Schlechte Noten für Eltern

Viele Eltern machen den Lehrern die Hölle heiss, wenn ihr Kind schlecht abschneidet. Das schadet aber vor allem ihren Sprösslingen.

Immer behütet und beschützt: Kinder mit ihren Eltern. Foto: iStockphoto

Immer behütet und beschützt: Kinder mit ihren Eltern. Foto: iStockphoto

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Zugegeben, ich habe es auch schon getan. Ich habe die Lehrerin meiner Tochter kontaktiert. Weil ich mit einem geplanten Ausflug nicht einverstanden war. Oder weil mich eine Zeugnisnote irritierte. Und ich gebe zu: Ich bin nicht stolz darauf. Eltern sollen sich grundsätzlich nicht in schulische Angelegenheiten einmischen und schon gar nicht die Autorität der Lehrer untergraben. Theoretisch. Geht es aber ums eigene Kind, ist es mit der Zurückhaltung schnell vorbei. Da kochen die Emotionen hoch, und der Griff zum Hörer ist schneller getan als ein tiefer Atemzug.

Denn wer wünscht sich für seine Kinder nicht das Beste und will sie nicht vor Ungerechtigkeiten bewahren? Sie sollen es gut haben im Leben. Darum setzen wir uns für sie ein. Doch es gibt Eltern, die ihre erzieherischen Pflichten missverstehen und sich einen Sport daraus machen, die Kompetenzen der Pädagogen in Frage zu stellen. In St. Gallen etwa trauten Mütter und Väter bei einem Wettrennen letzten Sommer den Lehrern nicht zu, ihre Kinder richtig zu klassieren. Sie verlangten digitale Zeitmessung, Zielfotos und Zeitlupe. Ihre Forderungen gingen so weit, dass sich die Schulleitung gezwungen sah, das Rennen abzusagen.

Belastung ist gross

Dieses Beispiel ist nur ein besonders spektakuläres von vielen und ein Hinweis darauf, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern ist. Und zwar so sehr, dass sich kürzlich der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer veranlasst sah, einen 52-seitigen Leitfaden zu verfassen, an dem sich Lehrer im Umgang mit sogenannten Problemeltern orientieren können. Was zur Vermutung verleiten könnte: Schwer erziehbar sind nicht nur manche Kinder, sondern inzwischen auch viele Eltern.

Die schlechte Beziehung zwischen Eltern und Lehrern erhöht den Druck, der auf den Pädagogen lastet – sowohl in zeitlicher als auch in psychischer Hinsicht. Die Belastung ist so gross, dass jeder zweite Junglehrer dem Klassenzimmer in den ersten fünf Jahren nach Berufseinstieg vorübergehend oder endgültig den Rücken kehrt. Grund dafür sind nicht zuletzt die vielen Überstunden und die schlaflosen Nächte, welche die zunehmende Elternarbeit mit sich bringt.

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Depressionen.

Umtriebige Väter und Mütter drohen mit dem Anwalt, wird das Kind nicht in die Sek A eingestuft. Sie stehen unangemeldet im Klassenzimmer, weil ihnen der neue Sitznachbar des Sprösslings nicht passt. Und sie belästigen die Lehrerin spätabends mit Telefonanrufen, weil der Geburtstag der Tochter nicht angemessen gefeiert wurde.

Diese Entrüstungskultur gedeiht prächtig in einem gesellschaftlichen und schulischen Umfeld, wo das Streben nach Perfektion und Leistung allgegenwärtig ist. Das fängt schon in der Primarschule an. Frühenglisch und Frühfranzösisch, Mathe, Geometrie, Mensch und Umwelt – kurz: mehr Stoff in weniger Zeit. Der Druck auf die Kinder ist immens, manche verzweifeln und kommen abends frustriert nach Hause. Andere zerbrechen am Druck und müssen ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Depressionen, und die Aufnahmezahlen in den Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie haben sich in den letzten zehn Jahren vervielfacht. Das geht aus Zahlen verschiedener Kliniken hervor.

Doch wer muss zu Hause den Frust der Kinder aushalten? Wer leitet sie an, mit schwierigen Situationen fertig zu werden? Wer motiviert sie, durchzuhalten oder ein klärendes Gespräch mit dem Lehrer zu führen? Wer bleibt streng, wenn sie zu müde sind für ihre Hausaufgaben? Klar, all das ist kein Vergnügen. Erziehen ist anstrengend. Vielen Eltern fehlt dazu abends die Kraft, denn auch sie stecken in der gesellschaftlichen Perfektionsfalle. Weil sie im Job reüssieren müssen. Weil der Garten gepflegt sein will. Das Haus geputzt. Die Wäsche gewaschen. Alles muss erledigt sein, lieber gestern als heute.

