Absonderliche Formen unseres Tuns

Wieso übernachten Menschen vor einem Laden, um als Erste das neuste iPhone in Händen zu halten? Wieso zahlt jemand 100'000 Franken für eine Autonummer? Eine Hinterfragung.

Wieso lassen sich 4000 Menschen freiwillig auf ein einziges Schiff pferchen? So viel Bewegungsfreiheit findet einer nur, wenn alle anderen schlafen. Foto: Britt Erlanson / Getty Images

Wieso lassen sich 4000 Menschen freiwillig auf ein einziges Schiff pferchen? So viel Bewegungsfreiheit findet einer nur, wenn alle anderen schlafen. Foto: Britt Erlanson / Getty Images

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Man kaut genussvoll ein Entrecote und kann dennoch verstehen, warum viele Menschen kein Fleisch essen. Mozart lässt einen kalt, aber man lässt gelten, dass er ein grosser Musiker war. Golf interessiert einen nicht, aber eine gewisse Ästhetik billigt man den Golfplätzen zu.

Und zu guter Letzt hören sich auch Atheisten gern Sonntagspredigten an, weil die Gründe für ein gottgegebenes Dasein durchaus interessant sind. Kurz: Selbst wenn man eine Meinung oder eine Vorliebe der anderen nicht teilt, erkennt man zumindest ihre Argumente. Aber nicht immer.

Manchmal fällt einem der geistige Kiefer herunter ob dessen, was Menschen in ihrer Freizeit freiwillig tun – ein inneres Kopfschütteln, Verstand in Ohnmacht, null Sinn in Sicht. Das absolute Unverständnis, die totale Logikfinsternis kann einen überkommen angesichts der Unsummen, die Autofahrer für eine niedrige Nummer ausgeben: 131'000 Franken für ZH 1000, 42'000 Franken für ZH 1280. Kürzlich gab der kantonale Sicherheitsdirektor Mario Fehr bekannt, man werde die Versteigerung von einigen dreistelligen Nummernschildern prüfen – zum Wohle der Staatskasse.

100'000 Franken für KEINE Nummer wäre allenfalls nachvollziehbar bei Autofahrern, die Tempolimiten für Schikanen halten und Blitzapparate persönlich nehmen. Doch mit diesen kleinen und auffälligen Nummern, die ihnen so viel wert sind, handeln sie sich nur Nachteile ein.

Ein gewöhnliches Transportvehikel wird zum Sammlerobjekt und Kultgegenstand überhöht.

Mit ZH 8005 (17'000 Franken) oder ZH 911000 (20'000 Franken) kriegen sie 100 Prozent die Parkbusse, während mit einer hohen ungeraden Nummer immerhin die Möglichkeit besteht, dass sich die Politesse auf dem Bussenzettel verschreibt – vielleicht hat sie ja Kopfweh oder Liebeskummer. Mit einer komplizierten Nummer lassen sich auch ungeniert Velofahrerinnen und Fussgänger anhupen, ohne dass man fürchten muss, dass die sich die Zahlen merken und einem später in einer Nacht- und-Nebel-Aktion das Auto zerkratzen.

Eine andere Form absonderlichen Tuns war Ende Januar am Flughafen Zürich zu beobachten. Hunderte von Männern warteten in feuchter Kälte stundenlang auf die Landung eines hellblauen Jumbojets.

Ein Jumbojet! Seit über 40 Jahren gibt es die Boeing 747 in etwa 1500 Exemplaren, ein zuverlässiges, aber plump aussehendes Flugzeug, mehr einer Gans ähnlich denn einem Reiher. Auch die Air Force One, auf welche die Hundertschaften warteten, hatte die gleiche Form wie die anderen Jumbojets, selbst wenn der US-Präsident drin sass. Das Spezielle an diesem Jumbo – die Kommandozentrale mit ihren gefährlichen Knöpfen – kriegten die Zuschauer eh nicht zu sehen.

«Planespotting» nennt sich dieses merkwürdige Verhalten am Rand der Landepiste. Es überhöht ein gewöhnliches Transportvehikel zum Sammlerobjekt und Kultgegenstand, wo es doch eigentlich genügt, dass das Flugzeug pünktlich abhebt, im Fallwind nicht auseinanderbricht und in der Pistenmitte landet. Gewiss, es gibt durchaus aussergewöhnliche Flugzeuge: die Concorde, die Super Constellation oder die Blériot, die es als erste Maschine über den Ärmelkanal schaffte. Aber ein Jumbo?

