Attraktive Menschen wählen eher bürgerlich

Das Aussehen prägt genauso wie Herkunft, Status und Bildung. Das hat Folgen für die politische Gesinnung, wie zwei US-Forscher in einer gross angelegten Studie nachweisen konnten.

Da gut aussehenden Menschen vieles leichter fällt, halten sie Verbesserungen für weniger notwendig. Foto: Getty Images/Al Drago

Da gut aussehenden Menschen vieles leichter fällt, halten sie Verbesserungen für weniger notwendig. Foto: Getty Images/Al Drago

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Babys sind unfair. Und knallhart. Sie schauen nicht einfach freundlich und freudig und total demokratisch alles interessiert an, was sich so über sie beugt. Sie sind viel selektiver. Denn sie bevorzugen Schönes. Und vor allem: schöne Menschen. Babys schauen attraktive Gesichter nachweislich länger an – ob jene von anderen Babys oder von Erwachsenen. Schönheit weckt offensichtlich ihr Interesse.

Das heisst auch: Menschen scheinen über einen angeborenen Sinn für Schönheit zu verfügen. Oder über einen angeborenen Sinn für Harmonie und Symmetrie, darum geht es bei Attraktivität ja vor allem. Babys sind weder medial noch von der Werbung verdorben, sie wissen nichts von herrschenden Körper- und Schönheitsidealen, und trotzdem reagieren sie just auf das, was gemeinhin als ansehnlich gilt.

Schönheit macht ignorant

Dieses Verhalten sollte man nicht unterschätzen. Denn es hat Folgen. Zwei amerikanische Forscher haben nun im Wissenschaftsmagazin «Journal of Public Economics» eine Studie veröffentlicht und zeigen darin auf, dass das Aussehen genauso prägt wie Herkunft, Bildung und Status. Dass das Erscheinungsbild ein wesentlicher Bestandteil der Sozialisierung ist und damit auch einen Einfluss darauf hat, wie jemand die Welt sieht. Rolfe Daus Peterson und Carl L. Palmer schreiben: «Die Versuchung ist gross, den Einfluss der Attraktivität im Vergleich mit anderen Faktoren der ­Sozialisierung als oberflächlich und zweitrangig abzutun. Aber es wäre ein Fehler.»

Palmer und Peterson konnten vielmehr nachweisen, dass die Sozialisierung aufgrund des eigenen Äusseren ­direkte Folgen auf die politische Gesinnung hat. Konkret: Die beiden Forscher zeigen auf, dass attraktive Menschen eher bürgerlich wählen. Und sie erklären auch, weshalb.

Schöne Menschen gehen leichter durchs Leben. Das prägt sie, von klein auf. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass hübsche Kinder von ihren Eltern bevorzugt werden. Und von den Lehrern besser benotet. Als Erwachsene verdienen sie mehr Geld, was vor allem für die Frauen gilt. Sie sind erfolgreicher. Und: Als Politikerinnen und Politiker glaubwürdiger. Was, wie Peterson und Palmer schreiben, ihre Wahlchancen erhöhe.

Niemand will hässlich sein

Das allein ist schon ungerecht genug, aber dazu gesellt sich auch noch der «Halo»-Effekt: Wer ein Gegenüber zum ersten Mal sieht, fällt im Bruchteil einer Sekunde ein Urteil und schreibt ihm oder ihr bestimmte Charaktereigenschaften zu. Und da profitieren die schönen Menschen erneut: Es wird ihnen vor allem Positives unterstellt («Halo» kommt von Heiligenschein).

Ein ansprechendes Äusseres sorgt dafür, dass man als sympathischer, klüger und ja, auch erfolgreicher wahrgenommen wird. Dem schönen Menschen wird demnach, bevor er das alles überhaupt ist, von der Umgebung bereits vermittelt, dass er oder sie zu den Gewinnern gehört, dass ihm oder ihr die Welt sozusagen zu Füssen liegt. Das wiederum sorgt dafür, dass er oder sie diese Aussenwahrnehmung verinnerlicht und wiederum entsprechend auftritt.

Aber gerade weil sie wegen ihrer Attraktivität auf der Sonnenseite stehen, entwickeln sie einen blinden Fleck für die Widrigkeiten des Lebens. Aus Sicht der optisch Ansprechenden ist die Welt nicht ungerecht oder zumindest nicht sehr, und feindselig auch nicht. Sie halten Verbesserungen der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse für unnötig, weil sie seltener unter den Umständen leiden. Und genau das sorgt dafür, dass sie linken Anliegen gegenüber weniger offen sind. Etwas direkter formuliert: Ihr gutes Aussehen macht sie den Bedürfnissen und Nöten der weniger Privilegierten gegenüber ignorant.

«Schön wählt rechts» greift zu kurz

Peterson und Palmer verwendeten Daten aus zwei grossen nationalen US-Untersuchungen: aus Befragungen nach Präsidentschaftswahlen sowie jener Langzeituntersuchung, die seit 1957 läuft und in regelmässigen Abständen die Daten von über 10'000 ehemaligen Highschool-Absolventinnen und -Absolventen erfasst. Das Resultat scheint zu bestätigen, was kürzlich Studien in den USA und Europa gezeigt hatten: dass bürgerliche Politikerinnen und Politiker häufig attraktiver sind als ihre linken Kolleginnen und Kollegen.

Peterson und Palmer wissen um die Empörung, die ihre Untersuchung hervorrufen wird. Und sie betonen auch, die Formel «schön wählt rechts» greife zu kurz, es gehe um eine Tendenz, und diese lasse sich zudem soziologisch erklären.

Aber natürlich treffen sie einen wunden Punkt. Dass das Äussere eine zentrale Rolle spielt im Leben, wie sie gleich zu Beginn ihrer Studie schreiben, wird gerne in Abrede gestellt. Und doch mag niemand das Etikett «unattraktiv» verliehen bekommen, wird es doch gar als beleidigend und verletzend empfunden. Der linke «Guardian» jedenfalls, der darüber berichtete, schrieb vorsichtshalber gleich im ersten Satz: «Das Ergebnis dieser Studie wird unseren Lesern höchstwahrscheinlich nicht gefallen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2018, 19:55 Uhr

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