«Eines Tages weihte er uns in diese verrückte Idee ein»

Der Milliardärs-Enkel und Hippie-Revoluzzer Jean Paul Getty III. lebte wild. Ein Interview mit seiner Ex-Frau.

«Wir fühlten uns als Gottes erleuchtete Königskinder, die einen neuen Kosmos der Liebe erschaffen»: Gisela Getty, Ex-Frau und Weggefährtin von Jean Paul Getty III. Foto: Getty Images

«Wir fühlten uns als Gottes erleuchtete Königskinder, die einen neuen Kosmos der Liebe erschaffen»: Gisela Getty, Ex-Frau und Weggefährtin von Jean Paul Getty III. Foto: Getty Images

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Als Gisela Getty zu Weltruhm gelangte, war sie 23 und eine Revolutionärin der Liebe. Anfang der Siebzigerjahre hatte die junge deutsche Kunststudentin ihre Heimatstadt Kassel in Richtung Rom verlassen, wo sie sich bald mit einer flamboyanten Entourage aus Künstlern, Kleinganoven, Schauspielern und Transvestiten umgab. Dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Ehen hinter sich hatte und zudem pleite und hochschwanger war, betrübte sie nicht. Gleich nach der Geburt wurde Tochter Anna bei «Muttchen und Päppelchen» in Kassel deponiert, und die frischgebackene Mutter kehrte nach Rom zurück, wo das wahre Leben spielte.

An Giselas Seite wie immer die identisch aussehende Zwillingsschwester Jutta. Dass es zwei von ihnen gab, war ihr grosser Trumpf. Die beiden dünnen, flachbrüstigen Blumenkinder verkörperten perfekt den damaligen Zeitgeist. So war es nur eine Frage der Zeit, bis sie von berühmten Fotografen und der damals boomenden Cinecittà entdeckt wurden. Die Zwillinge liessen sich von Claudio Abate und dem Beatles-Fotografen Bob Freeman ablichten (mit dem Jutta danach «aus Höflichkeit» ins Bett ging), trafen Bertolucci und Fellini, und auch der mächtige Filmproduzent Carlo Ponti sagte: «Voglio tutte le due.»

Ihr Stern stieg noch höher, als sich Gisela 1972 in den blutjungen Jean Paul Getty III. verliebte, Enkel des US-Ölmagnaten Jean Paul Getty I., dessen Reichtum ebenso legendär war wie sein Geiz und seine Hartherzigkeit. 1973 wurde der gerade einmal 16-jährige Erbe von der Mafia entführt. Die tragischen Umstände seiner Gefangenschaft und Befreiung gingen durch die Weltpresse. Vieles ist bis heute nicht restlos geklärt.

Logisch, dass sich die Filmindustrie diesen elektrisierenden Stoff nicht entgehen lässt. 45 Jahre nach den dramatischen Ereignissen erscheinen in diesem Frühjahr gleich zwei Produktionen, die sich der Getty-Entführung widmen: eine Fernsehserie von Danny Boyle (vorerst nur auf dem amerikanischen Sender FX) und Ridley Scotts Kinofilm «All the Money in the World», der bisher vor allem damit Schlagzeilen machte, dass man den überraschend zum Kassengift gewordenen Kevin Spacey in einem Hauruck-Verfahren aus dem fertigen Werk herausschnitt und durch den mindestens so brillanten Christopher Plummer ersetzte.

Abgesehen von der tollen Ausstattung (die Autos, die Schlösser, die Pucci-Klamotten!) und Christopher Plummers Leistung, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte, ist der Film seltsam blass geraten. Viel interessanter ist es da, sich die Ereignisse von damals aus erster Hand erzählen zu lassen, von Gisela Getty. Die heute 68-Jährige ist noch immer eine sehr schöne Frau mit silbernem Haar und einer angenehmen, ruhigen Ausstrahlung. Getty lebt abwechselnd in Österreich und Los Angeles. Wir treffen sie in der Münchner Wohnung eines Freundes, bei dem sie gerade zu Gast ist.

Die Presse nannte ihn «the Golden Hippie»: Jean Paul Getty III. 1979 in Century City, California. Foto: Getty Images

Gisela Getty, eins müssen Sie mir erklären: Was fanden Sie als 23-jährige Frau an einem 16-Jährigen wie Paul Getty?
Jutta und ich waren irgendwie auch noch Kinder. Als Zwillinge lebten wir in einer Art Blase, einer Märchenwelt. Wir gegen den Rest da draussen. Wir waren Freaks, ebenso wie Paul, der in seiner Familie gegen alle Erwartungen rebellierte. Vom ersten Treffen an waren wir unzertrennlich. Drei Aliens von einem anderen Stern. Wir waren so froh, uns gefunden zu haben.