Immerhin eine lustige Ortsbezeichnung: Planespotter warten am Heli-Grill in Rümlang auf die Air Force One. Foto: Doris Fanconi

Planespotter dürfen keinesfalls mit den Trainspottern verwechselt werden. Trainspotter sehen in Lokomotiven, Personen- und Güterwagen eine Magie, die gewöhnliche Zugreisende nicht sehen und auch nicht sehen wollen. Wegen ihrer unbändigen Leidenschaft heissen die Trainspotter auch Ferrosexuelle.

Zweifellos ist die Fahrt auf der Albulastrecke, die mit ihren Kehrtunneln zum Unesco-Welterbe zählt, ein schönes Erlebnis. Aber warum sollte ich mich mit der Kamera auch noch neben das Gleis stellen und die Rhätische Bahn filmen, die dort jeden Tag Dutzende Male vorbeifährt?

Oder worin besteht die Faszination folgender Meldung auf der Website Trainspotter.ch: «So kam es zum seltenen Moment, dass zwei Captrain-Züge in Erstfeld standen: Der Papierzug 47020, welcher 90 Minuten zu früh verkehrte, stand auf Gleis 5, der Sonderzug 47086 fuhr auf Gleis 4 ein. Der Zug bestand aus 18 Transwaggon-Niederflurwagen und verkehrte bis Chiasso mit einer E 483 von FAS (Ferrovia Adriatico Sangritana). Ab Chiasso übernahm die Captrain 189114, welche als Schublok am Papierzug Richtung Süden fungierte.» Und jetzt?

Warum wählen Dichteopfer für die Ferien ausgerechnet jenen Ort, an dem ihnen alle auf die Zehen treten?

Stundenlanges Warten, dessen Sinn ausser den Wartenden niemand versteht, existiert auch als urbanes Phänomen. Sein Name: Apple-Schlange. Wann immer Apple ein neues iPhone auf den Markt bringt, warten weltweit Tausende von Menschen vor den Läden, viele eine ganze Nacht lang mit Stuhl und Thermosflasche. Etwa 400 waren es im letzten November an der Zürcher Bahnhofstrasse für das iPhone X, das dann kurz darauf in den normalen Verkauf kam.

Eine Lungenentzündung riskieren und sich die Beine in den Bauch stehen für etwas, das man wenig später bequem im Laden kaufen kann? Athene, die Göttin der Weisheit, rastet aus – derweil Götterkollege Poseidon sich jedes Mal verschluckt, wenn ein Kreuzfahrtschiff an ihm vorbeipflügt. Über 300 dieser riesigen, unförmigen Schwimmkästen gibt es mittlerweile auf den Ozeanen, fast täglich hat man Werbung für Schiffsreisen im Briefkasten oder in der Zeitung.

Und wieder stellt sich ein Unverständnis ein, so tief wie der Marianengraben: Wieso lassen sich 4000 Menschen freiwillig auf ein einziges Schiff pferchen und zahlen dafür auch noch 4000 (oder mehr) Franken? Wo sie sich doch jeden Morgen und jeden Abend in der überfüllten S-Bahn den Nacken verspannen. Warum wählen diese Dichteopfer für die Ferien ausgerechnet jenen Ort, an dem ihnen alle auf die Zehen treten?

Es boomt trotz Lustgruselei

Soll niemand sagen, man habe es nicht gewusst. Das Internet ist voll von Erfahrungsberichten, von der Costa Exzellentia bis zur Mare Diamantica. Die Lektüre bietet ein Lustgruseln der besonderen Art: stundenlanges Anstehen beim Einchecken, stundenlanges Warten aufs Abendessen, endloses Warten auf den schlecht bezahlten und deshalb schlecht gelaunten Kellner im überfüllten Restaurant. Dafür sind dann die Landexkursionen in Dubrovnik, Palma oder Barcelona so kurz wie das Bett in der ringhörigen Kabine.

Alle Schrecken des Tourismus werden von den frustrierten Passagieren detailliert beschrieben, dennoch boomt die Kreuzschifffahrt. Wer den Minimalabstand für eine Errungenschaft der Zivilisation hält, versteht das nicht. Verständnis haben allenfalls die, die in zwei Monaten wieder am Gotthard im Osterstau stehen werden – möglicherweise unterwegs zum Hafen Genua, für eine Mittelmeerkreuzfahrt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2018, 11:22 Uhr

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