«Männer sind fasziniert von Penissen»

Alexandra Katehakis, Spezialistin für sexuelle Störungen, erklärt, warum Harvey Weinstein vor Frauen onaniert – und weshalb ihn das auch klinisch zum Exhibitionisten macht.

Ein Penis allein ist noch nicht bedrohlich: Der «Junge mit dem goldenen Penis» in Prag soll sogar Glück bringen. Foto: Alamy

Ein Penis allein ist noch nicht bedrohlich: Der «Junge mit dem goldenen Penis» in Prag soll sogar Glück bringen. Foto: Alamy

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Harvey Weinstein tat es, Comedian Louis C. K. und Dov Charney, der ehemalige Chef von American Apparel, ebenfalls: Sie alle masturbierten vor Frauen. Weshalb tun erwachsene Männer so etwas?
Es steckt sehr viel Wut auf Frauen dahinter. Und diese wiederum resultiert aus dem Gefühl, sexuell nicht zu genügen. Weil die Frau angesichts des erigierten Penis erschrickt und mit Abscheu reagiert, spüren sie Macht und denken, sie hätten die Kontrolle zurückgewonnen.

Woher kommt diese Wut, die sich darin manifestiert?
Es handelt sich auch fast immer um Männer, die eine harte, lieblose Kindheit hatten. Niemand beachtete sie, niemand kümmerte sich um sie, niemand hörte ihnen zu. Vor allem die Mutter nicht. Irgendwann als kleine Buben fangen sie an, ihr Geschlechtsteil zu zeigen, weil sie verstanden haben, dass sie damit ganz sicher Aufmerksamkeit bekommen. Die ist dann zwar negativ, aber aus Sicht des vernachlässigten Buben ist das immer noch besser als gar nichts.

Helen Mirren sagte kürzlich, in Hollywood sei ihr nie etwas Derartiges widerfahren, aber als junge Frau habe sie es immer wieder erlebt, dass wildfremde Männer vor ihr onaniert hätten, in der U-Bahn etwa. Was ist der Unterschied zwischen einem Exhibitionisten und Harvey Weinstein?
Es gibt keinen Unterschied. Harvey Weinstein ist ein Exhibitionist.

Handelt es sich dabei um eine Form von sexueller Gewalt?
Eindeutig. Es ist sexuelle Gewalt, die ohne Körperkontakt auskommt. Es beruht nicht auf Gegenseitigkeit; einer Frau unaufgefordert sein Geschlechtsteil zu zeigen, ist ein Übergriff. Das ist gewalttätig, weil die Frau damit verängstigt werden soll.

«Wenn ihr Penisfotos verschicken wollt, dann am ehesten an einen schwulen Mann.»

Harvey Weinstein hat es aber nicht dabei belassen. Müssen Exhibitionisten sich steigern, in dem Sinne, dass sie irgendwann eine Frau tätlich angreifen?
In der Regel sind Exhibitionisten nicht gewalttätig und haben keine grosse kriminelle Energie. Sie haben zwar Minderwertigkeitskomplexe Frauen gegenüber, wie Vergewaltiger auch, wenden aber im Unterschied zu diesen keine Gewalt an. In den USA nennt man sie «non-violent sex-offenders». Bei Harvey Weinstein kam einfach hinzu, dass er sich wegen seiner Macht immer mehr herausnehmen konnte, wie zum Beispiel Frauen auf sein Hotelzimmer bestellen. Aber trotz seines Reichtums und seines Einflusses konnte er sich Frauen nur richtig überlegen fühlen, wenn er vor ihnen onanierte und ihnen damit Angst machte.

Eine abstruse Idee: Das Geschlechtsteil als Waffe zu betrachten.
Aber genau darum geht es, um dieses Gefühl der Macht. Und natürlich reagieren die Frauen so, wie sich das Männer wie Weinstein wünschen: mit Abscheu und Entsetzen. Und das aus gutem Grund, denn ein Penis allein ist noch nicht bedrohlich, ein erigierter Penis aber schon: Er symbolisiert die Penetration. Und weil Frauen in einem solchen Moment nie wissen können, ob es der Mann beim Zeigen des Penis belässt oder ob sie einen sexuellen Angriff befürchten müssen, haben sie Angst.

Die beste Reaktion wäre also loszulachen?
Absolut. Nur erwischt es die Frauen ja meist in einem völlig unerwarteten Moment, sie sind nicht darauf vorbereitet und können nicht entsprechend reagieren. Jemand wie ich, der sich beruflich damit befasst, würde nicht nur freundlich lachen, sondern mit dem Mann auch das Gespräch suchen. Das wäre das Letzte, was er erwartet.

Es hat ja auch etwas Lächerliches, als erwachsener Mann fremden Frauen sein Geschlechtsteil zu zeigen, noch dazu in der Absicht, siedamit zu erschrecken. Sind sich Exhibitionisten dessen bewusst?
Sie schämen sich oft. Aber sie können nicht anders. Das Hauptproblem ist, dass sie nicht wissen, weshalb sie es tun – und natürlich mit niemandem darüber reden. Wenn dann noch intensiver Pornokonsum hinzukommt – was häufig ist bei Exhibitionisten –, dann wird das Ganze zusätzlich verschärft. Sie werden Frauen gegenüber noch unsicherer und gleichzeitig noch wütender.

Aber weshalb diese kuriose Fixierung auf den Penis?
Männer haben einen komplett anderen Zugang zu ihrem Penis als Frauen zu ihrer Vagina. Sie nehmen ihren Penis täglich mehrfach in die Hand, von klein auf. Zum Beispiel jedes Mal, wenn sie urinieren. Der Penis reagiert auf Berührung – die Vagina nicht, denn sexuelle Erregung entsteht nicht dort, sondern bei der Klitoris. Die wiederum wird aber nicht berührt, wenn Frauen auf die Toilette gehen. Sie müssen sich schon gezielter mit ihrer Erregung beschäftigen.

Verschicken Männer deshalb Bilder von ihrem Penis – weil er so präsent ist in ihrem Leben?
Ja. Männer sind fasziniert von Penissen. Und vor allem sind sie deutlich faszinierter davon als Frauen. Studien zeigen klar, dass Männer bei Pornos dem Penis sehr viel mehr Interesse entgegenbringen, als Frauen das tun. Die achten eher auf Hinterteile oder die Brust. Und Männer schauen sich die Penisse in Pornos insbesondere dann gerne an, wenn sie gross sind. Ja, für Männer gilt beim Pornoschauen sogar: je grösser, desto besser.

Wieso denn das?
Ich vermute, dahinter steckt eine evolutionsbiologische Ursache: Wer den Längsten hatte, galt als besonders viril und potent, was seine Stellung in der Gruppe stärkte.

Männer reagieren aber beleidigt, wenn Frauen ob der zugesandten Bilder ihres besten Stücks nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen.
Frauen finden Penisse in der Regel nicht wahnsinnig spannend. Männern muss man daher klar und deutlich sagen: Wenn ihr Penisfotos verschicken wollt, dann am ehesten an einen schwulen Mann. Die Chance, dass dieser ein solches Bild eventuell zu schätzen weiss, ist weitaus grösser als bei einer Frau.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2018, 18:41 Uhr

Alexandra Katehakis

Die Gründerin und klinische Direktorin des Center for Healthy Sex in Los Angeles schrieb mehrere Bücher, unter anderem über Sexsucht.

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