Wie sind Sie sich begegnet?
Paul, der seit der Scheidung seiner Eltern mit seiner Mutter in Rom lebte, hatte schon von diesen dünnen Zwillingsmädchen aus Germany gehört und beraumte ein Rendez-vous an, in einer winzigen Osteria, wo wir dann mit unserer Entourage auftauchten. Er trug ein Jeanshemd und Schlangenlederstiefel und war berückend hübsch. Diese kupferfarbenen Locken – wie ein präraffaelitischer Engel. Die Presse nannte ihn «the Golden Hippie». Er war ja berühmt, fast wie ein Rockstar. Jutta und ich verliebten uns beide in ihn, beschlossen dann aber, dass ich ihn bekomme. Die Leute glaubten, wir führen eine Ménage à trois mit wildem Sex, doch in Wirklichkeit war alles sehr unschuldig. Zwar schliefen wir tatsächlich zu dritt in einem Bett, wir hatten ja kein zweites. Aber die ersten Monate hielten wir bloss Händchen.

«Paul hatte schon von diesen dünnen Zwillingsmädchen aus Germany gehört und beraumte ein Rendez-vous an.»

Paul Getty war der Enkel des reichsten Mannes der Welt. Trug das nicht auch zu Ihrer Fasziniertheit bei?
Nein, Paul hatte ebenso wenig Geld wie wir. Seine Familie hielt ihn ja knapp. Geld interessierte uns höchstens, um damit die Welt zu verbessern. Wir fühlten uns als Revolutionäre, als Gottes erleuchtete Königskinder, die einen neuen Kosmos der Liebe erschaffen.

Woher kam Ihr Gefühl, zu etwas Besonderem auserkoren zu sein?
Unbewusst hatten uns das schon unsere Nazi-Eltern eingepflanzt. Die Nazis sahen ja die Deutschen als das auserwählte Volk. Wir waren sehr schockiert, als wir herausfanden, dass wir Mördereltern hatten, die auf Leichenbergen sassen. Unsere Generation wollte eine neue Welt entwerfen. Richtig erleuchtet fühlten wir uns aber erst, nachdem wir LSD genommen hatten, am Strand von Sperlonga. Ich sah meine Schwester übers Wasser laufen. Diese Liebeswellen, diese Schönheit, dieses Licht – eine unglaubliche Erfahrung!

Im Juli 1973 wurde Paul Getty von der kalabrischen ’Ndrangheta entführt. Bis heute ist ungeklärt, welche Rolle er selbst dabei spielte.
Das wird wohl für immer ein Enigma bleiben. Bis zu seinem Tod hat Paul kein Wort darüber verloren, was damals wirklich passiert ist. Fest steht, dass er Jutta und mich eines Tages in die verrückte Idee einweihte, sich entführen zu lassen. Er sagte: Ich bin der Lieblingsenkel meines Grossvaters. Der zahlt garantiert für mich.

Nach anfänglichen Bedenken fanden wir die Idee genial. Mit dem Geld könnten wir endlich unsere Filme drehen und einen Palazzo in Marrakesch kaufen, wo wir eine Auserwählten-Kommune gründen wollten.

Skrupel hatten Sie keine?
Nein. Je mehr wir uns in unsere Fantasien hineinsteigerten, desto wahrscheinlicher kam es uns vor, dass der Opa in Amerika unseren Mut und unsere Tatkraft sogar bewundern könnte. Wir waren entsetzlich naiv. Aus meiner Sicht waren das aber bloss Hirngespinste. Wir hatten jeden Tag fünf oder zehn verrückte Ideen. Einmal erwogen wir auch einen Banküberfall, so wie die RAF. Vorausgesetzt, man stand politisch auf der richtigen Seite, fanden wir das voll okay. Raub galt ja damals als revolutionäre Massnahme. Aber auch das war natürlich nur eine Fantasie, die uns Spass machte. Wir wollten nicht in den Knast.

Was dachten Sie, als Paul tatsächlich verschwand?
Wir hofften, er habe seinen Plan in die Tat umgesetzt, aber das war alles andere als klar. In den Tagen, bevor er verschwand, war er total paranoid. Er sagte immer wieder: Die werden kommen und mich holen. Zwei Männer haben uns ständig beschattet. Paul hatte ja Kontakte zu allen möglichen Gangstern. Von denen bekam er nicht nur seine Drogen, sondern er fand sie auch aufregend, wie eine Art Subkultur. Er wollte unter die Räuber gehen, weil er so wild und grenzgängerisch war. Er dachte: Ich bin schlauer als die. Dabei hatte er von diesen gewalttätigen Männerspielen keine Ahnung.

