenden, ist das eine, auf ein Kind zu verzichten, etwas völlig anderes: Eltern mit ihren Kindern. Foto: Getty Images

Auf einen Kaffee zu verzichten, um Geld zu spenden, ist das eine, auf ein Kind zu verzichten, etwas völlig anderes: Eltern mit ihren Kindern. Foto: Getty Images

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Nina ist ein schöner Name, findest du nicht?, sagte meine Freundin neulich. Im Fernsehen lief die Biathlonstaffel von Hochfilzen. Schempp, der Schlussläufer, kämpfte um die letzte Scheibe. Mhm, machte ich. Dann ging mir auf, dass man so einen Satz nicht einfach sagt, wenn gerade Biathlon läuft. Also stellte ich den Ton ab und guckte sie an.

Faye finde ich auch schön, sagte sie, buchstabierte: F-A-Y-E. Das ist irisch und bedeutet: Mit dem Herzen sehend. Ich sagte: Du kannst doch in der Schweiz ein Kind nicht Faye nennen. Das kann ja keiner aussprechen. Aber Nina könnte ein Kind schon heissen.

Meine Eltern erzählen gern die folgende Geschichte: Ende der 80er-Jahre sassen sie mit Freunden zusammen und diskutierten übers Kinderkriegen. Das Wettrüsten im Kalten Krieg hatte den Höhepunkt erreicht. Die Umweltzerstörung schien ausgemachte Sache. Noch immer mordeten RAF-Terroristen in Deutschland. Dann flog Tschernobyl in die Luft. In so eine feindselige Welt könne man keine Kinder gebären, sagten sie, beim Wein auf der Terrasse einer alten Villa in Berlin-Zehlendorf. Irgendwann sagte mein Onkel: Während wir hier reden, sind alle dummen Arschlöcher am Vögeln und vermehren sich. Damit war die Sache erledigt.

Als Ergebnis dieser Worte stehe ich nun – knapp dreissig Jahre später – auf meiner Terrasse eines Wohnblocks in Bern, trinke Apfelschorle und gucke hinaus in unsere Welt, die gerade wieder sehr feindselig erscheint. Terroristen bringen Menschen um. In London, Paris, Berlin. Die Polkappen schmelzen. Urwälder sterben. Plastik erstickt die Weltmeere. Und erstmals seit über zehn Jahren ist die Zahl der hungernden Menschen wieder gestiegen.

In diese Welt also würde ich ein Kind setzen. Der Name, denke ich, ist da echt das geringste Problem.

Es gibt eine Gruppe von Weltverbesserern, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Sie nennen sich «Effektive Altruisten». Wer einer werden will, muss geloben, zehn Prozent oder mehr seines Jahreseinkommens für wohltätige Zwecke zu spenden. Lebenslang. Das Geld geht meist an Stiftungen, die Krankheiten, Hunger, Armut bekämpfen. Die effektiven Altruisten rechnen mir vor: Wenn ich zehn Prozent meines Nettogehalts spende, also rund 300 Franken im Monat, könnte ich damit 603 Moskitonetze finanzieren, die Kinder vor Malaria schützen, und so in einem Jahr ein Menschenleben retten.

Vier Akademikerkinder seien besser als drei. Die zahlen später mal mehr Steuern.

Ein besonders radikaler Anhänger des effektiven Altruismus ist der australische Philosoph Peter Singer. Singer ist Utilitarist. Gemäss Utilitarismus muss eine moralisch richtige Handlung stets das «grösste Glück der grössten Zahl» erreichen. Statt Journalist, so die Theorie, sollte ich lieber Investmentbanker werden, Geld scheffeln und das meiste spenden. Auf eigene Kinder verzichten. Denn ein Kind in der Schweiz grosszuziehen, selbst mit bescheidenen Mitteln, kostet einen sechsstelligen Betrag. Damit könnte man dreissig Menschenleben retten.

Ein Sonntagnachmittag in Bern-Liebefeld bei meinen Freunden Thomas und Laura. Wir essen Blaubeerkuchen, den ihre Kinder gebacken haben. Drei haben sie schon. Sie denken über ein viertes nach. Thomas sagt: Klar, der Ressourcenverschleiss ist enorm. Aber niemand halte einem besser den Spiegel vor als das eigene Kind. Sind Kinder also der Sinn des Lebens?

Für meine Freunde ist die Entscheidung für Kinder auch eine egoistische. Auf einen Starbucks-Kaffee zu verzichten, um Geld zu spenden, sei das eine. Auf ein Kind zu verzichten, etwas völlig anderes. Ausserdem seien vier Akademikerkinder besser als drei. Die zahlen später mal mehr Steuern. Das dient dem Wohlfahrtssystem der Schweiz und auch der Entwicklungshilfe. Wir hoffen, dass unsere Kinder die Welt ein bisschen besser machen, sagen Thomas und Laura.

Schlechte Welt

Ich treffe den Soziologen Ulf Liebe. Er hat zwei Kinder, Zwillinge, und forscht zu nachhaltiger Gesellschaftsentwicklung an der Uni Bern. Von ihm erhoffe ich mir – nicht zuletzt wegen seines Namens – Antworten auf meine Frage: Kann man heute noch Kinder in diese Welt setzen?

Er nimmt der Hoffnung meiner Freunde, ihre Kinder könnten die Welt besser machen, etwas den Wind aus den Segeln. Jüngere Menschen hätten zwar ein höheres Umweltbewusstsein. Aber der ökologische Fussabdruck der Schweiz wachse seit Jahren. Und wohlhabende, gut gebildete Menschen verbrauchen mehr Ressourcen als ihre weniger privilegierten Nachbarn. Immerhin: Geht es darum, vom eigenen Reichtum abzugeben, seien Menschen mit hohem Status sozialer als solche mit niedrigem Status. Wahrscheinlich weil sie einfach mehr geben können.

