Pädophile ködern Minderjährige auf Magersucht-Blogs

Um magersüchtige Mädchen zu verstehen, begab sich eine «Vice»-Redaktorin in die Pro-Ana-Blogosphäre. Sie stiess dort nicht nur auf extremen Magerwahn, sondern auch auf pädophile «Schlankheitscoachs».

Im Visier von Pädophilen: Junge Mädchen verschicken online Fotos von ihren Körpern, um sich mit anderen zu vergleichen. Bild: Twitter / Muke Clemmings (30. Mai 2015)

Im Visier von Pädophilen: Junge Mädchen verschicken online Fotos von ihren Körpern, um sich mit anderen zu vergleichen. Bild: Twitter / Muke Clemmings (30. Mai 2015)

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Immer mehr magersüchtige Mädchen treffen sich auf sogenannten Pro-Ana-Blogs, um sich in ihrem Magersuchtswahn gegenseitig zu bestärken. Pro-Ana (von Anorexia nervosa) ist eine Bewegung von Magersüchtigen, die ihre Krankheit im Internet und via Nachrichtendienste wie Whatsapp zur Schau stellen und idealisieren.

Der Gruppendruck, der durch den Austausch von Fotos, eingenommenen Mahlzeiten sowie BMI- und Kalorienzahlen in Gruppenchats entsteht, soll den Mädchen die radikalen Massnahmen erleichtern, die ein extremes Schlankheitsbild erfordert. Die Magersucht wird von den Mädchen meist nicht als Krankheit erkannt, sondern als eine Art der Selbstverwirklichung, der Souveränität und der Macht über den eigenen Körper angesehen.

Undercover als Magersüchtige

Um sich ein genaueres Bild von dieser auch in der Schweiz aktiven Bewegung zu machen, hat sich «Vice»-Redaktorin Nadja Brenneisen selbst als magersüchtiger weiblicher Teenager ausgegeben und sich dem aufwendigen Aufnahmeprozess in eine Pro-Ana-Gruppe gestellt.

Sie traf dabei nicht nur auf eine 13-jährige Gruppenadministratorin, die ihr autoritäres Regime mit allen Druckmitteln durchzusetzen versuchte, sondern auch auf Pädophile, die sich auf dem anonymen Blog als Schlankheitscoachs ausgaben und von den minderjährigen Mädchen für ihre «Hilfe» Nacktfotos verlangten.

«Intime Erniedrigungen»: Auszug aus Nadja Brenneisens Konversation mit «Coach Andree». Screenshot: VICE Alps / Nadja Brenneisen (3. Juni 2015)

Bernerzeitung.ch/Newsnet hat die Undercover-Journalistin zu ihren Erfahrungen mit dem pädophilen Schlankheitscoach und der Pro-Ana-Gruppe interviewt:

Ein erwachsener Mann wollte Nacktbilder von dir, weil er dachte, dass du ein magersüchtiges Mädchen bist. Wie ist er auf dich aufmerksam geworden?

Im Rahmen meiner Recherche über die Pro-Ana-Blogs, bin ich auf ein Forum gestossen, in dem sich Mädchen gegenseitige Hilfe beim Abnehmen anbieten. In diesem Forum tummeln sich jedoch auch ungebetene Gäste, erwachsene Männer, die sich als Schlankheitscoachs ausgeben. Ich habe mich auf den Anzeigentext «Willst du abnehmen, ich treibe dich in die Magersucht!» eines Mannes gemeldet, und so kamen wir via Whatsapp ins Gespräch. Er hatte eine deutsche Handynummer.

Worüber habt ihr gesprochen?

Er sagte, er sei 25 Jahre alt und seit sieben Jahren professioneller Pro-Ana-Coach. Er arbeite beruflich mit übergewichtigen Menschen, könne seine Methode aber auch auf Magersüchtige anwenden. Ich fragte ihn, ob er mir helfen könne, abzunehmen, und er sagte, falls ich ihm geben würde, was er verlange, sehr gern. An diesem Punkt hatte ich den Verdacht, mit einem Pädophilen zu sprechen. Um den Verdacht zu überprüfen, sagte ich, dass ich gar nicht wie ursprünglich angegeben bereits 19, sondern erst 15 Jahre alt sei. Für ihn war das kein Problem.

Was wollte er von dir als Gegenleistung für sein Coaching?

Er erklärte, dass ich ihm Fotos von meinen Geschlechtsteilen schicken müsse, damit ich mich ihm und seiner Methode voll und ganz öffnen könne. Er sagte, die Magersucht würde am effektivsten funktionieren, wenn ich mich von ihm erniedrigen lassen würde. Daraufhin habe ich ihm Fotos von Pornoseiten aus dem Internet geschickt (Die Darstellerinnen waren volljährig).

Explizite Aufforderungen: Auszug aus der Whatsapp-Konversation zwischen Nadja Brenneisen und «Coach Andree». Screenshot: VICE Alps / Nadja Brenneisen (3. Juni 2015)

Wie ging das «Coaching» weiter?

Nach einigem Hin und Her versuchte er, mir ein persönliches Coaching schmackhaft zu machen, und wollte mich nach Frankfurt locken. Daraufhin habe ich die Polizei eingeschaltet, die sich des Falls mittlerweile angenommen hat.