Auch Sie und Ihre Zwillingsschwester wurden der Mittäterschaft verdächtigt.
Ja, nachdem Paul etwa einen Monat weg war, hatte die italienische Polizei wohl mit den deutschen Behörden Kontakt aufgenommen und Wind davon gekriegt, dass wir bei einer kommunistischen Splitterorganisation aktiv gewesen waren. Die dachten, wir hätten die Entführung inszeniert, um mit dem Geld Waffen für die RAF zu kaufen. Plötzlich rasten zehn Autos auf uns zu, und zwanzig Polizisten sprangen raus. Wie im Film. Jutta und ich wurden eine ganze Nacht lang verhört, getrennt voneinander. Irgendwann kam dieser durchaus sympathische Kommissar rein und sagte: Ihre Schwester hat gestanden. Aber ich wusste, dass das nicht stimmt. Als Zwilling spürt man so was. Am nächsten Morgen mussten sie uns wieder gehen lassen.

Während Paul fast sechs Monate lang gefangen gehalten wurde, feierten Sie Partys und hatten eine Affäre mit dem brasilianischen Filmregisseur Glauber Rocha. Haben Sie die Lebensgefahr, in der Paul schwebte, einfach verdrängt?
Nein, wir wussten anfangs ja gar nicht, ob er wirklich in Gefahr ist. Wir wussten eigentlich gar nichts. Nach einer Weile gab es keine Nachrichten mehr über die Entführung. Auch mit Pauls Mutter Gail brach der Kontakt ab. Es gab Leute, die sagten: Pauls Grossvater hat ihn da längst rausgehauen. Den haben sie nach Arabien gebracht, da ist er jetzt in einer Privatschule, die Familie hat ihn total im Griff. Andererseits war ich überzeugt, Paul würde uns Bescheid geben, wenn es so wäre. Manchmal fragten wir uns, ob wir der Polizei nicht trotzdem ein paar Namen nennen sollten. Dann dachten wir: Vielleicht hat er die Entführung doch selbst inszeniert, und wir vermasseln ihm damit die Tour. Wir waren in einem furchtbaren Gewissenskonflikt.

Was denken Sie heute, hat Paul die Entführung selbst arrangiert?
Ich glaube nicht. Wahrscheinlich hatte er Schulden, und die Mafia sagte, jetzt ist Zahltag. Vielleicht hatte es anfangs auch eine Zusammenarbeit mit den Kidnappern gegeben, doch die hatten ganz bestimmt niemals vor, ihn zu beteiligen. Die ’Ndrangheta ist für ihre Grausamkeit berühmt. Als der Grossvater die geforderten 17 Millionen Dollar nicht zahlen wollte, schnitten die Entführer Paul ein Ohr ab und schickten es an eine Zeitung in Rom. Wegen eines Poststreiks im Süden kam es erst vier Wochen später an.

Das war dann definitiv kein Spiel mehr.
Nein, diese Grausamkeit übertraf all unsere Vorstellungen. Ich wollte gerade nach Deutschland, um meine Eltern zu besuchen, wartete am Bahnhof auf den Zug und kaufte mir eine Zeitung. Da stand es riesengross. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, zu zittern.

Pauls Grossvater heuerte den Ex-CIA-Mann Fletcher Chace an, der mit den Entführern verhandelte. Einige Zeit später kam Paul frei, gegen ein Lösegeld von knapp 3 Millionen Dollar. Wie war das erste Wiedersehen?
Ich fuhr mit grosser Angst ins Krankenhaus, Angst vor dieser schlimmen Wunde. Aber auch mit aberwitziger Freude, weil Paul lebte und frei war. Ich ging ins Zimmer, in dem er lag, und er war so ... stark!

Wie meinen Sie das?
Er wirkte wie jemand, der durch eine Schlacht gegangen und durch die Konfrontation mit seiner Todesangst unbesiegbar geworden war.

«Es stand ausser Zweifel, dass Paul auf eine Katastrophe zusteuerte. Wir fragten uns nur noch: Wird er alleine gehen, oder reisst er uns mit?»: Gisela Getty mit J. Paul Getty III. nach ihrer Hochzeit 1974 in Sovicille, Italien. Foto: Getty Images

In Wahrheit war Paul jedoch alles andere als stark.
Er war hoch traumatisiert. Er bekam zwar einen Therapeuten, aber von dem fühlte er sich nicht verstanden. Er fühlte sich von überhaupt niemandem verstanden.