Ich will meine Energie lieber in Kinder investieren, die schon in der Scheisse stecken.Sarah, Psychologin

Ulf Liebe hat zwei Forschungserkenntnisse herausgesucht, erstens: Es gibt keinen empirischen Zusammenhang zwischen Krisen und Geburtenrate. Wer also in einer schlechten Welt lebt, bekommt nicht unbedingt weniger Nachwuchs. Zweitens: Kinder haben einen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit der Eltern.

Dem Utilitaristen Singer ist das zu wenig. Er sagt, es sei falsch, wenn wir in Luxus leben, statt Menschen in extremer Armut zu helfen. Für ihn ist ein Kinderleben in Afrika genauso viel wert wie eins in der Schweiz. Singer veranschaulicht das mit folgendem Beispiel: Du bist auf dem Weg zu einem Meeting, in guten Schuhen und Anzug. Plötzlich siehst du, wie ein Kind in den Teich fällt. Wenn du ins Wasser springst, rettest du das Kind, aber Schuhe, Anzug und Meeting sind dahin. Wie entscheidest du? Die meisten werden sagen: Ich rette das Kind.

Singer fragt weiter: Du bekommst einen Spendenbrief. Für zehn Franken könntest du ein Kind in Afrika vor dem Hungertod bewahren. Spendest du?

Emotionen steuern unser Verhalten, sagt Sarah, eine Freundin von mir. Dem Spendenaufruf fehle diese Emotionalität. Sarah ist Psychologin, sie arbeitet mit kriminellen Jugendlichen. Ich treffe sie in einer Bar, bestelle das günstigste Getränk der Karte, Wasser mit Sirup. Der effektive Altruismus schwirrt mir im Kopf. Sarah sagt: Würde das hungernde Kind aus Afrika an unsere Tür klopfen, wir würden wohl mehr als zehn Franken spenden. Für Altruisten wie Singer ist fehlende Nähe kein Argument. Für sie zählt nur die Frage, ob wir das Leid verringern können. Aber wieso ist den meisten Menschen das eigene, sogar das Nachbarskind, so viel mehr wert? Bindung hält uns am Leben, sagt Psychologin Sarah. Ein eigenes Kind erfüllt diese Funktion. Sie selber will trotzdem nicht Mutter werden: Ich will meine Energie lieber in Kinder investieren, die schon in der Scheisse stecken. Sie begegnet in ihrer Arbeit jeden Tag Kindern und Jugendlichen, die leiden.

Kurz nachdem meine Eltern Ende der 1980er-Jahre also doch vögelten, um Kinder zu zeugen, veränderte sich die Welt. Plötzlich fiel der Eiserne Vorhang. Abrüstung. Europäische Union. Globalisierung. Wir Kinder seien das Wertvollste in ihrem Leben, sagen sie heute. Im Nachhinein seien ihre Überlegungen völlig lebensfern gewesen. Man könne sich auch mit Kindern für eine bessere Welt engagieren.

Meine Freundin und ich sind uns einig: Wenn wir ein Kind in diese Welt setzen, dann eines, das gut mit ihr umgeht. 

Toby Ord, Mitbegründer der effektiven Altruisten, und seine Frau Bernadette Young spenden jedes Jahr einen Grossteil ihres Einkommens. Auf Kinder haben sie deswegen nicht verzichtet. Young hat mal gesagt: Ich spende mit Vergnügen für den Rest meines Lebens 50 Prozent meines Einkommens, aber wenn ich mich gegen ein Kind entscheiden würde, nur um diesen Betrag auf 55 Prozent zu erhöhen, dann würden mich diese letzten fünf Prozent mehr kosten als der ganze Rest. Sie habe sich dafür entschieden, einem starken seelischen Bedürfnis nachzugeben: Neben einer besseren Welt ist auch die eigene Familie ihre Vision.

Ausdruck tiefer Liebe

Sonntagabend. Meine Freundin und ich sitzen auf dem Sofa. Die Biathlonstaffel von Oberhof ist lange vorbei. Im Nebelrennen wurde Deutschland Sechster. 3.40 Minuten Rückstand, dreizehn Nachlader, zehn Strafrunden. Der Tiefpunkt. Meine Freundin sagt: Ein Kind ist doch auch ein Ausdruck tiefer Liebe zwischen zwei Menschen, zählt das nichts? – Wohl nicht im Utilitarismus, sage ich. Aber eine utilitaristische Welt ist eine, die ich mir nicht vorstellen kann. Eine Welt ohne Kultur, ohne Sport, eine Welt, die fast alles infrage stellt, das Teil meiner Identität ist. Auch den Kinderwunsch.

Die Nachrichten flimmern jetzt über den Fernseher. Im Iran bekämpfen sich Nachbarn. Im Ostchinesischen Meer brennt ein Öltanker aus. Und in den USA diskutiert man, ob der Mann mit dem Finger am Atomknopf noch alle Tassen im Schrank hat. Meine Freundin und ich reden über Erziehung. Wir sind uns einig: Wenn wir ein Kind in diese Welt setzen, dann eines, das gut mit ihr umgeht. Ja, vielleicht sogar eines, das sie besser macht.

Ich schalte um, bei einer Realityshow bleibe ich hängen. Irgendwas mit viel nackter Haut und dämlichen Kandidaten. Meine Freundin sagt: Wenn unser Kind jemals in so einer Sendung mitmacht, enterbe ich es. Mir dämmert: Die wichtigsten Fragen kommen vielleicht erst nach der Geburt.

(Das Magazin)

Erstellt: 02.06.2018, 21:10 Uhr

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