«Je suis Euro» — «Je suis fatigué»

Seit der Aufhebung der Eurokurs-Untergrenze stecken wir in einer persönlichen Zerreissprobe: zwischen dem Abzocker in uns, der zur Schnäppchenjagd ruft, und dem Bedenkenträger, der vor Moral trieft.

Der Eurokurs ist getaucht und muss wieder an Land gezogen werden.

Der Eurokurs ist getaucht und muss wieder an Land gezogen werden. Bild: Fotolia

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Gewissen: Ich bin enttäuscht.
Gier: Nicht schon wieder!
Gewissen: Es ist doch armselig. Die Nationalbank muss nur die Stützung des Eurokurses aufgeben. Und schon erliegen Leute der Gier.
Gier: Erliegen! Das tönt, als wäre ich der Tod.
Gewissen: Jetzt denk doch mal nach: Was ist das für ein verdammt geistloser Antrieb, dass die Leute nichts Besseres zu tun haben, als in Massen nach Konstanz zu blochen und dort in Euro einzukaufen, um ein paar Franken zu sparen! Ist das alles, was unsere Kultur zu bieten hat? Billiger Konsum?
Gier: Ach, spiel dich nicht ständig als Gewissen der ganzen Welt auf! Ich würde mir sofort ein Euroschnäppchen gönnen. Alle andern tun es auch, und wer weiss, was morgen ist. Mir fehlt dummerweise ein Auto.
Gewissen: Wenns nur das Auto wäre offenbar setzt bei der Schnäppchenjagd auch reflexartig dein Hirn aus.
Gier: Nein, es rechnet einfach Man wird im Leben sonst schon überall abgezockt, und wenn man mal profitieren kann, ist das nichts als ausgleichende Gerechtigkeit.
Gewissen: Das also verstehst du unter Gerechtigkeit! Dass die Rechnung schön für dich aufgeht! Wenn schon, müsste man richtig umverteilen. Selbst dir sollte zu denken geben, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung bald mehr Vermögen besitzt als die übrigen 99 Prozent.
Gier: Schlimm! Und deswegen soll ich auf billigere Milch, billigere Wimperntusche, billigere Staubsauger verzichten? Du bist doch nur neidisch, echt, Mann!
Gewissen: Hallo???
Gier: Gönn mir doch meinen kleinen Schnäppchentriumph.
Gewissen: Triumph über wen genau?
Gier: Über niemanden. Ganz allein für mich. Für einmal war auch ich schnell genug. Euro runter, und ich griff zu, als das Glück mich ansprang. Das passiert mir nicht alle Tage.
Gewissen: Zum Glück hast du kein Auto! Ob deine Schnäppchenjagd ökologisch oder wirtschaftspolitisch Sinn macht, darüber machst du dir eh keine Gedanken.
Gier: Gähn!!! Kannst du mal ein bisschen locker bleiben? Am Wochenende habe ich im Fall so viele Euro gewechselt, wie ich konnte.
Gewissen: Warum eigentlich?
Gier: Ich will nach Paris. Im Ausland wirkt sich der tiefe Eurokurs de facto aus wie eine Reallohnerhöhung. Und seit wann muss ich mit einem schlechten Gewissen herumlaufen, wenn ich plötzlich einen höheren Lohn habe? Kann ich doch nichts dafür!
Gewissen: An dir ist eine Hedgefonds-Managerin verloren gegangen!
Gier: Ey, jetzt kommst du aber in Fahrt!
Gewissen: Jahrelang hast du dich über das Spekulantenpack genervt, das minimale Kursschwankungen ausnutzt, um Millionengewinne abzuzocken. Jetzt machst du genau das Gleiche.
Gier: Schön wärs! Ich habe gerade mal 500 Euro ergattert – und dafür richtig gelitten. Die Schlange vor dem Bancomaten war verdammt lang. Und sorry: Das schlechte Gewissen klopft bei mir nicht an, wenn ich als kleine Abzockerin nach Konstanz fahre.
Gewissen: Du vergisst, dass du immer noch kein Auto hast. Du merkst gar nicht, was der tiefe Euro alles mit uns anstellt.
Gier: Soll ich mir fürs Wochenende ein Auto mieten?
Gewissen: Macht uns die obsessive Jagd nach dem Billigsten zufrieden, entspannt, glücklich? Ich sage: Sie befeuert nichts als den Egoismus.
Gier: Wow, du bist ein richtiger Euroversteher! Denkst du, Nationalbankpräsident Thomas Jordan lässt jetzt auch sein Gewissen links liegen und fährt nach Konstanz?
Gewissen: Geile Frage! Der Typ verdient über eine Million Franken pro Jahr, mehr als doppelt so viel wie ein Bundesrat. Mit diesem Superlohn schenkt es erst recht ein, nach Konstanz zu fahren. Er könnte gleich den ganzen Aldi aufkaufen.
Gier: Er hat sicher ein geiles Auto.
Gewissen: Vielleicht kannst du ja mitfahren! Und ihm Tipps geben – damit sein Tank auch wirklich leer ist, wenn er drüben ankommt. So profitiert er maximal vom billigen Benzin. Jackpot geknackt, Herr Jordan!
Gier: Du wirst ja richtig locker!
Gewissen: Vergiss es! Es kann einfach nicht sein, dass das, was uns ausmacht, ein paar gesparte Franken sind. Das ist eine moralische und ethische Bankrotterklärung, wenn du mich fragst.
Gier: Ich frage dich aber nicht! Moral! Ethik! Kein Mensch kann das 24 Stunden am Tag durchhalten. Und oft sind die, die am lautesten das Gewissen einfordern, am gierigsten. Ein Schnäppchenkauf ist doch Balsam fürs Gemüt. Was ist so schlimm daran?
Gewissen: Nicht schlimm, aber inkonsequent! Jeder Konsument ist gleichzeitig auch Arbeitnehmer. Jeder Mensch spielt im Leben verschiedene Rollen. Die Gleichen, die sich jetzt mit einem Onlineeinkauf oder einer Fahrt über die Grenze ein Schnäppchen sichern, fordern den Inländervorrang auf dem Arbeitsmarkt. Wir gehen auf Schnäppchenjagd. Aber unser Arbeitgeber bitte nicht. Einmal profitieren wir. Einmal jammern wir.
Gier: Das ist nicht inkonsequent, sondern konsequent – eigennützig. Egoismus ist unser Motor, er treibt die Welt an, und ich finde, wir fahren gut damit.
Gewissen: Gähn!!
Gier: Ich brauche ein Auto.
Gewissen: Ich brauche eine Pause mir kommt es vor, als hätte dieses Jahr in seinen ersten vier Wochen bereits meinen ganzen Energievorrat eingefordert.
Gier: Ja, die Welt hat uns auf Trab gehalten
Gewissen: Und wie! Eben war noch «Je suis Charlie» angesagt. Wir waren engagiert und besorgt, gegen Islamisten und Extremismus, für Meinungsfreiheit, alle zusammen. Ich kam nicht mehr zur Ruhe, aber es war toll. Meine Welt! Dann fällt der Eurokurs, und alles ist weg...
Gier: Je suis Euro! Ätsch! Und was machst du jetzt?
Gewissen: Je suis fatigué. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.01.2015, 09:30 Uhr

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