Den Frust des Kindes halten die Eltern kaum aus.

Und eben diese im roten Bereich drehenden Eltern sehen sich mit einem Schulsystem konfrontiert, das ihren Schützlingen alles abverlangt. Den Frust des Kindes halten die Eltern kaum aus. Es plagt sie ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht genügend Zeit und Kraft aufbringen, dem Kind mit Geduld, Verständnis, aber auch mit einem gewissen Mass an Strenge und Konsequenz beim Überwinden seiner Probleme beizustehen. Denn das ist mit viel Energie und emotionalem Aufwand verbunden. Da fällt es leichter, das Telefon zur Hand zu nehmen und den Lehrer zu massregeln, als mit der Tochter über die Gründe für eine schlechte Mathenote zu diskutieren oder sich mit ihr hinzusetzen und zu büffeln, damit der nächste Test besser wird.

So kommt es, dass solche Eltern dann vom Lehrer fordern, die Tochter möge die Matheprüfung wiederholen, weil sie in der Nacht davor doch gar schlecht geschlafen habe. Dass sie vor den Schulhäusern mit ihren Autos allmorgendlich für ein Verkehrschaos sorgen, weil sie dem Sohn 500 Meter Fussmarsch nicht zumuten wollen. Oder dass sie, wie die Eltern in St. Gallen, digitale Zeitmessungen verlangen bei einem Wettlauf, damit das Kind nicht fälschlicherweise auf Platz 25 statt 22 in der Rangliste erscheint. Im Vokabular der Pädagogen gibt es für derart umtriebige Väter und Mütter einen Fachbegriff: «Helikoptereltern» – sie kreisen stets um ihre Kinder, um sie zu beschützen und zu behüten.

Übermässige Fürsorge

Rein emotional kann ich als Mutter nachvollziehen, dass man dem Kind Schwierigkeiten ersparen will. Neulich etwa war meine Tochter auf der Suche nach einem Platz für den Zukunftstag. Sie wollte ihn bei der Polizei verbringen und bat mich, dort anzurufen. Ich stand kurz davor, es zu tun, liess es dann aber sein. «Was lernt meine 12-Jährige daraus?», fragte ich mich. Stattdessen ermutigte ich sie, sich zu überwinden und den Anruf selbst zu machen. Sie brauchte eine halbe Stunde. Dann tippte sie mit zitternden Fingern und hochrotem Kopf die Nummer ein.

Einen Platz bei der Polizei bekam sie zwar nicht, dafür einen weiteren Tropfen in ihr Glas vom Selbstvertrauen. «Nicht so schlimm», sagte sie nach der Absage. «Jetzt versuche ich mein Glück bei einem Restaurant.» Das tat sie und bekam prompt eine Zusage.

Mit ihrer übermässigen Fürsorge erweisen Eltern ihren Kindern einen Bärendienst. Denn wer ihnen alles Schwierige abnimmt, verhindert die Erfahrung, dass bei jedem Versuch die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen ist und dass man gestärkt daraus hervorgehen kann. Haben Kinder es einmal erlebt, wissen sie, dass die Welt wegen einer Enttäuschung nicht untergeht. Doch wie sollen sie das lernen, wenn die Eltern sie nicht lassen? Und wie soll das Kind später in der Erwachsenenwelt in Krisensituationen Kräfte mobilisieren und mit Problemen selber fertig werden?

Lassen wir Lehrer Lehrer sein

Kein Wunder, kamen US-Wissenschaftler in einer Studie zum Schluss, dass Kinder von überbehütenden Eltern weniger selbständig und kompetent sowie anfälliger für Depressionen sind. Und Kinderpsychologen sind sich einig: Überbehütung kann ähnlichen Schaden in der kindlichen Psyche anrichten wie Vernachlässigung.

So dramatisch und kompliziert die Situation klingt, so einfach wäre sie zu lösen. Mit mehr Gelassenheit und Vertrauen. In die Lehrer, die pädagogisch geschult sind und wissen, was sie tun. Und in unsere Kinder. Sie sind stärker, als wir ahnen, können Schwierigkeiten überwinden und aus Fehlern lernen. Darum: Lassen wir Lehrer Lehrer sein, damit unsere Kinder Kinder sein können.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 22.01.2018, 13:20 Uhr

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