Paul konsumierte exzessiv Drogen. War das eine verquere Form der Selbsttherapie?
Vielleicht. Nachts kämpfte er mit seinen Dämonen, hatte Albträume und Panikattacken, hörte die Stimmen seiner Entführer. Stille ertrug er gar nicht, der Fernseher musste dauernd laufen. Seine Angst betäubte er mit immer mehr Heroin. Paul hatte sich jedoch schon vor der Entführung stark zu Drogen hingezogen gefühlt. Er war ein extremer Grenzgänger. Bei ihm war alles exzessiv, chaotisch und wild. Immer von allem zu viel. Immer mit einem Bein schon drüben.

Trotzdem heirateten Sie Paul Getty und bekamen 1975 ein Kind von ihm, Balthazar. Auch Ihre Tochter Anna nahmen Sie wieder zu sich. Zu viert begannen Sie ein neues Leben in Los Angeles. Auf Familienfotos aus dieser Zeit sehen Sie erschütternd traurig aus.
Es war eine harte Zeit. Die ganzen Stars in Hollywood nahmen uns zwar mit offenen Armen auf. Wir feierten mit Barbra Streisand, Ryan O’Neal, Vanessa Redgrave, Patti Smith, Kris Kristofferson oder Tom Waits. Aber wir hatten überhaupt kein Geld. Oft wusste ich nicht, womit ich die Kinder füttern sollte. Und Paul rutschte immer tiefer in die Drogen ab. Mehr als einmal sagte er: Ich schaue meiner Zerstörung zu und kann nichts dagegen tun. Es stand ausser Zweifel, dass er auf eine Katastrophe zusteuerte. Wir fragten uns nur noch: Wird er alleine gehen, oder reisst er uns mit?

«Meine Hypothese ist, dass Pauls Schlaganfall sein Weg war, aus dieser kaputten Familie auszusteigen.»

Sie sprechen von Armut und Hunger. Wurden Sie denn nicht von der Familie Getty unterstützt?
Nein, die hatte Paul total fallen gelassen. Als er nach seiner Befreiung den Grossvater auf dessen englischem Landgut anrief, um sich zu bedanken, weigerte der sich, den Anruf entgegenzunehmen. Auch der Vater wollte ihn nicht sehen. Diese Gefühlskälte hat wesentlich zu Pauls Trauma beigetragen, glaube ich. Nur seine Mutter Gail, die von Pauls Vater geschieden war und selbst kein Geld hatte, hielt zu ihm.

Wann trat die Katastrophe ein, die Sie alle befürchteten?
Eines Tages kam ich mit den Kids in die Wohnung und sah den Anrufbeantworter wild blinken. Drei, vier Nachrichten, alle von Gail: Du musst sofort kommen, Paul liegt im Koma. Durch einen Drogencocktail aus Valium, Methadon und Alkohol hatte er einen Schlaganfall erlitten, mit 25 Jahren. Anfangs dachte niemand, dass er überlebt. Da kam schon der Priester für die letzte Ölung. Doch Paul hielt noch 30 Jahre durch, fast vollständig gelähmt und so gut wie blind.

Konnte er noch sprechen?
Anfangs nicht. Später gelangen ihm einzelne Wörter, die er stotternd aus sich herauspresste. Jeder Laut war eine Herausforderung für ihn. Ich musste erst lernen, ihn zu verstehen. Wie klar er im Kopf war, ist schwer zu sagen. Doch er war sehr sensibel und intuitiv. Wenn ich down war und mich neben ihn legte, hat er meine Stimmung sofort bemerkt und gefragt: w-w-w-what’s the m-m-m-matter?

Pauls Vater weigerte sich, die Pflegekosten seines Sohnes zu übernehmen, und musste erst von einem Gericht dazu verurteilt werden.
Ja, furchtbar, nicht? Der Vater, der ja auch ein Junkie war, fand, Paul sei an seiner Situation selbst schuld. In dieser Familie ging es nie um Liebe, immer bloss um Geld. Auch von dem Lösegeld hatte der reiche Grossvater ja nur einen Teil übernommen, den Rest hatte er Pauls Vater bloss geliehen. Später musste der Vater alles mit 4 Prozent Zinsen zurückzahlen. Meine Hypothese ist, dass Pauls Schlaganfall sein Weg war, aus dieser kaputten Familie auszusteigen. Endlich musste er deren Erwartungen nicht mehr erfüllen. Die Familie kriegte zwar seinen Körper, aber sein Geist war frei.

Er sass im Rollstuhl und konnte nur noch den Kopf bewegen. Eine triste Art von Freiheit.
Das sah er anders. Er wirkte nie deprimiert. Wenn ich ihn fragte, ob er sein altes Leben vermisse, hat er immer Nein gesagt. Auch seine Schwester sagte: Jetzt hat er endlich seine Ruhe.