Handelte es sich bei diesem Coach um einen Einzelfall?

Nein, leider nicht. Allein im letzten Monat gab es auf diesem Forum rund 15 Coachinganzeigen von unterschiedlichen Männern.

Wie bist du auf das Phänomen der Pro-Ana-Blogs aufmerksam geworden?

Von den Pro-Ana-Blogs hatte ich schon seit einiger Zeit gewusst, aber meine Schwester hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass es auf diesen Blogs sogenannte Twin-Börsen gibt, wo sich Mädchen mit ähnlichen Körpermassen via Whatsapp zusammentun können, um sich gemeinsam tiefer in die Magersucht zu treiben.

Öffentliche Zurschaustellung: Eine Twitternutzerin mit dem Namen ProAnaNow präsentiert der Netzgemeinde ihr Schönheitsideal. Bild: Twitter / ProAnaNow (14. April 2013)

Wie läuft dieser Prozess genau ab, wie finden die Twins zueinander?

Dies läuft über die Foren auf den Pro-Ana-Blogs – wovon es übrigens auch viele mit Schweizer Domains gibt – ab: Ähnlich wie bei Kontaktanzeigen kann man Inserate mit den Körpermassen und seinen Idealvorstellungen schalten, worauf sich Interessierte dann melden können. Meistens bilden die Twins dann über Whatsapp einen Chat, über den sie ungestört kommunizieren können.

Also hast du dir einen Twin gesucht?

Nein, denn das hätte ja bedeutet, dass ich jemanden zur Magersucht hätte anspornen müssen, was ich nicht mit mir hätte vereinbaren können. Auf der Suche nach einer Alternative zum Twin-Modell bin ich dann auf ganze Whatsapp-Gruppen mit bis zu 15 Mitgliedern gestossen. Der Gruppenchat erlaubte es mir, als passiver Beobachter an der Konversation teilzunehmen, ohne Leute selber unter Druck setzen zu müssen.

Wie wird man in eine solche Pro-Ana-Gruppe aufgenommen?

Erst musste ich der Gruppenadministratorin meine Grösse und mein Gewicht angeben. Nachdem sie mit der Gruppe entschieden hat, mich in die Gruppe aufzunehmen, wurde ich mit den Regeln vertraut gemacht.

Was waren die Regeln?

Die Gruppe verlangte von mir, nur maximal 800 Kalorien pro Tag zu essen, täglich ein Bild von der Anzeige meiner Waage in den Chat zu schicken, einen detaillierten Ernährungsplan aufzustellen sowie die eingenommenen Kalorien wieder abzutrainieren.

«Marie fastet jetzt drei Tage»: Auszug aus Brenneisens Pro-Ana-Gruppe. Screenshot: VICE Alps / Nadja Brenneisen (1. Juni 2015)

Wie anonym sind diese Gruppen? Welche Informationen musstest du von dir sonst noch angeben?

Jedes Mitglied ist zwar nur mit einer Nummer angemeldet, aber es werden generell sehr viele persönliche Details wie Alter, Name und zum Teil auch der Wohnort preisgegeben. Es wird in den Gruppen aber nicht nur ausschliesslich über die Magersucht gesprochen, sondern auch über alltägliche Erfahrungen wie Prüfungsstress, oder Fahrstunden.

Wie war der Ton im Gruppenchat?

Was mich sehr überrascht hat, war, wie positiv alle ihre Magersucht fanden. Der Ton war fast schon euphorisch, die Mädchen waren echt motiviert dazu, abzunehmen. Ana ist für die Mädchen wie eine Religion, es gibt Gebote und sogar Psalme. Sehr erschreckend hingegen war für mich, festzustellen, was für einen Selbsthass erst 13-jährige Mädchen bereits auf ihren Körper haben und mit welcher Leichtigkeit sie über ihre Krankheit schreiben. Ein Mädchen etwa erwähnte in einem Nebensatz, dass sie bald drei Monate wegen Depressionen in eine psychiatrische Klinik gehen muss, und eine andere, dass ihre Eltern nun herausgefunden haben, dass sie sich ritzt.

Und wie haben sie dich in die Gruppe aufgenommen?

Die Mädchen waren sehr offen und direkt. Ich habe einmal eine Fressattacke angekündigt, um zu schauen, wie die Mädchen darauf reagieren. Sie sagten, ich solle aufs Klo und mir den Finger in den Hals stecken.

Konntest du herausfinden, was die Motive der Mädchen sind?

Nachdem ich mich als Journalistin geoutet hatte, fragte ich ein Mädchen, wieso sie sich das antut. Sie antwortete mir, dass Magersucht für sie eine Art der Selbstbestimmung und des Ausdrucks sei. Sie fühle sich von ihren Eltern extrem kontrolliert, und die Selbstzerstörung sei auch eine Bestrafung für die Eltern. Natürlich ist auch der gesellschaftliche Druck, der hauptsächlich von Werbeanzeigen in Magazinen und öffentlichen Flächen ausgeht, auf die Mädchen sehr stark, die diese Magazine konsumieren. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2015, 20:30 Uhr

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