Wie lange waren Sie beide noch ein Paar?
Schon vor dem Schlaganfall waren wir nicht mehr richtig zusammen. Paul flippte damals durch die Weltgeschichte, ging mit Patti Smith auf Tour, hatte hier eine Liebhaberin und da ein Projekt. Ich wollte Schluss machen mit dieser nomadischen Lebensweise und mehr Ruhe in mein Leben und das der Kinder bringen. Doch Paul und ich waren immer eng miteinander verbunden, bis zu seinem Tod. Auch nach dem Schlaganfall blieb er ein grosser Womanizer. Erst war er mit der Nachtschwester zusammen, später mit einem ehemaligen Callgirl, eine liebenswürdige Frau, die auch eine Freundin von mir wurde.

Er litt also nicht unter Einsamkeit?
Definitiv nicht. Jutta und ich haben damals als Journalistinnen gearbeitet und für «Tempo», «Wiener» oder das «Interview Magazine» eine ganze Reihe von Stars getroffen. Wir kannten die alle, das waren ja unsere Freunde. Da nahmen wir Paul manchmal mit. Er konnte natürlich nicht viel sagen, aber das machte nichts. Manchmal fuhren wir mit einem grossen Bus in andere Städte, da hatte er hinten ein Bett drin. Wir wollten, dass er teilhaben und kreativ sein kann.

«Der Vater, der ja auch ein Junkie war, fand, Paul sei an seiner Situation selbst schuld»: Jean Paul Getty III. und Gisela Getty in Los Angeles. Foto: Getty Images

Am 5. Februar 2011 starb Jean Paul Getty III. auf seinem Landsitz im englischen Stokenchurch, den seine Mutter Gail zu einer Art privater Intensivstation hatte umbauen lassen. Während der letzten beiden Lebensjahre hatte Gisela Getty fast pausenlos an seiner Seite gewacht. Auf die Frage, warum sie sich denn überhaupt habe scheiden lassen, antwortet sie mit einem kleinen, traurigen Lächeln: «Die Familie wollte das so.»

Auf keinen Fall sollte Paul Gettys Vermögen nach dessen Tod in die Hände dieser unberechenbaren Hippie-Frau übergehen, die es womöglich verschleudern würde oder noch schlimmer: verschenken. Sie bekommt seit der Scheidung eine Art Leibrente, die sie mit Einkünften aus allen möglichen Projekten aufbessert. Eine Weile war sie Mitglied einer japanischen Taiko-Trommeltruppe, sie schrieb Theaterstücke, drehte mit ihrer Schwester einen Dokfilm über den LSD-Guru Timothy Leary. Gisela Getty wirkt, als ob ihr Materielles wenig bedeute. In einer Luxusresidenz kann man sie sich nicht vorstellen. Der Getty-Familie muss sie tatsächlich vorgekommen sein wie von einem anderen Stern.

Drei Stunden schon dauert das Gespräch, und die auf die 70 zugehende Interviewpartnerin zeigt nicht die geringsten Ermüdungserscheinungen. «O Gott, ich hab grad einen Laberflash», entschuldigt sie sich, «müssen Sie das etwa alles transkribieren?» Ja, müssen wir, doch das ist mitnichten ein Problem, denn was Getty erzählt, ist so farbig und schillernd, dass man tagelang zuhören könnte. Das liegt nicht nur an den filmreifen Ereignissen und dem glamourösen Personal, das Gettys Leben bevölkert, sondern auch an der buddhahaften Gleichmut, mit der sie ihre Irrtümer und Fehlgriffe eingesteht. Da muss nichts beschönigt werden, bloss um sie besser aussehen zu lassen.

Stimmt, sagt sie, die Kinder hatten es wirklich nicht leicht. «Das klassische Mutterprogramm haben sie von mir nicht gekriegt. Ich habe zu ihnen gesagt: Ich mache alles, was ich will. Und ihr könnt dabei sein.» Tochter Anna aus der Ehe mit dem Schauspieler Rolf Zacher, die ihre ersten zwei Lebensjahre bei Grosseltern und Onkel verbracht hatte, erlebte die Mutter als vollkommen Fremde, als diese sie schliesslich zu sich nach Amerika holte. Und Sohn Balthazar, der den Vater so oft zugedröhnt erlebt hatte, trat später auf die schlimmstmögliche Weise in dessen Fussstapfen: Er wurde für viele Jahre ein Junkie. Die tragische Familientradition der Getty-Männer, ihren Lebensschmerz mit Heroin zu betäuben, führte er damit in dritter Generation fort.

«Wir hatten keinen tollen Sex. Das ist bloss ein Mythos.»

Trotzdem pflegt Gisela Getty heute zu beiden Kindern eine innige Beziehung. «Vielleicht hatte es auch Vorteile, dass sie nicht mein einziger Lebensinhalt waren», sagt sie. «Ich habe ihnen ihre Freiheit gelassen und sie niemals mit pädagogischen Ambitionen überfrachtet.» Tochter Anna ist heute Yogalehrerin und produziert Filme, in denen es um Klima und Nachhaltigkeit geht. Sohn Balthazar, inzwischen clean, arbeitet als Musiker und Schauspieler. Zuletzt war er in der Neuauflage der Serie «Twin Peaks» zu sehen.

Was die Partnerwahl betrifft, ging Gisela Getty auch nach ihrer Ehe mit Jean Paul Getty den üblichen Normen konsequent aus dem Weg. Mit dem Schauspieler Dennis Hopper erlebte sie Ende der Siebziger eine wilde Affäre. Der Schwerenöter schnüffelte gerne an den Slips beider Zwillinge, doch bekommen hat ihn schliesslich Gisela. Hopper schleppte sie in sein Refugium nach New Mexico, wo er im Koksdelirium mit einem Maschinengewehr um sich ballerte und drohte, alle umzubringen.

Hat Getty ein Faible für dysfunktionale Männer? «Menschen, die sehr normal sind, finde ich beängstigender», sagt sie, «weil ich weiss, dass die Gewalt in jedem schlummert.» Dennis Hopper sei «echter» als all die angeblichen Biedermänner, «da ist es intensiv, da kann ich die Welle surfen». Das klingt, mit Verlaub, ziemlich naiv, vor allem, wenn man gerade in den Lauf einer geladenen Waffe blickt. «Ich bin eben auch eine Grenzgängerin, die immer noch ein Stück weiter gehen will, genau wie Paul», sagt Getty.

Mit deutlich spürbarer Traurigkeit erzählt sie, dass ihr letzter Lebensgefährte sie vor kurzem verlassen habe, nach zwanzig Jahren, für eine Frau, die «bürgerlicher» sei als sie selbst. «Für mich war das eine grosse Enttäuschung, auch wenn ich mich für die Trennung mitverantwortlich fühle.» Dass sie sich noch einmal auf einen neuen Geliebten einlassen wird, glaubt sie nicht.

Gisela Getty hat fast pausenlos an seiner Seite gewacht: Jean Paul Getty III. starb am 5. Februar 2011 auf seinem Landsitz im englischen Stokenchurch. Foto: Getty Images

Eine andere zentrale Männerfigur in Gisela Gettys Leben ist seit bald vier Jahrzehnten Rainer Langhans. Entdeckt hatte ihn Zwillingsschwester Jutta, doch auch Gisela gehörte bald zu seinem sogenannten «Harem». Langhans, eine prominente Figur der 68er, hatte in Berlin die Kommune I mitbegründet. Nach seiner Trennung von Uschi Obermaier, dem anderen grossen It-Girl der deutschen Hippiebewegung, wandte er sich ganz dem Spirituellen zu. Auf Samenergüsse wollte er fortan verzichten, da ihn dies «traurig und leer» mache.

Wie kommt es, dass sich Gisela Getty nach all dem tollen Sex und den schönen Drogen ausgerechnet einem Mann zuwandte, der lebt wie ein Mönch? «Wir hatten keinen tollen Sex, übrigens», sagt sie so unbefangen, als spreche sie über die korrekte Aussaat von Tulpenzwiebeln. «Das ist bloss ein Mythos, der leider nicht auszurotten ist.» Die meisten Hippies seien schüchtern und verklemmt gewesen, «ich selbst bin es bis heute». Irgendwann hätten ihr die üblichen «Ekstasetechniken» wie Sex und Drogen einfach nicht mehr gereicht, «ich fühlte mich bloss noch gehetzt und unglücklich».

Damals, Ende der Siebzigerjahre, wollte sie erst zu Bhagwan nach Poona, dann entschied sie sich doch für Langhans in München. Mit dem wannenwarmen Gefühl, Gottes Lieblingskinder zu sein, war es für die Zwillinge nun vorerst vorbei. Stattdessen wurde wochenlang gefastet, nächtelang meditiert und rund um die Uhr im Morast der eigenen Schattenseiten gestochert. Das klingt, nun ja, anstrengend. «Und wie», sagt Gisela Getty mit gequältem Lächeln. «Manchmal haben Jutta und ich uns hinterm Auto versteckt, wenn wir Rainer von Weitem sahen. Und trotzdem gingen wir immer wieder hin.» Was ist Langhans für sie: Guru? Therapeut? Spiritueller Freund? «In erster Linie eine permanente Herausforderung», sagt Gisela Getty. Bis vor wenigen Jahren habe man sich jeden Tag getroffen, «dann sass immer einer auf dem heissen Stuhl».

«Immer war da noch die andere, die einen daran hinderte, ein eigenständiger Mensch zu sein.»

Gisela Getty ist kein glücklich in sich ruhender Mensch, sondern eine Suchende. Rastlos fahndet sie nach dem Shangri-La, das irgendwo in ihrem Inneren versteckt sein muss. Auf ihrer lebenslangen Expedition durch die Abgründe der Seele hatte sie bisher stets die Zwillingsschwester an ihrer Seite, ihr «Anders-Ich», symbiotisch verbunden im Guten wie im Schlechten. Doch im Februar 2017 starb Jutta Winkelmann an einer Krebserkrankung – für Gisela Getty die wohl härteste Zäsur ihres Lebens.

Erste Menstruation, erster Sex, erste Scheidung – alles geschah bei Jutta und Ihnen am selben Tag. Ist so eine Zwillingsexistenz eigentlich ein Fluch oder ein Segen?
Es war eine glühende Hassliebe. Es gab auch viel Neid und Rivalität. Vor wenigen Jahren haben Jutta und ich uns sogar noch einmal geprügelt!

Was war der Grund?
Ach, irgendeine Kleinigkeit, die uns mal wieder vor Augen führte, wie einem die Schwester vermeintlich das Leben raubt.

Das war das Grundgefühl, das Sie beide hatten?
Ja, wir konnten nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander. Immer war da noch die andere, die einen daran hinderte, ein eigenständiger Mensch zu sein. Das fühlte sich wie ein Gefängnis an, ein Zwillingsgefängnis, in dem man Gefangene war und gleichzeitig Wärterin, die die andere bewachte. Vielleicht ist Jutta auch deswegen gestorben, um endlich einen Weg für sich allein zu finden. Sie sagte: Ich muss aus dieser Zwillingsblase raus, wenigstens auf den letzten zehn Metern.

«Sie sagte: Dem Teufel geb ich nichts an mir zu nagen. Trotzdem sah sie unglaublich jung aus.»

Ist ihr das gelungen?
Ich glaube, ja. Sie hat mich weggeschickt, nach L.A., und gesagt: Jetzt kümmere ich mich nur noch um mich. Erst als es ihr etwa drei Monate vor ihrem Tod plötzlich schlechter ging, bin ich wiedergekommen. Darüber freute sie sich, aber sie hatte sich schon von mir getrennt, um sich ganz nach innen zu richten.

Wie haben Sie Ihre Schwester in diesen letzten Wochen erlebt?
Zweieinhalb Monate, bevor sie gestorben ist, hat sie aufgehört zu essen. Sie hat gesagt: Jetzt setze ich nochmal alles auf eine Karte und faste 43 Tage lang. Dann ist der Krebs ausgehungert. Das hat natürlich nicht geklappt. Nach diesen 43 Tagen konnte sie gar nichts mehr zu sich nehmen, ausser ein bisschen verdünnten Karottensaft. Am Ende wog sie noch 27 Kilo. Sie sagte: Dem Teufel geb ich nichts an mir zu nagen. Trotzdem sah sie unglaublich jung aus. Und wunderschön. Diese Ausstrahlung, sie leuchtete richtig!

Es gab Momente, in denen ich das selbst nicht fassen konnte. Ich sagte mir, du erlebst gerade das Entsetzlichste, was du dir vorstellen kannst. Nachts lag ich voller Angst im Bett. Ich wünschte mir so sehr, aufzuwachen, und alles wäre bloss ein böser Traum. In anderen Momenten spürte ich eine tiefe Ruhe in mir.

Hatte Ihre Schwester Schmerzen?
Abartige Schmerzen. Sie hatte ja Knochenkrebs, zwei Tumore sassen direkt am Rückenmark. Manchmal hat sie zu mir gesagt: Gisela, bring mich um. Ich halts nicht mehr aus. Aber sie wollte keine Morphin-Pumpe. Sie sagte: Ich hab doch nicht 40 Jahre lang meditiert, um mich jetzt völlig kirre im Kopf machen zu lassen. Auch das Palliativteam schickte sie am Ende weg.

Sie hat diese irrsinnigen Schmerzen einfach ausgehalten?
Ja, sie wollte alles bewusst miterleben. Am Ende war sie nur noch in Tiefenmeditation. Meistens hat sie uns aus dem Zimmer geschickt und gesagt: Ich muss noch tiefer gehen. Dort, wo sie war, hat sie Schönes erlebt, aber auch Schreckliches. Sie ging durch tausend Leben. Einmal hat sie gesagt: Jetzt bin ich bei den Haiku-Mönchen, die sind in der Ruhe hinter der Ruhe. Da war sie schon halb aus dem Körper.

«Wir haben eine Stunde lang bei ihr gesessen und meditiert.»

Hatte sie Angst vor dem Tod?
Furchtbare Angst. Sie fühlte sich, als müsse sie über einen dunklen Graben springen, und wisse ganz genau, dass sie reinfallen wird. Doch als es auf das Ende zuging, sagte sie plötzlich: Jetzt bin ich gesprungen, und als ich mich umdrehte, habe ich gesehen, dass es da gar keinen Graben gibt. Dann wurde sie ruhiger, immer ruhiger, bevor schliesslich das Rasseln anfing. Das kannte ich schon von meiner Mutter. Und von Paul.

Waren Sie bei ihr, als sie starb?
Nein, ich habe immer bis zwei, drei Uhr nachts bei Jutta gewacht, dann hat ihr Sohn Severin für den Rest der Nacht übernommen. Um sechs Uhr früh war das Rasseln plötzlich weg. Da war sie gegangen. Wir haben eine Stunde lang bei ihr gesessen und meditiert. Dann habe ich sie gemeinsam mit Severins Frau gewaschen und ihr Bett frisch bezogen. Zum ersten Mal seit langem schien an diesem Februarmorgen wieder die Sonne. Auf dem Balkon war das erste Schneeglöckchen aufgegangen, das legte ich ihr aufs Bett.

Was sind Sie nun als verwaister Zwilling? Die zurückgebliebene Hälfte eines Ganzen?
Das weiss ich noch nicht so genau. Ich muss mich erst neu erfinden. Juttas Tod ist wie eine Amputation. Es ist hart, aber ich habe keine Wahl. Ich verdränge nichts. Wenn ich weinen muss, dann weine ich. Danach trockne ich mir die Augen und mache weiter.

«Zu zweit waren wir eine Macht. Alleine als Frau kann man ja schnell verloren gehen.»

Weder Sie noch Jutta haben jemals zu einem Mann «Ich liebe dich» gesagt. Warum?
Weil es gelogen gewesen wäre. Dieses Paarglück war uns nicht vergönnt. Unsere Beziehungen sind alle gescheitert.

Liegt es daran, dass keine Paarbeziehung so stark und tief war wie diejenige zu Ihrer Schwester?
Wahrscheinlich. Die geheimen Plätze in mir durften nur von Jutta bewohnt werden. Zu zweit waren wir eine Macht. Alleine als Frau kann man ja schnell verloren gehen. Ehe man sich umguckt, wird man von einem Mann kolonialisiert und verfällt in alte Rollenmuster. Jutta und ich wollten aber das machen, was bisher nur die Männer gemacht hatten. Wir gingen einfach raus in die Welt und erfanden alles neu.

Wann fehlt sie Ihnen am meisten?
Es gibt so vieles, das ich gern mit ihr besprechen würde. Das Gegenüber, das ich hatte, ist plötzlich weg. Das muss ich jetzt in mir selbst finden. Doch Jutta ist nicht wirklich verschwunden. Wenn etwas Positives passiert, habe ich oft das Gefühl, es kommt von ihr. Das können ganz kleine Dinge sein, wenn mich jemand anlächelt zum Beispiel. Plötzlich kommt da so eine Liebe durchgeweht. Dann sage ich immer: Danke, Juttchen. (Annabelle)

Erstellt: 06.03.2018, 09:59 Uhr

Die Getty-Story in Film, Buch und Fernsehen

  • Jetzt im Kino: «All the Money in the World» von Ridley Scott. Mit Christopher Plummer in der Rolle des Ölmagnaten Jean Paul Getty I., Michelle Williams als Pauls Mutter Gail Harris sowie Mark Wahlberg als Ex-CIA-Agent Fletcher Chace. Grossartige Ausstattung, aber emotional nicht sehr tiefschürfend. Die Zwillinge kommen im Plot nicht vor.

  • 2008 verarbeiteten Gisela Getty und Jutta Winkelmann mithilfe des Autors Jamal Tuschick ihre wilde Jugend im Buch «Die Zwillinge oder: Vom Versuch, Geld und Geist zu küssen» (erschienen bei Weissbooks). Eben ist unter dem Titel «Kidnapping Paul» ein Auszug davon als Neuauflage erschienen (auch bei Weissbooks, 192 Seiten, ca. 29 Franken). Toll geschriebene Rückschau auf die bisweilen erschütternd naiven Utopien der 68er.

  • Am 25. März startet die Fernsehserie «Trust» von Danny Boyle über den ebenso glamourösen wie abgründigen Getty-Clan. Staffel eins der hochkarätig besetzten Saga - Donald Sutherland als Jean Paul Getty I., Hilary Swank als Gail Harris, Brendan Fraser als Fletcher Chace, Laura und Sarah Bellini als Gisela Getty und Jutta Winkelmann – widmet sich der Entführung.

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